08.01.1990

„Ceausescu sollte befreit werden“

Der Ingenieur und Professor für Wasserwirtschaft, Petre Roman, 43, Sohn eines Altkommunisten und früheren Ministers, wurde nach dem Sturz des Diktators Ceausescu Regierungschef in Bukarest.
SPIEGEL: Herr Ministerpräsident, wer regiert jetzt in Rumänien?
ROMAN: Die Macht, geboren aus der Revolution, übt jetzt der "Rat der Front zur Nationalen Rettung" aus. Dessen Kern entstand am 22. Dezember, danach wurde er auf insgesamt 145 Personen erweitert. Heute repräsentiert er die politische Gewalt im Staat.
SPIEGEL: Wie haben Sie Ihre Minister gefunden?
ROMAN: Da wir mit den alten, überholten Strukturen arbeiten müssen - wir haben ja keine anderen -, können wir nur aus einer einzigen Quelle schöpfen: aus dem Reservat intelligenter und kompetenter Persönlichkeiten, die der Diktator nie anerkannt oder genutzt hat.
SPIEGEL: Sind das Männer, die sich in den 24 Jahren des Despotismus nicht kompromittiert haben?
ROMAN: Ja, es sind Menschen, die sich politisch die Hände nicht beschmutzt haben, mögen sie zum Teil auch Technokraten des alten Regimes gewesen sein. Es sind Leute, die auch selbst gelitten haben, weil ihre Kompetenz weder erwünscht war noch anerkannt wurde. Darüber hinaus brauchen wir jetzt natürlich auch junge Kräfte; Menschen zwischen 30 und 40 müssen in die Führung.
SPIEGEL: Haben Sie schon Kassensturz gemacht? Wieviel Geld hat Ceausescu übriggelassen?
ROMAN: Der Staatshaushalt ist kein allzu schwieriges Problem. Wie man weiß, hat Rumänien keine Auslandsschulden mehr. Aber der Preis, den wir dafür bezahlt haben, ist absurd hoch. Wir sind dadurch in eine außerordentlich schwierige Lage geraten, denn wir haben so gut wie keine Spitzentechnologie.
SPIEGEL: Gibt es wenigstens genügend Vorräte? Reichen Lebensmittel und Brennstoff über den Winter?
ROMAN: Ja.
SPIEGEL: Weshalb wurden Nicolae und Elena Ceausescu so schnell hingerichtet?
ROMAN: Wir mußten sie so schnell verurteilen und hinrichten, weil ihre Befreiung geplant war. Wir hatten Informationen, daß mit Fallschirmen ausgerüstete Kräfte sich darauf vorbereiteten, den ungenügend gesicherten Ort zu überfallen, an dem sich das Ehepaar befand.
SPIEGEL: Was geschieht mit dem Ceausescu-Clan?
ROMAN: Ceausescus Kinder stehen unter unserem Schutz. Zwei seiner Brüder, die Generale waren, sind verhaftet.
SPIEGEL: Und der Rest der Familie?
ROMAN: Nur die beiden Generale waren gefährlich, die übrigen Geschwister interessieren uns nicht.
SPIEGEL: Was soll aus Ceausescus Monumenten und Palästen werden?
ROMAN: Das wissen wir noch nicht, und das beschäftigt uns zur Stunde auch nicht.
SPIEGEL: Wer sich mit Menschen aus dem Volk unterhält, spürt deren Angst, daß Rumänien nach der Revolution nun von lauter Opportunisten beherrscht werden könnte.
ROMAN: Natürlich ist diese Furcht nicht unbegründet. Jetzt, nach der Revolution, behaupten viele Rumänen, Wunden zu haben, Opfer der Diktatur zu sein, und sie verlangen Entschädigung. Doch diese Opportunisten können uns nicht gefährlich werden. Denn wir streben einen neuen politischen Pluralismus an. Wir sind kein geschlossener Kreis, in den wir die Menschen hineinzwingen. Im Programm der Front können sich alle politischen Richtungen wiederfinden. Das macht es den Opportunisten schwer, denn sie wissen nicht, in welche Richtung sie sich orientieren sollen.
SPIEGEL: Ist der Kommunismus erledigt in Rumänien?
ROMAN: Es gibt zur Zeit keine Kommunistische Partei mehr.
SPIEGEL: Wird es in Zukunft noch einmal eine geben?
ROMAN: Schon möglich, das weiß ich nicht.
SPIEGEL: Aber der Gedanke schreckt Sie nicht?
ROMAN: Nein, überhaupt nicht.
SPIEGEL: Denken Sie, daß Rumänien heute schon fähig ist, als Demokratie zu überleben?
ROMAN: Gewiß.
SPIEGEL: Woher nehmen Sie diese Sicherheit?
ROMAN: Aus der Revolution, aus den Geschehnissen der letzten Tage.
SPIEGEL: Die Rumänen haben nicht die geringste Erfahrung mit der Demokratie.
ROMAN: Das spielt keine Rolle. Wie viele Völker haben eine solche Revolution vollbracht wie wir?
SPIEGEL: Und in drei Monaten soll wirklich frei gewählt werden?
ROMAN: Dazu haben wir uns verpflichtet. Ich muß alles in meiner Macht stehende tun, damit freie Wahlen stattfinden können. Ich muß nicht nur die politischen, sondern auch die materiellen Bedingungen dafür schaffen. Ein Mensch ist erst dann frei, wenn er keine akute materielle Not leidet. Die Not in Rumänien zu lindern ist jetzt meine Hauptaufgabe.

DER SPIEGEL 2/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ceausescu sollte befreit werden“

  • Tierisches Paarungsverhalten beim Mensch: Flirten mit dem Albatros-Faktor
  • Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter