13.11.1989

ArbeitnehmerPauken in der Firma

Tun die Betriebe zu wenig, um ihre Belegschaft beruflich fortzubilden?
Auf die Unternehmer in seinem Bundesland ist der baden-württembergische IG-Metall-Chef Walter Riester derzeit gar nicht gut zu sprechen. "Die Arbeitgeber", schimpft der Gewerkschaftsfunktionär, "haben mich schwer enttäuscht."
Riesters Ärger ist verständlich. Anfang 1988 hatte der Gewerkschaftsmann den Unternehmern des Landes nach fast dreijährigen Verhandlungen einen wegweisenden Tarifvertrag abgerungen.
Das umfangreiche Paragraphenwerk verpflichtete die Geschäftsleitungen, einmal pro Jahr den Fortbildungsbedarf in ihrem Unternehmen zu ermitteln und zusammen mit dem Betriebsrat Schulungsprogramme auszuarbeiten. Die Seminare sollten während der Arbeitszeit stattfinden, die Kosten sollte der Arbeitgeber tragen.
Doch der "bahnbrechende" Vertrag (Die Zeit) erwies sich als Flop. Von rund 1800 Metallunternehmen aus Württemberg und Baden schickten bislang ganze zwei Dutzend Firmen ausgewählte Mitarbeiter auf die Schulbank - darunter der Göppinger Spielwarenhersteller Märklin. Bei der Modelleisenbahn-Firma können sich un- und angelernte Arbeiter sogar kostenlos zur Fachkraft umschulen lassen; in bundesdeutschen Unternehmen ist das eine Ausnahme.
Weitere zehn Firmen machten erst mit, als die Belegschaft mit Überstundenboykott drohte. "Die Arbeitgeber", klagt der Gewerkschaftsfunktionär Riester, "mauern, wo sie können."
Das baden-württembergische Beispiel zeigt, wie schwer sich Unternehmen in der Bundesrepublik tun, ihre Beschäftigten für den technischen Fortschritt fit zu machen. Gleichzeitig bestätigt die schleppende Umsetzung des Vertrags, was Gewerkschafter immer befürchtet haben: daß es mit den Beteuerungen der Arbeitgeber, Weiterbildung werde in den Betrieben zunehmend zur "Chefsache" (Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann), nicht weit her ist. Seit Monaten fordern Politiker wie der Stuttgarter Ministerpräsident Lothar Späth oder der SPD-Sozialexperte Rudolf Dressler Arbeitgeber und Gewerkschafter auf, Fortbildung im Betrieb per Tarifvertrag festzuschreiben.
Zumindest bei den Gewerkschaften, so scheint es, hatten die Appelle Erfolg. Bei den bevorstehenden Tarifverhandlungen in der Metallindustrie will die Arbeitnehmerlobby neben der 35-Stunden-Woche, höheren Löhnen und dem arbeitsfreien Wochenende erstmals bundesweit bezahlte Paukkurse für ihre Schutzbefohlenen durchsetzen.
Die IG Medien beginnt am 24. November Gespräche mit den Arbeitgebern über einen Tarifvertrag zur Weiterbildung. Die IG Chemie hat bereits für die Beschäftigten des Mineralölkonzerns Shell oder des Hamburger Reifenkonzerns Phoenix kostenlose Lehrgänge erstritten; die Gewerkschaft will dasselbe demnächst auch für ihre übrige Klientel durchsetzen.
Bei den Arbeitgebern stoßen die Pläne der Gewerkschafter auf heftigen Widerstand. Märklin-Personalchef Herbert Plutz weiß aus dem eigenen Lager zu berichten: "Die Einsicht, daß die Weiterbildung der Belegschaft mindestens so wichtig ist wie die Instandhaltung des Maschinenparks, ist in vielen Unternehmen leider noch nicht vorhanden."
Viele Chefs fürchten, der Betriebsrat könnte über tariflich abgesicherte Mitspracherechte bei der Weiterbildung übermäßigen Einfluß auf die Personalpolitik bekommen. Andere Unternehmer scheuen einfach den Aufwand für die Programme.
Die Führungskräfte, nicht nur in den obersten Etagen, haben zudem Angst, ihre Planzahlen zu verfehlen, wenn wichtige Mitarbeiter die Schulbank drücken. Und manch einer befürchtet, die Mitarbeiter könnten sich nach erfolgreicher Fortbildung am alten Arbeitsplatz langweilen oder gar ihre Vorgesetzten überflügeln.
Doch nicht nur die Arbeitgeber, auch viele Werktätige sperren sich gegen die geplante Bildungsoffensive. Ungelernte und ältere Arbeitnehmer haben Angst, sie könnten dem dargebotenen Lehrstoff nicht folgen. Andere blocken ab, weil sie Lohneinbußen fürchten: Während der Fortbildungskurse gibt es zwar normalen Lohn, aber die sonst womöglich fälligen Zuschläge für Nacht- und Akkordarbeit fallen in der Regel weg.
In den Tarifverhandlungen soll nach den Vorstellungen der Gewerkschafter sichergestellt werden, daß jeder Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch auf Bildung während der Arbeitszeit erhält. Mit dieser Garantie wollen die Gewerkschafter verhindern, daß sich eine Pleite wie in Baden-Württemberg wiederholt. Dort hatten die Kollegen nur einen pauschalen Anspruch für die gesamte Belegschaft vereinbart. Eine ganz andere Strategie verfolgen Vordenker im Unternehmerlager wie der Gesamtmetall-Präsident Werner Stumpfe. Die Arbeitgeber, sagt er, würden verbindliche Regeln für die Fortbildung im Betrieb unter Umständen akzeptieren, wenn die Arbeitnehmer bereit wären, einen Teil ihrer Freizeit einzubringen.
Bei den Gewerkschaften stößt der bedenkenswerte Vorschlag auf wenig Begeisterung. "Solange überwiegend die Arbeitgeber allein bestimmen, was der einzelne lernen darf", meint IG-Metall-Funktionär Riester, "sehen wir nicht ein, warum unsere Leute einen Teil ihrer Freizeit opfern sollen."

DER SPIEGEL 46/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Arbeitnehmer:
Pauken in der Firma

  • Doping für ewige Jugend: "So ein Körper ohne Steroide? Dumm!"
  • Videoaufnahmen aus Hongkong: Journalistin während Livebericht attackiert
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Airshow in Gloucestershire: Fasten your seatbelts, please