09.10.1989

„Schreiende Not lindern“

Mit Spenden und Projekten engagieren sich immer mehr westdeutsche Städte und Gemeinden in Entwicklungsländern. Fachleute preisen den humanitären und pädagogischen Wert der Nord-Süd-Partnerschaften, warnen aber vor allzu großem Optimismus: Manche Gemeinden liefen „mit gutem Willen in die Falle“.
Die Einwohner der philippinischen Region Sagay, eines Hunger-Landstrichs im Norden der Insel Negros, erleben in jüngster Zeit einen wundersamen Aufschwung.
Die Bauern der Bergsiedlung Campo Santiago, die bislang ihre Wurzel-Felder mit der Hacke beackern mußten, können jetzt Wasserbüffel vor ihre Pflüge spannen. Die Fischer von Molocaboc, bei denen es früher nicht zu eigenen Booten reichte, sind stolze Besitzer einer kleinen Fangflotte geworden. Und die Grundschule von Taba-Ao, deren Schüler ihren Durst bisweilen aus Tümpeln löschen mußten, kann sich seit letztem Sommer einen großen Trinkwasserspeicher leisten.
Die beachtlichen Fortschritte verdanken die Filipinos ihren guten Beziehungen zum niedersächsischen Landkreis Osterholz. Dessen Gemeinden finanzieren die Hilfsaktionen für das rund 11 000 Kilometer entfernte Sagay. Die Ortschaft Ritterhude etwa hat die Wasserbüffel gekauft, der Trinkwassertank und die Einbaumboote wurden mit Geldern aus der Gemeinde Hambergen finanziert. Zu den Hilfsaktionen, erklärt Oberkreisdirektor Hans-Dieter von Friedrichs, fühle sich Osterholz "human verpflichtet". Friedrichs: "Wir müssen schreiende Not lindern."
Die Sagay-Projekte des plattdeutschen Landkreises sind bezeichnend für das Engagement, mit dem eine rasch wachsende Zahl bundesdeutscher Städte und Gemeinden in Entwicklungsländern hilft. Vom fränkischen Ansbach, das in der westafrikanischen Volksrepublik Benin Wasserpumpen finanziert, bis zum rheinland-pfälzischen Zweibrücken, das im ostafrikanischen Ruanda eine Krankenstation mit aufbaut, fördern mittlerweile schätzungsweise gut 400 Kommunen - immerhin fast fünf Prozent der rund 8500 westdeutschen Gemeinden - Projekte in der Dritten Welt. * Fischerboote des Landkreises Osterholz in Sagay.
Kaum ein Land in Afrika, Asien oder Lateinamerika, in dem nicht schon irgendeine Stadt oder ein Dorf mit Geldern und Geschenken Gutes tun will. Im Krankenhaus von Sokode im nordafrikanischen Togo schlafen die Patienten auf Betten aus der bayerischen Partnerstadt Kirchheim. In den Slums der indischen Millionenstadt Poona sorgen von Bremen finanzierte Entwässerungssysteme und Toilettenanlagen für Hygiene. Im Nicaragua-Städtchen Diriamba arbeiten Schüler und Lehrer mit Linealen, Bleistiften und Tafelkreide, die Langenselbold bei Frankfurt gestiftet hat.
Der kommunale Brückenschlag in die Entwicklungsländer ist die jüngste und zugleich umstrittenste Variante einer traditionsreichen Form von Provinz-Diplomatie: der Städtepartnerschaft.
Das internationale Netz bundesdeutscher Partnerschaften umfaßt rund 3000 ausländische Städte. Die meisten Freundschaftsbünde bestehen mit Gemeinden in Frankreich und England; sie wurden oft schon in den fünfziger und sechziger Jahren gegründet. Die Städte wollten damit den ehemaligen Feindländern zeigen, daß, so Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, in der Bundesrepublik inzwischen "ein anderer Geist herrscht als 1933".
Im Zuge der Entspannungspolitik fanden dann etliche Kommunen auch Gefallen an Beziehungen zu Ostblock-Städten. Das fränkische Nürnberg etwa ist seit 1979 mit der polnischen Stadt Krakau verbandelt, Wolfenbüttel unterhält Beziehungen zu Satu Mare in Rumänien, Bielefeld mit der Sowjetstadt Nowgorod. Auch mit Städten der DDR, die sich jahrzehntelang gegen Partnerschaften mit der Bundesrepublik sträubte, haben mittlerweile 42 Kommunen Freundschaftsverträge unterzeichnet.
Während die Partnerschaften West-West und West-Ost vor allem von Versöhnungs- und Verbrüderungsgedanken getragen werden, sollen die neuen Nord-Süd-Freundschaften "zur Beseitigung der Ursachen der Unterentwicklung" beitragen, wie der Oberbürgermeister von Ingolstadt, Peter Schnell, hofft. Seine Kommune schickt Fachkräfte in die brasilianische Stadt Estancia, um bei der Handwerker-Ausbildung zu helfen.
Mit ihren Aktionen wollen die Städte die staatliche Entwicklungshilfe ergänzen, die Bonn seit 1950 leistet. Allein im letzten Jahr zahlte das von Entwicklungshilfeminister Jürgen Warnke (CSU) geleitete Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) knapp sieben Milliarden Mark für Aufbauprojekte - von der Dorfschmiede in Botswana bis zur Gen-Bank für Pflanzen in Costa Rica.
Doch der Nutzen der Entwicklungshilfe ist fragwürdig. Denn obgleich sich die von den Industrieländern aufgebrachte Geldmenge in den letzten 20 Jahren versechsfacht hat, wurden die Ziele nur selten erreicht.
Millionenzuschüsse versickerten aufgrund von Korruption, unzählige Entwicklungsruinen bezeugen Planungsmängel in den Ministerien der Industrienationen oder im Regierungsapparat der Zielländer. Fabriken verrotten, weil es für die Produkte keine Absatzmärkte gibt; technisches Gerät kann nicht benutzt werden, weil es an Ersatzteilen mangelt; Produktionsgenossenschaften müssen wieder aufgelöst werden, weil Niedrigpreise den aufwendigen Anbau nicht lohnen.
Kritiker der staatlichen Entwicklungsförderung, wie die ehemalige BMZ-Referentin Brigitte Erler, sehen in vielen Projekten vor allem profitträchtige Aufträge für westliche Industrieunternehmen - etwa wenn im Auftrag der Weltbank in Bangladesch ein neues Telefonsystem eingeführt werden soll, obwohl das Land über ein funktionierendes Netz verfügt.
Um eine Alternative zu bieten, begannen deshalb schon vor Jahrzehnten Städte in England, Frankreich und vor allem in den Niederlanden mit kommunaler Entwicklungsarbeit. In Holland unterstützt mittlerweile fast jede zweite Gemeinde eine Dritte-Welt-Stadt, um unabhängig von Industrie und Machtpolitik direkt von Stadt zu Stadt zu helfen.
Der Rat der Gemeinden und Regionen Europas hat die kommunale Dritte-Welt-Hilfe zum Programm erklärt; er fordert seine Mitglieder seit langem zur "verstärkten Zusammenarbeit und konkreten Solidarität mit den Entwicklungsländern" auf. "International", weiß der Leiter des "Europäischen Büros für kommu* 1983 in Togo. nale Entwicklungszusammenarbeit", Gerold Weisrock, sei städtische Entwicklunghilfe "längst eine Bewegung".
Bundesdeutsche Städte ziehen nach. "Dritte-Welt-Partnerschaften", berichtet Walter Leitermann vom Deutschen Städtetag, "haben Konjunktur."
Liebster Kontinent kommunaler Entwicklungshelfer ist Afrika - und dort sind es vielfach Dürregebiete wie die Sahelzone, in denen Städte ihre Partner suchen. Viele Helfer wurden, wie Hans Grips vom "Förderverein Willich-Zogoree" (Burkina Faso), durch "Hungermeldungen" auf solche Regionen aufmerksam.
Einen Spitzenplatz unter den Zielländern hält Nicaragua mit über 20 offiziellen Städte-Bündnissen. Hier mischen sich politische und karitative Motive: Seit die christliberale Regierung in Bonn der Mittelamerika-Republik, der sie Mißachtung der Menschenrechte vorwirft, 1982 die staatliche Entwicklungshilfe gestrichen hat, propagieren vornehmlich Sozialdemokraten und Grüne die Nicaragua-Partnerschaften als "Entwicklungshilfe von unten".
Den ersten Anstoß zum Nord-Süd-Bund haben einige Kommunen von ihren europäischen Partnerstädten erhalten. So wurde das rheinische Hürth erst "durch eine Anregung aus Holland" (Stadtdirektor Georg Rogge) im kenianischen Kabarnet aktiv. Weingarten im Schwäbischen kam durch seine französische Partnerstadt Bron zu einem Dritte-Welt-Projekt. Gemeinsam unterstützen beide Städte seither im Sahel-Land Mali Projekte wie den Bau von Brunnen und Bewässerungsleitungen für Reisfelder.
Vor allem aber sind es lokale Dritte-Welt-Kreise und Bürgerinitiativen, Kirchengemeinden, Friedensgruppen und Parteiverbände, die Entwicklungspartnerschaften ankurbeln. So bewegten die Mitglieder eines Vereins "Bürgerpartnerschaft Dritte Welt" im südhessischen Idstein ihre Stadt zum Bund mit Moshi in Tansania. Im nordrhein-westfälischen Oerlinghausen trug die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe des örtlichen Gymnasiums ein Partnerschaftsprojekt in der chilenischen Hauptstadt Santiago an den Stadtrat heran.
In Osnabrück machten das "Aktionszentrum Dritte Welt" und der "Dritte-Welt-Laden" für die Unterstützung von Zamboanga auf den Philippinen mobil. Und ohne den Verein "Hermandad" (Brüderlichkeit), der von Lehrern, Studenten und der SPD-nahen Jugendorganisation "Die Falken" mitgetragen wird, wäre die Revierstadt Herne keine Partnerschaft mit der Nicaragua-Insel Ometepe eingegangen.
Ihre Dritte-Welt-Bündnisse deklarieren etliche Kommunen jedoch nicht als offizielle Städtepartnerschaft, sondern als "entwicklungspolitische Zusammenarbeit", als "Patenschaft" oder als "Städtesolidarität", wie etwa Bremen seine Verbindung mit dem indischen Poona bezeichnet. "Mit dem traditionellen Begriff der Partnerschaft", erklärt Gunther Hilliges, der beim Senat der Hansestadt die Entwicklungszusammenarbeit betreut, werde "sonst nur vertuscht, daß zwischen den Städten in vielen Bereichen Welten liegen".
Mit den hergebrachten Partnerschaften, die aus dem Wunsch nach gegenseitigen Bürgerbegegnungen erwuchsen, haben die exotischen Bünde wenig gemein. Wegen der großen Entfernungen und der teuren Reisekosten ist kaum eine Stadt bereit, Besuchsprogramme zu finanzieren. Eine Dritte-Welt-Freundschaft, bedauert der Herner Oberstadtdirektor Roland Kirchhof, werde deshalb meist "eine ,Fernliebe' bleiben müssen".
Daß Jugendliche mal auf Fahrt in ein Entwicklungsland gehen können, wie eine Gruppe aus dem Jugendzentrum Lahnstein, die ihre Partnerstadt Ouahigouya in Burkina Faso besuchen durfte, ist die Ausnahme. Und noch viel seltener sind Gegenbesuche aus dem Süden, wie ihn Hürth in diesem Sommer bekam. Auf Kosten der Stadt durften die beiden besten Schüler des Deutschkurses von Kabarnet für drei Wochen von Kenia ins Rheinische fliegen.
In den Entwicklungsländern kann sich nur eine auserlesene Honoratioren-Schar die Reise in die Bundesrepublik leisten. Aus deutschen Städten zieht es zumeist nur kleine Grüppchen von Hobby-Entwicklungshelfern, die mal Alternativ-Urlaub machen wollen, in die Partnerstädte, so den Ladenburger Oberstudienrat Franz-Josef Völker, 57. "Aus Engagement" und weil ihn das "persönliche Abenteuer" lockte, hatte sich der Lehrer mit drei Kollegen und zwei Ingenieuren im letzten Jahr in die Partnerstadt Garango im westafrikanischen Burkina Faso aufgemacht. Zwei Wochen blieben die Baden-Württemberger in dem Dorf, reparierten die Elektroinstallationen im Krankenhaus und besichtigten die Mangobaumpflanzungen, die Ladenburg finanziert hatte.
Eine Ausnahme bilden die Freundschaftsbünde mit Nicaragua. Mobilisiert durch breite Solidaritätskampagnen und angelockt auch von revolutionärem Flair, starteten im letzten Jahr Hunderte von Aktivisten zu Stippvisiten oder längeren Arbeitsaufenthalten in die Sandinisten-Republik. Allein aus Hamburg machten sich ein Dutzend Helfer auf den Weg in die Partnerstadt Leon, weil sie, wie ein Elektriker aus dem Hambur* Wasserversorgung in Leon. ger Hafen, der dort in seinem Urlaub Stromleitungen verlegt hat, die "Revolution da sehr sympathisch" fanden.
Trotz des Mangels an Bürgerbegegnungen sind Dritte-Welt-Freundschaften zumeist lebendiger als die Beziehungen zu europäischen Städten.
Während die traditionellen Partnerschaften sich oft im steifen Honoratioren-Tourismus und im sporadischen Austausch von Kirchenchören und Feuerwehrkapellen erschöpfen, wecken die exotischen Verbindungen in der Bevölkerung beachtliche Aktivität.
Kirchgänger, Krankenschwestern und Kneipenwirte ziehen vielerorts mit der Sammelbüchse los. Fußballklubs veranstalten Benefiz-Spiele, Ortsvereine stiften die Einnahmen aus Straßenfesten, Schulklassen spenden Basar-Erlöse. Für Leon werkeln in Hamburg drei Dutzend Gruppen aus Pastoren und Pensionären, Ärzten und Arbeitslosen, Lehrern, Schülern, Gewerkschafts-, Frauen- und Stadtteil-Initiativen. Sie organisieren, woran es der Partnerstadt mangelt: einen Kleinbus für die Sonderschule, Geräte für "Radio Venceremos", Maschinen für die Lederfabrik, tonnenweise Hefte, Stifte und Radiergummis für zwei Dutzend Partnerschulen, Geld für ein Diagnosezentrum, für eine Rechtsberatung und einen Soja-Ernährungskurs im Frauenhaus.
An etlichen Schulen sind die Partnerschaften zudem Arbeitsthema. Vielen Lehrern wie dem Studienrat Bernd-Dieter Röhrscheid, 41, gelten sie als "unverzichtbarer Unterrichtsgegenstand". Wenn der Pädagoge seinen Schülern am Willicher St.-Bernhard-Gymnasium die "abstrakte Problematik des Nord-Süd-Konflikts" erläutern will, greift er am liebsten zu Diavorträgen und Reiseberichten aus der Patenregion Zogoree. Röhrscheid: "Dazu haben die Schüler einen Bezug, das ist ihnen ein Begriff."
In der Auseinandersetzung mit den Nöten der Partner sehen Verfechter kommunaler Entwicklungszusammenarbeit wie der Bremer Hilliges denn auch die "große Chance, Verständnis für die Probleme der Entwicklungsländer zu wecken". Andere Befürworter sehen darin eine gute Möglichkeit, dem wachsenden Fremdenhaß entgegenzuwirken.
Mehr als jede Sammelaktion für anonyme Projekte von Hilfswerken, hofft Stefan Chrobot, Referent für Entwicklungszusammenarbeit in der Hamburger Senatskanzlei, könnten die neuen Partnerschaften "bewirken, daß bei uns Bewußtsein wächst und Verantwortung für Nord-Süd-Fragen entsteht". Neben den Spenden organisieren etliche Kommunen deshalb auch Info-Abende und Volkshochschul-Vorträge oder versuchen, wie Hürth, durch Partnerschaftsfeste und Ausstellungen "die Bevölkerung mit der Entwicklungsproblematik zu konfrontieren".
Der finanzielle Aufwand für die Entwicklungshilfe-Ambitionen der Gemeinden hält sich in Grenzen. Bremens Poona-Förderung kostet jährlich rund 100 000 Mark, Düsseldorf ist die Unterstützung von Ciudad Sandino in Nicaragua 50 000 Mark wert, der Landkreis Osterholz und seine Gemeinden stellen in ihren Haushalten 15 000 Mark für Hilfsmaßnahmen bereit. Die Gesamtmittel der kommunalen Entwicklungshilfe schätzen Fachleute wie Weisrock auf bundesweit "über zehn Millionen Mark im Jahr", Tendenz steigend.
Von Ausnahmefällen abgesehen, sind die Entwicklungspartnerschaften rechtlich unproblematisch. Welche Dritte-Welt-Projekte die Städte, die nach dem Grundgesetz eigentlich nur "Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft" (Artikel 28) wahrnehmen sollen, aus den Steuerkassen finanzieren dürfen, haben die Innenminister der Länder 1985 festgeschrieben: "Grundvoraussetzung" einer solchen "kommunalen Auslandsarbeit" sei, daß die Städte, ähnlich wie bei der hergebrachten Partnerschaft, "Gemeinden oder vergleichbare Institutionen im Ausland zum Partner" haben und daß die Entwicklungsarbeit auch in der deutschen Gemeinde verankert sei.
So erhob die Bezirksregierung Lüneburg prompt Einspruch, als der Stadtrat von Uelzen für ein Entwicklungsprojekt seiner französischen Partnerstadt in Afrika pauschal "den zehntausendsten Teil des Haushalts" bereitstellen wollte - gewissermaßen als Scheckbuchhilfe ohne Gemeindebezug.
Und in Köln legte vor zwei Jahren der Regierungspräsident sein Veto ein, als der Erftkreis ein Rechtshilfebüro für Schwarze in Südafrika mit 30 000 Mark unterstützen wollte. Der Kampf gegen die Apartheid, befand die Oberbehörde, sei kein Gemeindeauftrag.
Von solchen Fällen abgesehen, fördern die meisten Bundesländer das kommunale Engagement inzwischen mit Zuschüssen und Broschüren ("Die Dritte Welt im Rathaus"). Auch BMZ-Chef Warnke propagiert die "Entwicklungshilfe zum Anfassen". Dennoch warnen Kenner der kommunalen Hilfe wie der Bielefelder Soziologe Manfred Glagow vor einer "allzu optimistischen Bewertung" der Städte-Initiativen.
Nach der Begutachtung der Projekte, Patenschaften und Partnerschaften von 75 nordrhein-westfälischen Gemeinden sieht Glagow für die Initiativen vor allem die "Gefahr, von Stadtdirektoren als schlagzeilenträchtiger Schmuck benutzt" zu werden. Glagow: "Die Kommunalpolitiker haben die Publikumswirksamkeit und Prestigeträchtigkeit der Dritte-Welt-Partnerschaften erkannt."
Und natürlich nutzen manche Bürgermeister die Beziehungen auch zu exotischen Dienstreisen. Hamburgs Erster Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) etwa plant im nächsten Jahr, zu einem Antrittsbesuch nach Leon zu jetten. Auf einem Kongreß über kommunale Entwicklungsarbeit Ende letzten Jahres in Mainz brüsteten sich, wie der Bremer Experte Hilliges erinnert, etliche Stadtvertreter "mit Pressefotos, auf denen sie ,Negerhäuptlingen' Schecks in die Hand drücken".
Doch es ist nicht nur das bisweilen "traurige Etiketten-Tamtam" (Hilliges) von eitlen Stadtoberen, das kritische Entwicklungshelfer beklagen. Für "sehr problematisch" halten es Profis wie Holger Baum von der Deutschen Welthungerhilfe auch, daß manche Kommune ihre Projekte allzu naiv angeht: "In ihrer Machermentalität", kritisiert Baum, "rennen die Städte mit gutem Willen in die Falle."
Schon die Auswahl der Projekte, beklagen Baum und Kollegen, geschehe bisweilen "ohne Kenntnis der lokalen Macht- und Wirtschaftsverhältnisse und ohne Rücksicht auf die Folgekosten". So habe eine Gemeinde im Südbadischen einen Krankenwagen in eine Partnerstadt auf den Philippinen schicken wollen, "ohne zu bedenken, wer für die Reparaturen aufkommt und ob da unten überhaupt jemand den Wagen fahren kann".
Probleme bereitet den Kommunen, ebenso wie der Bundesregierung, bisweilen die Erfolgskontrolle. Regelmäßige Projektbesuche von fachkundigen Bürgern sind die Ausnahme, und selbst die sind vielfach ihren Gesprächspartnern in den Entwicklungsländern auf Treu und Glauben ausgeliefert.
Pioniere in der kommunalen Entwicklungshilfe wie Duisburgs Oberbürgermeister Josef Krings räumen freimütig ein, daß nicht immer alles klappt wie gewünscht. Die Rheinstadt wollte in der togoischen Hauptstadt Lome die Feuerwehr modernisieren und die Krankenversorgung verbessern.
Doch für die unbefestigten Straßen waren die schweren Löschzüge ungeeignet. Dem ausrangierten Krankenwagen, den Duisburg seiner Partnerstadt gestiftet hatte, fehlte bald ein Rad, das nicht ersetzt werden konnte. Und die in Duisburger Kliniken ausgebildeten Krankenpfleger wollten nicht mehr in ihre Heimat zurück. "Unsere Partnerschaft mit Lome", gesteht Krings, "muß als gescheitert betrachtet werden."
Vor allem wenn die Verbindungen auf Einzelinitiativen zurückgehen und von den Städten nur nebenbei verwaltet werden, können die Partnerschaften nach kurzem Strohfeuer erlöschen.
Der Landkreis Osterholz, der vor Jahren durch die Brieffreundschaft eines Kreistagsabgeordneten mit einer philippinischen Lehrerin auf die Projektidee mit Sagay gekommen war, hat etliche Gelder vergeudet. Weil sich "nach einiger Zeit niemand mehr richtig darum gekümmert hat", berichtet Charlotte Gödicke von der Partnerschaftsinitiative, seien die Spendengelder "allmählich irgendwo versandet".
Doch nur selten halten solche Rückschläge eine Kommune davon ab, die Partnerschaft aufzugeben - allein schon weil die Befürworter vom pädagogischen und politischen Wert des Projekts überzeugt sind. Nachdem in Osterholz die Partnerschaft mit Sagay durch das Engagement einer Bürgerinitiative um die Lehrerin Gödicke erstarkt ist, will der Landkreis künftig aufs neue zahlen.
Im nächsten Monat schickt Oberkreisdirektor von Friedrichs einen Abgesandten auf die Philippinen-Insel, der dort die Projektarbeit vorantreiben soll - mit 36 000 Mark aus der Kasse des 95 000-Einwohner-Kreises.

DER SPIEGEL 41/1989
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