13.11.1989

ManagerFinale furioso

Hauskrach bei Thyssen: Bleibt Dieter Spethmann auch nach seiner Pensionierung der Chef?
In der Villa am Kaiser-Friedrich-Ring 72 in Düsseldorf-Oberkassel herrschte rege Betriebsamkeit. Kristall-Lüster wurden abgeschraubt, antike China-Vasen eingepackt, und leicht angestaubter Kram wurde aus dem Keller nach oben geholt.
Das Personal hatte die Aufgabe, die Heimstatt des Thyssen-Chefs Dieter Spethmann umzudekorieren; die Einrichtung sollte schlichter werden. Auch die vier Porträtbilder von Andy Warhol, auf denen der Hausherr nachdenklich dreinschaut und seine Ehefrau Liesi so gut getroffen ist, wurden von der Wand genommen.
Der Aufwand galt einem Besuch aus Argentinien. Claudio Graf Zichy-Thyssen, 47, ein Nachfahre aus der Gründerfamilie des rheinischen Montankonzerns, hatte sich angesagt, und Spethmann wollte unbedingt vermeiden, daß sein Gast wie bei früheren Besuchen Anstoß an der barocken Lebensweise des Chef-Managers nehmen konnte.
Die Übung in Bescheidenheit dient dem Zweck, die weitere Karriere zu fördern.
Für diesen Plan braucht Spethmann die Hilfe der Aktionärsfamilie Zichy-Thyssen. Der Clan hält die Mehrheit an der Thyssen Beteiligungsverwaltung GmbH, die rund 30 Prozent der Aktien besitzt.
Wie viele seines Standes kann sich Spethmann, 63, einen Abschied von der Macht nicht vorstellen; nur zu gern möchte er Herr über Thyssen bleiben. Er will daher den Aufsichtsratsvorsitz des achtgrößten deutschen Unternehmens (32 Milliarden Mark Umsatz) übernehmen. Und er will als Nachfolger einen Mann durchsetzen, der auf ihn hört: Karlheinz Rösener, 56.
Vorsorglich schickte er deshalb seinen getreuen Rösener, bislang zuständig für den Bereich Edelstahl, im Sommer auf eine Reise nach Argentinien. Weil ihn selbst hierzulande kaum einer kennt, war die Präsentation bei den südamerikanischen Eigentümern unbedingt notwendig.
Auch den eigenen Stellungswechsel plant der fintenreiche Konzernlenker mit viel Einfallsreichtum, Engagement und strategischem Geschick.
Auf einer Rundreise bei den Chefs der deutschen Großbanken warb Spethmann um Zustimmung. Wenn es nach ihm ginge, würden bereits in der Aufsichtsratssitzung im Dezember die beiden Spitzenpersonalien verabschiedet.
Die ersten Probleme tauchten beim amtierenden Aufsichtsratschef Günter Vogelsang, 69, auf. Spethmann erkundigte sich, ob Vogelsang noch vor dem Ende seiner Amtszeit, die Mitte 1991 ausläuft, für ihn den Platz räumen würde. Doch Vogelsang ließ den Thyssen-Manager abblitzen.
Keine Frage, bei Thyssen steht ein Finale furioso ins Haus. Und ob beim Kampf um die Macht in Deutschlands größtem Stahlkonzern Dieter Spethmann als Sieger hervorgeht, entscheidet womöglich der Terminkalender.
Mit der Hauptversammlung 1991 rückt für den Thyssen-Urenkel Claudio dessen älterer Bruder Frederico Zichy-Thyssen, 52, in den Aufsichtsrat ein. Die beiden argentinischen Grafen haben sehr unterschiedliche Temperamente. Der jüngere ist weicher und geht Konflikten möglichst aus dem Weg. Frederico hingegen gilt als Kämpfernatur, vor allem aber: Er ist ein erklärter Spethmann-Gegner. Und gegen die Stimme des größten Thyssen-Aktionärs ist das Amt kaum zu besetzen.
Die Nachfolge im Aufsichtsratsvorsitz sei "noch völlig offen", sagte Frederico dem SPIEGEL. Er könne sich durchaus eine Verlängerung der Amtszeit von Vogelsang vorstellen. Denkbar sei auch, daß sich die anderen Thyssen-Hauptaktionäre Allianz und Commerzbank mit der Familie Zichy-Thyssen auf einen eigenen Kandidaten verständigen.
Würde Frederico den Dieter Spethmann wirklich stoppen, er könnte sich des Beifalls vieler deutscher Top-Manager gewiß sein. "Sonnenkönig der Ruhr" nennen sie den Thyssen-Chef, weil er den Hang hat zu demonstrieren, daß er eigentlich mehr verdient, als er verdient.
Die Ausstattung seiner Dienstvilla, das lebenslange mietfreie Wohnrecht seiner zweiten, noch jungen Ehefrau Liesi in dem mit vielen Millionen hergerichteten Prachtbau - dies und manches mehr liefert schon lange Gesprächsstoff auf den Herrenabenden an Rhein und Ruhr. Die neueste Spethmann-Geschichte: Sein Wunsch nach einem eigenen Fahrstuhl von der Tiefgarage nonstop in die 19. Etage des Düsseldorfer Thyssen-Hauses scheiterte - nicht an den Kosten, sondern an statischen Problemen.
Thyssens Aufsichtsratschef Vogelsang, der selber eine eher unauffällige Lebensart pflegt, muß schon seit vielen Jahren den Vorwurf hören, er habe den Spethmanns einen Hofstaat ermöglicht. Resigniert weist Vogelsang darauf hin, daß sein Vorgänger Harald Kühnen vom Bankhaus Oppenheim dem obersten Thyssen-Mann die Privilegien eingeräumt habe. Spethmann selbst hat nicht die geringsten Zweifel an der eigenen Größe: Keiner seiner Vorgänger sei erfolgreicher gewesen als er. Einen Rekordgewinn von zwei Milliarden Mark wird er den Aktionären für das im September abgelaufene Geschäftsjahr präsentieren.
Doch die schönen Zahlen sind mehr Zufall als das Ergebnis einer großartigen Manager-Leistung. Die überraschende Stahlkonjunktur spielt Thyssen in diesem Jahr 1,5 Milliarden Mark Gewinn in die Kassen. Die von Spethmann vorangetriebene Sparte "Thyssen Neu" mit dem Anlagen- und Maschinenbereich bringt es nur auf einen bescheidenen Gewinn von rund 100 Millionen Mark.
Ein Fiasko erlebte Spethmann mit der Magnet-Schwebebahn Transrapid. "Fliegen in Höhe null", schwärmte er über den Schnellzug, der sein Lebenswerk bei Thyssen werden sollte. Das mit hohem finanziellen Aufwand entwickelte Verkehrssystem gilt für die absehbare Zukunft als chancenlos.
Ziemlich forsch verhielt sich Spethmann auch bei seinem Versuch, den Krupp-Konzern zu kaufen. In der Pose eines Neureichen unterbreitete er dem obersten Krupp-Chef Berthold Beitz die Offerte. Der lehnte mit Befremden ab.
Weder Vorstand noch Aufsichtsratspräsidium hatte Spethmann rechtzeitig von seinem Vorstoß unterrichtet. Als seine Manager ihm wenig später vorschlugen, den durch Fehlspekulationen auf dem Ölmarkt ins Wanken geratenen Handelskonzern Klöckner & Co. zu kaufen, zeigte Spethmann kein Interesse.
Thyssen könne nicht gleichzeitig zwei Konzerne übernehmen, dozierte der Chef im Hause. Der Konzernstratege hatte nicht mitbekommen, daß seine Chancen bei Krupp äußerst gering waren.
Spethmanns mangelndes Gespür für die eigenen Grenzen hat das Klima im Top-Management geprägt. Im achtköpfigen Vorstand kann Spethmann verläßlich nur noch auf einen Mann bauen, auf seinen Intimus Rösener.
Sogar Finanzchef Heinz-Gerd Stein, bis vor kurzem ein enger Vertrauter des obersten Dienstherrn, ist inzwischen verärgert. Spethmann hatte lange Zeit den Eindruck erweckt, er werde Stein für die Nachfolge nominieren. Doch das war offenkundig nur ein taktischer Winkelzug; der Favorit Rösener sollte nicht zu früh ins Gerede kommen.
Solche Spielchen haben den für Stahl zuständigen Vorstandskollegen Heinz Kriwet in seiner soliden Abneigung gegen Spethmann bestärkt. Der in der Branche geschätzte Manager gilt als der schärfste Widersacher des Thyssen-Chefs. Spethmann hatte Kriwet deswegen auch vor zweieinhalb Jahren loswerden wollen, war aber gescheitert. Mit allen 21 Stimmen stellte sich damals der Aufsichtsrat vor Kriwet.
Auch mit dem Neuling Dieter Vogel liegt der Konzernherr über Kreuz. Der einstige Pegulan-Manager, der in nur dreieinhalb Jahren den Handels- und Dienstleistungsbereich im Thyssen-Konzern zum größten Gewinnbringer nach der Stahlabteilung ausgebaut hat, sagt Spethmann, was er denkt. Keine Angst vor dem Herrscher-Thron - das ist bei Thyssen nicht üblich.
Untätig nehmen es die Spethmann-Kritiker hin, wenn der angestellte Chef-Manager sich mitunter verhält, als gehöre ihm die Firma persönlich. Jüngstes Beispiel ist der Vorgang um die Duisburger Panavox. Die Filmfirma bekam den Auftrag für die Produktion von jährlich vier Video-Kassetten über das Leben bei Thyssen. Die Mitarbeiter sollen die Kassette für zwölf Mark kaufen.
Die 90-Minuten-Filme enthalten neben einem bunten Programm vor allem Wissenswertes aus dem Konzern. Es gab heftige Kritik aus fast allen Abteilungen an dem wirren Konzept, doch Spethmann erklärte die Video-Filme mit dem Titel "Thyssen-online" zur Chefsache und genehmigte das Projekt.
Weit über drei Millionen Mark kostet Thyssen der Video-Spaß allein in diesem Jahr, für Panavox (Jahresumsatz: rund vier Millionen Mark) und seine Geschäftsführerin Gisela Meyer-Franck ein einziger Segen.
Warum ausgerechnet die Duisburger Filmfirma den schönen Auftrag erhielt, glauben Thyssen-Kenner mit deren guten Beziehungen zum Hause Spethmann erklären zu können. Gisela Meyer-Franck gilt als gute Freundin von Spethmann-Ehefrau Liesi. f

DER SPIEGEL 46/1989
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