09.10.1989

Kein Magier, kein Papst

Wohl kein anderer westlicher Katheder-Sozialist hat in so vielen Büchern, Aufsätzen und Vorträgen die vermeintlich letzten Zuckungen des Spätkapitalismus geschildert und so unbeirrbar den baldigen großen Wirtschaftskrach vorausgesagt wie der belgische Ökonom Ernest Mandel, intellektueller Anführer der "Vierten Internationalen", der kleinen trotzkistischen Sekte in der Schar der Marx-Anhänger.
Schon der reißerische Titel des zusammen mit dem Deutschen Winfried Wolf geschriebenen Buchs zeigt es an: All die Kapitalisten und bürgerlichen Ökonomen, die meinen, daß vom Börsengewitter 1987 keine Gefahr mehr für die Weltwirtschaft ausgeht, irren. Das böse Ende kommt noch.
Nur durch aberwitzig viele Milliarden, die sie in die Wirtschaft pumpten, haben die Regierungen des "imperialistischen" Lagers nach Ansicht Mandels und Wolfs 1986/1987 noch einmal verhindern können, daß die Konjunktur in eine schwere Krise umkippte. Doch die Autoren wissen: Wegen der unausweichlich sinkenden Profitrate kapitalistischer Konzerne wird der weltweite Schuldenberg "zu einer donnernden Lawine" werden. "Und dann kann kein Magier, kein Schamane, kein Papst und kein Gott Wall Street und die kapitalistische Weltwirtschaft vor dieser Lawine schützen."
Nach Krach und Krise drohen dann Atomkrieg, ökologische Katastrophe, die Hungerkatastrophe in der Dritten Welt und die politisch-soziale Katastrophe neuer faschistischer Regimes in den imperialistischen Metropolen.
Neben solchen Horror-Visionen bietet das Buch auch eine detailreiche Chronik des Börsenkrachs von 1987. Und offenbart dabei allerlei Unwissenheit. So wird geschildert, wie sich ein geschockter Wall-Street-Makler übergeben muß, als er auf dem Computerschirm den Kurs seiner Merck-Aktien stürzen sieht. Das beleuchte eine "internationale Dimension dieser Lektion". Da malochten die Merck-Beschäftigten in Darmstadt und anderswo unter "Ausbeutungsbedingungen" - und "dennoch bekommt der New Yorker Broker im Wortsinn das große Kotzen wg. Merck".
Die Papiere, die im Herbst 1987 an der New Yorker Börse so rasch an Wert verloren, waren allerdings Aktien des in New Jersey beheimateten Pharma-Konzerns Merck. Die Darmstädter Pharma-Firma E. Merck hingegen überstand den Börsensturm ohne sichtbare Wert-Einbuße: Das Unternehmen ist keine Aktien-, sondern eine offene Handelsgesellschaft (OHG). Für OHG-Anteile, das müßten auch Marxisten wissen, gibt es keinen Börsenhandel. f

DER SPIEGEL 41/1989
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