13.11.1989

MittelamerikaHilfreiche Feinde

Neue Fronten im Bürgerkrieg: Nicaragua und die USA halten sich zurück, junge Contra-Offiziere beharren auf Kampf.
Daß es so knüppeldick kam, damit hatte Nicaraguas Staatspräsident Daniel Ortega nicht gerechnet. Einen Protest der Yankees, laut Sandinisten-Hymne ohnehin der "Feind der Menschheit", hatte er zwar einkalkuliert, als er Anfang November den 19monatigen Waffenstillstand im Contra-Krieg aufhob - doch dann lief alles anders als geplant:
Fast ausnahmslos lasteten die lateinamerikanischen Kollegen ihm - und nicht den Contras, nicht deren Schutzherren in den USA - das Wiederaufflammen des achtjährigen Bürgerkriegs an. Europäische Politiker warnten die Sandinisten, den Friedensprozeß nicht zu gefährden. Uno-Chef Perez de Cuellar ließ seine "ernste Besorgnis" übermitteln, und selbst jenen US-Parlamentariern, die stets gegen die Contra-Hilfe gestimmt hatten, riß die Geduld. Der Demokrat David Obey: "Ortega ist und bleibt ein Dummkopf."
Gegenüber Costa Ricas Staatschef Oscar Arias, dem Initiator des stets gefährdeten mittelamerikanischen Friedensprozesses, konnte Ortega den Entschluß nur noch matt verteidigen: Selbst seine Freunde in den USA hätten der Beendigung des Waffenstillstands zugestimmt. Arias Antwort: "Dann sehen Sie zu, daß Sie die loswerden."
Von Managua aus betrachtet, hatte Ortega aber nur konsequent gehandelt und eine außenpolitische Erfolgsserie mit dem angeblich längst absehbaren Ende der Contras krönen wollen.
Seit der amerikanische Kongreß im Februar 1988 die Militärhilfe an die Rebellen eingestellt hatte und im Strudel des Iran-Contra-Skandals eine Wiederaufnahme dieser Hilfe undenkbar wurde, schien der Weg frei für eine politische Lösung des Bürgerkriegs, vorangetrieben von den mittelamerikanischen Staaten selbst. Schon im März einigten sich Sandinisten und Contras in Sapoa auf einen Waffenstillstand, den die Regierung in Nicaragua bis zum November Monat für Monat verlängert hatte.
Knapp ein Jahr später konnten die fünf mittelamerikanischen Staatspräsidenten eine Vereinbarung unterzeichnen, in welcher der Friedensplan für Nicaragua Gestalt annahm: freie Wahlen in Managua gegen Entwaffnung und Auflösung der Contras.
Im August dieses Jahres einigten sich die fünf im honduranischen Tela darauf, internationalen Beobachtern das schwerste Stück Arbeit zu überlassen: Eine Kommission von Vertretern der Uno und der Organisation Amerikanischer Staaten sollte die Wahlvorbereitungen überwachen und bis Anfang Dezember die Contras zur Selbstauflösung bewegen. Wie sie dieses Kunststück bewerkstelligen würden, blieb ihnen überlassen.
Seinen Teil des Abkommens hielt Ortega strikt ein. Die Beobachter, unter ihnen der ehemalige US-Justizminister Elliot Richardson, befanden die Wahlvorbereitungen als "außerordentlich gut", einige meinten gar eine Bevorzugung der Opposition zu erkennen. Die Bilanz des Vorbereitungsprozesses war ein Erfolg für Ortega, der jetzt zumindest außerhalb des Landes als verläßlicher Vertragspartner erschien.
Was dagegen nicht klappte, war die Auflösung der Contras. Im honduranischen Hauptquartier der Truppe in Yamales an der Grenze zu Nicaragua, empfahlen die internationalen Beobachter den Contras, "aufzugeben, bevor Ihre Schutzmacht Sie fallen läßt". Doch das beeindruckte die Kämpfer wenig. Bislang hatten sie aus Washington die Zusage, wenigstens bis zu den Präsidentschaftswahlen im Februar als Kampfverband bestehen zu bleiben.
Genau damit kann sich Ortega nicht abfinden. Die Chance, im Wahlkampf als Friedensbringer aufzutreten, der - nach 30 000 Toten - den Contra-Krieg siegreich beendet hat, will er sich nicht entgehen lassen. Angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage seines Landes kann er anders die Wahlen kaum gewinnen.
Seine Kalkulation, durch neue Kämpfe die Mitunterzeichner des Tela-Abkommens zu größerem Druck auf die Contras zu bewegen, ging jedoch nicht auf. Zu sehr hatten sich die Staaten an die Friedensfiktion in Nicaragua schon gewöhnt. Daß der Waffenstillstand in den vergangenen 19 Monaten wiederholt gebrochen wurde, darüber hatten bislang alle Parteien hinweggesehen.
So mußte Ortega einlenken. Der unterbrochene Waffenstillstand zeichnete sich nicht durch Großoffensiven gegen die rund 5000 nach Nicaragua eingesickerten Contras aus, sondern durch politisches Taktieren. Der Sandinisten-Chef bescheinigte der US-Regierung, sie habe "vorsichtig und konstruktiv auf unsere souveräne Entscheidung reagiert".
Als wolle er das bestätigen, versprach Präsident George Bush trotz aller Beschimpfungen seines Gegners vergangenen Dienstag, Washington werde die Militärhilfe für die Contras nicht wieder aufnehmen. Und bevor sich die Bürgerkriegsparteien am Donnerstag im New Yorker Uno-Gebäude zu Gesprächen trafen, legten Sandinisten und Contras neue Friedenspläne vor.
Dennoch könnte es bereits zu spät für Verhandlungen sein. Die Contras, einst willfähriges Instrument der Regierung Ronald Reagans, sind selbständiger geworden und nehmen Befehle kaum noch von Washington, mit Sicherheit nicht von einer internationalen Beobachtertruppe entgegen. Während in New York bereits verhandelt wurde, putschten Contra-Führer in Miami und wählten sich ein Führungsgremium, in dem fast nur noch aktive Kämpfer sind.
Seit dem Ende der Militärhilfe hat die alte politische Führung der Rebellen jeglichen Einfluß verloren. Adolfo Calero, einst Chef der "Resistencia Nicaraguense", kann nicht einmal mehr seine eigenen Truppen besuchen. Die Feldkommandeure untersagten ihm den Zutritt zum Hauptquartier in Yamales.
Auch der ehemalige Nationalgardist Enrique Bermudez ist nur noch dem Namen nach militärischer Chef der Contras und Verhandlungsführer in New York. Tatsächliche Macht haben jüngere Kommandanten übernommen, deren Erfahrung durch den Krieg bestimmt wurde und die sich um die Politik der meist abwesenden Contra-Führung nicht mehr kümmern.
Zu ihrem Stabschef haben sie den 29jährigen Israel Galeano gewählt, der sich als Kommandeur "Franklin" in den Bergen Nicaraguas bei Sandinisten und ihren Gegnern einen gleichmaßen legendären Namen gemacht hat. Mehrere Male verkündete Nicaraguas Armee bereits voreilig seinen Tod oder seine Gefangennahme.
Die jungen Contra-Führer sind nicht bereit, ihre Verbände aufzulösen, auf keinen Fall vor den Wahlen. Vor allem für sie war das Ende des Waffenstillstands deshalb ein eher unverhofftes Geschenk. Galeano: "Manchmal sind eben deine Feinde weit hilfreicher als deine Freunde."
Die fielen dem neuen Contra-Boß sogar in den Rücken: Als Galeano am vergangenen Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Washington die Ereignisse erläutern wollte, verbot das Außenministerium seinen Auftritt. f

DER SPIEGEL 46/1989
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