13.11.1989

UnternehmerKontrolle verloren

Der Stahlindustrielle Otto Wolff verkauft seinen ganzen Familienbesitz an Thyssen - zu einem stolzen Preis.
Otto Wolff von Amerongen, 71, erschien Anfang November auf einer Party seines Freundes Alfred Freiherr von Oppenheim so gut gelaunt wie lange nicht mehr. Was er denn nun mit dem vielen Geld anfangen werde, frotzelte der Industrielle den Mitinhaber des Privatbankhauses Oppenheim an.
Oppenheim hatte für rund vier Milliarden Mark seine Mehrheit an der zweitgrößten deutschen Versicherung Colonia der französischen Suez-Gruppe verkauft. Daß Wolff bald selbst gut kassieren würde, mochte "Ötsch", wie er von Kölner Freunden genannt wird, wegen der vielen Umstehenden nicht erwähnen.
Am Donnerstag vergangener Woche war das Geschäft perfekt: Für rund eine halbe Milliarde Mark geht die Otto-Wolff-Gruppe, der gesamte Firmen- und Beteiligungsbesitz, an den Thyssen-Konzern. Damit verliert abermals ein Konzern seine Selbständigkeit.
Spektakuläre Übernahmen gehören inzwischen auch in der deutschen Industrie zum Alltagsgeschäft. Der Raumfahrt-Konzern MBB wird von Daimler-Benz übernommen, der Handelsriese Klöckner & Co. geht an die Viag, Salzgitter schlüpft bei der Preussag unter.
Unter den vielen Fusionen der letzten Monate ist der Verkauf des Kölner Familien-Imperiums dennoch ein herausragender Fall. Mit Otto Wolff gibt einer der angesehensten Repräsentanten der deutschen Wirtschaft auf.
Der Verkauf ist das Eingeständnis des Scheiterns. Der Mann, der 18 Jahre lang Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages war und als Wegbereiter des Osthandels gilt, hat als Unternehmer allzu viele Schläge einstecken müssen. Sein Kölner Konzern, der 1986 noch rund fünf Milliarden Mark umsetzte, muß seit einigen Jahren stramm rationalisieren und schrumpfen. Durch Fehlentscheidungen ist das Unternehmen mehrfach in schwere Krisen geraten.
Aus dem väterlichen Firmenerbe, überwiegend Schrott- und Stahlbetrieben, hatte Wolff einen Konzern aufgebaut, der schließlich nur noch schwer zu dirigieren war. Die Gruppe produzierte und vertrieb Maschinen und Meßgeräte, Schrauben und Schrott, Bleche und Bohranlagen, Rolltreppen und Rangieranlagen. Selbst Sanitäranlagen für Küche und Bad waren bei Wolff zu haben.
Die Schwierigkeiten begannen, als Wolff sich 1980 eine Draht- und eine Baustahlfabrik in Texas, nahe seiner Diamond-X-Ranch, zulegte. Die Stahlindustrie rutschte damals bereits in die Krise. Wolff übersah erste Warnsignale. Zu sehr war er damit beschäftigt, seine Erfolgsgeschichte mit neuen Details auszuschmücken. Der eitle Kölner ließ keine Gelegenheit aus: Wo immer die Spitzen der Wirtschaft gefragt waren - Wolff war dabei. Im Gefolge der Kanzler und oft in deren Auftrag reiste er rund um den Globus.
Vor Ämtern und Aufgaben schreckte er nie zurück. Wolff brachte es schließlich auf 13 Aufsichts- und Beiratsmandate sowie eine Vielzahl von Ehrenämtern und Pöstchen. Er kam ins Board des Ölmultis Exxon und in den Europabeirat des Computer-Riesen IBM, er berät den US-Konzern United Technologies und den Creditanstalt-Bankverein in Wien. In seiner Heimatstadt war Wolff im Karneval und beim 1. FC Köln ebenso aktiv wie im Prominenten-Tennisklub Rot-Weiß oder als Präsident der Kölner Industrie- und Handelskammer.
Es war wohl schließlich doch ein bißchen zuviel - Wolff verlor die Kontrolle über sein Firmenreich. Sein Engagement in Texas bescherte ihm Verluste von rund 270 Millionen Mark, weitere 50 Millionen gingen in Südafrika und Brasilien drauf. Die Tochterfirma PHB-Weserhütte, eine Maschinen- und Anlagenbaufirma, ging 1987 mit einem aufgelaufenen Verlust von über 235 Millionen Mark in Konkurs.
Schwiegersohn Arend Oetker, Inhaber der Marmeladenfabrik Schwartau und Neffe des Bielefelder Industriellen Rudolf August Oetker, räumte zwar kräftig auf und gab alle Verlustbringer konsequent ab. Doch als er sich auch von seiner Frau Claudia Wolff trennte, kühlte sich das Verhältnis zum Aufsichtsrat Otto Wolff merklich ab.
Unter diesen Umständen mochten Wolff und Miteigentümer Oetker dem Drängen der Thyssen-Leute nicht länger widerstehen. Der Düsseldorfer Stahlkonzern besitzt schon seit vielen Jahren jeweils die Hälfte an den beiden Wolff-Firmen Rasselstein und Stahlwerke Bochum. Rasselstein stellt hauptsächlich Weiß- und Feinbleche für Konservendosen und die Automobilindustrie her. Die Bochumer Firma produziert und walzt Elektrobleche.
Den entscheidenden Ausschlag für den Verkauf des Wolff- und Oetker-Besitzes in Köln gab eine Ausnahmeregelung in der Steuergesetzgebung, die 1990 wegfällt. Bislang wird der Erlös aus Firmenverkäufen nur mit dem halben Steuersatz belegt. Vom 1. Januar an ist bei allen Verkäufen ab 30 Millionen Mark Veräußerungsgewinn der volle Satz fällig.

DER SPIEGEL 46/1989
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