09.10.1989

„Sandra, ich tu' dir doch nichts!“

Ein Gericht, das nicht nur erkennt, sondern auch bekennt, das für seine Entscheidung wirbt und den ob des Unfaßbaren hilflosen Menschen beisteht, ist ein Glücksfall. Wenn um Maß und Mitte gerungen wird, wenn Verantwortung und Fürsorgepflicht für einen schuldig Gewordenen schließlich schwerer wiegen als das Bedürfnis zu strafen - dann ist Respekt und Dankbarkeit geboten. Einer jungen Mutter aus der Gegend um Weiden in der Oberpfalz, die ihr neugeborenes Kind so lange mißhandelt hatte, bis es starb, widerfuhr in all ihrem Elend ein solches Glück. Die erste Große Strafkammer des Landgerichts Weiden hat, Leid und Tod des Kindes nicht außer acht lassend, mit ihrem Urteil auch das Menschenmögliche an Hilfe gegeben: der Angeklagten und ihrer Familie, den Frauen im Saal und den Leuten draußen in der Stadt und auf dem Lande.
Die Richter haben der Angeklagten ihre Schuld deutlich gemacht und eine Strafe auferlegt, die sie tragen und an der sie reifen kann, nicht eine, die sie vernichtet. Sie haben der unglücklichen Familie, den Eltern und dem jungen Ehemann, Mut und Hoffnung gegeben und sie in ihrem Zusammenhalt bestärkt. Sie haben Verständnis bekundet für die Gefühle angesichts einer entsetzlichen, die Emotionen aufwühlenden Tat. Sie haben sich zu den eigenen Gefühlen bekannt, denen sich auch Urteilende nicht entziehen können - zu ihrem "tiefen Erschrecken vor der menschlichen Seele und den Möglichkeiten menschlichen Verhaltens".
Christine Blabl, trotz ihrer 24 Jahre ein Kind noch, zur Rundlichkeit neigend, was den Eindruck einer mütterlichen Fürsorglichkeit erweckt, deren sie doch selbst bedarf, war wegen Mordes angeklagt. Die blonden Haare zu einem bescheidenen Zopf geflochten, die Augen niedergeschlagen, sitzt sie gottverlassen vorn auf der Armesünderbank, als der Vorsitzende Richter Eberhard Otto, 57, ihren Rechtsbeistand neben sie bittet: "Es gefällt mir nicht, daß die Frau Blabl hier allein auf der Bank sitzt . . ." Wenigstens jetzt soll sie nicht allein sein, so allein wie zur Tatzeit.
Der Fall der Christine Blabl wurde zwei Tage lang behandelt. Am ersten Tag überwältigt das Grauen. Die Frauen, dicht gedrängt im Zuschauerraum, befreien sich davon durch böses Reden. Man lacht, räsoniert, wehrt ab: Ich hab' schon mit 18 geheiratet, meiner ist auch fremdgegangen, gekümmert hat sich niemand um mich und die Kinder . . . die macht halt wieder auf Psyche . . . du mußt nur narrisch sein, dann macht's nichts, wenn du dein Kind umbringst . . . grausam ist die, was sag' ich, eine Mörderin. Das junge Ding ist Stadtgespräch.
Vor Gericht redet sie sich die Seele aus dem Leib. In der Untersuchungshaft hat sie angefangen, das sie Bedrängende, das sie früher nicht herausbekam aus sich, niederzuschreiben. Einen Teil davon kann sie nun schon sagen. Über ihren Mann - Anstreicher von Beruf und noch mehr Kind als sie selbst, der zwar eine "richtige Familie" wollte als ehemaliges Heimkind, aber nicht wußte, was außer dem Kinder-in-die-Welt-Setzen noch dazugehört - fällt allerdings kein schlechtes Wort. Sie entschuldigt ihn, sie erklärt. Noch nie im Leben, so sieht sie es, hat sie Leid zufügen wollen, ihrem Kind schon gar nicht, und so liegen ihr denn auch Vorwürfe gegen den Mann fern, der an ihrer Schuld nicht leicht zu tragen haben wird.
Was sie noch längst nicht überwunden hat, sind die Erinnerungen an die Geburten. Schon die erste erlebte sie wie einen Alptraum, die Bilder und Eindrücke lassen sie nicht los. Es ist eine Steißlage. "Ich wurde in den Operationssaal runtergeführt, und da standen sie, die Herren Ärzte mit ihren Handschuhen, als hätten sie schon auf mich gewartet." Immer wieder hält sie die Hände mit den abgespreizten Fingern empor, das Lamm, das seinen Schlächtern zugeführt wurde. Sie hat furchtbare Schmerzen, die nur nachlassen, wenn man ihr den kleinen Sohn bringt. "Die anderen hatten alle ihre Kinder und konnten sich drum kümmern, und mir wurde er nur gebracht, und alles war schon fertig."
Das zweite Kind, redet sie sich ein, soll nicht durch Kaiserschnitt zur Welt kommen, sondern "normal". Wenn die anderen Frauen es schaffen, normal zu gebären, warum nicht auch sie? Sie tut alles, beachtet alles, sie will auch normal sein, eine normale Frau. In der 35. Schwangerschaftswoche heißt es, das Kind wachse nicht mehr, sie müsse ins Krankenhaus. Hat sie es wieder nicht geschafft? Ist sie "nicht fähig, gesunde, normale Geburten fertigzubringen"? In der Klinik schüttelt die Hebamme den Kopf, die Ärzte kommen und gehen, keiner sagt etwas. Dann hört sie, mit dem Herzen sei etwas nicht in Ordnung, die Herztöne würden immer schwächer. "Und wieder standen auf dem Gang die Ärzte mit ihren Handschuhen, als hätten sie nur auf mich gewartet . . ."
Man legt sie auf einen Tisch, der war noch warm von der vorhergehenden Sectio, und man lacht und macht Scherze, um sie aufzumuntern. Als sie erwacht, ist das Kind nicht da, der Ehemann beruhigt, es gehe der kleinen Tochter gut. Am nächsten Tag in aller Frühe aber ruft er aus Erlangen an aus der Universitätskinderklinik: Die Sandra habe einen Herzfehler, es stehe gar nicht gut.
Die anderen Frauen trugen ihre Babys im Arm, und sie hatte ihr Kind noch nicht einmal gesehen. Das Kind ihrer Freundin nimmt sie an die Brust und denkt insgeheim, wäre es nur meins. Der Ehemann berichtet, ihr Kind bekomme Infusionen, alles pfeife, die vielen Schläuche seien entsetzlich. Wann es operiert werde, wisse man noch nicht.
Dann muß er wie üblich auf Montage und läßt sie allein in der Klinik zurück. Ihre Eltern sind mit dem Sohn nach Österreich gefahren. Daß das Neugeborene einen Herzfehler hat, verschweigt sie ihnen zunächst, um sie nicht zu beunruhigen. Jahrelang hatten sie schon keinen Urlaub mehr gehabt, da wollte sie nicht alles durcheinanderbringen.
Sie bittet um Verlegung nach Erlangen, damit sie in der Nähe ihres Kindes sein kann. Dies genehmigt man auch. Die Frischoperierte wird in die Universitätsklinik gebracht, doch dort weiß man von nichts. Es ist kein Bett da, kein Platz, keine Zeit. Überall Schwangere, überall Geburten, wieder Ärzte mit Handschuhen, alle sind hektisch und überarbeitet. Bis eine Hebamme sagt: "Ja, wie schau'n Sie denn aus?"
Man bringt sie auf die Intensivstation. Piepsen, operierte Kinder, grüne Mäntel. Da steht der Brutkasten. Sie sieht das Kind zuerst gar nicht wegen der Schläuche und kann es schließlich nicht fassen, daß dies ihr Mädchen sein soll.
Wieder kommen die quälenden Fragen: Bin ich nicht fähig, ganz normal Kinder auf die Welt zu bringen? Was ist los mit mir? Da erklärt ein Arzt, daß sie möglicherweise eine Infektion hatte, einen Schnupfen vielleicht, und daß sich dies auf die Entwicklung des Kindes ausgewirkt haben könnte. Also doch ihre Schuld, versagt, nicht aufgepaßt. Sie überhäuft sich mit Vorwürfen: Meine Schuld, meine Schuld, meine übergroße Schuld, dafür muß mein Kind nun leiden. Sie streichelt den Brutkasten. Einmal schiebt sie vorsichtig die Hand ins Innere, berührt das winzige Wesen mit den Fingerspitzen - da schrillt sofort die Alarmsirene. "Wie von der Furie gestochen" sei sie zurückgefahren.
Die Operation dauert sechs Stunden. Sie ist allein in Erlangen. Mit ihrem Mann steht sie in Telefonkontakt: Ich schaff' das schon, beruhigt sie ihn. Tatsächlich geht es längst über ihre Kräfte.
Sie will zu ihrem Kind, muß warten, es dauert endlos. "Seien Sie jetzt stark", sagt die Schwester noch vor der Tür. "Da lag sie splitternackt in dem Kasten, überall Schläuche, sogar die Wunde war nur halb bedeckt. Mein Gott, was haben die mit dir angestellt. Ein Beinchen war aufgehängt, weil ein Muskel oder ein Nerv beschädigt war. Das Bein bleibt wohl dünn, sagten sie, das also auch noch. Ich hab' ihre Atemzüge gezählt. Ich hab' sie nur angestarrt. Ich konnte den Blick nicht mehr abwenden."
Sie hat sechs Tage lang kaum etwas gegessen und kaum geschlafen. Als der Mann von der Montage kommt, steht er hilflos vor dem fremden Menschlein und findet keine Worte. Zwei Wochen später wagt sie, das Kind erstmals zu berühren. Jeden zweiten Tag fährt sie nach Erlangen. Acht Wochen nach der Geburt darf sie Sandra mitnehmen.
Die Hoffnung, daß das Schlimmste nun vorbei sei, und das Glück, das zarte Kindchen bei sich zu haben, wurden von da an täglich geringer. Das Kind schrie erbärmlich, wenn es ausgezogen, wenn es gewickelt oder gebadet wurde. "Angstschreie waren das", sagt Christine Blabl vor Gericht. Es erbrach wieder und wieder seine Nahrung. Es wuchs nicht recht, war sehr dünn, zurückgeblieben. "Ein typisches Herzkind", beschreibt es eine Krankengymnastin. Der Kinderarzt kann nichts feststellen, "vielleicht hat es noch ein bissel Angst", tröstet er die Mutter. Es ist kein Trost.
Dieses Schreien, dieses entsetzliche Schreien, das Erbrechen, das nicht nachläßt. Das Kind trank gierig, und dann war alles wieder umsonst. Bett beziehen, Kind waschen, frisch anziehen, unablässiges Weinen, die Angstschreie, dazu der lebhafte Zweijährige. Sie war weitgehend allein in ihrer Fünf-Zimmer-Wohnung auf dem Dorf. Der Mann kam nur am Wochenende vorbei, um, wie sie meinte, mal wieder mit ihr zu schlafen. Ihre Mutter wollte sie mit ihren Sorgen nicht belasten: Andere Frauen schafften es schließlich auch.
"Irgendwann wußte ich dann nichts mehr. Ich hab' wohl mal mit der Hand hingehauen. Da bin ich erschrocken zurückgefahren, bin ich verrückt, was hab' ich getan?" Sie bringt es kaum heraus, spricht wie von Ereignissen, die sich außerhalb ihrer selbst zutrugen. "Die Schläge sind öfters geworden." "Es war, als ob die Hand geführt wurde." "Man sollte diese Hände abhacken."
Sie wollte dem Kind nicht weh tun. Sie wollte es liebhaben, aber sie fürchtete es. Sie hatte Angst vor ihm, Angst vor seiner schreienden Angst und Angst vor sich selbst, weil dieses Kind sie zu Taten hinriß, deren sie sich nie für fähig gehalten hätte. Dieses Kind führte ihr unentwegt ihr Versagen vor Augen. Wenn sie schlug, schlug sie auf sich selbst ein. An manchen Tagen wagte sie nicht, am Kinderzimmer vorbeizugehen. Daß das Kind nur nicht wieder schreit . . .Wenn sie es schlug, dann sah sie dieses Kind nicht mehr. Sie bekam Herzklopfen, ihr wurde schlecht, sie rang nach Luft, mußte raus aus dem Zimmer.
Anfangs schlug sie noch mit der flachen Hand zu, später mit der Faust, mit beiden Fäusten und schließlich mit Gegenständen, die gerade herumlagen - einer Puderdose, Bauklötzen, einer Rassel, Windeln. Es wurde immer schlimmer. Als der Damm gebrochen war, riß es sie hinweg. Sie schlug mit der Hand zu, an der sie einen scharfkantigen Ring trug . . .Wenn sie wieder klar bei Verstand war, nahm sie das weinende, gequälte Kind auf und flehte: "Sandra, es tut mir leid, ich weiß nicht, was die Mami hat. Warum weinst du so? Sandra, ich tu' dir doch nichts!"
In der Nacht zum 30. Januar 1989 erstickt das Mädchen an Erbrochenem. Es hatte, bewußtlos geschlagen, nicht mehr wie ein gesundes Kind reagieren können. Bei der Obduktion werden mehrere Kieferbrüche, Rippenserienbrüche, ein Schienbeinbruch, Mund- und Schleimhautverletzungen im Gesicht festgestellt. Der geschundene Körper ist übersät mit Striemen, blutunterlaufenen Stellen und Narben. An der Wand des Kinderzimmers entdeckt man Blutspritzer. Der Vater des Kindes befindet sich zu dieser Zeit mit einem Arbeitskollegen auf einer Urlaubsreise in Pakistan.
Die Menschen, die am Abend des ersten Verhandlungstages in Weiden den Gerichtssaal verlassen, sind wie erschlagen und in Aufruhr zugleich. Wohl hatte der psychiatrische Sachverständige, Professor Rolf Baer aus Erlangen, 50, der Angeklagten verminderte Schuldfähigkeit attestiert, weil sie, wenn es über sie kam mit dem Schlagen, ihr Verhalten nicht mehr steuern konnte. Aber sie muß doch mit ihren eigenen Augen gesehen haben, was sie anrichtete!
"Haben Sie denn nicht gemerkt, daß Sie Ihr eigenes Pulverfaß waren? Haben Sie die Gefahr, die Sie für Ihr Kind und für sich selbst waren, nicht erkannt?" wird sie von den Richtern fassungslos gefragt. Ebenso fassungslos antwortet sie, daß sie ihrem Kind nie weh tun wollte, daß sie nie mit seinem Tod gerechnet habe, ja, daß sie es bis heute nicht begreifen könne, daß sie dies alles getan haben soll.
Wenn es einmal passiert wäre oder höchstens ein zweites Mal, das könnte man noch verstehen. Daß ein Säugling, zumal ein so besonders zerbrechliches, zartes, schwaches Kind, eines, das mit Mühe und Not eine Herzoperation überstanden hat, an den fortwährenden und immer ärger werdenden Torturen zugrunde gehen würde - dies hatte die Angeklagte dann, wenn sie wieder klar war, schon begriffen.
Sie hat sich vor Scham immer mehr in sich verkrochen, hat sich geekelt vor sich selbst, sich verachtet, "der letzte Dreck bin ich", sagte sie, hat das Kind versteckt, ist nicht mehr aus dem Haus zu anderen Leuten gegangen - und hat damit die letzte Chance vertan, sich helfen zu lassen. Sie hätte sich, als es noch nicht zu spät war, anvertrauen müssen, sie hätte sich überwinden müssen, um des Teufels Herr zu werden, von dem sie meinte, er stecke in ihr. Die erste Hilfe hätte die Bitte um Hilfe sein müssen.
Vor Gericht wurde sie Christine Blabl von allen Seiten zuteil: Der Psychiater legte dem Gericht eine Entscheidung nahe, der es folgen konnte; er hätte gewiß noch manches über die Empfindungen der jungen Frau sagen können, doch er trug nur das in der Öffentlichkeit vor, was für das Urteil nötig und für die Zuhörer nachvollziehbar war. Der Verteidiger, Engelbert Schedl, 36, aus Weiden, mit großem Einsatz nicht nur juristischer Beistand, gab dem Gericht Gelegenheit, sich mit der Rechtslage in einem Fall, der nur auf den ersten Blick eindeutig zu sein schien, auseinanderzusetzen. Denn, so hatte die Staatsanwaltschaft gefragt, wurde der Tod des Kindes nicht doch zumindest billigend in Kauf genommen? War das, was die Angeklagte ihrem Kind angetan hat, etwa nicht grausam?
Christine Blabl wurde wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Die Zukunftsprognosen sind günstig. Nach dem Urteil nahmen die Eltern ihr Kind in die Arme, eine rotgeweinte Mutter und ein fester, in sich gekehrter Vater, die den jungen Ehemann und den Enkel bei sich aufgenommen haben. Die Zuschauer verließen leise und stumm den Saal, tief erschrocken ob einer der Möglichkeiten menschlichen Verhaltens. f
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 41/1989
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