13.11.1989

„Die Brühe wurde verdünnt“

Wolfgang Führer, 29, war bis Ende Oktober als Arbeiter einer externen Firma im kerntechnischen Zentrum Karlstein zur Entsorgung von Atommüll eingesetzt. Er schildert die Zustände beim Umgang mit Strahlenmaterial:
In den Keller traut sich nicht jeder. Wegen der hohen Strahlungsgefahr mußten wir dort unten Vollschutzanzüge tragen, Luft bekamen wir über den Lungenautomaten. Anschlüsse an das Druckluftnetz gab es in jedem einzelnen Raum. Panik kriegte ich jedesmal, wenn ich im belüfteten Anzug, in dem kondensierter Schweiß die Haube beschlug, zu einem anderen Anschluß wechseln mußte.
Wir sind gewarnt worden, daß sich die Luftversorgungsschläuche verheddern könnten, wenn mehrere von uns eng zusammenarbeiteten. Eine Sprechverbindung fehlte, wir verstanden uns nicht. Das ging ganz schön an die Nerven. Einer ist im Keller mal richtig ausgerastet, hat geschrien, ist aggressiv geworden und hat mit einer Schere das Telefon abgestochen.
Die Stelle dort habe ich im September letzten Jahres bekommen. Ein Unternehmer bot mir eine Anstellung auf Montage an. 16 Mark die Stunde und 65 Mark steuerfreie Zulage pro Tag - das ist ja ganz ordentlich.
Kurz darauf habe ich in Karlstein mit der Arbeit begonnen. Wir mußten Reststoffe aufbereiten und Proben aus den zementierten Abfallfässern nehmen. Ich wurde in der Abwasser-Aufbereitungsanlage eingesetzt.
Der technische Zustand dort hat sich immer mehr verschlimmert. 50 Kubikmeter Abfälle, die Vollschutzkleidung der Bedienungsmannschaft, lagerten über zwei Jahre in einer Kellerecke. Dieser Müll, naß von Schweiß, gammelte da vor sich hin.
Eine Pumpe, die Regenwasser von einer Rampe des äußeren Bereichs in einen Behälter pumpen sollte, fiel bei starkem Regen ständig aus, der Keller wurde überflutet. Deshalb fingen die Rollreifenfässer, die jeweils 200 Liter verstrahlten Schrott aufnahmen, zu rosten an. Eine Dekontamination wurde immer schwieriger.
Am 13. Februar dieses Jahres kam ein Arbeiter versehentlich mit dem Fuß an einen Absperrhahn und öffnete eine Wasserleitung, die in die heißen Zellen führt, wo Versuche mit Nuklearmaterial gemacht wurden. Wir nahmen eine Wasserprobe für den Strahlenschutz und saugten dann das Wasser auf, etwa 600 Liter. Der Abteilungsleiter verlangte: Wenn ihr gefragt werdet, dann sagt, es waren 100 Liter. Denn ab 300 Liter liege ein meldepflichtiger Störfall vor.
Anfang September übernahmen wir täglich drei Kubikmeter Kobalt-60haltiges Wasser. Das Wasser wurde aus einem Tank über die Regenwasserleitung in den Keller zur Entsorgung geleitet. Jedesmal hatten wir Angst, ob die Pumpe arbeitet.
Einmal stand das Wasser bis an die Tür, ich schätze, es waren 1000 bis 2000 Liter. Oben dann wieder der Abteilungsleiter: Wenn gefragt wird, sagt, es sind nur 100 Liter.
Am nächsten Tag wurde eine Probe für den Strahlenschutz gezogen. Dabei kamen verheerende Werte heraus. Nun begann eine Großaktion: Die Brühe wurde durch allerlei Manipulationen verdünnt, die Proben ergaben dann zufriedenstellende Werte.
Es gibt da auch noch den sogenannten D2-Behälter, in dem sich hochaktive Abwässer aus den heißen Zellen befinden. Eine Entsorgung ist nicht in Sicht. Der D2-Behälter taucht auf offiziellen Plänen nicht auf. Wissen die Behörden davon?
Wichtige Arbeiten sind versäumt worden: Die Abluftfilter sind zu. Sie müßten mit ferngesteuerten Arbeitsarmen, den Manipulatoren, geöffnet werden. Doch die Schrauben sitzen fest, aggressive Luft griff die Schrauben an. Die Verantwortlichen sehen nur eine Lösung: Da muß jemand rein. Hohe Strahlendosis, ein Wahnsinnsjob.
Die Zementierung der Atommüllfässer dauert den Verantwortlichen regelmäßig zu lange, es soll immer schnell, schnell gehen. Ein Kollege und ich wollten zum Beispiel einmal den Sammelbehälter mit verstrahltem Schlamm neu befüllen. Doch der Schlamm war zu dick, er mußte verdünnt werden. Der Abteilungsleiter verlangte, daß wir den Schlamm auf zwei Fässer verteilten, mit einem Eimer. Als wir auf die Strahlenbelastung hinwiesen, holte er zwei andere Arbeiter runter. Die erledigten die Arbeit ohne Murren.
Ich wurde sauer. Noch vor einem halben Jahr sind wir mit dem Dosiswarner runtergegangen, die Alarmschwelle war auf 20 Millirem eingestellt. Ist das erreicht, wird der Einsatz abgebrochen. Nun sollte ich eine Alarmschwelle von 100 Millirem einstellen. Man nimmt billigend in Kauf, daß ein Arbeiter binnen kurzer Zeit die Sechsmonatsdosis abkriegt.

DER SPIEGEL 46/1989
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