13.11.1989

LadenschlußAttraktive Angebote

Die Handels-Gewerkschaft hat verloren, überraschend schnell hat sich der Lange Donnerstag durchgesetzt.
In den 22 Modehäusern der Nürnberger Firma Wöhrl ist am Donnerstag um 16.30 Uhr Feierabend. Die reguläre Arbeitszeit ist zu Ende; wer gehen will, kann gehen.
Doch die meisten der rund 2000 Wöhrl-Angestellten wollen bleiben. Fast alle Verkäuferinnen und Verkäufer reißen sich darum, donnerstags vier Stunden länger arbeiten zu dürfen - sie bekommen für den Abenddienst 100 Mark netto. Das ist bei den kärglichen Gehältern im Einzelhandel eine fürstliche Bezahlung.
Firmenchef Hans-Rudolf Wöhrl ist mit dem Langen Donnerstag rundum zufrieden: In den Abendstunden "ist ein sehr gutes Publikum unterwegs". Das läßt so viel Geld in seinen Geschäften, daß sich der Abendverkauf trotz der höheren Personalkosten lohnt.
Daß die Deutschen auch nach 18.30 Uhr gern eine Menge Geld ausgeben, haben inzwischen alle Einzelhändler gemerkt. Fast überall läuft das Geschäft in den Abendstunden so gut, daß der Widerstand gegen eine längere Öffnungszeit gebrochen ist. Der Lange Donnerstag hat sich, in den Großstädten zumindest, innerhalb von fünf Wochen durchgesetzt.
Schon am 5. Oktober, als nach dem geänderten Ladenschlußgesetz erstmals die Geschäfte bis halb neun verkaufen durften, wälzten sich abends gewaltige Menschenmassen durch die Einkaufszentren und die Citys der Großstädte. Geschlossen waren meist nur die großen Kaufhäuser.
Von den 155 Karstadt-Filialen blieben an jenem Tag nur 10 offen. Aus allen 160 C&A-Häusern wurde, wie eh und je, die Kundschaft um halb sieben vertrieben.
Doch von Woche zu Woche hielten die Konzerne abends mehr Filialen offen: Am Donnerstag vergangener Woche war C&A mit 150 Häusern dabei, Karstadt mit 103 Filialen. In 48 von insgesamt 52 Horten-Häusern konnten Kunden bis halb neun einkaufen, in 75 von 81 Kaufhof-Filialen bedienten die Verkäufer zwei Stunden länger.
Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) hat den Kampf gegen den Langen Donnerstag verloren. Weitgehend wirkungslos blieben ihre - zum Teil mit Streiks durchgesetzten - Tarifverträge, die den Abendverkauf für die Arbeitgeber unrentabel machen sollten.
Teurer wird die späte Öffnungszeit unter anderem deswegen, weil die Geschäftsinhaber für die Arbeitszeit von halb sieben bis halb neun ihren Angestellten einen Zuschlag von 55 Prozent zahlen müssen; zudem dürfen sie ihre Leute nur jeden zweiten Donnerstag einsetzen.
Diese Auflagen schreckten keinen Arbeitgeber ab. Die Betriebsräte in den Groß- und Mittelbetrieben, von der HBV zu hartem Widerstand ermahnt, knickten reihenweise ein und stimmten der Donnerstagsarbeit zu.
"Die Geschäftsleitungen", klagt Claus Eilrich von der Düsseldorfer HBV-Zentrale, "haben die Betriebsräte einerseits unter Druck gesetzt, ihnen andererseits aber auch attraktive Angebote gemacht."
So hat das Bekleidungshaus Peek & Cloppenburg als Entschädigung für den Langen Donnerstag die 36,3-Stunden-Woche eingeführt. Kaufhof-Angestellte, die jeden zweiten Donnerstag zwei Stunden länger arbeiten, müssen alle 14 Tage nur an vier Tagen in der Woche zum Dienst antreten und bekommen achtmal im Jahr ein sehr langes Wochenende von freitags bis montags.
Als ebenso wirkungslos wie der 55-Prozent-Zuschlag erwies sich eine weitere Bremse, die von den HBV-Funktionären in ihre Tarifverträge eingebaut worden war: Die Kaufhäuser sollten nur ausnahmsweise länger offenbleiben dürfen, um "spätöffnungsbedingte Wettbewerbsnachteile" zu vermeiden.
Doch wenn Textilfilialisten wie Hennes & Mauritz am Donnerstagabend verkaufen, will sich C&A den Umsatz nicht wegschnappen lassen. Und "wenn C&A aufmacht", erläutert Karstadt-Sprecher Heiko Philipp, "ist das ein ernsthafter Konkurrent, der jeden von uns zwingt, ebenfalls aufzumachen".
Druck kam vor allem von den Einkaufszentren und Ladenpassagen. Ob im Hamburger Hanse-Viertel, im Frankfurter Main-Taunus-Zentrum oder im Berliner Forum Steglitz - allenthalben waren die Einkaufszentren schon am ersten Langen Donnerstag brechend voll.
In diesen Konsum-Tempeln müssen, das schreiben die Mietverträge vor, alle Geschäfte so lange geöffnet sein, wie die Verwalter der Shopping-center dies für richtig halten. Einheitliche Öffnungszeiten seien "absolut notwendig", sagt Michael Ruland, Geschäftsführer des Forum Steglitz, und er hat schon einigen Mietern mit der fristlosen Kündigung gedroht.
"Mit der juristischen Keule" hat Ruland unter anderem seinen Mieter Euromarkt, ein großes Lebensmittelgeschäft, zu einer längeren Öffnungszeit gezwungen.
Hartnäckig verweigern jedoch die 80 Euromarkt-Arbeitnehmer die Arbeit am Donnerstagabend. Um die Kündigung des attraktiven Standorts zu vermeiden, ziehen seit drei Wochen Manager der Euromarkt-Kette nach 18 Uhr den weißen Arbeitskittel an: Die beiden Berliner Niederlassungsleiter Friedrich Wagner und Klaus Kosakowski verkaufen Obst und Gemüse, ihr Werbechef Hans Gaier sitzt an der Kasse, andere Führungskräfte bedienen an den Wurst- und Käse-Theken.
Dem Kundenandrang ist die Führungscrew aber nicht gewachsen. Deshalb läßt der Handelskonzern Rewe-Leibbrand, dem die Euromarkt-Kette gehört, donnerstags leitende Angestellte aus München und Frankfurt nach Berlin fliegen. Die müssen abends im Forum Steglitz aushelfen. Euromarkt-Chef Kosakowski verhandelt unterdes mit seinen Betriebsräten weiter, in der Hoffnung, daß sie sich dem Zug der Zeit nicht dauerhaft verschließen können.
Für den Geschäftsführer des Einkaufszentrums ist der Fall klar. Am Langen Donnerstag sei nicht mehr zu rütteln, meint Ruland: "Der Verbraucher hat mit den Beinen abgestimmt."

DER SPIEGEL 46/1989
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