13.11.1989

VersicherungenSteile Abstürze

Mit einem rabiaten Rückstufungssystem bei den Rabatten für Schadensfreiheit wollen sich die Versicherungen bei den Autofahrern bedienen.
Deutschlands Autofahrer, sonst dauernd in der Schußlinie, konnten mal aufatmen. Die Prämien für ihre Haftpflichtversicherung, so wurde ihnen letzten Monat von Amts wegen mitgeteilt, sollen im neuen Jahr nur um "durchschnittlich drei Prozent" steigen. Und bei "einzelnen Wagnisgruppen", * Auf der Autobahn Nürnberg-München. setzte das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen der guten Botschaft noch eins drauf, werde es "sogar zu einer Senkung des bisherigen Beitrags kommen".
"Mehr Rabatt für jeden vierten Autofahrer", freute sich Auto Bild mit seinen Lesern. Doch mit diesem Nachlaß ist es nicht weit her: Erhebliche Teile des fahrenden Volks werden künftig schlechter gestellt sein - auch und ausgerechnet diejenigen, die besonders lange ohne Unfall steuern.
Schwer zu erkennen war schon die Not, mit der die Versicherer ihre allgemeine Anhebung begründeten - angesichts rückläufiger Unfallzahlen. 95 Millionen Mark, beteuerte das Gewerbe, seien gleichwohl letztes Jahr zugesetzt worden, und da seien die drei Prozent doch wohl nicht zuviel. Aber dabei bleibt es auch nicht.
Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Bonus für umsichtiges Fahrverhalten, erweist sich bei näherer Betrachtung als klares Minus. Auf die bisher geltenden und nach unfallfreien Jahren gestaffelten Schadensfreiheitsgruppen 1 bis 13 hat die Versicherungswirtschaft zwei neue Tarife gepfropft. Wer nach anderthalb Jahrzehnten unfallfrei in die höchste Klasse 15 gefahren ist, soll fortan nur noch 35 Prozent seiner Grundprämie bezahlen müssen - fünf Prozent weniger als der jetzt gültige Spitzenrabatt.
Den erreicht ein Autofahrer derzeit jedoch bereits nach neun unfallfreien Jahren. Künftig braucht er also sechs Jahre länger für den Weg zum höchstmöglichen Nachlaß. Wenn ihm in dieser Zeit ein Unglück widerfährt, drohen ihm drakonische Rückstufungen und mithin wieder höhere Prämien.
Das neue Tarifsystem verschleiert die Teuerungen durch scheinbare Vorteile. Zwei Beispiele: Ein Kraftfahrer mit 15 unfallfreien Jahren, der heute bei einer Karambolage in die Schadensstufe 8 zurück muß, wird künftig zwar nur nach 9 versetzt. Doch während er bislang nur ein Jahr benötigte, um wieder an den Spitzenrabatt zu kommen, braucht er dazu in Zukunft sechs lange Jahre - bis nach Rang 15.
Und kracht es bei jemandem, der zuvor zwölf Jahre lang unfallfrei gefahren ist, steigt er derzeit ebenfalls in die Klasse 8 ab. Aber nach einem Jahr ist auch er wieder an der Rabattspitze, und wenn er beispielsweise ein in Bonn zugelassenes Golf-Cabrio mit 95 Pferdestärken besitzt, kostet ihn die Havarie einen Prämienzuschlag von 61,10 Mark.
Nach dem neuen System aber wird er in die Klasse 6 absteigen - und neun Jahre lang für den Unfall büßen. An zusätzlicher Prämie zahlt er dann 854,60 Mark, 14mal mehr als bisher.
Auch die Nachwuchsfahrer erwartet nichts Gutes zum neuen Jahr. Ein Anfänger in der Klasse 0 etwa, der schon im ersten Jahr einen Unfall hatte, mußte das bislang neun Jahre lang mit Extra-Prämien ausbaden - auch wenn ihm danach nichts Einschlägiges mehr widerfuhr. Zukünftig aber wird er dafür noch in 15 Jahren zur Ader gelassen.
Auf politischen Beistand gegen die steilen Abstürze dürfen Westdeutschlands Autofahrer - und das heißt allemal: die Masse der Bevölkerung - wohl nicht rechnen. Zwar wollte der SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Würtz von der Regierung wissen, ob der neue Versicherungszuschlag, der "zu krasse und ungerechtfertigte Rückstufungen ermöglicht", nicht doch verhindert werden sollte.
Aber Staatssekretär Otto Schlecht vom Bonner Wirtschaftsressort sah keinen Anlaß. Das geplante Rückstufungssystem, antwortete er auf die schriftliche Anfrage, entspreche den "statistisch erfaßten und abgesicherten Schadensverläufen". In solchem Fall sei das Bundesaufsichtsamt gemäß dem Pflichtversicherungsgesetz gehalten, die Neuerung zu genehmigen.
Im Paragraph 8 dieses Gesetzes ist festgelegt, unter welchen Umständen das Aufsichtsamt sich der Forderung nach höheren Tarifen nicht entziehen kann. Das ist etwa der Fall, wenn "das Interesse der Versicherungspflichtigen an der Gewährung des Versicherungsschutzes zu einem angemessenen Beitrag hinreichend gewahrt" ist. Doch ob dieser Vorbehalt bei dem neuen Rückstufungsroulett noch beachtet wird, bezweifelt selbst der Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute.
Das alles sei "Gift für den Versicherungsgedanken", erklärten die Kaufleute, und ein "Keim für Mißtrauen auch gegenüber anderen Versicherungen". Die Vertreter wissen zum Beispiel nicht, was sie ihren Kunden demnächst raten sollen: den Schaden aus der eigenen Tasche zu bezahlen oder, wenn es billiger wird, die Versicherung zu beanspruchen und dabei eine Rückstufung in Kauf zu nehmen.
Bislang war das ein simples Rechenexempel und, so der Verbandsvize Günther Jung, noch "eine halbwegs überschaubare Entscheidung". Da aber niemand mehr sagen kann, was womöglich in 15 Jahren ist, wie hoch die Prämien dann sind, welchen Wagentyp und ob er überhaupt noch einen steuert, sind solche Empfehlungen nicht mehr ratsam.
Jung begreift seine Branche nicht mehr: "Was der verkehrspädagogische Sinn sein soll, daß 12 oder 20 Jahre unfallfreie Fahrer nach einem Mißgeschick mit einer sechs- oder siebenjährigen Rabattrückstufung an eine vorsichtigere Fahrweise erinnert werden müssen, ist nicht ersichtlich."

DER SPIEGEL 46/1989
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