09.10.1989

BücherNähen für Singapur

Mit Fernost-Tricks müssen sich Autoren erfolgreicher Reiseführer herumschlagen, die ein Bertelsmann-Verlag vermarktet.
Das Buch mit dem Allerweltstitel "Berlin" bietet Besuchern der Stadt eine wohlgelungene Orientierung. Die Beiträge schildern Ausstrahlung und Schicksal Berlins - alles "klug gewählt und durchdacht", wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) lobte.
Der 320-Seiten-Band vom vorigen Frühjahr, Einzelpreis 39,80 Mark, verhalf dem Münchner RV Reise- und Verkehrsverlag, einer Tochter von Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann, zu ansehnlichen Umsätzen. Nur einer wartet noch immer auf sein Geld: der Berliner Journalist Rolf Steinberg, der das Buch konzipiert hat.
Steinberg fiel auf einen trickreichen Beschäftigungsvertrag herein. Auch andere Mitarbeiter der Buchreihe, die Reiseführer über München, Rom, Venedig, Paris und Touristenziele in Übersee umfaßt, beschweren sich über "Knebelverträge", schlampige Abwicklung und Honorarstreitigkeiten. "Ich hatte nicht geglaubt", klagt Steinberg, "daß Bertelsmann Wildwestmethoden deckt, mit denen freie Autoren ausgeplündert werden."
Die Mitarbeiter haben es nicht unmittelbar mit Bertelsmanns RV-Verlag zu tun, sondern mit der Firma APA Publications, Sitz Singapur. APA-Verleger Hans Höfer sucht sich zunächst Vertragspartner, die als sogenannte Projektredakteure Verträge mit Textautoren und Fotografen abschließen.
Sie erkannten zu spät, daß sie im Grunde rechtlos waren. Steinberg fühlt sich an "Geschäftsmethoden einer Firma" erinnert, "die in Heimarbeit Kleider nähen läßt, aber einen fernöstlichen Auftraggeber zwischenschaltet, um das deutsche Arbeits- und Tarifrecht zu umgehen".
Als Näherin für Singapur saß auch die Münchner Autorin Susanne Rick, Projektredakteurin des APA-Reiseführers "München", bald "mittendrin im Schlamassel". Es kam zu Streitigkeiten über die Beschäftigung und Bezahlung von Fotografen wie Autoren. Organisatorische Pannen in Singapur und in der Münchner APA-Filiale produzierten ein regelrechtes "Chaos", erinnert sich Buchmacherin Rick.
Beispiel Gerd Pfeiffer in München: Der Fotograf lieferte APA mehr als 1000 Dias für die Bebilderung des im März erschienenen München-Führers. Davon gingen etwa 250 Stück auf dem Weg zum oder vom Druckort Singapur verschütt, so genau weiß das keiner - Pfeiffer erhielt sie bisher nicht zurück.
Beispiel Günter Schneider in Berlin: "Aus Vorsicht" hatte der Fotograf 150 Berlin-Dias nur gegen eine Anzahlung herausgegeben. Doch erst nach "massiven Mahnungen" (Schneider) erhielt er von APA eine zweite Honorar-Rate. Ein Restbetrag, der in Form von Berlin-Führern abgegolten werden sollte, steht ebenso aus wie restliche Dias, die Schneider wie Pfeiffer nicht wiederbekam.
Schlampereien wie bei den APA-Guides hat Fotograf Pfeiffer, der vielerlei Zeitschriften, Verlage und Archive beliefert, noch nicht erlebt. Immerhin werden professionell gemachte Dias zu Marktwerten von je 700 bis 1200 Mark gehandelt. Um so erstaunter ist er, wie nonchalant der RV Reise- und Verkehrsverlag Beschwerden der APA-Zulieferer abtut. Pfeiffer: "Die schieben die Verantwortung weg."
Der renommierte Fachverlag des Bertelsmann-Konzerns vertreibt die deutschsprachigen Ausgaben der "APA-Guides zu den schönsten Städten der Welt" (Serienname) weltweit. Die Auslieferung übernahm der ebenfalls Bertelsmann-eigene GeoCenter Verlagsvertrieb.
Doch als sich "Berlin"-Redakteur Steinberg bei der Frankfurter Buchmesse vor zwei Jahren auf dem RV-Stand über die Säumigkeit von APA-Chef Höfer beklagte, sah er sich von RV-Verlagsleiter Rainer Cordes "wie einen lästigen Hund" davongejagt. Im März beschied ihn Cordes, er möge sich wegen "etwaiger ungeklärter Honorar- und Urheberrechtsfragen direkt mit APA" in Singapur ins Benehmen setzen.
Das aber hatte Steinberg vergeblich versucht. Für seine Tätigkeit als Projektredakteur stand ihm eine Vertragssumme von 18 750 Mark zu. Er sammelte ein buntes Grüppchen von Essayschreibern, Stadtreportern und Milieufotografen, die in dem Berlin-Guide "ein vielstimmiges Konzert, doch kein wahlloses Potpourri entstehen ließen" (FAZ).
Weil aber, wie es mit Kreativen so geht, nicht alle Manuskripte termingerecht abgeliefert wurden, behielt APA kurzerhand 5100 Mark ein. Weitere rund 7000 Mark stehen Steinberg, nach seiner Rechnung, für selbstgefertigte Beiträge, Fotos und von ihm verauslagte Autorenvorschüsse zu. Obwohl sein Berlin-Führer längst ein Verkaufserfolg ist, der auch in einer italienischen Ausgabe herauskam, bemühte er sich vergeblich um sein Geld.
Sein Berliner Anwalt kam nach Prüfung des Beschäftigungsvertrags zu dem Ergebnis, Steinberg müsse APA-Chef Höfer an dessen "Erfüllungsort" Singapur verklagen, allerdings nach dem "Recht von Hongkong". Ein solches Prozeß-Abenteuer aber kann sich Privatmann Steinberg nicht leisten.
Der Autor konnte lediglich verhindern, daß eine geplante Ausgabe, in der sein Name nicht genannt werden sollte, auf den Markt kam. Die Redaktion des Buches war allein dem damaligen Münchner APA-Vertreter Heinz Vestner zugeschrieben worden, den wiederum die Projektredakteurin Rick für etliche Verzögerungen bei ihrem "München"-Guide verantwortlich macht. APA hat sich inzwischen von Vestner getrennt.
Ein Schreiben an den RV-Verlag, in dem Steinbergs Anwalt drohte, sein Mandant werde die Urheberrechte widerrufen, ging ins Leere. Denn statt einer "Stellungnahme unserer Rechtsabteilung", die Cordes ankündigte, meldete sich ein APA-Anwalt und bestritt alle finanziellen Ansprüche des Autors. Der kann sich, wegen der Vertragslage, dagegen nicht wehren.
Cordes mauert, er könne Beschwerden nur "pflichtgemäß weitergeben". Denn: "Absprache und Abläufe zwischen APA und den Autoren entziehen sich unserer Kenntnis."

DER SPIEGEL 41/1989
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