09.10.1989

Ein Reich in der Mitte

Nach der "amerikanischen Herausforderung" der sechziger Jahre und der japanischen der siebziger und achtziger nun die deutsche Herausforderung in der nächsten Dekade? Die Bundesrepublik ist dabei, ein "Wirtschaftsreich der Mitte" zu errichten, als Gravitätszentrum zwischen West- und Osteuropa wird sie die den alten Kontinent beherrschende Industriemacht - der Franzose Alain Minc, 40, beschreibt mit dieser Vision vor allem wohl urfranzösische Ängste gegenüber dem östlichen Nachbarstaat.
Zwar gilt, so Minc, das Augenmerk der Bundesrepublik auch dem Europäischen Binnenmarkt, der Ende 1992 vollendet sein soll. Doch das eigentliche Interesse der Deutschen, die ohnehin schon Klassenerste in der EG sind, richtet sich auf die riesigen Märkte im Osten. Dort liegt angeblich ein noch unbeackertes Absatzterrain für die gesättigte Wirtschaft des Westens, dort finden sich Zulieferer mit Billigst-Preisen.
Diese Thesen muß der Leser nicht für richtig halten, um anzuerkennen: Der Top-Manager Minc hat ein polemisches und furioses Buch geschrieben. Der Absolvent der Eliteschule Ecole nationale d'administration ist in Frankreich Statthalter des italienischen Großindustriellen und Finanziers Carlo De Benedetti, für ihn führte er im vorigen Jahr maßgeblich die - am Ende gescheiterte - Übernahmeschlacht um Belgiens größte Holding Societe Generale. Er kennt sich aus in EG-Europa. Und auf dieses Europa zielt er mit dem Titel der französischen Originalausgabe: "Die große Illusion".
Scharf attackiert der Franzose den "perfekten Mythos" vom Europa 1992. Indem sie allem Wirtschaftlichen absoluten Vorrang einräumten, dankten die Staaten politisch ab. Andere Wege nach Europa seien den Politikern erst gar nicht eingefallen - über die Kultur etwa, die Bildung, das Rechtswesen. Der französische Historiker Francois Furet nannte die provokativen Gedanken seines Landsmannes ganz zutreffend "halb prophetisch, halb verrückt".

DER SPIEGEL 41/1989
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