13.11.1989

„Ein Jauchzen ging durch den Raum“

Der amerikanische Autor Daniel Burstein beschreibt in seinem Buch "Yen! Die japanische Herausforderung" (Wilhelm Heyne Verlag, München, 1989; 38 Mark) den Arbeitsalltag in der Brokerfirma Nomura.
Um genau 7.45 Uhr fand die Sitzung statt. Zehn verhältnismäßig junge Männer, im Tokioter Sommer alle ohne Jacke, trafen sich um ein paar einfache Klapptische herum. Sieben trugen weiße Hemden, drei hellblaue. Ihre Gesichter waren ordentlich gewaschen, ihre Haare kurz geschnitten. Jeder hatte einen Stift und ein Notizbuch vor sich liegen. Sie hatten bis zu zwei Stunden in überfüllten Zügen oder in der Untergrundbahn hinter sich, ließen aber keinerlei Ermüdung erkennen. Ganz im Gegenteil. Sie versprühten eine Energie, wie sie in der Mannschaftskabine vor einem Meisterschaftsspiel üblich ist.
Es waren die Gruppenleiter der Shinjuku-Filiale von Nomura Securities Co. Ltd. - der Spitzenfiliale der Spitzen-Wertpapierfirma der Welt. Ihr Geschäftsführer war Masahiro Aozono, ein stämmiger Mann mit tonnenförmigem Brustkorb. Es war ihm im vergangenen Jahr gelungen, für diese Zweigstelle 3000 kleine Firmen-Portfolios zu akquirieren und deren Gesamtwert um 350 Milliarden Yen zu steigern. Das hatte ihm die Bezeichnung "junger Löwe von Nomura" eingetragen.
Aozono wurde bald eines der jüngsten Mitglieder im Direktorium von Nomura. An diesem Tag schwitzte er sich jedoch noch die Erfolgsleiter des Unternehmens hoch. Das galt für jeden anderen im Büro und für 12 000 weitere Männer, die sich im selben Augenblick zu ihrem morgendlichen Meeting in den 131 Zweigstellen von Nomura auf dem ganzen japanischen Archipel trafen.
Wie ein Exerzierfeldwebel, der Befehle an seine Mannschaft herausbellt, gab Masahiro Aozono einen Überblick darüber, was in New York und London in den wenigen Stunden geschehen war, die ein Gruppenleiter schlafend zubringen darf. Die Immobilienkarte von Manhattan hinter ihm war mit Magnetstickern übersät, die japanische Investitionen darstellten. Bildschirmen konnte man die letzten Dollar/Yen-Notierungen entnehmen, den Londoner Interbanken-Angebotssatz und die Federal fund rates der letzten Nacht, die Goldpreise, die Erträge von US-Schatzanleihen und die ganze übrige Palette von Investment-Barometern.
Wie bei den meisten japanischen Unternehmen ist die innere Hierarchie von Nomura nicht nur auf dem Papier vorhanden, sondern auch äußerlich spürbar. Jeder Mann in der Zweigstelle Shinjuku arbeitet im selben großen, düsteren, schmucklosen Raum, in dem Aozono den Vorsitz hat. Jeder Gruppenleiter führt eine Reihe ihm untergeordneter Gruppen an. Die Abteilungsleiter verließen geschlossen das Sitzungszimmer und beraumten sofort eigene Treffen mit untergeordneten Leuten an, um ihnen die Marschordnung des Tages persönlich zu übermitteln. Danach versammelte sich die gesamte Gruppe in der Mitte des Raums für einige letzte Gedanken und ermunternde Worte von einem der Gruppenführer.
Danach ging eine Art Jauchzen durch den Raum. Jeder Angestellte eilte zu einem Schreibtisch, um zu telefonieren. Junge Frauen, alle unter 30 und alle in der Sommeruniform mit gestreiften Blusen und blauen Röcken, verteilten in aller Eile Berichte über chemische Unternehmen, die via Telefax vom Nomura-Hauptquartier in Nihonbashi eingetroffen waren.
Wie andere Zweige des japanischen Business nimmt auch Nomura den "Dienst am Kunden" sehr ernst. Es ist die erste Lektion, die man den Neuanfängern beibringt. Nach dem morgendlichen Zusammentreffen in der Zweigstelle Shinjuku gingen die jüngsten Rekruten nacheinander durch die Haupttür hinaus. Zuvor aber drehte sich jeder zu seiner Abteilung um und brüllte aus vollem Hals einen japanischen Satz, dessen Übersetzung ungefähr so lautet: "Ich bin hier, um den Kunden zu dienen und sie über die letzten Trends zu informieren!" Dann verneigten sie sich tief vor ihren Kollegen, sprinteten aus der Tür und sahen dabei wie Kamikazepiloten aus, die zu ihren Flugzeugen rannten.
Bei Nomura halten sich die Makler im Einzelhandelsgeschäft für das, was sie sind, nämlich hart arbeitende Verkäufer - im Gegensatz zu den amerikanischen Finanzfirmen, wo es Vizepräsidenten schon in dreistelliger Zahl gibt. Man hat dem Nomura-Mann beigebracht, daß Gewinn für den Kunden und Gewinn für das Unternehmen genug Lohn und Ruhm sind.
An jedem 1. April stoßen ungefähr 300 Rekruten zu Nomura. Die meisten erwarten, daß sie ihr gesamtes Berufsleben bei Nomura verbringen. Im Prinzip wird dies nicht so schwierig sein, denn als einzige wirkliche Entlassungsgründe gelten Spielchen mit Kundengeldern und mit verheirateten Frauen. Der Leistungsdruck ist aber sehr stark, und für berufliche Schwächen gibt es kein Pardon. Die ersten Jahre bei der Firma sind wie die Jahre an einer Rekrutenschule, und in dieser Zeit geben viele freiwillig auf. Wer die Anforderungen später nicht erfüllt (oder wer einen der immer wiederkehrenden Machtkämpfe verliert), wird höflich auf bedeutungslose Posten, in unwichtige Büros oder in Zweigstellen abgeschoben, die Sackgassen darstellen. Vielen Nomura-Männern steht jedoch ein sicherer Weg durch die Hierarchie bis auf verantwortungsvolle Posten offen. Mit dauernder harter Arbeit, Loyalität zum Unternehmen und Selbstverleugnung kommt man am Ende dort an.
Bei Nomura wird man von der Wiege bis zur Bahre betreut. Junge Rekruten leben häufig in Unterkünften, die die Firma zur Verfügung stellt. Als Ausgleich für die völlige Hingabe, die man von den Nomura-Männern erwartet - sie ist so vollständig, daß sie nicht einmal Zeit haben, sich außerhalb des Büros mit Mädchen zu treffen -, wählt die Personalabteilung der Firma bewußt die schönsten Frauen als OLs (office ladies) aus. "Nomura-Girls" haben an den besten japanischen Universitäten studiert, erhalten aber kaum die Möglichkeit, ihre Ausbildung auch zu nutzen. Ein ausländischer Besucher begegnet im Hauptsitz einem Dutzend Nomura-Girls, die ihm den Weg zur Geschäftsleitung weisen. Jede verbeugt sich und zeigt den Weg zum nächsten Nomura-Girl. Einige Jahre verbringen sie damit, Besucher zu begrüßen, Aufzüge zu bedienen, Tee und Kaffee zuzubereiten und leichte Sekretariatsarbeiten auszuführen, bis sie einen Nomura-Mann finden. Dann heiraten sie ihn und gehen nach Hause, um den Haushalt und die Familie zu betreuen. Die Hälfte aller Manager sind heute mit Nomura-Girls verheiratet, die sie zu Beginn ihrer Karriere hier kennenlernten.
Damit sich die Paare schneller finden, hat Nomura seinen eigenen Heiratsservice. Auch Abteilungschefs helfen dabei mit und betrachten es als selbstverständliche Aufgabe, für die ihnen untergeordneten Leute eine Frau zu finden. Wenn es nach Jahren Schwierigkeiten in der Ehe gibt, sucht das Paar den Mentor auf, der sie zusammenbrachte, und bittet ihn um Schlichtung bei Streitigkeiten.
Heute sind die meisten jungen Rekruten Absolventen eines Colleges. Aber im Gegensatz zu anderen führenden Unternehmen, die nur Studenten der besten Universitäten einstellen, legt Nomura mehr Wert auf den Leistungswillen des zukünftigen Kandidaten als auf die Universität, an der er seinen Grad erworben hat. Physische Kraft ist eine der wichtigsten Eigenschaften, welche die Firma verlangt. Nomura-Männer haben ein hartes Leben. "Wir brauchen Männer, die dem Streß und den Anstrengungen gewachsen sind", sagt ein Sprecher des Unternehmens.
Nomura ist die gutgeölte Kampfmaschine einer Kriegerkultur. Ihre Männer sind wirkliche Samurai der Aktien und Anleihen.

DER SPIEGEL 46/1989
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