13.11.1989

Zu groß für Europa?

Professor Gordon A. Craig, 76, gilt als der beste Deutschland-Kenner unter Amerikas Historikern. Der gebürtige Schotte war Berater mehrerer US-Regierungen.
SPIEGEL: Herr Professor, muß der Westen sich vor einer deutschen Wiedervereinigung fürchten?
CRAIG: Dies ist eine Zeit, in der die Menschen sehr erregt sind. Es liegt ein prickelndes Gefühl von Erwartung in der Luft. Aber unter der Oberfläche gibt es auch gewisse Befürchtungen. Als ich letzte Woche in England war, sagte mir eine alte Freundin: "Wir erleben das aufregendste Jahr seit 1939."
SPIEGEL: Es herrscht doch keine Kriegsangst?
CRAIG: Sicher nicht. Aber die westlichen Regierungen haben die Folgen einer Wiedervereinigung noch nicht durchdacht. Nichts, was die Staats- und Regierungschefs in den letzten Wochen gesagt haben, deutet darauf hin, daß sie alle Aspekte der deutschen Frage begriffen haben.
SPIEGEL: Präsident Bush hat gesagt, die Wiedervereinigung sei kein Anlaß zur Sorge.
CRAIG: Ja, und der US-Botschafter in Bonn hat vor kurzem erklärt, die Wiedervereinigung sei eine feine Sache. Der stellvertretende Außenminister Lawrence Eagleburger hat praktisch das Gegenteil behauptet, als er meinte, der Tag könne kommen, an dem wir den klaren Verhältnissen des Kalten Krieges nachtrauerten. Die Briten sind vollauf beschäftigt mit der Frage, was aus Frau Thatcher wird. In Frankreich hat Präsident Mitterrand die meiste Zeit geschwiegen; dann hat er in Bonn gesagt, die Wiedervereinigung sei begrüßenswert, vielleicht in zehn Jahren. Die Italiener wiederum haben durch Herrn Andreotti schon vor längerem klargestellt, daß sie überhaupt keine Wiedervereinigung wünschen. In diesem Meinungswirrwarr ist nichts eindeutig, alles bleibt vage und schwebt in der Luft.
SPIEGEL: Nehmen die Westmächte die Entwicklung nicht ernst genug?
CRAIG: Natürlich muß es einige Bedenken geben. Eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wäre die traumatischste Veränderung des Status quo Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Martin Kilian und Romain Leick. seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Wenn diese Veränderung vollkommen ungezügelt verläuft, könnten die Konsequenzen ziemlich schlimm sein. Das Beunruhigende daran ist, daß nicht Regierungen, sondern die Menschen auf der Straße die treibende Kraft sind. Das macht die Entwicklung unberechenbar.
SPIEGEL: Der Aufruhr in Osteuropa hat alle überrascht. Wie können westliche Regierungen darauf reagieren?
CRAIG: Bush wird sich demnächst mit Gorbatschow zu einem Gipfel im Mittelmeer treffen. In den Verlautbarungen zu diesem Gipfel kam das Wort Deutschland bisher nicht vor. Dabei müßte der erste Tagesordnungspunkt die Frage sein, was die beiden Weltmächte tun könnten, damit die Dinge nicht völlig außer Kontrolle geraten.
SPIEGEL: Und was sollten sie tun?
CRAIG: Eine Möglichkeit wäre, daß die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs aktiv werden. In der deutschen Frage sind sie schließlich zum Eingreifen berechtigt. Sie könnten eine Konferenz vereinbaren, um zu entscheiden, welche Formen der Veränderung in beiden deutschen Staaten akzeptabel wären.
SPIEGEL: Und wer soll den ersten Schritt tun - Washington oder Moskau?
CRAIG: Wenn wir uns nicht beeilen, könnten die Sowjets einseitig vortreten und allen Beteiligten eine neue Version der Deutschlandnote von 1952 präsentieren. Sie könnten die Wiedervereinigung anbieten unter der Bedingung, daß der neue deutsche Staat neutralisiert würde. Damit wäre der Fuchs im Hühnerstall. Seinerzeit wurde Stalins Vorschlag nachdrücklich zurückgewiesen. Die Gründe für eine Ablehnung sind heute noch genauso stichhaltig. Eine Neutralisierung Deutschlands hätte bedenkliche Folgen für die allgemeine Sicherheit in Europa.
SPIEGEL: Also sollte Helmut Kohl genauso nein sagen wie seinerzeit Konrad Adenauer?
CRAIG: Es wäre vermutlich geschickter, wenn er ein direktes Nein vermiede. Er könnte sagen, wir müssen diesen Vorschlag mit unseren Verbündeten beraten. Es gibt viele Ausreden, die er benutzen könnte, bevor er zu einem Nein kommt. So wie die Stimmung in Deutschland ist, wäre es sicher unklug von ihm, laut nein zu schreien, aber noch weniger klug wäre es von ihm, zu sagen: Ja, das ist eine gute Idee.
SPIEGEL: Ist es denn nicht vorstellbar, daß die mit sich selbst vollauf beschäftigte Sowjetunion ihren deutschen Satelliten einfach freigibt, ohne einen Preis zu verlangen?
CRAIG: Es wäre nicht vernünftig von der Sowjetunion, so etwas zu tun. Es wäre ein schwerer Schlag für sie, wenn sie eingestehen müßte, daß der Musterknabe unter ihren Verbündeten ihr einfach entgleitet, ohne daß sie einen Finger rührt. In den letzten 40 Jahren war es das wichtigste Ziel der Sowjets, von der anderen Weltmacht als ebenbürtig anerkannt zu werden. Wenn Moskau jetzt einen seiner wichtigsten Verbündeten stillschweigend weglaufen ließe, würde das erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieses Großmachtanspruchs wecken.
SPIEGEL: So wie es jetzt aussieht, wollen sich die Sowjets nicht in die Entwicklung in Osteuropa einmischen.
CRAIG: Ich glaube, Gorbatschow wartet nur auf den richtigen Zeitpunkt, um in Erinnerung zu rufen, daß die Sowjetunion noch ein ernsthaftes Wort mitzureden hat. Bush sollte Gorbatschow klarmachen, daß Washington und Moskau die Entwicklung in Deutschland unter Kontrolle bringen müssen, ohne an Gewaltanwendung zu denken. Dies ist der Augenblick für eine sehr feinfühlige Diplomatie.
SPIEGEL: Die Gründe für das Unbehagen über eine deutsche Wiedervereinigung liegen in den historischen Erfahrungen, die Europa mit dem deutschen Nationalstaat seit 1871 gemacht hat. Sind diese Ängste noch begründet?
CRAIG: Es ist immer falsch, die Geschichte zu vergessen. Wenn ich Franzose wäre, würde ich sehr genau über die Vergangenheit nachdenken. Ich würde mir sagen: Im günstigsten Fall bringt die Wiedervereinigung ein demokratisches Deutschland nach westlichem Muster hervor. Aber es wäre ein Staat mit 80 Millionen Menschen - 80 Millionen, die sagen: Schaut her, wir sind jetzt alle demokratisch, die Vergangenheit ist tot, wir dürfen nie wieder rückfällig werden, und wir wollen keine ausgefallenen Waffen haben. Angenommen, alle möglichen Versicherungen würden von diesem neuen deutschen Staat abgegeben, so hätten wir es doch mit einem ganz anderen Deutschland zu tun als bisher.
SPIEGEL: Einem, das wieder zu nationalistischen Ausbrüchen fähig wäre?
CRAIG: In diesem Deutschland würde ein neues Denken entstehen, ein neuer Stolz, eine neue Vorstellung davon, was die Deutschen sind und was ihre Rolle in Europa sein sollte. Früher oder später würde sich auch wieder jemand an die verlorenen Ostgebiete erinnern. Und alle guten Absichten, alle Beteuerungen, die diese wiedervereinigten Deutschen heute abgeben könnten, wären keine Garantie dafür, wie sich dieser Staat in zehn Jahren verhalten würde.
Wenn ich Franzose wäre, würde mir all das durch den Kopf gehen, und ich würde zu der Schlußfolgerung von Francois Mauriac kommen: Ich liebe Deutschland so sehr, daß ich zufrieden bin, daß es davon zwei gibt.
SPIEGEL: Schon Bismarcks Reich war ja zu mächtig für das Gleichgewicht in Europa. Was brachte damals Deutschland in die Rolle des Störenfrieds - sein schieres Gewicht oder eine verfehlte Politik?
CRAIG: Eine Kombination von beidem. Bismarck war sich der Gefahren wohl bewußt. Das ist einer der Gründe, warum er in den Jahren nach der Reichsgründung immer eine Politik der Beschwichtigung zu betreiben versuchte. Er wies unentwegt darauf hin, daß Deutschland eine saturierte, zufriedengestellte Macht sei, die nichts weiter mehr wünsche. Von kolonialen Ansprüchen hielt er wenig, ermunterte vielmehr andere Mächte, sich Kolonien anzueignen. Aber unter Wilhelm II. wurde die deutsche Politik - Bülows Weltpolitik, Tirpitz' Flottenpolitik - ehrgeiziger und unberechenbarer. Die Nachbarn begannen Deutschlands Macht und Absichten zu fürchten, und dies führte zu tragischen Ergebnissen.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, daß auch heute ein wiedererstandener deutscher Nationalstaat zwangsläufig auf ähnlich viel Mißtrauen stoßen würde?
CRAIG: Die Geschichte ist in gewisser Weise wie ein großer Kleiderschrank, in dem man herumwühlt, um das zu jeder Gelegenheit Passende zu finden. Der bloße Gedanke, ein neues Gleichgewicht in Europa rund um ein wiedervereinigtes Deutschland zu errichten, übersteigt das Vorstellungsvermögen. Schließlich wird ein Staat, der die größte Wirtschaftsmacht in Europa ist, früher oder später neue politische Ideen entwickeln. Das können gute Ideen sein, das können aber auch schlechte, gefährliche Ideen für Deutschlands Nachbarn sein.
SPIEGEL: So daß der Rest Europas dieses als übermächtig empfundene Deutschland notgedrungen wieder einkreisen würde?
CRAIG: Zumindest in Gedanken, ja.
SPIEGEL: Welche Vorsorge könnten die vier Mächte gegen eine deutsche Vorherrschaft in Europa treffen?
CRAIG: Sie könnten nach einer anderen Formel für die Einheit der Deutschen suchen. Statt Wiedervereinigung könnte es eine Art Konföderation geben - zwei souveräne deutsche Staaten mit vielleicht unterschiedlichen politischen Systemen, aber demokratischen Strukturen. Das könnte einen Teil der Befürchtungen zerstreuen, Deutschland sei zu groß und zu stark für den Rest Europas.
SPIEGEL: Was aber, wenn die Deutschen auf ihr Selbstbestimmungsrecht pochen und die Wiedervereinigung verlangen?
CRAIG: Ehrlich gesagt: Für unser aller Wohlergehen und für die Lösung dieser verzwickten Fragen wäre es am besten, wenn die Reformen in der DDR greifen, die lausigen Bürokraten davongejagt und die Ostdeutschen mit westlicher Hilfe noch einmal von vorn anfangen würden. Dann brauchten wir uns um die Frage der Wiedervereinigung nicht mehr zu sorgen. Das wäre der angenehmste Weg, die gegenwärtige Krise zu lösen. Eine stabilisierte, reformierte DDR würde uns Gelegenheit geben, die beiden deutschen Staaten einander näherzubringen und zugleich die europäische Union voranzutreiben.
SPIEGEL: Die Bundesregierung, aber auch ihre westlichen Partner haben immer wieder beteuert, die deutsche Einheit könne nur im Rahmen der europäischen Einigung erreicht werden. Alles Lug und Betrug?
CRAIG: Der Berliner Schriftsteller Peter Schneider hat neulich gesagt, daß Bonns Partner in einer mißlichen Lage stecken. Die Frau, der sie 40 Jahre lang unverbrüchliche Liebe geschworen haben, klopft nun plötzlich an die Tür und sagt: Hier bin ich, nimm mich. Jetzt wird mit einem Mal klar, wie fragwürdig diese Liebesbekenntnisse westlicher Staatsmänner zur deutschen Einheit immer waren. Ich glaube nicht, daß irgendein amerikanischer Politiker jemals daran gedacht hat, dieses Versprechen eines Tages einlösen zu müssen. Deshalb haben sie auch nie ernsthaft über die Möglichkeit nachgedacht. Es wurden keine Pläne für einen solchen Fall vorbereitet. Und nun ist es passiert, die Frau steht in der Tür.
SPIEGEL: Und ist sie häßlich?
CRAIG: Nun ja . . .
SPIEGEL: Der Westen mag zurückschrecken, aber kann er von seinen früheren Bekenntnissen noch abrücken? Präsident Bush hat sich doch gerade wieder für die Wiedervereinigung ausgesprochen.
CRAIG: Ich glaube nicht, daß das Heuchelei ist. In der Politik müssen Erklärungen abgegeben werden. Was Bush sagte - daß niemand Angst vor der Wiedervereinigung haben müsse, daß sie der Herzenswunsch aller Deutschen sei -, ist fragwürdig. Aber es geht nicht um seine Aufrichtigkeit. Er wiederholt einfach, was immer selbstverständlich schien.
SPIEGEL: Ihm müßte doch klar sein, daß eine Überwindung der deutschen Teilung das Ende der amerikanischen Präsenz in Europa einleiten könnte.
CRAIG: In Amerika dauert es manchmal lange, bis eine auswärtige Krise wahrgenommen wird. Die Frage nach möglichen Folgen wird noch später gestellt. Ich hoffe, daß jetzt endlich irgendwo in der US-Regierung mit Hochdruck an Eventualplänen gearbeitet wird.
SPIEGEL: Aber Sie haben Ihre Zweifel?
CRAIG: In den öffentlichen Erklärungen hat sich bis jetzt nichts niedergeschlagen. Außenminister James Baker kümmert sich offenkundig mehr um den Nahen Osten und um Nicaragua als um die deutsche Frage.
SPIEGEL: Treibt die Angst vor den angeblich unberechenbaren Deutschen die Amerikaner weniger um als Briten und Franzosen?
CRAIG: In der Londoner Times wurde neulich das Schreckgespenst eines Vierten Reiches heraufbeschworen, mit Hitler-Denkmälern in jeder deutschen Stadt und einer neuen Rassenlehre. Das mag absurd erscheinen, aber es spiegelt eine besondere europäische oder auch englische Haltung wider. Die USA haben nach dem Krieg sehr schnell vergessen und vergeben, weil die Deutschen sich wie vernünftige Menschen und fast wie Amerikaner benahmen. Amerikaner haben eben ein kurzes Gedächtnis. Die Erinnerung der Briten und Franzosen reicht weiter zurück.
SPIEGEL: Wer kennt denn nun die Deutschen besser, die Leute mit dem kurzen oder die mit dem langen Gedächtnis?
CRAIG: Sie versuchen, mich in eine Diskussion über den deutschen Romantizismus zu verwickeln, und dem möchte ich widerstehen. Aber ich würde doch so weit gehen zu sagen, daß viele Menschen der Überzeugung sind, die Deutschen würden von Zeit zu Zeit durchdrehen; und daß dies auf die dunklen Abgründe in ihrer Seele zurückzuführen ist, auf ihre ständige Neigung, sich zu fragen, wer und was sie sind und wozu sie leben. Dazu kommt ihr Gefühl, daß niemand sie mag. Und daher die Tendenz, aus kleinen Siegen große Triumphe zu machen, kurzum: zu übertreiben. Aber natürlich dürfen wir nicht vergessen, daß sich in den letzten 40 Jahren vieles verändert hat.
SPIEGEL: Die Deutschen sind nüchterner geworden . . .
CRAIG: Die mystische Verehrung, die dem Staat entgegengebracht wurde, ist weg; die Beziehung zwischen Bürger und Regierung ist pragmatischer geworden. Man hat der Politik den Mystizismus und die Mythologien ausgetrieben. Das ist wahre Demokratie. Allerdings, unter dem Einfluß einer sehr starken Emotion, einer heftigen Gefühlsaufwallung, wie etwa bei einer plötzlichen Wiedervereinigung mit dem Bewußtsein, daß alle wieder zusammengehören, könnte ein Funke überspringen. Der Aufbruch zu einem leuchtenden Horizont, hinter dem sich alle möglichen Verheißungen verbergen, würde womöglich aufs neue beginnen.
SPIEGEL: Also in Frieden das zu gewinnen, was Deutschland in zwei Weltkriegen verwehrt wurde: die Vorherrschaft in Europa?
CRAIG: So könnte es kommen.
SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von M. Kilian und R. Leick

DER SPIEGEL 46/1989
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