09.10.1989

Es begann beim Notar

Wer mag daran schon erinnert werden? Der Weg nach Auschwitz begann in angesehenen Notar-Kanzleien, in den gediegenen Büros ehrbarer Kaufleute und an den soliden Konferenztischen deutscher Banken. Vor der Ermordung der Juden in den Konzentrationslagern lag die Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz.
Der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist Johannes Ludwig schildert an zahlreichen, teils bisher unbekannten Beispielen die "Entjudung" der deutschen Wirtschaft während der Nazi-Zeit. Der Autor beschreibt detailliert die "Arisierung" heute so bekannter Warenhaus-Konzerne wie der Kaufhof AG (vormals Leonhard Tietz), Hertie (vormals Hermann Tietz) oder Horten (vormals Alsberg).
Ludwig hat in aufwendiger Recherche den bisher kaum erforschten Fall der damals zweitgrößten deutschen Brauerei rekonstruiert. Die Engelhardt-Brauerei des Juden Ignatz Nacher - die Nachfolger firmieren heute als die Nürnberger Patrizier-Bräu oder die Bremer Haake-Beck - ging schon 1934 an die Dresdner Bank. Vorausgegangen waren eine Kampagne des Nazi-Blattes Der Angriff, falsche Anschuldigungen vor Gericht, Erpressung und mehrere Verhaftungen des Eigentümers. Nebenbei deckte Ludwig die unrühmliche Rolle des späteren bayerischen Justizministers Josef ("Ochsensepp") Müller auf. Der Münchner Rechtsanwalt, der sich später gern als Widerstandskämpfer feiern ließ, hatte im Auftrag einer Privatbank bei der Engelhardt-Arisierung mitgepokert. Nacher verlor nicht nur sein Brauerei-Reich: Sein bayerisches Landhaus "Gut Sauersberg" bei Bad Tölz nahm sich der Industrielle Friedrich Flick, ebenfalls ein Gewinnler der sogenannten Arisierung. Erbe Friedrich Karl feierte dort Feste mit Münchens Schickeria.
Kaufhaus Tietz in Berlin 1928

DER SPIEGEL 41/1989
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