11.09.1989

SchriftstellerBesuch der alten Dramen

Neues von Dürrenmatt - eine „metaphysische Posse“ mit Sennenhund.
Im Leben eines jeden Gedanken-Spielers kommt der Tag, an dem sich seine Bewunderer bange fragen, ob ihm noch der Schalk oder schon der Kalk im Nacken sitze. Nicht so bei Friedrich Dürrenmatt, 68.
Der Pastorensohn aus dem Emmental, mit seinen Unheil-Komödien jahrzehntelang der Serenissimus des deutschsprachigen Zeittheaters, läßt aus seiner Eremitage in Neuchatel Saison für Saison Manuskripte flattern; lautvergnügte Alterswerke.
Keine Stücke fürs Theater allerdings, keinen "Besuch der alten Dame" mehr und keine "Physiker". Sondern Prosa-Piecen, bei Rotspon und einer Havanna zu genießen, in der gelösten Haltung also, in der sie vermutlich auch entstanden: Nachdenken über sich und das Tohuwabohu der Welt.
"Durcheinandertal"* heißt, völlig zu Recht, Dürrenmatts jüngste Schöpfung, ein Roman, vom Autor als "metaphysische Posse" gedacht. Er ist auch als poetisches Testament zu lesen, denn er versammelt auf engstem Raume Vertrautes aus des Dichters Kosmos, quasi ein Besuch der alten Dramen.
Gangster, Irre, Gottsucher nämlich treten auf, viele vertrottelte Subjekte, vor allem aus der Sphäre schweizerischer Staatsverwaltung. Neben Possenhaftem haftet ihnen, gleichfalls vertraut, Paradoxes an: Gangster wollen Gutes, Irre sind menschlich, und der Gottsucher ist, verständlich, ein passionierter Gattinnen-Mörder.
Welttheater mithin, angesiedelt in jenem schweizerischen Durcheinandertal, an dessen einem Hange ein poröses Dorf, auf dem anderen ein pompöses Kurhaus steht. Der Alpentraum freilich trügt, denn er zappelt in einem globalen Netz, das ein Höherer spann.
Dürrenmatt nennt ihn den "Großen Alten ohne Bart", womit er sich von einem noch Höheren unterscheidet, dem "mit Bart", vulgo der liebe Gott. Doch der hat wenig Chance zu existieren, denn sein Schöpfer nennt sich "Atheist"; bleibt der Bartlose, ein Gangsterboß.
Ihn umlurchen Kreaturen, deren Namen gleichfalls himmelwärts weisen, Gabriel und Belial, Michael und Sammael, Erzengel und Erzdämonen in biblischen Gefilden. Dies Pack hat die Welt im Griff, speziell das Schweizer Durcheinandertal, und das kann nur übel enden.
Was da im einzelnen geschieht, stand bislang in keinem Heimatroman. Ein Killer notzüchtigt ein minderjähriges Milchmädchen, einem anderen Totschläger zerfleischt ein Sennenhund den Hintern, die Armee greift mit Panzern an, schließlich ein Riesenfeuer, Waberlohe, Götterdämmerung, alles kaputt.
Wie eine "Explosion", berichtet Dürrenmatt, sei das Buch aus ihm hervorgeschossen. Das Pulver dazu hatte er freilich längst erfunden und immer wieder verpufft: der Mensch als wandelndes Wahnsystem, die Welt eine Groteske, und kein Ende abzusehen.
Denn im Leib der Milchmaid pocht das Killerkind, zu Weihnachten wird sie, Halleluja, niederkommen, das Leben geht weiter, manchmal zu weit. f

DER SPIEGEL 37/1989
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