13.11.1989

NamibiaEiserne Faust

Freiheit in Sicht - und doch wirtschaftlich an Südafrika gekettet: Namibia wird nur bedingt unabhängig.
Fünf Tage lang Hochbetrieb in den Wahllokalen. In brütender Hitze standen schwarze und weiße Namibier stundenlang Schlange, um ihre Stimme abzugeben. Einträchtig und - jedenfalls bis Freitag - ohne Zwischenfälle entließ sich Afrikas letzte Kolonie in die Unabhängigkeit.
Die 105jährige Fremdherrschaft über Namibia, die 1884 mit der Übernahme von Deutsch-Südwest durch das Kaiserreich begann, ging vorige Woche unwiderruflich zu Ende.
Die militante Befreiungsbewegung Swapo hoffte auf den Lohn für ihren 23jährigen Krieg gegen Südafrika. Doch das gemäßigte Parteienbündnis DTA (Demokratische Turnhallenallianz) war ein starker und, dank Unterstützung durch Südafrika, vor allem auch ein finanzstarker Gegner. So mochte Ende letzter Woche niemand Überraschungen bei der Wahl zur verfassunggebenden Versammlung ausschließen.
Nahezu zwei Drittel aller rund 700 000 namibischen Wahlberechtigten sind des Lesens und Schreibens unkundig. Viele Wähler waren überfordert mit einem Stimmzettel, auf dem sich zehn Parteien in alphabetischer Reihenfolge neben ihren Symbolen - meist einem Handzeichen - anboten.
Ob die Swapo nun im ersten Anlauf die Zweidrittelmehrheit schafft und damit im Alleingang Verfassung und Unabhängigkeitsdatum bestimmt oder erst durch Koalitionsverhandlungen die Macht erringt - erster Staatschef des Landes wird voraussichtlich Shafiishuna Sam Nujoma, 60, von Anhängern als "Vater der Nation" gefeiert, von Gegnern als "potentieller Idi Amin" gefürchtet.
Nujoma ist der letzte afrikanische Guerilla-Chef alten Stils, der nach jahrzehntelangem Swapo-Buschkrieg im Triumph in sein Land zurückkehrte, um es in die Unabhängigkeit zu führen.
Der im Ovambogebiet geborene Bauernsohn ist kein intellektueller Vordenker wie einst Ghanas Kwame Nkrumah, kein Charismatiker wie Kenias Jomo Kenyatta, kein mitreißender Redner wie Mosambiks Samora Machel. Einer der entschlossensten Politiker der Entkolonialisierung ist er dennoch.
Nachdem er wegen Protestaktionen in der Hauptstadt Windhuk verhaftet worden war, floh Nujoma 1960 ins Ausland. Mit politischem Gespür, ausgeprägtem Machtwillen und Geduld verfolgte er, seit 1963 Präsident der Swapo, sein Ziel: Unabhängigkeit von Südafrika, welches das Land seit 1920 als Mandatsmacht des Völkerbundes verwaltet.
Kritik aus den eigenen Reihen duldete der jovial und volkstümlich wirkende Swapo-Boß nicht: Mit eiserner Faust hielt er seine Organisation - den internen wie den militanteren Exil-Flügel - zusammen. Daß echte oder vermeintliche Dissidenten in den Lagern im angolanischen und sambischen Exil grausam gequält wurden, kam erst ans Licht, als entsprechend dem Abkommen über den Unabhängigkeitsprozeß die ersten Gefangenen freigelassen wurden.
Nujoma, so deren Vorwurf, habe von den Folterungen nicht nur gewußt, sondern sogar eines der Lager im Süden Angolas besucht. Doch die brutale Behandlung der Gefangenen und das vertragswidrige Einschleusen von Guerilla-Kämpfern Anfang April in den Norden Namibias schienen der Swapo eher im Ausland als bei ihren Anhängern in Namibia geschadet zu haben.
In den Exiljahren hatte sich Nujoma gern in einer radikalen, marxistisch geprägten Rhetorik geübt. Als der Rebell mit dem grauen Bart aber nach fast 30 Exil-Jahren in die Heimat zurückkehrte, schlug er versöhnlichere Töne an. Eine gemischte Wirtschaft, ein Mehrparteiensystem, Enteignung von Land nur, wenn es nicht genutzt wird, versprach der Swapo-Chef, den Weißen streckte er die Hand zur Versöhnung hin.
Auch mit den Herrschern in Südafrika wird Nujoma reden müssen. Denn wirtschaftlich ist Namibia völlig abhängig von den Buren am Kap. Schätzungsweise 70 Prozent aller Gebrauchsgüter kommen aus dem Süden. Nahezu 80 Prozent aller in Namibia gezüchteten Rinder, in diesem Jahr rund 400 000 Stück, werden an südafrikanische Schlachthöfe geliefert.
Noch stärker ist die Abhängigkeit des Bergbaus. Zwei riesige Sperrgebiete im mineralreichen Wüstengebiet am Atlantik gehören der Consolidated Diamond Mines (CDM), einer hundertprozentigen Tochter der südafrikanischen De-Beers-Gruppe. Jede neue Regierung in Windhuk muß sich hüten, den Bossen der reichsten Diamanten-Fundstätte der Welt - etwa durch die von der Swapo angekündigten Teilverstaatlichungen - zu nahe zu treten. 1987 erwirtschaftete CDM rund zehn Prozent des namibischen Bruttosozialprodukts. Auch über Uran und andere Mineralien haben ausländische, meist südafrikanische Konzerne die Kontrolle.
Wenn Mitte dieser Woche das Wahlergebnis bekannt wird, beginnt für die Swapo eine schwere Zeit. Vor allem Südafrika wird entscheiden, ob das Land wirtschaftlich lebensfähig sein wird.
Angesichts dieser Lage scheinen Nujomas Versöhnungsgesten nicht gespielt: Seit Anfang der achtziger Jahre lud der Swapo-Chef wiederholt weiße Farmer, Geschäftsleute und Intellektuelle ins Ausland ein, um mit ihnen über die Zukunft Namibias zu diskutieren.
Mehrere Weiße - auch Unabhängige - hat er auf sicheren Listenplätzen der Swapo untergebracht.

DER SPIEGEL 46/1989
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