13.11.1989

„Proletarier, verzeiht uns“

Hat Moskau die Chance verpaßt, sich „die ganze deutsche Nation zum dauerhaften Freund“ zu machen? Will Generalsekretär Gorbatschow den Führungsanspruch der KPdSU beschneiden? Solch verwirrende Fragen quälten die Sowjetbürger am Jahrestag der Oktober-Revolution. In Scharen flüchten sie zu Wunderheilern.
Auf dem Präsidiumstisch im Kreml-Palast starrte ein riesiger gekochter Hecht mit aufgerissenem Maul böse auf die Gäste beim Empfang zum 72. Geburtstag der "Großen Sozialistischen Oktober-Revolution". Doch bis zum Schluß der Feier mochte niemand von dem Fisch einen Bissen nehmen.
Unmittelbar am verschmähten Gericht ein freundlich dreinblickender älterer Herr: Politbüro-Mitglied Wladimir Alexandrowitsch Krjutschkow, 65, Chef des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes, Nachfolger so finsterer Geheimpolizisten wie Jagoda und Berija, gegenwärtig steilster Aufsteiger im Team des Reformers Michail Gorbatschow und vielleicht der wichtigste. Ihm zuvörderst obliegt es, die Gorbatschow-Truppe vor einem Absturz zu bewahren.
Drei Tage vor der Jubelfeier - mürrische Arbeiter hatten gerade einen todernsten Lenin an der Stirnwand des Kaufhauses Gum hochgehievt und KGB-Männer den Roten Platz unter personalintensive Dauerbeschattung genommen - durfte Krjutschkow dem Volk die traditionelle Oktober-Predigt halten.
Fehler seien viele und schlimme gemacht worden, auch von seiner eigenen Firma, räumte der KGB-Chef ohne Umschweife ein. Aber nur "Irregeleitete" könnten daraus den Schluß ziehen, die Oktober-Revolution selbst sei "ein tragischer Fehler gewesen" und damit "der Versuch, eine freie und gerechte Gesellschaft aufzubauen, gescheitert".
In Moskau bekannten sich dennoch 10 000 Irregeleitete öffentlich zu dieser Meinung. Als der offizielle Festumzug im alten Stil - Panzer und Raketen vorneweg, das Volk mit Blumen und Luftballons hinterdrein - am Lenin-Mausoleum mit den schon winterlich verpackten Führungsfiguren vorbeidefilierte, sammelten sich nur drei Kilometer entfernt die Protestanten unter weißblauroten Fahnen des zaristischen Rußland, drapiert mit Trauerschleifen. Plakate verkündeten Ungeheuerliches: "72 Jahre lang auf dem Wege ins Nichts" und "Proletarier der Welt, verzeiht uns".
Anderswo im Sowjetreich gelang es an diesem heiligsten aller kommunistischen Feiertage dagegen schon nicht mehr, befohlenen Jubel und spontane Auflehnung so säuberlich auseinanderzuhalten:
In Litauens Hauptstadt Wilna stoppten Nationalisten die Militärparade wenigstens für einige Sekunden. In der armenischen Hauptstadt Eriwan verbrannten Jugendliche rote Fahnen mitten auf der Leninstraße, in Alma-Ata marschierte eine kasachische Anti-Atom-Gruppe mit und forderte lautstark die Einstellung aller Atomversuche.
In Kischinjow, der Hauptstadt der unruhigen Moldaurepublik, verhinderten Volksfront-Aktivisten das militärische Zeremoniell sogar vollständig: Vergebens harrte das Partei-Establishment auf seiner Ehrentribüne am Siegesplatz der dröhnenden Armee-Darstellung. Doch Mannschaften und Fahrzeuge waren von Tausenden Demonstranten in den Nebenstraßen eingekesselt. Und als anstatt wohldisziplinierter Soldaten unorganisiertes Volk heranwogte, nahmen die Herrschenden erschrocken Reißaus.
Was der oberste KGB-Mann mit der milden Miene als "Revolution in der Revolution" gerühmt hatte - Moskaus Perestroika schafft Wandel in den Verhältnissen überall in Osteuropa. In poststalinistischer Halbstarre sind die Russen jedoch noch immer mit der Bestandsaufnahme beschäftigt, was aus den vergangenen sieben Jahrzehnten denn nun wirklich einer Überprüfung als bewahrenswerte "sozialistische Errungenschaft" standhält. So betrachten sie mit Angst und Freude - je nachdem, was einer zu verlieren fürchtet oder zu gewinnen hofft - die relativ objektiven Bilder des Sowjetfernsehens aus den brodelnden Bruderländern.
Ihr Hauptinteresse gilt dabei unverkennbar den sich überschlagenden Ereignissen in der DDR - beim "treuen Freund und erprobten Verbündeten" Moskaus, wie Gorbatschows konservativster Politbüro-Flügelmann Ligatschow unlängst noch den schon fluchtgeschwächten Staat angepriesen hatte.
"Die DDR befindet sich in einer komplizierten Phase", erklärte während der Abendnachrichten am Mittwoch vergangener Woche vorsichtig ein Kommentator. Jeder Sowjetbürger verstand sofort, daß es wohl eher die selbsternannte Führung der Ostdeutschen sein muß, die in Schwierigkeiten steckt, wenn dort Massendemonstrationen mittlerweile den kompletten Rücktritt von Staats- und Parteispitze erzwingen können.
Und als wollte das sowjetische Staatsfernsehen genau diese Einschätzung nahelegen, blieben fröhliche Protestler-Gesichter unter Transparent-Texten wie "Freie Wahlen sofort", "Freikonvertierbare Währung" und "Kein Machtmonopol der SED" sekundenlang im Bild.
Ob die Deutschen damit "halb bewußt, halb unbewußt ihrer Vereinigung entgegentaumeln", wie es ein Briten-Diplomat am Rande des Kreml-Empfangs formulierte, scheint selbst patriotisch gestimmten Russen kaum der Rede wert.
"Wir hätten die Annäherung der Ost- und Westdeutschen schon viel früher fördern sollen, als vieles auf diesem Gebiet noch von uns abhing und auch entsprechend honoriert worden wäre", findet beispielsweise der Leningrader Ingenieur Oleg Kusnezow, "dadurch hätten wir uns die ganze deutsche Nation zum dauerhaften Freund gemacht."
Leider sei aber die Moskauer Außenpolitik erst "viel zu spät klug geworden". Heute müsse es "uns deshalb wahrscheinlich genügen", so Kusnezow, "wenn die Deutschen tatsächlich aus ihrer Geschichte gelernt hätten und so etwas wie Hitler oder auch die Blockade meiner Heimatstadt nie wieder zulassen".
In diesem Punkt ist Volkes Stimme ganz nahe bei den Besorgnissen außenpolitischer Profis: "Bislang sind bei den großen Demonstrationen in Berlin, Leipzig oder Dresden noch keine Wiedervereinigungsparolen laut geworden", wundert sich ein sowjetischer DDR-Experte, "aber wohl eher aus berechnender Rücksicht auf uns und nicht etwa deshalb, weil es diese Erwartungen nicht gäbe." Es gebe sie vielmehr "massenhaft", aber niemand verfüge über ein "Konzept, damit politisch umzugehen".
Moskauer Deutschland-Kenner mahnen deshalb beinahe hilflos und unter düsteren Prophezeiungen zur Vernunft bei den unmittelbar Beteiligten: Das DDR-Volk könne zwar den Weg Polens gehen, das keine KP-geführte Regierung mehr habe, dürfe aber wie Bonn nicht an der ostdeutschen Staatlichkeit rütteln oder sie auch nur in Frage stellen.
Für den Fall, daß dies dennoch geschehen sollte, hätten hohe Militärs das Eingreifen der Sowjetarmee bereits als unausweichlich angekündigt. Unmittelbare Rechte als Siegermacht im Zweiten Weltkrieg, aber auch Bündnis- und Beistandsverpflichtungen gegenüber Ost-Berlin ließen der UdSSR dann gar keinen anderen Weg.
Ob man sich genau dieser Situation nicht mit Riesenschritten nähere, soll Michail Gorbatschow auf der letzten Politbüro-Sitzung von verschreckten Kollegen unter Hinweis auf die bewegenden TV-Bilder von der Westgrenze des Warschauer Paktes gefragt worden sein - und ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, Erich Honecker hätte auf seine Art noch eine Zeitlang weiterregiert?
Die Nummer eins habe ernst und ohne Schärfe zurückgefragt, ob denn jemand in der Runde meine, eine solch gewaltige Volksbewegung könne von einer kommunistischen Partei auf Dauer ignoriert und unterdrückt werden? Und selbst wenn sie es könne, ob sie es dann dürfe?
Ein Meinungsbild der Sowjetführung zu dieser Frage politischer Moral ist nicht bekanntgeworden - sie blieb wohl rhetorisch. Aber die Konservativen unter den Kadern der KPdSU argwöhnen längst, daß Gorbatschow analog zu der ideologischen Aufweichung in Ungarn und Polen auch der eigenen Partei den bislang noch in der sowjetischen Verfassung festgeschriebenen Führungsanspruch beschneiden und sie, wenn auch allmählich, der rauheren Gangart politischen Wettbewerbs um die Macht aussetzen möchte.
Was in der bislang noch verschatteten Denkperspektive des sowjetischen Staats- und Parteichefs durchaus enthalten sein müßte, wenn sein ehrgeiziges Wirtschafts- und Sozialprogramm eine Chance auf Realisierung haben soll, würde seinen konservativen Gegnern als unverhüllte Häresie erscheinen und Grund zu Exkommunizierung sein.
"Gorbatschow verspielt unser mächtiges Reich", zürnt ein Betriebsparteisekretär aus dem Moskauer Osten, nach eigenen Worten ein "Jungstalinist": "Er führt nicht, sondern schaukelt zwischen den Flügeln. Unter Kleinbürgern und Intellektuellen-Schnauzen fühlt er sich wohler als unter Arbeitern, die Lobeshymnen des Auslandes sind ihm wichtiger als die eigenen Leute." Der Generalsekretär der KPdSU sei "ein weicher, verwestlichter Sozialdemokrat ohne die harte Hand, wie unser Volk sie nun einmal braucht".
Panikmacher dieser Art gibt es heute viele im Sowjetreich, und ihre Zahl scheint zu wachsen. Angesichts der schlechtesten Versorgungslage seit mehr als vier Jahrzehnten, neuer Bergarbeiter-Streiks im Osten, dem offenen Bürgerkrieg im Süden und kaum verhüllter Sezessionsbegehren im Nordwesten finden sie verstärkt Gehör.
Verwirrt durch neue Meinungsvielfalt und wechselseitige Schuldzuweisungen von Orthodoxen und Radikal-Reformern, deren Stichhaltigkeit sie nicht überprüfen können, flüchten die Bürger ins Private. Oder sie drängen sich zu den Séancen von Wunderheilern, die individuelle und gesellschaftliche Leiden zu beseitigen versprechen, sofern man nur fest die Augen schließt, die Hände in den Schoß legt und an ein Mirakel glaubt.
Das Fernsehen gibt dafür beste Sendezeit, das Parteiblatt Prawda seinen feinen Konferenzsaal - und kein Kommentar dazu, der auf den Aberglauben hingewiesen hätte. Diese Hinwendung zum Aberglauben, der russischen Seele ohnehin nahe, ist beredter Ausdruck für die tiefe psychische Erschöpfung eines Volkes, das über Jahrzehnte hinweg stärker als andere Völker der Sowjetunion Opfer all der kräftezehrenden Parteikampagnen, des Terrors der Deutschen und der eigenen Führung war.
"Wir sind zu müde zu erkennen", sagt eine Moskauer Philosophie-Dozentin, "daß die Perestroika vielleicht wirklich etwas anderes, Neues ist - das ist unsere russische Tragödie: Woanders, vom Baltikum bis Ungarn, zündet ihr Impuls, nur bei uns arbeitet deshalb niemand genauer, besser, härter; weil wir so erschöpft sind, erschöpft sich bei uns die Perestroika in Worten."
Selbst jene, die durchaus etwas tun - auf eigenes Risiko, mit Mut und harter Arbeit -, scheinen Opfer dieser Resignation zu werden. "Wir stecken in einem Teufelskreis", klagt ein junger Computer-Fachmann, der mit allerlei Elektronik handelt und sie auch zu reparieren versteht: "Wenn der Westen jetzt nicht in großem Maßstab dabei hilft, daß bei uns endlich der Motor ökonomischer Selbsthilfe anspringt, haben wir hier in spätestens ein, zwei Jahren ein Militärregime, das alle und alles wieder an die Kette legen wird."
Und dann macht auch der intelligente Informatiker den modischen Ausflug in die Mystik: "Wir spüren das wie Tiere ein herannahendes Erdbeben."

DER SPIEGEL 46/1989
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