09.10.1989

AtomindustrieUran im Wäschesack

Beispiellose Schlampereien im Umgang mit radioaktivem Material wurden bei Prüfungen in einer Hanauer Atomfabrik entdeckt.
Der Brief, an Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) adressiert, begann mit der "Bitte um Diskretion". Gravierende "Verstöße gegen die Strahlenschutzverordnung" wurden dem Bonner Atomaufseher angezeigt, radioaktive Verseuchungen gar, die "Leib und Leben" von Mitarbeitern gefährdeten.
Der Absender, ein Rechtsanwalt aus Süddeutschland, nannte auch den Ort, wo diese Mißstände grassierten: in der Hanauer Reaktor-Brennelement Union (RBU), die heute als Betriebsteil Uranverarbeitung des Siemens Brennelementwerkes Hanau firmiert.
Die Uranschmiede, in der Brennstäbe für Leichtwasserreaktoren gefertigt werden, steht bei den Behörden seit langem im Ruf, sie gehe allzu lasch mit radioaktivem Material um. Mal wurden, im Frühjahr 1987, in einem Außenlager der RBU, wo sich normalerweise ausgediente Büromöbel stapeln sollten, 25 Kilogramm Uranoxidtabletten gefunden, mit denen die Brennelemente gefüllt werden; mal mußten die RBU-Betreiber eingestehen, daß monatelang aus einem Leck im Kühlsystem täglich rund 6000 Liter radioaktiv belastetes Wasser ins Freie geflossen waren.
Töpfer hätte also vorgewarnt sein müssen. Dennoch reagierte er zögerlich, als ihm im Sommer letzten Jahres der Anwaltsbrief auf den Tisch flatterte. Zwar wurde ein untergeordneter Mitarbeiter von Bonn nach Hanau entsandt, um bei der RBU hereinzuschauen; ansonsten aber tat sich monatelang nichts. Ein verhängnisvolles Versäumnis, wie sich inzwischen herausstellt: Die Hinweise waren, wissen Behördenvertreter heute, "weitgehend zutreffend".
Dem Brief des Juristen lagen die Aufzeichnungen eines Anonymus bei, der nach längerer "Tätigkeit im Strahlenschutz" der RBU sein Gewissen erleichtern wollte. Er berichtete über vielerlei Mißstände, die täglich die Gesundheit der Mitarbeiter gefährdeten: *___Im Kontrollbereich der Atomfabrik, wo mit offenen ____radioaktiven Stoffen hantiert wird und erhebliche ____Strahlenbelastung herrscht, werde "nicht nur getrunken, ____geraucht und Kaffee gekocht"; Mitarbeiter verzehrten ____dort auch "täglich ihr Pausenbrot" und "Bock- oder ____Currywürste". *___"Vermeidbare Ganzkörperkontaminationen" seien an den ____Arbeitsplätzen "keine Seltenheit", weil oftmals die ____Schutzanzüge und -masken, entgegen den Vorschriften, ____nicht angelegt würden. *___Der Betrieb sei bis hin zu "Schreibtischen und ____Aktenordnern" in den Büros ____strahlenbelastet, selbst in den Duschräumen, die ____eigentlich zur Entseuchung dienen sollen, seien ____radioaktive Werte meßbar.
Zudem könnten Mitarbeiter oft ohne ordentliche Strahlenüberprüfung den Kontrollbereich verlassen. "Hand- und Fuß-Monitore" hätten Wackelkontakte, Messungen würden von "fachlich unqualifiziertem" Personal vorgenommen. Selbst das "Herausbringen von Kernbrennstoffen aus dem Kontrollbereich" sei nicht zu verhindern: Eine Urantablette habe sich sogar "in einem Wäschesack" befunden.
Haarklein waren alle Verstöße gegen die strengen Vorschriften aufgeführt. Doch der Bundesumweltminister setzte, angeblich wegen einer langwierigen "Plausibilitätsprüfung", erst nach mehrfachen Mahnungen des Rechtsanwalts, der den anonymen Atomwerker vertritt, im letzten Dezember die zuständige Landesbehörde, das hessische Ministerium für Umwelt und Reaktorsicherheit, in Kenntnis.
Die Wiesbadener Beamten wurden rasch fündig: Sie stießen bei einem unangemeldeten Besuch in Hanau auf so viele Mängel, daß sich die Behörde, wie sie nach Bonn berichtete, zu "unmittelbaren administrativen Anordnungen veranlaßt" sah.
Gutachter des bayerischen TÜV, vom Umweltministerium herangezogen, hatten selbst in der Kantine des Werkes noch unerlaubt hohe radioaktive Belastungen gefunden. Im Kontrollbereich würden, stellten die Prüfer fest, sogar "bei erhöhten Raumluftaktivitätskonzentrationen" keine Schutzmasken getragen. Radioaktive Verseuchung durch verstrahltes Material und Kleidung sei, schlimmer noch, auch in der Umgebung des Werks "nicht völlig zu vermeiden".
Eilends wurde der Siemens AG, die den Betrieb inzwischen übernommen hatte, auferlegt, neue Meßgeräte und eine automatische Personenschleuse am Eingang zum Kontrollbereich zu installieren. "Zur Gefahrenabwehr" sei bis zum Einbau der Apparate darauf zu achten, daß die Strahlenschutzbestimmungen "lückenlos eingehalten werden" - dabei hatten die Wiesbadener Atomaufseher selber die Mißstände jahrelang geflissentlich übersehen.
Ein Verfahren gegen Verantwortliche der Firma, die den Auflagen inzwischen nachgekommen ist, wurde denn auch nicht eingeleitet: Die "Uneinsichtigkeit bestimmter Mitarbeitergruppen", argumentierte das Wiesbadener Umweltministerium, habe zu den Schlampereien geführt. Deshalb wurden 33 Bußgeldverfahren gegen Arbeiter und Angestellte der Firma Siemens angestrengt, die sich dagegen jedoch vor Gericht wehren wollen.
Nach den Besuchen der Umweltministerialen in Hanau meldete sich noch einmal der anonyme Strahlenschützer zu Wort. "Die Behördenvertreter", monierte er Ende Februar, hätten sich "sehr schnell zufriedenstellen lassen" und Angaben der Firma ungeprüft übernommen. Zudem falle ihnen offenbar gar nicht auf, daß die Vorschriften zum Strahlenschutz, nach zwischenzeitlichen Besserungen, schon wieder laxer gehandhabt würden.
Die "Kontamination am Arbeitsplatz" jedenfalls, zum Teil um "Faktor 30" höher als erlaubt, habe in dem Hanauer Betrieb "weiterhin Bestand". Wiederum verlangten die Behörden daraufhin Nachbesserungen: Jetzt baut die Firma Glaswände um einzelne Produktionslinien, so daß die gefährlichen Strahlen abgekapselt werden.
Dem Siemens-Werk steht zudem neuer Ärger bevor: Es ist ins Visier der Euratom geraten. Anfang August faxten die Luxemburger Atomaufseher eine Mahnung nach Hanau.
"Wiederholt", so ihr Vorwurf, habe die Firma "ohne die Ermächtigung der Kommission Kernmaterial in Drittländer exportiert". Sie habe Vertrag und Verordnung der "europäischen Atomgemeinschaft verletzt" und werde deshalb "nachdrücklich aufgefordert, ab sofort die einschlägigen Bestimmungen zu respektieren".
Tatsächlich hat die Hanauer Firma häufig bei der Ausfuhr von Uranartikeln die Euratom-Formulare unvollständig ausgefüllt. Doch einträchtig wiegeln Siemens AG und Landesministerium ab: Dies sei eine reine "Formalie".
Das gute Einvernehmen zwischen Betreiber und Behörde hatte auch funktioniert, als die beispiellosen Schlampereien im Umgang mit Strahlenmaterial untersucht wurden. Zwar ließ Töpfer dem Informanten "ausdrücklich danken"; doch der flog aus der Firma - dank, wie sein Anwalt meint, "mehr oder weniger gezielter Indiskretionen". f

DER SPIEGEL 41/1989
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