13.11.1989

„Oberflächlich und schlampig“

Die Vorschriften zum Strahlenschutz werden von Nuklearbetrieben und Reinigungsfirmen sträflich vernachlässigt. Arbeiter, die in kerntechnischen Anlagen zur Beseitigung von Atommüll eingesetzt werden, berichten von chaotischen Zuständen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts der Körperverletzung.
Staatsanwalt Reinhard Hübner berichtete dem Untersuchungsausschuß des hessischen Landtags, der sich mit den skandalbelasteten Hanauer Nuklearbetrieben befaßt, über ein ebenso wichtiges wie ungewöhnliches Beweisstück. Es handele sich, "es mag makaber klingen", um die "Probe eines Lungenflügels".
Das Gewebe war dem Türken Necati Demirci, 43, während der operativen Behandlung eines Bronchialleidens entnommen worden. Das Stück Lunge ist verkrebst und verstrahlt.
Der schwerkranke Türke hat vier Jahre lang, zwischen 1983 und 1987, im Auftrag der Hanauer Gebäudereinigungsfirma Böhm in Atomanlagen saubergemacht: in der Hanauer Brennelemente-Fabrik Alkem und dem kerntechnischen Zentrum der Kraftwerk Union (KWU) im unterfränkischen Karlstein am Main. Beide Unternehmen gehören inzwischen zum Elektro-Multi Siemens.
Demirci kämpft darum, daß die Bau-Berufsgenossenschaft sein Leiden als berufsbedingte Krankheit anerkennt. Die Staatsanwaltschaft Hanau verfolgt Verantwortliche der Reinigungsfirma Böhm, der früheren Alkem und der KWU wegen des Verdachts der Körperverletzung und des Verstoßes gegen die Strahlenschutzverordnung.
So aufwendig ist bisher in keinem der Verfahren ermittelt worden, in denen es um Strahlenschäden von Beschäftigten westdeutscher Entsorgungsfirmen geht. Wissenschaftler sollen erforschen, wo sich Demirci die hohe Strahlendosis eingefangen hat.
Nuklearmediziner verschiedener Institute wurden beauftragt, anhand der Lungenprobe festzustellen, ob die inhalierten radioaktiven Stoffe den Krebs bei Raucher Demirci ausgelöst oder zumindest gefördert haben. Vernehmungen von Vorgesetzten und Kollegen sollen klären, ob der Arbeiter unzulässigen Strahlenbelastungen ausgesetzt wurde.
Auf über 150 Protokollseiten hat Demirci selbst geschildert, wie es ihm bei seinen Einsätzen in den Atomfirmen erging - "sehr detailliert und sehr genau", so Hübners Eindruck, das könne "eigentlich nicht erfunden sein". Auch wenn bislang der eindeutige Nachweis fehlt, daß radioaktive Strahlen den Brusttumor ausgelöst haben, so gibt das Verfahren schon jetzt Einblick in skandalöse Praktiken der Atomindustrie.
Für die gefährliche Drecksarbeit werden meist Türken angeheuert, die den Sicherheitsanweisungen kaum folgen können. Oder es melden sich Tagelöhner, die für eine schnelle Mark auf umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen pfeifen. Beim Strahlenschutz, sagt der Entsorgungsarbeiter Wolfgang Führer, "gibt es zwischen Theorie und Praxis einen himmelweiten Unterschied" (siehe Seite 72).
Aus Angst, den Job zu verlieren, so mies er auch ist, hielten die Hilfsarbeiter jahrelang still. Nun führen einzelne Putzmänner, die Strahlenschäden befürchten, schon mal laut Klage über die Arbeitsbedingungen.
Von den Kumpels der Atombranche sind besonders diejenigen gefährdet, die als Leiharbeiter einspringen oder als Beschäftigte von Fremdfirmen "Arbeiten ausführen", moniert Wolfgang Becker von der IG Metall in Karlsruhe, "die man den eigenen Beschäftigten nicht zumuten will". Sicherheitsunterweisungen und Schulungen, erfuhr Becker von Arbeitern fremder Firmen im Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK), "finden - wenn überhaupt - nur oberflächlich und schlampig statt".
Rund 10 000 Arbeiter in etwa 130 externen Firmen säubern die Atomanlagen in Westdeutschland. Mit den dadurch entstehenden Risiken befassen sich auch die Aufsichtsbehörden. So kritisierte letztes Jahr ein Mitarbeiter des hessischen Ministeriums für Umwelt und Reaktorsicherheit intern, die Sicherheitsüberprüfungen der Arbeiter seien einseitig gehandhabt worden: Vor allem Arbeitern, die nach Angaben des Verfassungsschutzes mal Kontakte zur DKP hatten, sei der Zugang zu den Atomanlagen verwehrt worden.
Nachträgliche Überprüfungen des zugelassenen Fremdpersonals förderten dann haarsträubende Erkenntnisse ganz anderer Art zutage. Viele Beschäftigte der Entsorgungsfirmen hatten zum Teil beängstigende kriminelle Karrieren hinter sich. Der Strafregisterauszug eines Arbeiters wies 19 Verurteilungen aus, darunter wegen schwerster Eigentumsdelikte. "Wer klaut", sorgte sich ein Mitarbeiter der Atomabteilung, "der klaut auch den Bombenstoff Plutonium."
Viele der Arbeiter waren auch mit Alkohol- oder Rauschgiftdelikten belastet. Solche Beschäftigte, fürchtet das hessische Ministerium, mißachteten am ehesten den Strahlenschutz und verleiteten unkundige ausländische Kollegen zu weniger Aufmerksamkeit.
Wegen mangelnder Zuverlässigkeit vieler Fremdfirmen und ihrer Arbeiter erließ Hessens Atomminister Karlheinz Weimar (CDU) im August strengere Bestimmungen. Die Unternehmen dürfen, verfügte der Minister, fortan keine Leiharbeiter mehr, sondern nur noch "Stammpersonal" in die Atomanlagen schicken. Zudem ordnete Weimar an, "die arbeitsvertraglichen Regelungen, die Unterweisungen und die Belehrungen" ausländischer Beschäftigter müßten im Beisein "eines vereidigten Dolmetschers" gegeben werden.
Aber auch deutsche Arbeiter wissen oft nicht, auf was sie sich einlassen. Der Betriebsratsvorsitzende Herbert Orator, 43, ist seit neun Jahren bei der Karlsruher Dekontaminationsservice GmbH Morant und Buchen beschäftigt, die mit über 50 Arbeitern das KfK entsorgt.
Als Fahrer radioaktiver und hochtoxischer Stoffe wußte Orator nach eigenem Bekunden oft nicht, was für gefährliches Zeug er transportierte. So habe er vor acht Jahren eine Fuhre übernommen, die als "destilliertes Wasser" deklariert gewesen sei. Orator: "Doch da war das radioaktive Tritium drin, und ich habe den Scheißdreck gefahren."
Im September vergangenen Jahres beunruhigte den Betriebsratsvorsitzenden ein Arbeitsunfall in der Hauptabteilung Dekontamination des KfK, bei dem fünf Arbeiter radioaktive Stoffe abgekriegt haben sollen. Eine Anfrage bei der Berufsgenossenschaft ergab, daß die Firmenleitung den Vorfall dort auch nach vier Wochen noch nicht gemeldet hatte.
Doch der Service-Betrieb hatte keine Probleme, für die weitere Entsorgung im KfK willige Arbeiter zu finden. Dabei blieben die Beschäftigten oft zunächst im ungewissen, wie gefährlich die Stoffe waren, die sie zu entsorgen hatten. So war der Betriebsratsvorsitzende Orator mit Kollegen Anfang Juni damit beschäftigt, die Isolierung der ausgedienten Turbine im Mehrzweckforschungsreaktor zu entfernen.
Der Dekontarbeiter, wie die Entsorger im Fachjargon genannt werden, beklagte, die "wirklichen Arbeitsmaterialien an der Turbine" seien nicht vorher überprüft, die "Herausgabe von zuverlässigen Schutzkleidungen" sei unterlassen worden. Um Klarheit über die Art des Isolierstoffs zu bekommen, ging Orator zum Gewerbeaufsichtsamt.
Als der Betrieb Morant und Buchen von Orators Gang zur Aufsichtsbehörde erfuhr, kündigte die Firmenleitung dem Betriebsratsvorsitzenden fristlos. Sie warf dem Arbeiter nun vor, er selbst habe sich "nicht entsprechend den Vorschriften der Strahlenschutzverordnung" verhalten. Zudem habe er, so die Begründung für den Rauswurf, durch sein Verhalten "eine Kündigung des Vertrages des Kernforschungszentrums mit der Firma" riskiert und damit "auch die Arbeitsplätze seiner Kollegen gefährdet".
Im Prozeß vor dem Arbeitsgericht bezeichnete Orators Rechtsanwalt die Kündigungsgründe als ein "Sammelsurium von Unterstellungen, Verdrehungen und bösen Verleumdungen". Ein "skandalöser Vorgang" sei es gewesen, so der Anwalt, daß die Firmenleitung ohne entsprechende Sicherheitsvorkehrungen eine Turbine habe "entdeckeln und deisolieren" lassen.
Wie leichtfertig Nuklearunternehmen die Gesundheit der externen Arbeiter oft aufs Spiel setzen, belegen auch Zwischenfälle im kerntechnischen Zentrum in Karlstein.
In dem Betrieb bei Aschaffenburg, in dem Kernbrennstoff untersucht, Fachpersonal geschult und Atommüll abgefüllt wird, atmeten während eines Umbaus in den Jahren 1985 und 1986 rund 20 Arbeiter, darunter auch Demirci, in der Abwasser-Anlage ein radioaktives Stoffgemisch ein, vor allem Americium 241. Sechs von ihnen waren, so der nuklearmedizinische Befund, einer Dosis "oberhalb der zulässigen Jahresaktivitätszufuhr" ausgesetzt.
Nach dem Vorfall versicherte das Unternehmen Anfang des Jahres, der Strahlenschutz sei verbessert worden. Doch eine interne Sicherheitsüberprüfung der Abwasser-Anlage wenig später deckte gravierende Mängel auf.
Der Hausingenieur meldete der Betriebsleitung, daß Gitterroste fehlten und Leitern wackelig seien. Die Stapel von Atommüllfässern seien, so der Bericht, nicht standfest, zumal einige "womöglich durchgerostet sind".
Der Kontrolleur beanstandete auch, daß Arbeiter leicht über herumliegende Kabel und Schläuche stolpern könnten. "Besonders kritisch" erschien ihm, daß zu wenig funktionierende Feuerlöscher vorhanden seien.
Der fahrbare Feuerlöscher, so die vertrauliche Meldung, sei durch Absperrketten blockiert. Ein funktionstüchtiger Schneidbrenner lagere obendrein unmittelbar neben dem brennbaren Atommüll.
Im Keller des Karlsteiner Nuklearbetriebs, wo Fremdpersonal unter teilweise chaotischen Bedingungen die strahlenden Abfälle bearbeitete, war auch der krebskranke Türke Demirci eingesetzt - nicht nur zum Saubermachen.
Er habe, berichtete Demirci, "festen und flüssigen Abfall", zum Beispiel Asche aus den heißen Experimentierzellen, Kabelreste und Schlämme, in Fässer gefüllt und dann mit einer Schaufel nassen Beton dazugegeben. Vom Chef der Gebäudereinigungsfirma habe er nur die pauschale Instruktion erhalten, in den Betrieben dürfe nicht gegessen, getrunken und geraucht werden.
Der schwerkranke Atomarbeiter schildert auch, daß er in Karlstein einmal im hinteren Raum der heißen Zellen gewischt habe. Bei der Körperuntersuchung danach habe das Meßgerät in Höhe der Schulterpartien "sehr laut gepiepst". Danach, so Demirci, sei er von einem Strahlenschützer mit einem weißen Pulver eingeseift und unter der Dusche abgewaschen worden - insgesamt dreimal. Deswegen habe er sich auch noch den Vorwurf zugezogen, er sei immer als einziger der Arbeiter kontaminiert.
Die Ermittlungen wegen der Krebserkrankung Demircis deckten weitere Vorfälle auf, die auf eklatante Verstöße gegen den Strahlenschutz deuten. So ergab eine Untersuchung, daß sein Gürtel "sehr hoch kontaminiert war": mit Cäsium, Americium, Plutonium und anderen Nukliden wie Kobalt 60.
Nach Ansicht von Staatsanwalt Hübner ist es "unerklärlich, wie jemand mit einem derartigen Gürtel die Meßstation überwinden kann". Dafür gebe es nur zwei Möglichkeiten, die beide alarmierend seien: daß "möglicherweise die Meßstation nicht eingeschaltet war" oder Demirci "mit solchen Stoffen außerhalb eines Kontrollbereichs umgegangen ist".
Die Staatsanwaltschaft überprüft derzeit auch noch die Aussage des türkischen Putzmannes, er habe bis Juni 1987 beim Plutonium-Verarbeiter Alkem geschrubbt - obwohl er wegen der hohen Werte, die in seinem Strahlenpaß eingetragen sind, nur noch bis Ende 1986 in Kontrollbereichen eingesetzt werden durfte.
Staatsanwalt Hübner steht vor einem weiteren Problem. Die Nuklide im Lungengewebe, darunter Plutonium, sind bislang von den Gutachtern unterschiedlich bewertet worden. Das liegt, so der Ermittler, an "der unterschiedlichen Berechnungsweise": Es sei schwierig, "tatsächlich unabhängige Sachverständige zu erhalten".
Auch Siemens setzt darauf, daß sich Gutachter finden, die einen Zusammenhang zwischen den eingeatmeten radioaktiven Stoffen und dem Lungenkrebs ausschließen. In einem internen Schreiben an die Mitarbeiter des Unternehmensbereichs KWU weist der Multi auf "die niedrige Höhe der jährlichen" Menge hin, die bei Demirci festgestellt worden sei.
Die Firmenspitze vermißt ein weiteres Argument. Es sei in der bisherigen Darstellung "nicht abgewogen" worden, "wieweit diese Strahlendosis als mögliche Ursache des Lungenkarzinoms ins Gewicht fällt gegenüber dem Rauchen".

DER SPIEGEL 46/1989
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