13.11.1989

„Wir haben uns selbst betrogen“

Einseitige Demobilisierung von 500 000 Soldaten mit 10 000 Panzern und 8500 Geschützen, Umstellung auf eine neue, defensive Strategie, die weitere, noch drastischere Kürzungen des Moskauer Militärpotentials ermöglichen soll - des Kremls Generäle zeigen Einsicht in die Not des Landes und die eigenen Schwächen.
Angestrengt brüten zwei Dutzend Fallschirmjäger-Majore über Faksimiles historischer Operationspläne. Die Offiziere, 28 bis 30 Jahre alt, führen die 30. Motorisierte Schützendivision noch einmal in ihre Abwehrschlacht gegen die deutsche Großoffensive 1945 am Plattensee in Ungarn.
"Die letzte Verteidigungsoperation sowjetischer Truppen im Zweiten Weltkrieg", erläutert Oberst Anatolij Malin den kriegsgeschichtlichen Unterricht an der Moskauer Frunse-Militärakademie, Eliteschule des sowjetischen Heeres, die nahezu alle bedeutenden Armeeführer der Sowjetunion absolviert haben.
Die traumatische Erfahrung des Großen Vaterländischen Krieges, in dem 20 Millionen Sowjetbürger starben und weite Teile des Landes verwüstet wurden, ist allgegenwärtig im roten Imperium - in den Erzählungen von Veteranen ebenso wie im Denken der Soldaten.
Die Lehre aus den Abwehrschlachten gegen Hitlers Invasionsarmeen: Nie mehr sollen feindliche Invasoren Rußland verwüsten können, mit überlegenen Kräften sollte vielmehr jeder Angreifer auf seinem eigenen Territorium vernichtet werden; daher sei nur der Angriff angemessene Verteidigung.
Was jahrzehntelang unverzichtbares Credo sowjetischer Strategen und Rechtfertigung für den Aufbau eines gigantischen Militärapparats war, gilt nicht mehr: "Vernünftige Hinlänglichkeit" ist das neue Zauberwort, mit dem sich Verteidigungspolitiker und Militärs in Moskau neuerdings zu einer rein defensiven Militärdoktrin bekennen.
Der strategische Richtungswechsel ist nur eine in einer ganzen Reihe dramatischer Entscheidungen, mit denen Kremlchef Michail Gorbatschow seine Generäle zur Neubewertung ihrer militärischen Mittel und Möglichkeiten zwingt: *___Mehr als doppelt so viele Atomwaffen wie der Westen ____geben die Sowjets bei der vertraglich vereinbarten ____Vernichtung aller landgestützten Mittelstreckenwaffen ____preis. *___Nach dem Eingeständnis östlicher Überlegenheit auch bei ____der konventionellen Rüstung wird die Sowjetarmee binnen ____zwei Jahren 500 000 Soldaten, 10 000 Panzer, 8500 ____Geschütze und 800 Kampfflugzeuge außer Dienst stellen, ____ohne westliche Gegenleistung. *___Anderthalb Jahre mußten die Militärs Enthaltsamkeit bei ____Atomversuchen üben, während die Amerikaner munter ____weitertesteten. Sogar die vollständige Vernichtung ____aller Nuklearwaffen bot der Kremlchef an, sein ____Außenminister das Ende der Militärbündnisse in Ost und ____West. *___Um bei der Halbierung der strategischen Atomarsenale ____voranzukommen, schwächte der Kreml sogar das ____strikte Nein seiner Strategen zu Washingtons ____Weltraumrüstungsplänen ab. Statt dessen hält die ____Regierung ihren eigenen Generälen vor, sie hätten mit ____einer Radaranlage bei Krasnojarsk gegen den ____Raketenabwehrvertrag von 1972 verstoßen und das ohne ____Wissen der Politiker betrieben. *___Der Verteidigungsetat wird drastisch ____zusammengestrichen, die Militärs verlieren ihr ____Vorgriffsrecht auf bislang militärisch dominierte ____Bereiche in Ökonomie und Wissenschaft.
Läßt sich das sowjetische Militär, jahrzehntelang privilegiert und einziger halbwegs einleuchtender Grund für Moskaus Anspruch auf den Status einer Weltmacht, so ganz einfach zurückstutzen? Wie empfinden es sowjetische Generäle, daß Zivilisten in Parlamentsausschüssen und Instituten jetzt bei Streitkräften und Strategien mitbestimmen wollen, über die bislang Uniformierte weitgehend allein entscheiden konnten?
"Die Überrüstung ist an ihre Grenzen gestoßen", bekennt Generalleutnant Leontij Kusnezow, 51, Stabschef im Militärbezirk Moskau. Und Generaloberst Wladimir Kontschiz, 64, Kommandeur der Frunse-Akademie, weiß warum: "Die Militärs im Osten wie im Westen verlangen immer zu viel Geld."
Deswegen "würden wir auch zu jeder anderen Reduzierung ja sagen", verspricht Kontschiz, vermißt freilich "Gegenseitigkeit". Einseitig Divisionen abzubauen sei "nicht das Vernünftigste". Auch Kusnezow betont, "gegenseitig, gegenseitig muß das geschehen".
Für weitere Vorleistungen sehen die Militärs keinen Raum. "Die Sowjetunion und ihre Verbündeten haben ihren Teil des Weges schon zurückgelegt. Jetzt warten wir auf die Antwort unserer Gesprächspartner", stellt Generaloberst Bronislaw Omelitschew fest, der für Militärpolitik zuständige Erste Stellvertretende Generalstabschef.
Die Ausmusterung von 500 000 Sowjetsoldaten, mehr als die Gesamtstärke der Bundeswehr, von Gorbatschow vor Jahresfrist bei der Uno-Vollversammlung angekündigt, ist in vollem Gang:
2 der bislang 16 Militärbezirke, Ural und Zentralasien, wurden ganz einfach abgeschafft, ihre Stäbe aufgelöst, viele Einheiten heimgeschickt. Ihre Aufgaben werden von benachbarten Bezirken übernommen. Die Führungsstäbe einer Armee, dreier Armeekorps und gleich ein Dutzend Stäbe der Luftverteidigung sind ersatzlos gestrichen.
Vom Gebiet der Verbündeten in Osteuropa und der Mongolei zog Moskau bis heute drei Panzerdivisionen, eine Fliegerdivision, zwei Fliegerregimenter, zwei Hubschraubergruppen sowie über zehn Regimenter und Truppenteile mit Spezialaufgaben ab. Zum Teil wurden sie aufgelöst.
Allein aus der DDR, der CSSR, Polen und Ungarn zogen 28 000 sowjetische Soldaten und 2700 Panzer ab. Insgesamt, so vergangene Woche die Moskauer Prawda, wurden bislang 235 000 Mann entlassen, 7120 Panzer, 2964 Artilleriegeschütze und 735 Flugzeuge ausgemustert.
"Der Rest wird 1990 abgebaut", verspricht Omelitschew so selbstverständlich, als handele es sich um eine Kleinigkeit. Dabei steht Gorbatschows Generalstab vor einer Mammutaufgabe:
Bis Ende 1990 müssen weitere 265 000 Soldaten, 2880 Panzer und 5536 Artilleriegeschütze außer Dienst gestellt werden. Zudem sollen dann fast 500 taktische Atomwaffen aus sowjetischen Depots in Europa verschwunden sein: "160 Flugzeugwaffen, 50 Artilleriegeschosse und 284 Sprengköpfe für Raketen", zählt Omelitschew auf.
Obwohl die Sowjetmarine schon 40 Kriegsschiffe, darunter 12 U-Boote, stillgelegt hat, muß sie nach Westschätzungen in den nächsten Jahren auf eigens dafür freigestellten Werften weit über 100 Schiffe zu Schrott zerlegen.
Und wenn tatsächlich wie geplant im Herbst nächsten Jahres auf einem gemeinsamen Gipfeltreffen beider Militärblöcke die Abrüstung auf gleiche Obergrenzen zwischen Atlantik und Ural beschlossen werden sollte, würden die Warteschlangen vor den Schrottpressen riesig lang werden. Die Sowjetunion müßte dann weit mehr als 100 000 Panzerfahrzeuge und Geschütze vernichten.
Für den 1990 endenden Fünf-Jahres-Plan errechnete der Generalstab Einsparungen von 30 Milliarden Rubel. Gestrichen werden die Mittel überall - selbst im Militärbezirk Moskau, dem wichtigsten unter den "Rayons", in die des Kremls Generäle das sowjetische Riesenreich unterteilt haben.
Die führenden Offiziere des zentralen Wehrbezirks sitzen durchweg auf Karriereposten. Ihre Nähe zu den politischen und militärischen Spitzenkadern in Kreml, Zentralkomitee und Verteidigungsministerium hebt sie in der Hierarchie der Sowjetstreitkräfte weit über die Stabsoffiziere aller anderen Bezirke.
Gleichwohl erinnert die Machtzentrale des Wehrbereichs in der Kommissariatsgasse nahe dem Moskwa-Quai eher an eines der gewöhnlichen Wohnquartiere der Nomenklatura als an einen militärischen Hochsicherheitsbereich. Nur ein einsamer Militärpolizist in schwarzer Ledermontur steht mitten auf der Fahrbahn im Nieselregen stramm. Kein schweres Gitter oder Stahltor, keine Fahrzeugsperre, nicht einmal eine schlichte Schranke verwehrt den Zugang zur Kommandozentrale.
Unter einem begrünten Hügel mitten im Hof liegt, atombombensicher eingegraben, das Nervenzentrum, die Kriegszentrale der Kommandatura. Hier werden im Ernstfall die Reserven mobilisiert, die rückwärtigen Dienste der Region Moskau organisiert. Die Militärbezirke bilden die Heimatfront der sowjetischen Fünf-Millionen-Mann-Armee.
Glaubt man dem General Kusnezow, dann bröckelt diese Front: "Wir haben in unserem Militärbezirk praktisch keine Division mehr", klagt der Stabschef.
Nach dem Abbau einer Panzerdivision in Dserschinsk bei Gorki sowie einer Ausbildungsdivision und der Auflösung von Reserve-Verbänden unterstehen dem Bezirkskommando nur noch die Taman- und die Kantemir-Division. "Aber das sind Parade-Einheiten", mokiert sich Kusnezow, die sich vornehmlich bei Aufmärschen und Politikerbesuchen bewähren müssen.
"Ich halte das nicht für eine vernünftige Politik", klagt der General. In Nato-Dokumenten stünden "märchenhafte Divisionszahlen von uns. Kleine Verbände von 200 bis 500 Mann werden als Divisionen gezählt", obwohl nicht einmal die eingelagerte Ausrüstung dieser Kadereinheiten "besonders toll" sei.
Doch nicht der Nato hält Kusnezow falsches Zahlenspiel vor: "Wir haben uns selbst betrogen mit unseren Divisionen."
Die Aufblähung des sowjetischen Militärapparats, der immer größere Teile des Bruttosozialprodukts verschlang, der Zwang, Partei und Publikum eine möglichst waffenstarrende Wehr vorzuweisen, verführten zur Präsentation potemkinscher Großverbände: Uralt-Panzer, längst überholte Waffen und unbrauchbares Gerät, im Frieden in Depots verrottend, im Ernstfall von schlecht ausgebildeten Reservisten bemannt, mit denen kein General freiwillig in den Krieg ziehen würde, galten als kampfbereit.
Was dem Militärbezirk Moskau geblieben ist, zeigen zwei Generalstabskarten im Dienstzimmer Kusnezows. Auf beiden kennzeichnen Dutzende roter Flaggen Standorte von Einheiten, zirkeln rote Kreise Einsatzräume von Verbänden ein.
Geheim seien diese Pläne nicht, räumt der Generalleutnant ein und läßt übersetzen, was in großen kyrillischen Lettern auf den Blättern steht: "Karte der Dislozierung der Automobileinheiten im Ernteeinsatz" und "Karte der Dislozierung der Straßenbaubrigaden".
Während der Erntezeit werden die Militärbezirke zu großen landwirtschaftlichen Transportunternehmen, eine sinnlose Hilfe, solange überall im Land an den Sammelstellen Tausende Tonnen von Kartoffeln, Kohl und Korn verrotten, weil es am Weitertransport in entferntere Landesteile hapert.
Und was die Militärbaukunst sowjetischer Pioniere dem Land antut, wird zum tagtäglichen Alptraum der Autofahrer in allen Sowjetrepubliken: Das Straßennetz ist beinahe eine landesweite Panzersperre.
Fraglich, ob sich die Effizienz solcher Zivileinsätze steigern läßt - der dafür zuständige Stab Kusnezows schrumpfte bereits um zehn Prozent. Gravierender noch sind die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Abrüstung. Als so bedrückend empfinden viele Soldaten soziale Mißstände, Wohnungsnot und sonstige Nachteile des Zivillebens, daß sich Ende Oktober die erste sowjetische Soldaten-Gewerkschaft bildete - mit einem General a. D. als Ehrenvorsitzendem.
Zeitungen berichten von einer Rettesich-wer-kann-Stimmung, vor allem in den Landstreitkräften. Und eine Offiziersfrau schrieb in einem Leserbrief gar von "Abrüstungsopfern".
Mindestens 100 000 Berufsoffiziere sollen jetzt den Dienst quittieren. "Natürlich ist das mit Schwierigkeiten verbunden", räumt Jurij Lebedjew ein, 64 und Generalmajor a. D.
Allein im Militärbezirk Moskau müssen in diesem und im nächsten Jahr je 1000 Offiziere ausscheiden, 80 Prozent von ihnen werden aus Alters- oder Gesundheitsgründen pensioniert. Für das restliche Fünftel gelte: "Wer gehen will, kann gehen", meint Stabschef Kusnezow. Allerdings werde man sich bei der Gelegenheit auch von denen trennen, "die ihren Dienst nicht ordentlich versehen". Vor allem kritische Offiziere fürchten um ihren Job.
Seine Elite-Eleven sieht Frunse-Chef Kontschiz nicht pensionsgefährdet. Und für die Ausscheider, beruhigt der General, gebe es reichlich Arbeit: Die Wirtschaft stelle sehr gerne erfahrene Soldaten ein. "Die gehen weg wie warme Semmeln", behauptet Kontschiz, weil sie "Disziplin im Denken und Handeln" gelernt hätten. Oder auch besondere Fertigkeiten - wie jene Spezialisten, die an den Computern der Frunse-Akademie geschult wurden.
Militärische Sowjetspitzentechnologie würde im Westen allerdings bestenfalls im Elektronik-Museum Platz finden: unförmige Bildschirme, deren grün flimmernde Zeichen die Augen quälen. So hoch entwickelte Elektronik finde sich natürlich nicht überall in der Sowjetarmee, sagt dann auch noch Oberst Malin. Vor allem die Raketenstreitkräfte seien damit ausgestattet. Bei den Kampfverbänden gebe es so etwas dagegen noch nicht. Das klingt wie Ironie.
Unübersehbar ist gerade hier der enorme Nachholbedarf der Sowjetunion. Die Angst scheint durchaus begründet, bei den High-Tech-Waffen vom Westen rettungslos abgehängt zu werden - ein wesentlicher Grund für die Abrüstungsbereitschaft der Militärs.
Den technologischen Rückstand der Wirtschaft sollen jene 168 000 Studenten aufholen helfen, die auf höchsten Befehl ab sofort vom Wehrdienst freigestellt sind. Seither stehen 700 Panzer und 900 Schützenpanzer ohne qualifizierte Besatzungen herum.
Schlimmer noch traf der Aderlaß die Strategischen Raketenstreitkräfte, zu denen traditionell besonders viele gut ausgebildete Wehrpflichtige eingezogen werden: Die Bereitschaftsbesatzungen müssen nun zwölf statt acht Stunden Dienst tun, damit die Kommandobunker rund um die Uhr zum atomaren Gegenschlag bereit sind.
Die größten Sorgen bereitet jedoch die Wohnungsnot. Zwar dürfen pensionierte Offiziere in den Räumen bleiben, die ihnen in ihrer Dienstzeit zugewiesen worden waren. Aber den vielen Tausenden, die aus dem Ausland heimbefohlen werden, stehen nicht einmal mehr die meist kümmerlichen Dienstwohnungen zur Verfügung. Ebenso geht es jenen, die nicht in den oft entlegenen Standorten bleiben möchten, in denen sie der Entlassungsbefehl ereilt.
Ein Dekret des Obersten Sowjets garantiert jedem ehemaligen Soldaten Wohnrecht in seinem Geburtsort. Doch dort sind Quartiere wie überall in der Sowjetunion Mangelware. Viele der Entlassenen stehen auf der Straße.
So kritisch sei die Lage, berichtet Pensionär Lebedjew ("Ich gehöre selber dazu und fühle mich recht wohl" - er ist als "politischer Kommentator über militärische Fragen" bei der Regierungsagentur Nowosti untergekommen), daß man bereits Bauvorhaben für die Zivilindustrie stoppe, um Mittel für den Wohnungsbau freizusetzen. Die Volkswirtschaft werde, widerspricht Lebedjew seinem Generalstab, zunächst denn auch keine Gewinne aus der Abrüstung ziehen können. Ganz schnell sollten sich daher Wissenschaftler aus Ost und West zusammensetzen, um zu erforschen, wie wenigstens die gewaltigen Waffenberge ökonomisch und ökologisch sinnvoll "in die Zivilwirtschaft eingebracht werden können".
Etwa die Hälfte der 10 000 bis Ende nächsten Jahres ausgemusterten Panzer will die Regierung zu Schleppern, Planierraupen und Schwersttransportern umbauen lassen. Doch schon jetzt sind dafür geeignete Werke hoffnungslos überlastet.
Im ganzen Militärbezirk Moskau gibt es nicht eine Fabrik, die Kampfpanzer in Serie umrüsten kann. Den Umbau seiner Schrottpanzer, die nun in Depots am Ural weiterrosten, hält Stabschef Kusnezow allerdings sowieso für ökonomisch unsinnig.
Der unmäßige Spritdurst dieser PSstarken Fahrzeuge sei aus dem Budget etwa einer Kolchose gar nicht zu stillen. Zudem fehle den Monstern die in der Zivilwirtschaft unverzichtbare Ausdauer: Zwei, allenfalls drei Gefechte muß ein Kampfpanzer nach den Berechnungen der Strategen durchhalten, dann ist er hin - für jeden Zivilbetrieb eine Horrorvision.
Persönlich viel stärker betroffen sind die Militärs von dem rapiden Verfall ihres Ansehens. Vollwaise Kusnezow, dem das Militär die Familie ersetzte, leidet darunter, daß Zeitungen einige menschenunwürdige Zustände in den Streitkräften immer offener kritisieren - und hält diese Kritik für überzogen, wenn er auch Schindereien etwa an Wehrpflichtigen nicht rundheraus leugnen mag.
Schikanen seien in Wahrheit etwas anderes: "Was die Amerikaner mit ihren Leuten in Vietnam und wir mit unseren in Afghanistan gemacht haben", das präge den einzelnen seelisch viel stärker. Aber "diese Kriege haben doch Politiker angezettelt, nicht Militärs".
Auch Akademie-Kommandeur Kontschiz will von Invasionen in fremden Ländern nichts mehr wissen, in der Sowjetarmee werde Verteidigung nun ganz groß geschrieben. Die Ausbildung sei bereits weitgehend umgestellt.
Im Artillerielehrsaal, einige Stockwerke höher, planen derweil 20 angehende Regimentskommandeure den Einsatz der Divisionsartillerie. "Früher war unser Übungsgelände immer Deutschland", erzählt Oberst Malin am Sandkasten, in dem eine Gegend am Rande Moskaus nachgestellt ist.
Ob denn die Karte, auf der er gerade Sperrfeuer und Stellungen markiert, gleichfalls sowjetisches Heimatterritorium abbilde, wird ein Major gefragt.
Seine Antwort: "Nein, das ist Polen."

DER SPIEGEL 46/1989
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