09.10.1989

NamibiaWürstchen und Waffen

In der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika fürchten viele Weiße den Wahlsieg der Swapo. Die Ultras rüsten zum Widerstand.
Nur wenn die Sonne am frühen Abend die Auasberge in rosa-blaues Licht taucht, bevor dann in Minuten die schwarze sternenklare Nacht hereinbricht, sieht Windhuk noch immer wie ein kleines Städtchen aus, das friedlich zwischen kargen Hügeln liegt.
Doch das deutsche Kirchlein aus der Zeit der Jahrhundertwende und die dicken Mauern der Burg sind koloniale Wahrzeichen, die heutzutage irreführen. Windhuk ist Boom City.
Die Kaiserstraße wird auf Boulevardbreite ausgebaut, der Krach von zahllosen Baustellen ist ohrenbetäubend; ganze Stadtteile des alten Windhuk, etwa die Umgebung des Hotels Fürstenhof, fallen den Planierraupen zum Opfer.
Gut vier Wochen vor den ersten "freien und fairen Wahlen", so die Uno-Resolution 435, die fünf Tage lang vom 7. November an für eine verfassunggebende Versammlung abgehalten werden sollen, herrscht in der Hauptstadt der ehemaligen kaiserdeutschen Kolonie Goldgräberstimmung. Politiker und Soldaten, Profiteure und Abenteurer aus aller Welt treffen sich in Namibia.
In den einstmals verschlafenen Biergärten, wo Export und Pils nach deutscher Brauart - im Oktober natürlich auch Starkbier - in Literkrügen serviert werden, drängen sich bis spät in die Nacht die Gäste. Im renovierten Hotel Kaiserkrone, das zu einer Schwemme verkommen war, in der deutsch lallende Südwester mit dicken Bäuchen und kurzen Hosen verkehrten, führt nun ein junges Ehepaar aus dem Westfälischen das erste Restaurant am Platz.
Allabendlich dinieren bei Kerzenschein die Offiziere der über 5000 Mann starken Uno-Friedenstruppe. Diplomatisches Personal aus Dutzenden neuer "Beobachtungsmissionen", wie sich die Botschaften im Moment noch nennen, sorgt für hauptstädtisches Flair.
Hausbesitzer, die im jahrzehntelangen Streit zwischen der - laut Uno "illegalen" - Mandatsmacht Südafrika und dem Rest der Welt die Nerven bewahrt haben, werden nun reich. Noch Anfang des Jahres erschien der Kauf eines herrschaftlichen Hauses für den künftigen Bonner Botschafter mit rund vier Millionen Rand (zwei Millionen Mark) überbezahlt. Mittlerweile gilt so etwas als Schnäppchen. Die Sowjets mußten unlängst für ein mittleres Hotel fünf Millionen Rand ausgeben.
Die Besitzerin dieses Hotels, der einstigen "Pension Berger", kaufte derweil vom kleineren Teil des Erlöses ein Traumhaus hoch über dem Atlantik in Kapstadt - noch ist der Geldtransfer nach Südafrika ungehindert möglich. Viele weiße Südwester glauben, besser zu fahren, wenn sie sich im Kapstaat eine Zukunft sichern. "Man legt nicht alle Eier in einen Korb", heißt die Devise.
Sowohl der Bauboom wie auch die ängstliche Zukunftssicherung kündigen neue Zeiten an. Selbst glühende Unterstützer der Demokratischen Turnhallenallianz (DTA), eines Zusammenschlusses gemäßigter Schwarzer und Weißer unter Führung des afrikaanssprachigen Farmers Dirk Mudge, schließen nicht mehr aus, daß die linke Befreiungsbewegung Swapo die absolute Mehrheit schafft.
Viele der 80 000 Weißen, darunter auch die meisten der 25 000 Deutschstämmigen, werden für die Allianz stimmen. Doch die zukünftige Regierung für 1,4 Millionen schwarze Namibier wird im bevölkerungsreichen Norden, in Ovambo und Kavango gewählt, wo die Swapo 23 Jahre lang Krieg gegen die Besatzungsmacht Südafrika geführt hat. Von 698 000 Wahlberechtigten leben 242 350 im Ovamboland.
Auch die Mehrheit der Schwarzen aus der Windhuk-Vorstadt Katutura wird der Swapo die Treue halten. Ende September kamen 60 000 zur bislang größten Wahlkampf-Veranstaltung. Sie wollten Swapo-Chef Sam Nujoma sehen, den vermutlich ersten Präsidenten Namibias, der nach fast 30 Exiljahren wieder in die Heimat reisen durfte.
Die DTA hingegen lädt ihre Anhänger zu Würstchen-Festen ein. Sie hat den Ruf, Stellvertreterpartei Südafrikas zu sein, sagt Andre du Pisani vom Johannesburger Institut für Internationale Angelegenheiten. Die Wahlprognose des Politologen: "Es wäre erstaunlich, wenn Swapo nicht 60 Prozent der Stimmen bekäme."
Die Freude auf den nahen Sieg ist jedoch getrübt: Der brutale Umgang mit Dissidenten aus den eigenen Reihen hat die Swapo in Namibia und im Ausland viele Sympathien gekostet. Tausende wurden in den Exilcamps in Angola per Folter "umerzogen" und als angebliche "Verräter" in Erdlöchern gefangengehalten.
Erst jetzt, nachdem über 41 000 Namibier aus dem Exil heimgekehrt sind, darunter auch etliche Mißhandelte, wagte ein "Elternkomitee" unter Uno-Schutz den Verbleib weiterer 1400 Personen anzumahnen.
Doch die Enthüllungen werden der Swapo nicht substantiell schaden. "Die politische Grundeinstellung bleibt bemerkenswert stabil", urteilt der in afrikanischen Wahlen erfahrene du Pisani. Erobert die Swapo sogar eine Zweidrittelmehrheit, kann sie bis zur endgültigen Unabhängigkeit im April nächsten Jahres allein die Verfassung bestimmen.
Ein solcher Sieg würde dann die Weißen in Scharen über den Oranje, den südlichen Grenzfluß zu Südafrika, treiben. Für diesen Fall haben sich viele bis an die Zähne bewaffnet. Kalaschnikows, häufig Beutewaffen, von der abziehenden südafrikanischen Armee unter die Leute gebracht, gibt es nahezu öffentlich zu kaufen.
Mit Schüssen aus einer Kalaschnikow ermordeten vergangenen Monat rechte Ultras den deutschsprachigen Anwalt und Swapo-Funktionär Anton Lubowski. Mit der gleichen Waffe wurde im Monat zuvor der Sicherheitsposten eines Uno-Büros in Outjo umgebracht. Die drei Täter - einer davon deutschsprechend und alle liiert mit der südafrikanischen Faschistengruppe "Afrikaner Weerstandsbeweging" - warfen auch Handgranaten.
Längst gefährdet die zunehmende Gewalttätigkeit in dem riesigen Wüstenstaat von gut dreifacher Größe der Bundesrepublik die Friedensmission der Uno. Die Zahl der ursprünglich eingesetzten 500 Polizisten aus aller Welt im Gesamtkontingent der Vereinten Nationen wurde bereits verdoppelt. Zuletzt kam, vor gut drei Wochen, Verstärkung aus der Bundesrepublik - 50 Beamte des Bundesgrenzschutzes (BGS).
Die "Deutsche Schutztruppe", meldete immerhin in Anführungszeichen die stramm rechte Allgemeine Zeitung, wurde rasch auf verschiedene Posten der "Swapol", der "Südwestafrikanischen Polizei", vorwiegend im Norden des Landes abkommandiert.
Denn schon kurz nach der Ankunft hatten betrunkene Südwester die jungen BGSler im Safari Motel mit "Sieg Heil"-Rufen begrüßt und begehrt, das Deutschlandlied, Strophe eins, zu hören.
Das blieb bislang der einzige Zwischenfall dieser Art. Die unter einigen hundert BGS-Bewerbern ausgesuchten Namibia-Freiwilligen waren zwei Wochen lang in Bad Honnef über Land, Leute und die politische Situation ihres Einsatzlandes aufgeklärt worden.
Im Polit-Kurs hatten sie auch gelernt, Einladungen zu Grill- und Bierfesten, etwa von den "Deutsch-Südwester Komitees", abzulehnen. "Schneebantus", schnaubten daraufhin die Gestrig-Deutschen. Der Schimpfname gilt allen Bundesbürgern, welche die Apartheidsgläubigkeit und Hitlerverehrung der extremistischen Südwester nicht teilen.
Erstmals wurden aus dem Patrouillenbereich der deutschen Uno-Beobachter Kämpfe zwischen Swapo- und DTA-Anhängern gemeldet. Die amtliche Bilanz des vorletzten Wochenendes: ein Toter und 33 Verletzte. Kaum zufällig dabei, daß die Schußwechsel stattfanden, nachdem am letzten Septembertag die berüchtigte Spezialtruppe "Koevoet" (Brechstange) aufgelöst worden war. Südafrikas Namibia-Verwalter Louis Pienaar befolgte damit eine Resolution des Uno-Sicherheitsrats.
Doch bei ihrem letzten Appell fehlten bereits 300 von 1200 schwarzen Koevoet-Leuten, die bis dahin bei ihren Brutaleinsätzen von weißen Offizieren befehligt worden waren. Empört protestierte der finnische Chef der Uno-Beobachter, Martti Ahtisaari, in Windhuk. Er sei über den Verbleib der Truppe nicht informiert worden.
Ihre Waffen, behaupten Kenner der "Koevoet", seien längst in sicheren Verstecken gelagert - Vorsorge für den Fall, daß vom 14. November an, dem Tag, an dem das Wahlergebnis erwartet wird, "die rote Fahne über Windhuk weht".

DER SPIEGEL 41/1989
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