09.10.1989

MedienSpekulative Erwartung

Die Japaner greifen Hollywood an, der US-Filmindustrie droht der Ausverkauf.
Hollywood war für Roberto Goizueta nie ein Platz, wo ordentliche Geschäfte gemacht werden. Nur selten ließ sich der Chef des Getränkemultis Coca-Cola in der Filmhauptstadt sehen. Dabei gehörte mit der Columbia Pictures Entertainment Inc. schon seit sieben Jahren eine der größten Filmfirmen zum Coca-Imperium.
Bis heute hat der Limonaden-Manager die Regeln der Leinwandbranche kaum verstanden. Die großen Erfolge der Columbia - Filme wie "Lawrence von Arabien", "Ghostbusters" oder "Kramer gegen Kramer" - liegen schon einige Jahre zurück. "Wie man Coca-Cola verkauft, weiß ich", gesteht der Italo-Amerikaner, "aber wie man Leute ins Kino bekommt, ist mir ein Rätsel."
Goizueta hat das Problem jetzt gelöst. Anfang vergangener Woche empfahl er seinem Verwaltungsrat den Verkauf von Columbia an den japanischen Elektronik-Giganten Sony. Keiner widersprach. Der Preis von insgesamt 3,4 Milliarden Dollar in bar war einfach zu verlockend, zumal sich die Japaner verpflichteten, auch die rund 1,4 Milliarden Dollar Schulden der Filmgesellschaft zu übernehmen.
Columbia ist nicht der erste Hollywood-Gigant, der von Ausländern geschluckt wurde - und er wird nicht der letzte sein.
Erst Mitte September übernahm die australische Quintex-Gruppe die traditionsreichen Studios der Metro-Goldwyn-Mayer und der United Artists, die in der Holding MGM/UA Communications zusammengeschlossen sind. Monatelang hatten sich Quintex und der australo-amerikanische Medienmogul Rupert Murdoch erbittert um MGM/UA gestritten.
Der unterlegene Murdoch sitzt allerdings bereits in Hollywood. Seine internationale Medienholding News Corp. schluckte vor vier Jahren die Twentieth Century Fox. Zum riesigen Fox-Filmbestand gehören Kassenerfolge wie "Star Wars" und "Crocodile Dundee", "Alien" und der Klassiker "M.A.S.H."
Murdoch, der weltweit Fernsehstationen, Verlage und Zeitungen besitzt, wollte mit MGM/UA zur Nummer eins in Hollywood aufsteigen. Erst als Quintex einen Preis von 1,45 Milliarden Dollar bot, paßte der expansionswütige Medienherrscher. Rupert Murdoch hält die Summe für völlig überhöht.
Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, beim Run auf Hollywood können sich die Studio-Eigner in aller Ruhe ihre Käufer aussuchen. Auch Sony war beim Kampf um Columbia nicht allein. Die Tokioter Elektronik-Firma JVC versuchte monatelang, dem heimischen Konkurrenten den Columbia-Deal streitig zu machen. Der Zweikampf trieb den Preis in die Höhe.
Die JVC-Manager suchen unterdes weiter. Zunächst mal wollen sie nun in den USA über den Hollywood-Produzenten Lawrence Gordon ins Geschäft kommen. Der Amerikaner kriegt von den Japanern ein Startkapital von mehr als 100 Millionen Dollar, eines der etablierten Studios soll - wenn möglich - bald dazukommen.
An der Wall Street werden die Aktien der US-Filmkonzerne durch die japanischen Träume angeheizt. Die Kurse von Hollywood-Konzernen wie Paramount, Orion Pictures oder MCA steigen in der spekulativen Erwartung einer Übernahme beständig an.
Die Chancen auf einen schnellen Gewinn stehen gut für Spekulanten. Denn andere Nippon-Firmen, etwa das Unterhaltungskonglomerat Shochiku-Fuji oder die Zeron-Gruppe, sind in der Filmmetropole ebenfalls auf Einkaufstour.
Den neuen Herren aus Übersee geht es dabei weniger um die Produktion neuer Filme, wichtiger sind ihnen die riesigen Filmbestände Hollywoods. Die lassen sich, so die Hoffnung, auf dem vor allem in Europa und Japan schnell wachsenden Fernsehmarkt trefflich absetzen.
Sonys Topmanager Akio Morita und Norio Ohga verfolgen mit dem Aufkauf von Columbia noch ein spezielles Interesse. Die rund 2700 Spielfilme und 23 000 Fernsehproduktionen aus dem Columbia-Archiv sollen ihnen helfen, ihre neuen Mini-Videorecorder (Video 8) international durchzusetzen. Dank der auf Klein-Videobänder kopierten Columbia-Filme sollen die Miniaturgeräte bald mehr Kundschaft finden.
Doch auch Neues aus Hollywoods Traumfabriken wollen die Japaner in die Kinos und auf die Bildschirme bringen. Um aus den maroden Columbia-Studios wieder ein profitables Filmzentrum zu machen, haben Morita und Ohga für 200 Millionen Dollar die Firma des "Batman"-Produzenten Peter Guber gekauft. Guber soll ihr Statthalter in Hollywood werden.
Sony will mit Rücksicht auf die antijapanische Stimmung in den USA im Hintergrund bleiben, zunächst jedenfalls. "Wir werden uns hier nicht aufführen", sagt ein Sony-Manager, "wie die amerikanische Besatzungsmacht nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan."

DER SPIEGEL 41/1989
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