13.11.1989

VersicherungenEin eiserner Vorhang

Können deutsche Versicherungen billiger werden? Ausländische Konkurrenten sorgen für Wettbewerb.
Walter Rieger war über ehemalige Kollegen verärgert: "Wir hätten erwarten können", so der Chef der Bayerischen Versicherungskammer, "daß uns das Aufsichtsamt vor einer wichtigen Änderung wenigstens anhört."
Gemeint war das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen, das Rieger vor seinem Wechsel in die Privatwirtschaft jahrelang geleitet hatte. Die Beamten hatten einem ausländischen Konkurrenten eine neuartige Industrie-Haftpflichtversicherung genehmigt, ohne mit dem deutschen Versicherungsgewerbe darüber gesprochen zu haben.
Das finden die heimischen Versicherer um so ärgerlicher, als die neue Police der amerikanischen Federal Insurance Company tatsächlich etwas grundlegend Neues bringt. Während deutsche Versicherer im Kleingedruckten ihrer Haftpflicht-Policen den Deckungsumfang weitgehend einschränken, wollen die Amerikaner künftig in der Industrieversicherung den Unternehmen einen nahezu uneingeschränkten Versicherungsschutz verkaufen, eine sogenannte All-Risk-Police.
Überraschungen dieser Art werden die Versicherer hierzulande demnächst wohl häufiger erleben. Auf dem Weg zum grenzenlosen Europa, so haben die EG-Politiker in Brüssel beschlossen, sollen die Versicherer von liebgewonnenen Privilegien Abschied nehmen.
Spätestens von 1993 an soll auch im Versicherungsgewerbe der Wettbewerb um Preise und Konditionen über alle Grenzen hinweg möglich sein. Nationale Ausnahmeregeln sollen die Versicherer nicht länger gegen Konkurrenz aus dem Ausland abschirmen.
Bislang haben es ausländische Versicherer noch schwer. Sie dürfen sich zwar seit 1976 ungehindert in der Bundesrepublik niederlassen, aber sie müssen ihre Policen vom Aufsichtsamt in Berlin genehmigen lassen und sich bei den Prämien den strengen Kalkulationsvorschriften des Amtes unterwerfen. Diese garantieren den Firmen zwar stets volle Kassen, doch Wettbewerb zum Wohle des Kunden kommt so nicht auf.
Das könnte sich nun ändern. Schon vom kommenden Jahr an werden zumindest die Großkunden der Assekuranz davon profitieren. Firmen, die zwei von drei genau festgelegten Kriterien (500 Beschäftigte, 50 Millionen Mark Umsatz, 25 Millionen Mark Bilanzsumme) erfüllen, dürfen von 1990 an ihre Versicherungen bei jedem in der EG ansässigen Versicherer abschließen. Das heißt: Ein deutsches Unternehmen kann sich beispielsweise in Paris versichern. Eine deutsche Niederlassung muß die französische Firma nicht betreiben, ihre Versicherungsbedingungen legt sie ohne das Berliner Aufsichtsamt fest.
Die Masse der Verbraucher wird dagegen von den Lockerungsübungen der Eurokraten vorerst kaum profitieren. Nicht nur die deutschen Versicherer, sondern auch ihre Konkurrenten in anderen europäischen Ländern zeigen wenig Neigung, auf nationale Sonderregelungen zu verzichten.
Zugeben möchte das wohl niemand. "Uns ist nicht bange vor dem Wettbewerb", sagt Georg Büchner, Chef der Württembergischen Feuerversicherung und Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft.
Das hat jedoch mancher, der sich im Versicherungsgewerbe auskennt, schon anders erlebt. "Das Gros der deutschen Versicherer", sagt Garlich Wulff, Mitinhaber der Maklerfirma Wuppesahl, "zieht sich wie eine Schnecke in ihr Haus zurück und hofft, daß die Öffnung des Marktes keine Blessuren hinterläßt." Statt offensive Strategien zu entwickeln, klagt ein anderer Makler, versuchten die Deutschen, ihre Grenzen "wie mit einem eisernen Vorhang vor ausländischen Einflüssen abzuschotten".
Verständlich ist das durchaus. Im Auslandsgeschäft haben die deutschen Versicherungskonzerne, anders als etwa die Briten, bislang kaum Erfahrung. Der Krieg hatte viele traditionsreiche Verbindungen ins Ausland zerstört, und rechtliche Barrieren hemmten die Expansion über die Grenzen.
Allein die Allianz in München war immer schon den anderen ein wenig voraus. Seit Mitte der Siebziger, als der Marktführer in Deutschland an die Grenzen des Wachstums stieß, sucht Allianz-Chef Wolfgang Schieren konsequent den Weg ins Ausland.
In 38 Ländern ist die Allianz inzwischen vertreten. In Italien und Spanien, aber auch in Österreich gehört sie zur Spitzengruppe. In Frankreich konnte der Konzern Anfang Oktober durch eine Beteiligung an der Versicherungsgruppe der Navigation Mixte seinen Marktanteil von 0,6 auf immerhin 3 Prozent erhöhen. Insgesamt stammen inzwischen gut 40 Prozent der Allianz-Prämieneinnahmen aus dem Ausland; 1974 waren es nicht einmal 3 Prozent.
Von solchen Zahlen sind Schierens Konkurrenten noch weit entfernt. Nur etwa 40 der gut 400 Mitgliedsunternehmen des Gesamtverbandes haben im Ausland Niederlassungen gegründet oder Beteiligungen erworben.
"In der Europaliga der Versicherungsexporteure", gibt Verbandspräsident Büchner zu, "liegen wir weit hinter der Schweiz und Großbritannien, selbst hinter Frankreich."
So kassieren die Franzosen etwa 10 Prozent ihrer Prämieneinnahmen im Ausland, die Briten mehr als 30 Prozent und die Schweizer, Weltmeister im Versicherungsexport, gar mehr als zwei Drittel. Die Auslandseinnahmen der deutschen Assekuranz machen dagegen nur gut 5 Prozent des Branchenumsatzes aus.
Vor allem britische und französische, aber auch italienische Versicherer erhoffen sich neue lukrative Geschäfte. Im Industriegeschäft können sie demnächst ohne Rücksicht auf nationale Vorschriften mit maßgeschneiderten Policen auf Kundenfang gehen oder aber für multinationale Firmen eine sogenannte Europolice mit gleichen Bedingungen in allen Ländern anbieten.
Dabei ist jetzt schon klar: Alle europäischen Versicherer haben es vor allem auf den deutschen Markt abgesehen, den mit Abstand größten in der EG.
Doch das Industriegeschäft ist für viele ausländische Versicherer wohl nur der erste Schritt auf den deutschen Markt. Bessere Gewinne nämlich verspricht das Geschäft mit der privaten Kundschaft.
Bislang darf eine ausländische Firma deutschen Kunden keine Hausrat- oder Unfallversicherung anbieten. Wenn jedoch ein Interessent sich selbst an die Versicherung im Ausland wendet oder einen Makler beauftragt, gibt es - außer bei der Autohaftpflicht - keine Gesetze, die ihm den Abschluß ausländischer Versicherungen verbieten.
Das große Geschäft wird sich unter diesen Umständen kaum machen lassen. Doch die Kontakte werden sich schnell auszahlen, wenn in einigen Jahren auch für die private Kundschaft das grenzenlose Europa perfekt ist.
Viele Ausländer haben sich einen schnelleren Zugang nach Deutschland geschaffen - sie haben sich an heimischen Firmen beteiligt. Italienische Versicherungen beispielsweise kauften sich bei der Nürnberger Leben und der Hamburger Volksfürsorge ein. Die französische Victoire konnte gar die Kölner Colonia übernehmen und rückte so in die deutsche Spitzengruppe.
Die deutschen Versicherer haben nicht mehr viel Zeit zum Umdenken. "Die Zeit der splendid isolation", meint der Frankfurter Versicherungsprofessor Wolfgang Müller, "geht mit einer Geschwindigkeit zu Ende, die noch vor wenigen Jahren undenkbar war."
Der schnelle Wandel könnte letztlich dann auch den deutschen Kunden die Vorteile des geeinten Europa vor Augen führen: Nach einer Studie der EG-Kommission wären bei echtem Wettbewerb in einigen Versicherungssparten Preisnachlässe bis zu 50 Prozent möglich.

DER SPIEGEL 46/1989
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