09.10.1989

AutomobileGeliebter Stinker

Seit letzter Woche ist es amtlich: Flüchtlings-Trabis aus der DDR haben, allen Abgasbestimmungen zum Trotz, freie Fahrt im Westen.
Zuerst fuhren sie, ohne Rücksicht auf westliche Nasen und Baumwipfel, "im rechtsfreien Raum", wie ein ADAC-Sprecher formulierte. Bläuliches Auspuffgas entströmte ihnen wie zarte Kondensstreifen und verbreitete jenen eigenartigen, süßlich-stechenden Geruch, den nur Kenner gleich zu deuten wußten.
Es war verfemter Odem aus Zweitaktmotoren. Er enthält rund siebenmal so hohe Anteile unverbrannter Kohlenwasserstoffe wie das Abgas eines herkömmlichen Viertakters ohne Katalysator. Bundesbürgern ist das Auto mit Zweitaktmotor daher seit längerem gesetzlich verwehrt.
Die Tausende von bläßlichen Kleinwagen mit dem Schriftzug "Trabant 601" am Heck, die das vertrackte Odeur seit kurzem wieder auf bundesdeutsche Straßen brachten, waren zwar gefeit gegen den Vorwurf des Umweltfrevels. Ihre aus der DDR geflüchteten Eigentümer durften erst mal unbesorgt loszuckeln, weil sich Zulassungsbehörden, TÜV und Autoversicherer im Bundesgebiet zu einer laut ADAC "handgestrickten" Regelung herbeiließen. Aber was würde, so die Sorge der Flüchtlinge, danach kommen?
Nun ist es gewiß: Trotz blauer Auspuffahnen bleibt es für die zweitakternden DDR-Autos bei unbeschwerter freier Fahrt im Westen. Am vergangenen Freitag erlangte eine Verfügung des Bundesverkehrsministers Gesetzeskraft, die "aus sozialen Gründen" alle mit Zweitaktmotoren ausgerüsteten Fahrzeuge der DDR-Flüchtlinge von den Abgasbestimmungen befreit. Die Regelung, der das Umweltministerium erst nach Zögern zugestimmt hat, gilt für die Lebensdauer der Fahrzeuge, die mithin auch verkauft werden dürfen. Bis Ende letzter Woche waren, außer einigen hundert Zweitakter-Wartburg, rund 4000 Trabant-Autos mit Flüchtlingen ins Bundesgebiet gefahren.
Behördliche Gnade wird einem Vehikel zuteil, das von seinen Besitzern als Volkswagen des Arbeiter-und-Bauern-Staates gewiß genauso geliebt wird wie jahrzehntelang der kapitalistische Wolfsburger Käfer von den Westlern. Seit seiner ersten Vorstellung vor 30 Jahren haben die Automobilwerker der DDR auf den einst von der Auto Union (Horch, Audi, Wanderer, DKW) eingerichteten Produktionsstätten in Zwickau mehr als zwei Millionen Stück gebaut. Nur nach westlichen Maßstäben mutet seltsam an, daß sich die heute produzierten Trabant-Typen, jährlich etwa 140 000 Stück, weder innen noch außen nennenswert vom Erstling des Jahres 1959 unterscheiden.
Der 3,50 Meter messende Trabant hat eine Kunststoffkarosserie, die als einzigen Vorteil zu bieten hat, daß sie nicht rosten kann. Es geht eng zu im Innenraum des Viersitzers, den ein per Gebläse gekühlter Zweitaktmotor antreibt, wie er im Prinzip als Erblast aus alten Zweitakter-Herrlichkeiten der Auto Union übernommen wurde.
Das Triebwerk hat ein auf zwei Zylinder verteiltes Volumen von 600 Kubikzentimetern Hubraum (im Westen schon manchem Motorradfahrer zuwenig), wird mit einer Mixtur aus Öl und Benzin betankt und bringt bei äußerster Anstrengung 26 PS zustande. Dabei kommt es zu jener unwirtschaftlichen und unvollkommenen Verbrennung, die dem Zweitaktmotor wegen seines unfreundlichen Einwirkens auf die Umwelt in anderen Ländern längst den Garaus gemacht hat. 100 bis 110 km/h Höchstgeschwindigkeit bei Vollgas, mehr ist nicht zu erwarten, und an längeren Steigungen gerät der volkseigene Stinker alsbald ins Schnaufen.
Wer ihn haben wollte, mußte - zu vergleichsweise horrenden Preisen von über 10 000 Mark - nach der Bestellung wenigstens zehn Jahre auf ihn warten. Aber wer wollte ihn wohl nicht, den liebevoll "Trabi" genannten Garanten eines köstlichen Minimums an Fortkommen nach eigenem Gusto?
Was fielen da die tristen Farbvarianten noch ins Gewicht, die zur Wahl standen? Außer weißlichem Hellgrau, einem hellen Blau oder einem blassen Braun war kein froherer Farbton zu haben. Eines der Standard-Witzchen aus dem schier unerschöpflichen Fundus motorisierter DDR-Bürger stellt denn auch die Frage: "Warum gibt's keinen schwarzlackierten Trabi?" Antwort: "Damit er nicht mit einem Brikett verwechselt werden kann."
Jeder Trabi-Fahrer weiß auch, warum die Konstrukteure dem Trabant nur ein Auspuffrohr zugestanden haben - "damit keiner auf die Idee kommt, ihn als Schubkarren zu verwenden". Und in wohlmeinendem Spott nahm sich das Trabi-Volk auch den Komfort des Autos vor, dessen Akustik von einem nur unvollkommen abgeschirmten Stottermotor beherrscht wird. "Der ist so angenehm leise", witzelt Genosse Trabi-Lenker, "weil wir uns beim Sitzen zwangsläufig mit den Knien die Ohren zuhalten."
Geliebt wird er, und geliebt wird in ihm: Wie einst zwei Generationen Amerikaner im ollen Ford Model T gezeugt wurden, waren es angeblich wenigstens anderthalb Generationen DDR-Deutsche auf den serienmäßigen Liegesitzen des Trabi.
Allein die Grünen waren in Bonn sogleich dafür eingetreten, alle Flüchtlings-Trabis zu verschrotten. Die Einwanderer sollten mit kostenlosen Netzkarten der Bundesbahn entschädigt werden. Aber nicht wenigen Grünen war diese Forderung ihres Pressesprechers Franz Stänner einigermaßen peinlich, lief sie doch darauf hinaus, die Aussiedler quasi zu enteignen.
Auf den süddeutschen Automobilschriftsteller Fritz B. Busch, der vor Jahren einen Trabi für sein Automuseum erwarb, wirkte der Zweitakter-Mülm offenbar wie ein betörendes, an ferne Wirtschaftswunder-Jahre erinnerndes Parfüm. Er mußte mit dem Auto sogleich über ein paar Alpenpässe.
"Man fühlt sich sauwohl", befand Busch nach seinem nostalgischen Ausflug mit Krückstockschaltung und Getriebe-Freilauf. "Eine DDR-Familie in einem Trabant", resümierte der Museumsdirektor, "erinnert mich an Menschen, die am Abend noch auf der Bank vor ihrem Haus unter der alten Linde sitzen, anstatt sich Dallas anzugucken."

DER SPIEGEL 41/1989
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