05.03.1990

„Wir werfen die Schöpfung weg“

Kinder bewahren Kröten vor dem Verkehrstod, Umweltschützer bohren Schlupfplätze für den Holzbock und graben Lebensraum für Fischotter - überall in der Welt mühen sich Engagierte, vom Aussterben bedrohte Tierarten zu retten. Eine Schlüsselrolle bei dem Versuch, den Genpool der Natur zu erhalten, kommt den Zoos zu.
Wenn der Tag anbricht, richten die Wachen ihre Ferngläser auf den Baumwipfel. Über ein empfindliches Richtmikrofon hören sie verdächtige Geräusche ab. Per Sprechfunk übermitteln sie ihre Erkenntnisse an das Hauptquartier.
260 Posten sind im Einsatz, von Ende Februar bis zum Juli hocken sie Tag und Nacht im Wald. Ihre Wohnwagen stehen im Unterholz - getarnt.
Der Aufwand, so Volker Latendorf, einer der Koordinatoren der Schutztruppe, scheint "auf den ersten Blick übertrieben"; seine Leute haben den Auftrag, ein bedrohtes Geschöpf vor der Ausrottung zu bewahren: den Seeadler.
Gerade noch sieben Pärchen dieses selten gewordenen Federviehs brüten irgendwo zwischen Kiel und Bad Segeberg - in Horsten, deren Standorte geheimgehalten werden. Für den Schutz vor Eierdieben und Amateur-Ornithologen sorgen ein Chefarzt aus Lübeck sowie etliche Zollinspektoren, Arbeiter und Hausfrauen, "allesamt Wiederholungstäter" (Latendorf): Jahr für Jahr nehmen sie Sturm, Regen und stundenlange Einsamkeit auf sich, um "ein Stück Leben zu sichern".
Schleswig-Holsteins ehemaliger Finanzminister Roger Asmussen kümmert sich mit 95 Helfern um eine andere Brut: die Eulen. Asmussen ist Vorsitzender des Landesverbandes Eulenschutz. Sogar auf seinem Gartengrundstück bei Heide nisten zwei Uhu-Paare. Im letzten Jahr produzierten sie sieben Jungvögel.
Wie die Adler-Heger und Eulen-Pfleger im Norden der Republik, so mühen sich Bürger landauf, landab um das Wohlergehen bedrohter Tiere: *___Kinder im nordrhein-westfälischen Dormagen tragen, ____sobald Kröten und Frösche aus den Winterquartieren zu ____ihren Laichgewässern wandern, die Amphibien zu ____Tausenden über die Landstraßen und bewahren sie vor dem ____Verkehrstod. *___Im Hamburger Stadtteil Langenhorn finanzierte die "Neue ____Heimat", erfahren im Umgang mit Sozialwohnungen, den ____Umbau eines alten Luftschutzbunkers zu einem ____Schlafplatz für Fledermäuse. Naturschützer stemmten ____einen Einschlupfschacht durch die Betonmauer und ____bastelten Ecken und Nischen für die Flugsäugetiere. *___Auf dem Gelände der Vogelpflege- und ____Auswilderungsstation des Deutschen Bundes für ____Vogelschutz in ____Hamburg-Sülldorf bohren Jugendliche Löcher in totes ____Baumholz, damit Holzbock und Schlupfwespe ein Plätzchen ____für ihre Eier finden. *___Mehr als 5000 Kilometer Flußläufe wanderten ____Fischotter-Freunde ab, um geeignete Habitate für die ____bedrängten Tiere zu finden. Naturschützer brachten ____Bauern im nördlich von Bremen gelegenen ____Osterholz-Scharmbeck dazu, die Weidezäune vier Meter ____von einem Flußufer zurückzunehmen und zum Schutz der ____Otter die Böschungen nicht zu mähen. *___Im niedersächsischen Hankensbüttel legte die "Aktion ____Fischotterschutz" ein Revitalisierungszentrum an, in ____dem derzeit 17 Otter von 90 Helfern gepflegt werden. ____Claus Reuther, der Chef der Schutztruppe, will ein 110 ____Kilometer langes Flußsystem schaffen, damit die Tiere ____in der Freiheit schwimmen können. Reuther: "Wenn wir ____die Tiere aufgeben, geben wir uns selbst auf."
Hunderttausende haben sich vereint, "um zu retten, was noch zu retten ist", resümiert Manfred Niekisch, ehemals Direktor bei der Umweltstiftung World Wildlife Fund (WWF). Überall gründen sich lebensschützende Öko-Organisationen - zur Bewahrung der Tropenwälder und der Elefanten, der Wale, der Seehunde und der Robben.
In 750 Revieren von Rheinland-Pfalz zählen Hunderte von ehrenamtlichen Mitarbeitern in diesen Monaten die Ameisenhügel und katalogisieren die Arten - hier eine Starkbeborstete Gebirgs-Waldameise, dort die Schwachbeborstete Hochgebirgs-Waldameise.
2,6 Millionen Bürger haben bei den letzten Bundestagswahlen den Grünen ihre Erststimme gegeben, und nahezu jeder Meinungsforscher bestätigt: Für die Deutschen steht der Umweltschutz auf der Prioritätenliste ganz oben. "Machen wir uns jedoch nichts vor", analysiert Biologe Niekisch, das TV-Volk zumindest sei "abgestumpft" ob der Katastrophenmeldungen: "Wenn die im Fernsehen heute hören, es ist zwei Minuten vor zwölf, dann schalten sie ab."
"Gewiß gibt es da und dort einen Noah", schreibt der bayerische Umweltautor Dieter Wehnert, "der trotz aller Hoffnungslosigkeit mit dem Wagemut der Verzweiflung gegen den Strom der Zeit zu schwimmen scheint." Für die Mehrheit aber gilt noch immer der Gedanke, den der Heidedichter Hermann Löns 1911 zu Papier brachte: "Es ist ja ganz nett, wenn einige kleine Einzelheiten geschützt werden. Bedeutung für die Allgemeinheit hat diese Naturdenkmälerchenarbeit aber nicht."
Immer eindringlicher warnen Wissenschaftler wie etwa der Harvard-Soziobiologe Edward O. Wilson in Aufsätzen oder Vorträgen vor dem drohenden Artentod: "Wir sind derzeit dabei, einen Teil der Schöpfung wegzuwerfen."
Während Forscher, unter ihnen ein ehemaliger Astronaut, in den Bergen der Türkei noch nach Überresten der dort angeblich gestrandeten Arche Noah fahnden, kämpfen die Tiere (und Pflanzen) ein weiteres Mal ums Überleben. Nicht 40 Tage Sintflut bringen sie um, sondern mehr als fünf Milliarden Menschen.
In mehr als 600 Millionen Jahren Geschichte des höheren Lebens auf dem Planeten Erde haben fünf gigantische Öko-Erschütterungen - im Ordovizium, Devon und Perm, in der Trias und in der Kreide - Tier- und Pflanzenarten dezimiert. Vor 240 Millionen Jahren starben zwischen 77 und 96 Prozent der marinen Tierarten aus. "Wir taumeln jetzt in die sechste dieser Katastrophen", prophezeit Wilson, der für sein Buch "On Human Nature" mit dem Pulitzerpreis geehrt wurde.
Vor 65 Millionen Jahren verschwanden die Saurier vom Erdboden, vor 10 000 Jahren verloren die Mammuts ihren Existenzkampf. Nun aber vernichten die Menschen, nach Art eines "biologischen Holocaust" (WWF), Tiere und Pflanzen, "wie es die Natur noch nie zuvor in der geologischen Vergangenheit getan hat" (Wilson).
Selbst Pflanzenarten, die mehrere hundert Millionen Jahre lang Klimaveränderungen durch Meteoriteneinschläge und Eiszeiten überlebt haben, werden nun irreversibel ausgerottet. Die Konsequenzen kann man kaum erahnen, meint Wilson, "zweifellos werden sie fatal sein".
William Conway, Generaldirektor der "New York Zoological Society", dem sowohl der Tierpark in der Bronx als auch die Tierschutz-Organisation "Wildlife Conservation International" unterstehen, ist überzeugt: Die Vernichtungskraft der zahlreichen Kälteperioden der letzten Eiszeit, die in zweieinhalb Millionen Jahren die Arten dezimierten, sei "ein Nichts im Vergleich zu dem, was wir uns allein in den letzten zwei Jahrzehnten angetan haben". Conway: "Wir töten nicht nur die Arten, wir töten die gesamte Evolution."
Wenn die Menschen nicht alsbald "drastische Maßnahmen" ergriffen, mahnte auch Time, könnte dieser Planet als menschliches Habitat in nicht zu ferner Zukunft unbewohnbar sein. Das Szenario, das Science-fiction-Autor Philip K. Dick in seinem Bestseller "Träumen Roboter von elektrischen Schafen?" zeichnete, wird von Tag zu Tag mehr Wirklichkeit: eine Welt, in der mechanische, digital gesteuerte Tiere die Natur ersetzen - ein lebendes Pferd wird zum begehrtesten Gut der Menschen.
Nicht nur Phantasten prophezeien für die nächsten Generationen eine verödende Welt, in der Vogelgezwitscher nur noch auf CDs zu hören ist. Wissenschaftler suchen den Countdown zu verzögern. Schon experimentiert ein halbes Dutzend amerikanischer Universitäten mit künstlicher Befruchtung von Wildtieren; Forscher versuchen, die Samen von Tigern und Bären bei minus 196 Grad in Flüssigstickstoff für die Zukunft zu konservieren. Zoodirektoren und Naturschützer entscheiden darüber, welche Tierarten in der Gefangenschaft vor dem Untergang bewahrt werden können - wird der Zoo, von einigen Tierschützern als barbarischer Kerker verurteilt, zur Arche Noah des nächsten Jahrtausends?
Von den etwa 500 in der Bundesrepublik katalogisierten Wirbeltierarten - Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel, Säugetiere - sind nahezu 50 Prozent bedroht oder bereits ausgerottet. Auf der "Roten Liste", dem offiziellen Sterbeanzeiger der Naturschützer, sind allein 98 Vogelarten in der höchsten Gefährdungsstufe * Im Zoo von Minnesota. aufgeführt, darunter Wiedehopf, Wachtelkönig und Heidelerche.
Allenfalls 200 Otter-Exemplare werden derzeit noch in der Bundesrepublik vermutet. In der Nordsee sind Delphinarten wie der Große Tümmler und der Schweinswal weitgehend verschwunden. Trotz des Engagements der Umweltschützer wird es für Fledermäuse immer schwerer, Unterschlupf in Kirchtürmen oder Stellwerken zu finden - 16 ihrer 22 Arten sind existenzbedroht.
75 Prozent der Reptilien sind gefährdet. "Trotz aller Schutzbemühungen" registrierte Eulen-Fan Asmussen in den letzten Jahren beim Steinkauz "eine stark negative, besorgniserregende Entwicklung". Die Sumpfohreule ist vom Aussterben bedroht. Der Brutbestand der bundesdeutschen Weißstörche sackte durch Bejagung in Afrika und Nahost sowie durch Rückgang der Feuchtgebiete in der Bundesrepublik von 2500 (1958) auf 500 (1988).
Weltweit sind Tausende von Tierarten von der Ausrottung bedroht - Langschwanzkatzen und der Molukken-Kakadu, Kobras wie Nashornvögel, der Kalifornische Kondor und der Brasilianische Ozelot, der Baltische Stör wie die Mönchsrobben und die Chinchillas. "Wir können notfalls zwar die Akropolis nachbauen oder die Mona Lisa nachmalen, aber ausgestorbene Tierarten sind unwiederbringlich", mahnt Gunther Nogge, der Direktor des Kölner Zoos. "Ausradiert bedeutet ausradiert."
Die Liste der Verbrechen an der Artenvielfalt wächst: *___Von den Berggorillas in Ostafrika existieren gerade ____noch 400 Exemplare. Ein Drittel der etwa 200 Affen- und ____Halbaffenarten ist bedroht, darunter der größte Affe ____Südamerikas, der Muriki, von dem nur einige hundert bis ____heute überlebten. *___Auf knapp 500 Exemplare wird der Restbestand der bis zu ____178 Tonnen schweren und bis zu 33 Meter langen Blauwale ____geschätzt. *___Nur noch rund 430 Sibirische Tiger leben in Freiheit. ____Der kaspische Artgenosse, ein ursprünglich in der ____östlichen Türkei, im Nordirak und Iran heimischer ____Tiger, ist ausgerottet. *___Die im Nordosten Chinas lebenden Zweihöckrigen ____Wildkamele sterben aus, der Bestand der Pandas ist ____bedroht. *___Von den 1970 geschätzten 65 000 Spitzmaulnashörnern in ____Afrika blieben noch 3000; vom Javanashorn sind - im ____Udjong Kulon Nationalpark - gerade noch einige Dutzend ____am Leben. *___Die Bestände der Meeresschildkröten nehmen rapide ab. ____Die erst 1901 entdeckte Waldgiraffe, das Okapi, ist ____gefährdet. *___In Asien sind die Bären dezimiert, nunmehr geraten die ____amerikanischen Bären-Populationen unter Druck: ____Südkoreanische Händler zahlen US-Jägern für legale und ____illegale Beute hohe Preise, weil die Asiaten überzeugt ____sind, daß der Verzehr von Innereien des Bären (vor ____allem der Gallenblase) zu Potenz und Gesundheit ____verhilft. *___Die Frösche von Bangladesch sind - wegen des ____Froschschenkelexports - dezimiert und derzeit unter ____Schutz gestellt. Seit die afrikanischen Regierungen den ____Handel mit Elefanten-Elfenbein unter Strafe stellten, ____schlachten Wilderer vor den Küsten Sibiriens und ____Alaskas massenhaft Walrosse und schlagen ihnen die ____Köpfe ab.
Von "allem Wahnsinn, den wir uns und unserem Planeten antun", prophezeit US-Forscher Wilson, werden unsere Nachfahren uns die Zerstörung des natürlichen Genpools auf der Erde "am allerwenigsten nachsehen".
1,4 Millionen Arten, darunter 4000 Säugetiere, 19 000 Fisch- und 9000 Vogelarten sowie 117 000 Wirbellose, wurden bisher von Wissenschaftlern untersucht und katalogisiert. Nach neuesten Hochrechnungen existieren etwa 5 bis 40 Millionen Arten auf dem Planeten - die Mehrheit davon, Milben und Pilze beispielsweise, sind noch unentdeckt.
Hunderttausende von Lebewesen werden auf den Tiefseeböden vermutet; auf ein Vielfaches der bisher gezählten 3000 Bakterienarten wird deren Bestand geschätzt. Rund 9000 Ameisenarten sind der Wissenschaft derzeit bekannt. Edward Wilson fahndet in diesen Wochen erneut in den tropischen Regenwäldern Südamerikas nach bisher unbekannten Gliederfüßern.
Von jedem Trip bringt der Amerikaner Dutzende neuer Ameisenarten mit; insgesamt hat er 1000 entdeckt und rund 100 wissenschaftlich beschrieben. Die Tropenwälder betrachtet Wilson als eine "ungeheure Schatzkammer", die jedoch "vom Menschen vernichtet wird, bevor wir sie zum Wohlergehen der Menschheit erforschen können".
Holzfäller, Viehzüchter und Erzschürfer dringen in den "Bwindi"-Tropenwald Ugandas vor, das wahrscheinlich artenreichste Gebiet Afrikas. Sie bedrängen den Manu-Nationalpark in Peru, in dem allein rund 800 Vogelarten existieren, dreimal so viele wie insgesamt in der Bundesrepublik. Im indonesischen Kalimantan entdeckte ein US-Wissenschaftler auf einem einzigen Hektar Land 700 Baumarten - das entspricht der gesamten Baumvielfalt Nordamerikas.
Von den neun Millionen Quadratkilometern tropischen Regenwaldes, in denen sich schätzungsweise zwei Millionen Arten entwickelten, wird in jeder Sekunde etwa ein Hektar abgeholzt oder abgebrannt. Die Folge: 4000 bis 6000 Tier- und Pflanzenarten jährlich fallen, so die Berechnungen Wilsons, der Vernichtung anheim: "Das entspricht dem Zehntausendfachen der natürlichen Auslöschungsrate, wie wir sie für die Epoche vor der Existenz des Menschen auf der Erde für wahrscheinlich halten."
45 Prozent des Bestandes der tropischen Regenwälder sind schon zerstört. Jeder abgeholzte Baum bedeutet einen chirurgischen Eingriff in die globale Genbank, eine Amputation der Arten, die eingebunden sind in ein dichtes Netz von gegenseitigen Abhängigkeiten. Die Evolution hat eine "hochkomplizierte Struktur" geschaffen, die "bei kleinsten Veränderungen wie ein Kartenhaus zusammenfällt" (Wilson).
Die gesamte antarktische Nahrungskette beispielsweise ist durch das Ozonloch gefährdet, weil eine hohe Dosis ultravioletter Strahlung im Phytoplankton die für die Photosynthese erforderlichen Chlorophyll-Pigmente zerstört: Das Wachstum des pflanzlichen Mikroplanktons wird um 50 Prozent reduziert. Vor allem von diesem Plankton ernährt sich der Krill, ein Kleinkrebs, von dessen Existenz wiederum Fische, Pinguine, Wale, Vögel abhängig sind.
Nach früheren Massensterben auf dem Planeten Erde, die sich nach der Erkenntnis von Wissenschaftlern in Abständen von 30 bis 100 Millionen Jahren ereigneten, haben sich die Tiere und Pflanzen, ungestört vom Menschen, innerhalb von Jahrmillionen zu regenerieren vermocht. In jeweils 10 bis 100 Generationen können sich, durch Mutationen, neue Arten entwickeln.
Durch die nun bestehenden Umweltschäden an der Natur aber sind "die Chancen einer Wiederbelebung der Artenvielfalt durch genetische Regeneration als gering einzuschätzen", wie Edward Wilson in einer Studie für den Scientific American konstatierte. WWF-Geschäftsführer Arnd Wünschmann sieht die Welt "in den schlimmsten Krieg verwickelt, der die Erde je erfaßt hat". Und allerorts weht schon die weiße Fahne der Kapitulation.
Bis zum Jahr 2025 wird sich beim derzeitigen Geburten- und Sterberhythmus die Bevölkerungszahl verdoppeln. Kein Naturschutzabkommen wird die Milliarden von Menschen stoppen, die sich schon heute mit den Tieren um den Lebensraum streiten - 90 Prozent der Wildtierarten kämpfen in den Entwicklungsländern ums Überleben.
Die weiten, schier grenzenlos anmutenden Steppen und die grünen Hügel Afrikas, die einst Ernest Hemingway durchstreifte und die die dänische Autorin Karen Blixen in ihrem "Out of Africa" nachzeichnete, schrumpfen zu "kleinen Inseln", wie der New Yorker Umweltschützer William Conway beklagt. Am Ende bleiben den Tieren Flächen, die "nicht größer sind als die von Mega-Zoos" - Naturparks und Reservate werden zu beengten Flüchtlingslagern der Tiere.
In 60 Jahren bereits, so kalkulierte der britische Anthropologe Desmond Morris, werden die Wildtiere Afrikas nur noch über 25 Prozent ihrer gegenwärtigen Lebensräume verfügen; ähnliche Entwicklungen seien "in vielen anderen Gebieten der Welt" zu erwarten - eingekesselt von den Menschen, abgeschnitten von den Artgenossen, geraten die Wildtier-Populationen immer stärker unter Druck.
Indien hat seine letzten Tiger in 17 Schutzgebieten gesammelt. In Floridas Sumpfgebieten, den "Everglades", werden Mississippi-Alligatoren wieder hochgepäppelt. Im kanadischen Khutzeymateen Valley sollen die Grizzly-Bären gehegt und gepflegt werden. Nachdem in Skandinavien bei einer Bestandsaufnahme nur noch 110 Wölfe gezählt wurden, fordern Naturschützer nun die Einrichtung von Wolfsreservaten.
Gemeinsam mit der chinesischen Regierung will die New Yorker "Wildlife Conservation International" im nordwestlichen Tibet ein 260 000 Quadratkilometer umfassendes Reservat einrichten, in dem Schneeleoparden und Braunbären sich vermehren und so ins nächste Jahrhundert hinübergerettet werden sollen.
Viele Arten, "insbesondere solche, die durch weitgehend zerstörte, zerstückelte oder verkleinerte Lebensräume in höchstem Maße gefährdet sind", können nur noch durch den "Aufbau sich selbst erhaltender Zuchtpopulationen" vor dem Untergang gerettet werden, glaubt der internationale Naturschutzverband IUCN. Soll heißen: Menschen müssen, durch Gitter oder Wassergräben, die Tiere vor den Menschen schützen. Der Tierpark als moderne Arche Noah: "Wer sonst als der Zoo", fragt Kölns Tierparkchef Gunther Nogge, "könnte und wollte diese Aufgabe übernehmen?"
Sie ist ohne Beispiel: In 50 Jahren werden rund 3000 bedrohte Wildtierarten nur durch Zoo-Aufzucht überleben, prophezeit US-Forscher Ulysses Seal, Vorsitzender der amerikanischen "Species Survival Group". William Conway errechnete: Allein die Erhaltung von 2000 Tierarten mit jeweils 500 Exemplaren über 20 Jahre kostet rund 25 Milliarden Dollar, soviel wie die Landung des ersten Menschen auf dem Mond.
Bis zur Jahrhundertwende planen die US-Tierparks, rund 200 schutzbedürftige Arten in ihre Gehege aufzunehmen. Die Europäer, seit 1985 vereint in einem "Europäischen Erhaltungszuchtprogramm" (EEP), kümmern sich gegenwärtig um 58 Tierarten.
Mit "wahnsinnig viel Glück und einem unverhofften Durchbruch" (Conway) wären die Kosten zu senken, etwa nach Erfolgen mit der künstlichen Besamung von Wildtieren. Tiefgekühlt könnten die Spermien und Eier weltweit transportiert und das genetische Erbe in Samenbanken für künftige Generationen gesichert werden.
Doch seit nunmehr 25 Jahren experimentieren Überlebensforscher Seal und seine Kollegen weithin vergebens - was bei Rindern und Windhunden möglich ist, bleibt in der Zoo-Zucht vorerst Illusion. 20 Ärzte und andere Wissenschaftler erreichten zwar bei einer mehrstündigen Operation im Zoo von Tokio die Befruchtung des Panda-Weibchens Huan Huan (eine 52 Kilo schwere Yu Yu kam zur Welt). Doch bei Sibirischen Tigern konnten US-Kollegen erst einen einzigen Erfolg verbuchen, und auch das nur im Reagenzglas. Allein die Kraniche können gefaßt in die Arten-Zukunft blicken: Bei der "Nationalen Kranich-Stiftung" in den USA existiert für sie bereits eine Samenbank.
Jedes Jahr konferiert die Internationale der Zoologen auf einer Weltkonferenz. Die versammelten Forscher diskutieren Rettungspläne für die vom Untergang bedrohten Wildtiere. Ein sogenannter Stammbuchführer ist jeweils zuständig für die Zucht-Koordination. Drei der in freier Wildbahn längst ausgerotteten Przewalski-Hengste wurden beispielsweise (kostenlos) von der Lufthansa aus den Zoos von Denver und San Diego zum Liebesdienst nach Europa transportiert.
In der vom Kölner Tierparkchef Nogge geführten EEP ist Dortmund beispielsweise zuständig für die Paarung der Großen Ameisenbären, Berlin hingegen verkuppelt Spitzmaulnashörner, Frankfurt organisiert die Paarung für Gorillas. Um das Jahr 2000 werden in deutschen Tierparks, wie der EEP-Chef prophezeit, nur noch Tiere gehalten werden, die von der Ausrottung bedroht sind.
Für WWF-Chef Arnd Wünschmann, bis 1981 Leiter des Münchner Tierparks Hellabrunn, ist der Versuch einer Arten-Rettung im Zoo allerdings "nichts mehr als die bloße Archivierung von genetischem Potential", eine "reine Verzweiflungstat", zumal die vermeintliche Arche Noah "schon sicher bald nirgends mehr anlegen kann": Die natürlichen Habitate für die hochgepäppelten Tiere sind zerstört, die Wildtiere verlieren in der Gefangenschaft ihre natürlichen Instinkte; ohne Zufütterung und menschlichen Schutz würden sie untergehen.
Doch auch die Gegenposition läßt sich vertreten. Ohne die Tierpark-Zucht, argumentieren deren Anhänger, wäre die "Milu", eine im letzten Jahrhundert in China ausgestorbene Hirschart, längst vom Erdboden verschwunden, wäre der Wisent, das europäische Urrind, ausgelöscht, das heute - den Zoozüchtern sei Dank - im polnischen Nationalpark Bialowieza grast.
170 Exemplare des Arabischen Spießbocks, einer Antilopenart, deren Untergang schon besiegelt schien, ziehen wieder durch Oman und Jordanien, weil Zoologen in San Diego und Phoenix das Ende der Art nicht hinnehmen wollten. Vom Löwenäffchen lebten 1968 gerade noch 40 Exemplare, jetzt existieren wieder ausreichende Bestände, die Auswilderung in der brasilianischen Urheimat ist vorgesehen.
Zuweilen allerdings mißglückt das gute Werk: 39 Tage nachdem die "Birkwildgemeinschaft Mitteleider" elf in Schweden gezüchtete Birkhühner im Dellstedter Ostermoor ausgesetzt hatte, waren die Federviecher futsch. Sieben wurden von Fuchs, Marder und Habicht hingerafft, zwei weitere blieben verschollen.
Das zehnte und elfte zeigten sich, auch ohne Freßfeind, dem stressigen Leben in freier Wildbahn nicht gewachsen. Die beiden letzten Hühner starben an Erschöpfung. f

DER SPIEGEL 10/1990
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