09.10.1989

ManagerRohe Eier mit Schale

Unruhe im Hause Daimler: Geht Vorstand Helmut Werner nach Wolfsburg?
Helmut Werner muß nicht auf die Mark achten, und doch hatte er Probleme, als er in der Nähe von Stuttgart einen Bauplatz suchte. Dem stellvertretenden Chef von Mercedes-Benz erging es wie Hunderten kleiner Bausparer: Das Geld fürs Eigenheim ist da, doch Grundstücke sind in der Hauptstadt der Häuslebauer knapp.
In der Nähe des Stadtteils Degerloch hat Werner schließlich etwas gefunden. Begreiflich, daß er nun gern und oft über den Hausbau redet - aber allein wegen der schwierigen Grundstückssuche tut er es wohl nicht.
Werner hat guten Grund zu zeigen, wie sehr er sich an Stuttgart gebunden fühlt: Er will Gerüchte entkräften, die schon seinen baldigen Ausstieg bei Daimler prophezeien - VW-Chef Carl Hahn, so heißt es, will ihn zu seinem Nachfolger aufbauen.
Die Gerüchte können dem in der deutschen Industrie hochgelobten Manager nicht recht sein. Schließlich wird er seit langem als Kandidat für den Spitzenposten auch bei Daimler-Benz gehandelt.
Werner stieg 1987 in Deutschlands größten Konzern ein. Nachdem er durch seine Sanierungsarbeit beim Hannoveraner Reifenhersteller Conti aufgefallen war, lagen ihm plötzlich gleich zwei attraktive Angebote vor.
Hahn wollte ihn zum Chef der VW-Tochter Audi machen, und Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank, der den Aufsichtsrat bei Conti und Daimler anführt, bot ihm einen Vorstandsposten in Stuttgart an.
Herrhausens Wunsch mochte sich Werner nicht entziehen, denn die Deutsche Bank hatte die Conti-Sanierung massiv unterstützt. Im Daimler-Vorstand durfte sich der Neue zudem das Ressort aussuchen - und Herrhausen ließ erkennen, daß Werner eines Tages auch Nachfolger des Vorstandsvorsitzenden Edzard Reuter, damals 59, werden könnte.
Werner übernahm die Führung der verlustträchtigen Lkw-Sparte bei Daimler. Sehr schnell spürte er, daß die Arbeit in einem Konzern wie Daimler ihre Eigenheiten hat.
Vorstände und Direktoren murrten schon vernehmlich, noch ehe der Neue richtig anfing. Während es bei anderen Konzernen durchaus üblich ist, daß auch mal ein Manager in den Vorstand kommt, der zuvor bei einer anderen Firma gearbeitet hat, galt bei Daimler jahrzehntelang das ungeschriebene Gesetz: Vorstand wird vorzugsweise, wer sich in der eigenen Firma hochgedient hat.
Machtspiele und Intrigen sind Helmut Werners Sache nicht. Deshalb versuchte er die teils mißgünstigen, teils mißtrauischen Schwaben durch seine Arbeit zu überzeugen. Um die Verluste der Lkw-Sparte, jährlich einige hundert Millionen Mark, zu verringern, wollte Werner, zusammen mit seinem Stellvertreter Jürgen Schrempp, aufs Ganze gehen. "Es gibt wenig Dinge", so Werner, "die nicht in Frage gestellt werden."
Bei manchen Daimler-Direktoren und Werksleitern, die vieles so machen, weil es schon seit Jahrzehnten so gemacht wird, stieß der Neue deshalb rasch auf Widerstände. Der Stolz vieler Mercedes-Mitarbeiter gründet darauf, daß sie von der Schraube bis zur Achse fast alle Teile selbst entwickeln und produzieren. Nur dann, so ihre Überzeugung, sei ein Mercedes auch ein Mercedes. Werner aber drängt darauf, Teile, die ein Zulieferer billiger herstellt, eben von dem zu beziehen.
Vielen alteingesessenen Daimler-Managern gefällt zwar, wie engagiert Werner sich seinen Lastwagen widmet. Gleich nach Amtsantritt erwarb er den Lkw-Führerschein und rast nun immer mal wieder mit einem Versuchs-Truck, der einen 1400 PS starken Motor hat, mit Tempo 160 über den Nürburgring.
Aber als Werner den Lastwagenbauern erklärte, sie dürften "keine Angst davor haben", in manchen Ländern auch einen Wagen mit dem Stern zu verkaufen, der keinen Mercedes-Motor unter der Haube hat, zuckten die Kollegen zusammen. Sie sahen den Chef an, wie Priester wohl ihren Bischof ansehen würden, wenn der mit ihnen ins Bordell gehen wollte.
Der Motor sei doch das Herz, so hörte Werner immer wieder. Das Argument, in Südostasien sei die Kundschaft kaum bereit und in der Lage, den üblichen Preis für einen Daimler-Lkw zu zahlen, kommt gegen solche Überzeugungen schwer an.
Werners Kalkül: Wird der Laster von einem asiatischen Motor angetrieben, der nicht wesentlich schlechter, nur eben halb so teuer ist wie einer von Daimler, haben auch Fahrzeuge mit dem Stern auf diesem äußerst wachstumsträchtigen Markt eine Chance. "Sollen wir das Geschäft", fragt Werner, "dort völlig den Japanern überlassen?"
Derlei Probleme indes könnten Werner kaum dazu bringen, seinen Job vorzeitig aufzugeben. Er kennt solche Widerstände, bei Conti war es nicht anders. Inzwischen zeigen sich überdies erste Erfolge, die Verluste der Lkw-Sparte haben sich deutlich verringert.
Die Gerüchte um Werners möglichen Stellenwechsel werden subtiler erläutert: Es geht um Verschiebungen in der Konzernhierarchie und Eifersüchteleien zwischen Helmut Werner und seinem Chef Werner Niefer.
Es begann damit, daß Werners Stellvertreter Schrempp, mit dem er "ganz hervorragend" (Werner) zusammenarbeitete, Chef der Daimler-Tochter Deutsche Aerospace wurde, in der alle Luft- und Raumfahrtaktivitäten des Konzerns vereint sind. Schrempp, einer der besten Lkw-Spezialisten bei Daimler, fehlt Werner nicht nur in seiner Sparte: Er wurde durch seine neue Position zudem zum ernsten Konkurrenten für die Reuter-Nachfolge.
Mit Niefer kam Werner bislang gut zurecht. Doch inzwischen wird immer deutlicher, daß beide wohl zu unterschiedliche Persönlichkeiten sind, als daß ihr Verhältnis allzu innig werden könnte.
So ist Werner zwar freundlich und offen im Umgang mit seinen Mitarbeitern, wahrt stets aber die Distanz des Chefs. Niefer dagegen neigt eher zu kumpelhaftem Schulterklopfen. Es ist auch schwer vorstellbar, daß Werner - wie Niefer schon mal zu fortgeschrittener Stunde - rohe Eier mit Schale verspeisen könnte.
Zudem steht Niefer unter enormem Leistungsdruck. Er muß das Pkw-Geschäft, dessen Glanz blasser geworden ist und dessen Gewinne derzeit weniger üppig ausfallen, wieder stärken - erst dann kann er bei seinem Abgang in vier Jahren tatsächlich als "Mister Mercedes", wie er sich gern nennen läßt, in die Firmenchronik eingehen. Der Druck führt dazu, daß Niefer genau beobachtet, ob ihm ein tüchtiger und redegewandter Mann wie Werner nicht die Schau stiehlt.
Ganz eilig, um alle Gerüchte beiseite zu schieben, beteuert Werner nun, er habe kein Angebot von VW.
Das mag so sein. Es ist wohl auch richtig, daß Werner nicht noch einmal unter einem Vorgesetzten Hahn arbeiten möchte - geprägt durch seine Erfahrungen bei Conti. Doch in zwei Jahren wird der heute 63jährige VW-Chef pensioniert.
Dann könnte auch bei Daimler schon klarer sein, wer Edzard Reuters Nachfolger wird. Wenn Aerospace-Chef Schrempp ein weiteres Mal an Werner vorbeizöge, würde der frustrierte Daimler-Mann sicher sehr schnell Wolfsburgs Reize entdecken. f

DER SPIEGEL 41/1989
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