09.10.1989

„Berlin - Prüfstein für unseren Mut“

In Berlin will Ministerpräsident Chruschtschow durch einen Federstrich erstens unsere legalen Rechte auf Anwesenheit in West-Berlin aufheben und zweitens uns die Möglichkeit nehmen, unsere Verpflichtungen gegenüber den zwei Millionen Einwohnern dieser Stadt zu erfüllen. Das können wir nicht zulassen. Wir sind uns darüber im klaren, was getan werden muß - und wir werden dies tun.
Die unmittelbare Bedrohung der freien Menschen liegt in West-Berlin. Aber dieser isolierte Vorposten ist kein isoliertes Problem. Die Bedrohung ist weltumfassend. Unsere Anstrengung muß gleichermaßen umfassend und stark sein und nicht von einer einzelnen angezettelten Krise allein beherrscht. Wir sehen uns einer Bewährungsprobe in Berlin gegenüber.
Unsere Anwesenheit hier ist ein Resultat unseres Sieges über Nazideutschland - und zu unseren Grundrechten, dort zu sein, die aus diesem Sieg stammen, gehört sowohl unsere Anwesenheit in West-Berlin wie auch die Wahrnehmung des Rechtes auf Zugang durch Ostdeutschland.
Berlin ist nicht ein Teil Ostdeutschlands, sondern ein separates Gebiet unter der Kontrolle der Alliierten Mächte. Somit sind unsere diesbezüglichen Rechte klar definiert und tief verwurzelt.
Deshalb kann unserer Anwesenheit in West-Berlin und unserem Zugang zu dieser Stadt nicht durch irgendwelche Handlungen der Sowjetregierung ein Ende gesetzt werden.
Schon vor langer Zeit wurde West-Berlin unter die Obhut des Nato-Schildes genommen, und wir haben unser Wort gegeben, daß wir jeden Angriff auf diese Stadt als einen gegen uns alle gerichteten Angriff betrachten werden.
West-Berlin ist zu dem großen Prüfstein für den Mut und die Willensstärke des Westens geworden, zu einem Brennpunkt, in dem unsere feierlichen, durch all die Jahre bis 1945 zurückreichenden Verpflichtungen jetzt mit den sowjetischen Ambitionen in grundsätzlicher Gegenüberstellung zusammentreffen. Es wäre ein Fehler, wenn andere Berlin - seiner Lage wegen - als ein verlockendes Ziel ansähen.
Ich habe sagen hören, West-Berlin sei militärisch unhaltbar. Dies war Bastogne auch und in der Tat auch Stalingrad. Jede gefährliche Position ist zu halten, wenn tapfere Männer dafür einstehen. Wir wollen den Kampf nicht - aber wir haben schon gekämpft.
Wir können und werden es nicht zulassen, daß die Kommunisten uns - sei es allmählich oder mit Gewalt - aus Berlin treiben.
Wir werden zu allen Zeiten zu Gesprächen bereit sein, wenn Gespräche nützen. Aber wir müssen genauso bereit sein, der Gewalt Widerstand zu leisten, wenn uns gegenüber Gewalt angewendet wird.
Wir haben bereits früher unsere Bereitschaft bekundet, jedwede wirkliche Störungsfaktoren in West-Berlin zu beseitigen, aber über die Freiheit dieser Stadt gibt es kein Verhandeln. Wir können nicht mit denen verhandeln, die sagen, was mir gehört, ist mein, und was dir gehört, darüber läßt sich reden.
Wenn irgend jemand Zweifel hegt, in welchem Maße die Bevölkerung West-Berlins unsere Anwesenheit wünscht - verglichen mit den Gefühlen, die die Ostdeutschen gegenüber ihrem Regime hegen -, so sind wir bereit, diese Frage zur freien Abstimmung in Berlin und, wenn möglich, dem ganzen deutschen Volk zu stellen. Und lassen Sie uns auch gleichzeitig die zweieinhalb Millionen Flüchtlinge hören, die vor dem kommunistischen Regime in Ostdeutschland geflohen sind und die mit ihren Füßen für die westliche Form der Freiheit gestimmt haben.
Um alles noch einmal zusammenzufassen: Wir erstreben den Frieden - aber wir werden nicht kapitulieren. Das ist der zentrale Inhalt dieser Krise und der Inhalt unserer Regierungspolitik.

DER SPIEGEL 41/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Berlin - Prüfstein für unseren Mut“

  • ESA-Astronaut Matthias Maurer: Der erste Deutsche auf dem Mond?
  • Seltene Tiefseespezies: Grüner Bomberwurm gefilmt
  • Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Carola Rackete: Retterin äussert sich nach Vernehmung