09.10.1989

Verzerrte Wirklichkeit

Die Zahlen des Bruttosozialprodukts (BSP), das spricht sich ganz, ganz langsam herum, täuschen ein nicht existierendes Wohlstandsniveau vor. Auch Zerstörungen der Umwelt und die anschließenden Reparaturen der Ökoschäden gehen in die BSP-Statistik als Erfolgsziffern ein, obwohl sie den Wohlstand und die Lebensqualität mindern statt verbessern. Doch wie groß sind die fälschlicherweise als Gewinn ausgewiesenen Zerstörungen? Welcher Teil des BSP drückt noch echten Fortschritt aus?
Der Berliner Sozialwissenschaftler Christian Leipert hat in mehrjähriger Forschungsarbeit berechnet, was aus den vorliegenden Statistiken herausgefiltert werden muß, um ein realistisches Bild zu erhalten. Leiperts Ergebnis: Knapp zwölf Prozent aller ökonomischen Tätigkeiten in der Bundesrepublik müssen als Reaktionen auf bereits eingetretene Schäden und Belastungen von Natur und Gesellschaft angesehen werden.
Diese Aufwendungen, die sogenannten defensiven Kosten, sind notwendig, um die "Kehrseite des Wachstums" zu bewältigen, um die "wachsende Gefahr für das gute Leben der Menschen und die Überlebensfähigkeit der Natur" zu beherrschen.
Leipert hat die defensiven Kosten im Gegensatz zu anderen Autoren nicht grob abgeschätzt, sondern erstmals präzise und nachvollziehbar berechnet. Er macht eine beunruhigende Entdeckung: In den vergangenen Jahren wuchsen die defensiven Kosten drei- bis viermal schneller als das restliche Sozialprodukt. Das BSP spiegelt die Wirklichkeit also immer verzerrter wider; es verleitet die Politiker, so Leipert, zu gefährlichen, krisenverschärfenden Rückschlüssen über die Produktivität der Wirtschaft und den Wohlstand.
Einen Ausweg "aus der Sackgasse einer rein ökonomischen Perspektive" liefert Leipert gleich mit: "Offenlegung der ökologischen und sozialen Folgekosten des Wirtschaftens" ist geboten, "mehr Kostenehrlichkeit".

DER SPIEGEL 41/1989
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