05.03.1990

„Schwupp, sind die Türken drin“

Am Hasenbergl ist München zu Ende. Dahinter kommt nur noch Wald und die Autobahn. Die Sozialsiedlung Hasenbergl ist in der neureichen bayerischen Landeshauptstadt so ziemlich die allerletzte Wohnlage.
Die gut 22 000 Hasenbergler, seit Jahrzehnten von der glitzernden Bayernmetropole mit ihren superfeinen Boulevards abgehängt, gaben den Stadtplanern 1989 bei der Europawahl die Quittung: In fünf Wahllokalen waren die Republikaner (Rep) stärkste Partei.
In der Paulckestraße stimmten sogar 42 Prozent der Hasenbergler für die Reps - das war wohl deutscher Rekord. Nun fürchten die Rathauspolitiker, daß sich die Blamage bei der Kommunalwahl am 18. März wiederholt.
Der Hasenbergler Sozialdemokrat Rudolph Kühnel, 52, findet die deprimierende Spitzenleistung seines Viertels "einfach unbegreiflich". Wie Kühnel sind viele Hasenbergler nach dem Krieg aus den Ostgebieten zugezogen, fanden hier wieder eine menschenwürdige Unterkunft. Da sei doch ein wenig mehr Dankbarkeit angebracht, meint Stadtratskandidat Kühnel, denn ohne seine Partei gebe es Hasenbergl überhaupt nicht. Schließlich habe der Sozialdemokrat Hans-Jochen Vogel im Mai 1960 als Oberbürgermeister den Grundstein für das ehrgeizigste Wohnungsbauprojekt der Millionenstadt gelegt.
Kühnel, seit 27 Jahren SPD-Ortsvereinsvorsitzender, versteht seine undankbaren Hasenbergler nicht mehr. Früher hat das Arbeiterviertel zuverlässig rot gewählt. Mittlerweile haben sich Kleinbürger - Postler, Polizisten und städtische Angestellte - des Viertels bemächtigt, hinzu kamen Hilfsarbeiter und Arbeitslose.
Die meisten Wähler kennt Kühnel sogar persönlich. Keiner aber hat ihm gegenüber zugegeben, bei der letzten Wahl die Rechtsextremen angekreuzt zu haben. "Hoffentlich", sagt Kühnel, "war das nur eine Protestwahl."
Doch den Hasenberglern ging es womöglich um mehr als einen Denkzettel. Der Münchner Norden mit der Problem-Siedlung ist der Darmausgang der Landeshauptstadt.
Dort lädt die selbsternannte "Weltstadt mit Herz" (München-Werbung) ihren Müll auf der Deponie Großlappen ab, wird an einem der gewaltigsten Rangierbahnhöfe des Kontinents gebaut, ragen die Schlote einer gigantischen Müllverbrennungsanlage in den Himmel. Gleich neben diesem unwirtlichen Flecken, an den Ausfallstraßen nach Freising und Ingolstadt, empfangen die Huren vom Straßenstrich ihre Freier.
Im Süden der Stadt, in den eleganten Villen von Grünwald und an den malerischen Hängen der Isar, siedeln die Reichen und Mächtigen, am Hasenbergl quartiert die Sozialbehörde Obdachlose und Flüchtlinge ein. Demagogen wie die Rep-Wahlkämpfer Ingrid Schönhuber und Reinhold Demharter profitieren davon. Demharter: "Wir haben genug von dem menschlichen Müll." Viele Hasenbergler sind wohl der gleichen Meinung. Der Zorn der Zukurzgekommenen richtet sich vor allem gegen die Wohnungspolitik, die Ausländer bei der Verteilung der knappen Sozialwohnungen bevorzugt. Die Räume werden nach einem Punktsystem vergeben, das deutsche Familien benachteiligt.
Das Verfahren wurde 1984 aus lauteren Motiven eingeführt: Geschacher und Günstlingswirtschaft bei der Wohnungsvergabe sollten verhindert werden. Doch nun sehen sich die Hasenbergler aus anderem Grund ungerecht behandelt: Zwar erhalten ortsansässige Wohnungssuchende Pluspunkte auf der Warteliste, aber kinderreiche Familien gehen vor.
Die Türken haben die meisten Kinder, deshalb, sagt der Münchner Rep-Vorsitzende Demharter, werden "die Kopftücher immer mehr, und das Straßenbild ändert sich". Kaum werde eine Wohnung frei und "schwupp, sind die Türken drin", beschwert sich der Ober-Rep.
Jetzt will zu allem Überfluß auch noch die Neue Heimat Bayern 2800 Wohnungen an Spekulanten verscherbeln. "Heimvorteil für Hasenbergler", verlangt deshalb SPD-Kandidat Kühnel. Nichts kommt in diesem Wahlkampf besser an als Fremdenfeindlichkeit.
Die Sozialdemokraten, die bei der letzten Wahl im Stadtteil nur noch 28,8 Prozent holten (CSU: 33,1 Prozent), kämpfen um ihre Glaubwürdigkeit. Schließlich stellen sie mit dem Genossen Georg Kronawitter, 61, schon im zwölften Jahr den Oberbürgermeister, der längst hätte Abhilfe schaffen können. Und auch für das Debakel mit der Neuen Heimat werden die Sozis wegen ihrer Verfilzung mit den Gewerkschaften mit haftbar gemacht.
Anfang der sechziger Jahre galt das Hasenbergl noch als Paradebeispiel für den sozialen Wohnungsbau. Zum erstenmal waren in den Wohnwaben Zentralheizungen installiert worden. Vieles aber hatten die Planer der tristen Schlafstadt einfach vergessen.
Es fehlt an Läden, auch Handwerksbetriebe sind kaum vorhanden. Es gibt im ganzen Viertel kein Cafe und keine Buchhandlung, dafür aber reichlich Lotto-Annahmestellen, wo die Hasenbergler das große Glück buchen. Stark im Angebot sind auch die sozialen Betreuungseinrichtungen: Wie in keinem anderen Münchner Viertel ballen sich dort die Sozialstationen und städtischen Beratungsstellen. Sozialarbeiter gibt es noch und noch, aber kein Hallenbad und nicht einmal einen Friedhof.
Am schwersten hatten es die Jungen. Anfangs kam auf 15 Kinder nur ein Krippenplatz und auf 8 Kinder ein Kindergartenplatz. In den fünf Volksschulen des Hasenbergls wurde in Schichten unterrichtet, pro Klasse bis zu 50 Schüler.
Solche Vernachlässigung hatte schwere Folgen: Der Anteil der Sonderschüler war mit zehn Prozent doppelt so hoch wie im Stadtdurchschnitt. Die schlechter geförderten Kinder hatten später weniger Chancen bei der Suche nach Lehrstellen und Arbeitsplätzen.
Bildung immunisiert noch am ehesten gegen Rechtsradikalismus, sagen die Soziologen. Am Hasenbergl büßen die Politiker nun für ihre Versäumnisse. Bildungsmisere, Furcht vor Überfremdung und Angst um die Wohnung - hier bündeln sich die sozialen Probleme, denen die Reps ihre Wähler verdanken.
Die Hasenbergler glaubten eben, daß es schlimmer für sie nicht mehr kommen könne, meint bedauernd Oberbürgermeister Kronawitter. Deshalb stimmten sie einfach für den, der "am lautesten schreit".

DER SPIEGEL 10/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Schwupp, sind die Türken drin“

  • Ex-US-Botschafterin über Trump: "Das passiert halt in sozialen Netzwerken"
  • Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"