13.11.1989

MedienGespaltene Nation

Westdeutsche Politiker fordern, DDR-Fernsehen bundesweit anzubieten.
Die Deutschen haben den Kanal noch lange nicht voll. Obwohl sie mancherorts bis zu 24 TV-Sender empfangen können, vermissen viele neuerdings ein Angebot, das bis vor kurzem noch als das langweiligste in Europa galt: die beiden Programme des DDR-Fernsehens.
Die Live-Übertragungen von der sanften Revolution in der anderen Republik, die Polit-Talkshows mit Oppositionellen und gewendeten SED-Funktionären können nur in wenigen Haushalten empfangen werden. "Das gehört doch derzeit zu den spannendsten Sendungen", klagen zahlreiche Anrufer bei der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, "und wir kriegen nichts mit." Verkehrte Welt: Früher wurde die Dresdner Senke, wo die Signale der bundesdeutschen Sender ARD und ZDF nur schwach ankamen, als "Tal der Ahnungslosen" verspottet. Doch während selbst die Sachsen im fernen Osten mittlerweile über eigens gelegte Kabel mit "Tagesschau" und "Schwarzwaldklinik" versorgt werden, klagen nun Bundesbürger und Westpolitiker, sie seien von wichtigen Informationen abgeschnitten.
Im Bundestag forderte der Abgeordnete Reinhold Hiller (SPD), die Ost-Programme müßten alsbald ins bundesdeutsche Kabelnetz eingespeist werden. FDP-Vize Gerhart Baum verlangt, daß zum "europäischen Haus" nun mal "eine Gemeinschaftsantenne" gehöre.
Der SPD-Medienexperte Klaus-Jürgen Lais hätte sogar auf das Tennis-Halbfinale in Paris verzichtet - zugunsten der "aufregendsten Veranstaltung, die in den letzten Jahren auf deutschem Boden stattfand": der Massen-Demonstration auf dem Alexanderplatz, die vom Ost-Fernsehen vorletzten Samstag, so lobte Lais, "fünf Stunden lang live übertragen wurde".
Ein erstes Trostpflaster liefert seit dem Wochenende der Satelliten-Kanal 3Sat: Der Sender, eine Gemeinschaftsproduktion des ZDF, der Schweizer und Österreicher, strahlt nun täglich zum Programmschluß eine Aufzeichnung der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" aus.
Doch der reguläre Empfang der beiden DDR-Programme ist nur in jedem zehnten der rund 25 Millionen Haushalte der Bundesrepublik möglich. Dieses Privileg haben vorwiegend die Fernsehteilnehmer, die in einer grenznahen Region wohnen: Dort kommen die Ostprogramme über Antenne. Und nur dort, wo DDR 1 und DDR 2 laut Bundespost "ortsmöglich empfangbar" sind, dürfen die Programme von drüben ohne Sondervereinbarungen mit Ost-Berlin auch in große Kabelnetze eingespeist werden. Zusätzlich bestehen diverse eigens genehmigte Exklaven für Klein-Netze mit weniger als 3000 Teilnehmern - die westdeutsche Fernsehnation ist gespalten.
Dem ist nur schwer abzuhelfen. Selbst wenn es technisch möglich wäre, dürften die Westdeutschen nach den international gültigen Konventionen die DDR-Programme nicht einfach klauen und hierzulande über Kabel bundesweit verbreiten. Verhandlungen mit Ost-Berlin hat es bisher allerdings noch nicht gegeben. Das Bundespostministerium des Christdemokraten Christian Schwarz-Schilling argumentiert: "Die DDR muß die Initiative ergreifen."
Doch Ost-Berlin scheut bisher die Investitionen, die für einen Anschluß ans westdeutsche Kabelnetz nötig sind. Die DDR müßte für zwölf Millionen Mark pro Jahr und Programm einen Platz auf einem der westdeutschen Satelliten mieten, etwas billiger wäre es bei der sowjetischen Konkurrenz. Um die Sendungen erst mal nach oben zu übertragen, wäre außerdem eine sogenannte Up-Link-Station erforderlich.
Für den Weg des TV-Signals vom Himmel zurück zu einer der knapp 400 westdeutschen Satelliten-Empfangsanlagen, die das Kabelnetz versorgen, wäre bei Fremdsatelliten eine "Down-Link-Gebühr" an die Bundespost zu zahlen, dazu ein Sonderbeitrag für die Umwandlung der DDR-üblichen Secam-Farbnorm in die hierzulande gebräuchliche Pal-Norm. Dabei ist noch nicht einmal sicher, daß die Ost-Programme überhaupt ein freies Plätzchen fänden.
Auf einigen Kanälen haben sich ausländische Sender wie der englischsprachige "Super Channel" oder das französische "TV 5" etabliert. Die lassen sich, obwohl die Rundfunkgesetze der meisten Bundesländer deutschsprachigen Programmen Vorrang einräumen, kaum verdrängen, solange das Geschäft mit den Werbezeiten läuft.
Mit Reklame, die einen Teil der Investitionen wieder einspielt, können die DDR-Wirtschaftsplaner ohnehin nicht dienen. Ostdeutscher Volksmund hat dennoch einen ironischen Werbetext für den Trabant-Hersteller VEB Sachsenring Zwickau parat: "Wir brauchen nur zwei Arbeiter bei der Produktion des Trabi - der eine falzt, der andere klebt." f

DER SPIEGEL 46/1989
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