09.10.1989

Ein Volk sieht rot

Schußwaffen in 60 Millionen Haushalten, 200 Millionen Gewehre und Pistolen in Privatbesitz - Amerikas Bürger rüsten auf. Folge der gewaltigen zivilen Feuerkraft: Jahr für Jahr sterben in den USA 30 000 Menschen an Schußverletzungen von eigener oder fremder Hand, 250 000 Verbrechen werden mit Waffen begangen.
Wenn Paul Lavista in einem Besucher einen Deutschen wittert, spricht er ihn mit "Adolf" an. "Hitler" läßt er freundlicherweise weg. "He, Adolf, wir haben für Sie einen Fernseher", ruft er in seinem Büro, in dem Feuerwaffen die Wände bedecken.
Am Hosenbund trägt Lavista eine Pistole, und natürlich verkauft er keine Fernseher. Er ist Inhaber der Bulletstop-Waffenhandlung im Cobb County nahe Atlanta im US-Südstaat Georgia und bietet Nervenkitzel an: Die Tür hinter der Theke führt zu einem Schießstand, für zehn Dollar kann der Kunde sich eine Maschinenpistole mieten und draufhalten, in diesem Fall auf ein TV-Gerät.
Nebenan übt ein junger Mann mit einer .357-Magnum. Die Freundin hält ihm die Pistole, während der Schütze die Löcher im Gesicht eines Geiselnehmers begutachtet, dessen Foto als Ziel dient. "Nicht schlecht", urteilt sie bewundernd und mustert das durchlöcherte Lichtbild. Die blonde Geisel im Würgegriff des Kidnappers hätte überlebt, der Unhold seine gerechte Strafe bekommen.
Am Ladentisch trinkt Barry Cupp, Lavistas Partner, seinen Morgenkaffee unter, über und neben lauter Colts, Lugers, Berettas und Smith & Wessons. Letzte Woche war Cupp Zeuge vor Gericht, weil er eine Waffe verkauft hatte, mit der jemand umgebracht worden war. Die Mörder hatten die Rechnung im Fluchtwagen vergessen. "Wie dämlich die waren", grinst Cupp. "Ein paar Neger, die aufeinander geschossen haben."
Wie überall in Amerika, ist das Leben auch in Cobb gefährlich. 420 321 Einwohner leben im County, 31 starben 1988 durch Mord. 170 Frauen wurden laut offiziellen Angaben vergewaltigt. Es dürften weit mehr gewesen sein.
Raub, Einbruch, Autodiebstahl: Mit der Waffe in der Hand will Ricky White sich dagegen stemmen. Als Besitzer einer Taxifirma bringt er "nachts an die 2000 Dollar zur Bank, und da schreckt die Knarre schon ab", sagt er.
Im Bulletstop hat er seine Schießkünste verbessert. Jetzt hält er den Revolver beidhändig, kokettiert mit ihm. "Zieht ein bißchen nach rechts", murmelt White, ehe er die Waffe im Holster verstaut und betont, er habe, anders als viele seiner Fahrer, einen Waffenschein.
35 Dollar kostet der in Georgia. Bekommen kann ihn jeder Erwachsene, sofern er oder sie nicht vorbestraft oder für unzurechnungsfähig erklärt ist. Weil die meisten Bundesstaaten der USA ähnlich großzügig sind, gleicht das gesamte Land einem Heerlager.
Die Amerikaner besitzen schätzungsweise 200 Millionen Gewehre und Faustfeuerwaffen, nicht gezählt die Arsenale von Polizei und Militär. 60 Millionen Haushalte geben an, bewaffnet zu sein - geballte Feuerkraft in Schubladen und Küchenschränken, unter Matratzen und auf Nachttischen. Nicht Polizisten bieten Sicherheit in einer zunehmend unsicheren Welt, sondern Zahlen, hinter denen sich Kaliber verbergen: .22, .38, .44.
Daß Jahr für Jahr über 30 000 Amerikaner mit Hilfe von Feuerwaffen Mord oder Selbstmord begehen, daß fast 2000 Unglückliche bei Schußwaffenunfällen zu Tode kommen und 250 000 Verbrechen mit Feuerwaffen begangen werden, daran hat sich Amerika schon lange gewöhnt. Denn die Verfassung garantiert das Recht, "Waffen zu besitzen und zu tragen".
So sind Amerikas Selbstverteidiger stets auf der Lauer, haben den Finger am Abzug, wehren der vermeintlichen Anarchie. Schon in jenem Lebensalter, da in Europa die Kinder ihre Spielzeugpistolen ablegen, steigen amerikanische Kids auf die Originale aus Stahl um.
"Wir hatten alle unser Gewehr", erinnert sich Lynn Tatom, der in West-Texas aufwuchs und heute nahe Atlanta lebt. "Mein Vetter hatte im Auto den Finger auf die Mündung seiner 22er gelegt, und als wir durch ein Schlagloch holperten, hat er aus Versehen abgedrückt" - Kindheitserinnerungen, die der Cousin belegen kann. Ihm fehlt ein Teil eines Fingers.
Schenkte man einst seinen Kindern eine Waffe zum Hasenjagen, so ziehen 15jährige Drogenhändler heute großkalibrige Revolver, um ihr Revier zu verteidigen. Aus seiner Praxis weiß der Washingtoner Jugendrichter Richard Levie, "daß jeder dritte oder vierte Jugendliche da draußen eine Feuerwaffe hat". In manchen Großstadt-Schulen werden die Schüler mit tragbaren Metalldetektoren abgetastet.
Rund 400 Kinder und Jugendliche dürften 1989 bei Unfällen mit den sorglos aufbewahrten Waffen ihrer Eltern und Verwandten zu Tode kommen - weshalb der Staat Florida jetzt "Gewehrerziehung" vom Kindergarten aufwärts angeordnet hat. In Paul Lavistas Bulletstop betreibt ein Daddy mit seinem 15jährigen ebenfalls "Gewehrerziehung": Vater und Sohn exerzieren gemeinsam auf dem Schießstand, ein Poster Gaddafis im Visier.
Sich beim Blick auf den Libyer über Kimme und Korn einer Heckler und Koch HK 94 zu entspannen bringt täglich zwischen 40 und 100 Besucher in den Bulletstop. Gezielt werden "darf auf alles, was leblos ist", erläutert Cupp die Spielregeln.
Krach mit der Ehefrau? Kein Problem: Ein mitgebrachtes Foto genügt, und im Kugelhagel eines Feuerstoßes, der das Konterfei der Angetrauten zerfetzt, legt sich die Spannung. Ein Innenarchitekt "schleppte sogar mal eine vergoldete Toilette an, die ihm ein Kunde nicht abgenommen hatte", berichtet Cupp, als er die Dinge aufzählt, an denen die Kundschaft sich austobt.
Diese Art Entspannung hat Tradition in den USA. Irgend etwas und irgendwen gab es immer zum Draufhalten. Aus der Jagd auf Indianer, Büffel und Viehdiebe speist sich der Mythos, den der amerikanische Mann mit der todbringenden Waffe verbindet. Die Indianer sind noch immer auf dem Rückzug, die Bisons fast ausgerottet, und Dodge City ist eine verschlafene Kleinstadt.
Der uramerikanische Kampf zwischen dem Gesetz und den Gesetzlosen aber tobt weiter. Denn in den Häuserschluchten der Großstädte jagt Dirty Harry alias Clint Eastwood die Gangster, während in Suburbia brave Familienväter nächtens aufschrecken, wenn der Hund im Schlaf knurrt - es könnte sich ja der persönliche Showdown mit der Unterwelt ankündigen.
Die hochgerüsteten Wehrbürger nehmen sogar zuweilen ein Massaker in Kauf, damit das Recht auf Waffenbesitz gewahrt bleibt. Daß Bernhard Goetz Anfang dieses Jahres in New York verurteilt wurde, obwohl er doch zur Selbstverteidigung vier schwarze Jugendliche niederschoß - ein Skandal.
Allein 60 Millionen Faustfeuerwaffen lagern zwischen Boston und San Diego, Seattle und Miami. Der Wille zur Selbstjustiz wächst. "Ein Mann sieht rot" war noch die einsame Aufräumaktion des Filmhelden Charles Bronson. Jetzt scheint es manchmal, als sähe die Nation rot. Erschrocken stellte schon der englische Romancier D. H. Lawrence nach Jahren in Amerika fest: "Im Kern ist die amerikanische Seele hart, einsam und mörderisch" - eine gefährliche Psyche angesichts der Allgegenwart der Feuerwaffen.
Den stählernen Lauf einer Pistole entlang auf ein Ziel zu blicken und den Rückstoß in beiden Armen zu spüren ist verführerisch, weil machteinflößend. "Nein, eine Erektion habe ich nicht", antwortet Barry Cupp auf die Frage, ob ihn, der immer eine Waffe trägt, Machismo dabei überkomme. Aber er gibt zu, "fasziniert von der rohen Macht" seiner Schußwaffe zu sein. Auf dem Schießstand, nicht auf der Straße spüre er diese Faszination, schränkt Cupp sofort ein. "Auf der Straße trage ich die Knarre nur, weil ich mich fürchte."
Längst schon hat sich solche Furcht bis in die letzten Winkel der amerikanischen Republik ausgebreitet: jeder für sich, und alle gegen die Kriminellen. Im Kreuzfeuer ducken sich die Befürworter einer wirksameren Kontrolle von Feuerwaffen. Sogar Gwen Fitzgerald von der Washingtoner Handgun Control Incorporated, einer Gruppe, die schärfere Auflagen für Handfeuerwaffen fordert, gesteht ein, die Kriminalität sei "ein wirkliches Problem, und einige Leute meinen, sie müßten die Dinge buchstäblich in die eigenen Hände nehmen".
So wächst das Ausmaß der Gewalt ständig. Die Gangster rüsten auf, also tun es die Bürger gleichfalls. Nicht hintanstehen möchte natürlich die Polizei. Auch sie setzt auf größere Feuerkraft. Die Beamten der Drogenbekämpfungsbehörde DEA erhielten voriges Jahr Colt-Maschinenpistolen, und die Polizei in der Hauptstadt Washington wechselt derzeit vom traditionellen sechsschüssigen Revolver auf die durchschlagsstärkere 9-Millimeter-Glock-17-Pistole.
Immer öfter begegnen die Beamten Verbrechern mit großkalibrigen halbautomatischen Waffen. Den Griff umklammert oft eine schwarze Hand. Und nirgendwo erscheint der Polizei das Waffenarsenal so bedrohlich wie in den schwarzen Gettos, wo Drogenhändler die Könige der Straße sind.
Früher herrschten sie mit Billigwaffen, die illegal, weil unregistriert, zum Preis von 30 Dollar an Straßenecken feilgeboten wurden. Wer auf sich hält, ist längst auf besseres Gerät umgestiegen: Für 400 Dollar gibt es eine halbautomatische Pistole, von der sich der Käufer Sicherheit und Prestige verspricht.
Die Bewaffnung der Gettobewohner bereitet den weißen Vorstädtern um Atlanta Alpträume. Wenn Barry Cupp vom "Ungeziefer auf den Straßen" spricht, meint er vor allem den bewaffneten Schwarzen.
Alarmanlagen, Hunde, Polizisten, Gefängnisse - und Feuerwaffen sollen vor den Raubzügen einer schwarzen Meute schützen, die das belagerte Suburbia aus den Ruinen der Gettos gegen sich anbranden sieht. Cobb County, so wird erzählt, habe deshalb auf den Anschluß an das Schnellbahnnetz Atlantas dankend verzichtet.
Versuche, den Rüstungswahn einzudämmen, sind bislang kläglich gescheitert. "Wir sind zu tolerant gewesen", räumt Daryl Gates, der Polizeichef von Los Angeles, ein: "Bürger brauchen keine militärischen Sturmgewehre, die nur dazu gedacht sind, Menschen auf dem Schlachtfeld zu töten."
Seit ein Geistesgestörter namens Patrick Purdy im Januar im kalifornischen Stockton mit einem AK-47-Sturmgewehr auf Schulkinder anlegte und fünf ermordete, sind diese Killerautomaten bei weiten Teilen der Öffentlichkeit in Ungnade gefallen. So verbot denn Präsident George Bush im März die Einfuhr der preiswerten Töter.
Einerseits erregt das den Zorn der Waffennarren, andererseits steigert es die Faszination der Sturmgewehre. "Unsere Fabrik läuft seitdem auf Hochtouren rund um die Uhr, sieben Tage die Woche", freut sich Jack Friese vom Sturmgewehrhersteller Armscor in Baltimore.
Daß auch einheimische Sturmgewehre vom Bannstrahl getroffen werden, muß Friese vorerst nicht befürchten: Obwohl Mitte September schon wieder ein Verrückter, diesmal in Louisville im Staat Kentucky, mit Halbautomaten 7 Unschuldige erschoß und 15 verletzte, darf zu Hause weiter produziert und verkauft werden. "Solange es Wahnsinnige gibt, werden sich solche Vorfälle ereignen", wiegelte Bush ab, den Aufschrei der Waffenlobby über den Importstopp noch in den Ohren.
"Vollkommen unsinnig" findet J. D. Farmer das Einfuhrverbot. In Smyrna im Cobb County betreiben J. D. und Ehefrau Linda einen Gun-Shop. Bedächtig legt J. D. zwei halbautomatische Feuerwaffen nebeneinander: ein finnisches Valmet-Jagdgewehr und eine israelische Uzi-Maschinenpistole. Fachmännisch montiert er sie auseinander. "Alles ist gleich, sogar die Größe des Magazins", sagt J. D., ein gelernter Büchsenmacher. "Aber die hier ist schwarz und häßlich", brummt er und zeigt auf die Uzi, "und deshalb darf sie nicht mehr importiert werden."
Dabei ist eine halbautomatische Uzi, bei der zu jedem Schuß der Abzug getätigt werden muß, nichts, was J. D. Farmers Blut in Wallung brächte; handelt er doch mit dem Allerfeinsten und Allergefährlichsten: vollautomatischen Maschinenpistolen.
Terroristen in Nahost, Elite-Kommandos und "Terminator" Arnold Schwarzenegger fuchteln damit herum - und 50 000 US-Bürger, die vom FBI die dafür notwendige Lizenz erhalten haben.
Auch Frau Linda ist Expertin. Als J. D. ihr kurz vor der Hochzeit sozusagen als Mitgift zwei Koffer voller Gewehre ins Haus stellte, "war ich entsetzt und habe ihn gefragt, was das sei". J. D. klärte sie auf: "Das sind meine Gewehre." Linda lernte, damit umzugehen.
Jedes Bedenken gegen den freien Waffenhandel wischt Linda Farmer beiseite: "Nicht Gewehre, sondern Menschen töten." So selbstsicher tritt Mrs. Farmer auch bei Vorträgen und im Fernsehen auf, wo sie unermüdlich das Recht auf den privaten Waffenbesitz verteidigt.
Sie versteht den Unmut ihrer Gegner nicht. "Ich bin Ehefrau, Mutter, Geschäftsfrau, zahle meine Steuern - und besitze außerdem etliche Feuerwaffen." Warum, möchte Linda Farmer wissen, solle sie deshalb ein schlechterer Mensch sein? Wo doch "gerade für Frauen eine Feuerwaffe der große Gleichmacher" sei. Zweimal schon hat sie den Gleichmacher in Gefahrenlage gezogen: "Kein Problem."
Ohne die Bewaffnung der Bürger, davon ist sie überzeugt, würden in den USA "eine Million mehr Verbrechen" begangen werden - was die meisten US-Kriminologen bestreiten.
Barry Cupp, der Mann im Bulletstop, hat Ehefrau Bonnie persönlich das Schießen beigebracht. "Wenn meine Frau die Wahl hat zwischen dem Schock einer Vergewaltigung und dem Schock, jemanden getötet zu haben", würde Bonnie Cupp wohl lieber abdrücken.
Immer mehr Amerikanerinnen denken ebenso. Von zehn Teilnehmern eines Schießkurses im On-Target-Waffenladen in Smyrna sind acht Frauen. Das sei ständig so, bestätigt der Lehrer, ein pensionierter Polizist. In vier Stunden macht er die Klasse mit der Technik von Feuerwaffen vertraut.
Der Lehrplan ist auf Frauen zugeschnitten. Als Futteral sei am besten eine Handtasche geeignet - "mit einem Extrafach für die Waffe, damit Lippenstift und Kosmetika das Ding nicht verschmieren". Gail Niemann, die aufmerksam zuhört, ist vergewaltigt worden. Jetzt lernt sie schießen. "Nie wieder", sagt sie, passiere ihr das - eine von mindestens 12 Millionen Amerikanerinnen, die sich bewaffnet haben.
Darüber freut sich natürlich die Feuerwaffenindustrie. Früher fertigte sie Derringer-Pistolen, zu tragen unterm Petticoat. Jetzt offeriert Smith & Wesson die "Ladysmith" - Kaliber .38, klein und gefährlich. "Revolver, die elegant und praktisch zugleich sind", lockt die Werbung für die Ladysmith, deren Griff "den physiologischen Besonderheiten der Frau" angepaßt sei.
Wildwest-Frauen wie Annie Oakley ("Annie Get Your Gun") und Gangsterbräute wie Bonnie Parker ("Bonnie und Clyde") hätte der zierliche Griff amüsiert. Auf Eleganz im Holster gaben sie nichts, nur Kaliber und Treffsicherheit zählten. Auf dem Lande war die Frau in Waffen nie eine Seltenheit. Neu ist dagegen die bewaffnete Rechtsanwältin oder Lehrerin in New York und Chicago, die kein Opfer sein möchte.
Der "Gleichmacher" in der Handtasche gibt ihr die Chance, den Kampfplatz als Siegerin zu verlassen - glaubt sie. Das wiederum gefällt der National Rifle Association (NRA), dem mächtigen Interessenverband amerikanischer Gun-Lovers.
Fast drei Millionen Mitglieder hat die von Kongreß und Gewehrgegnern gefürchtete Lobby. Daß Stunde um Stunde mindestens drei Amerikaner an Schußwunden sterben, beeindruckt die NRA nicht.
Mit allen Mitteln wehrt sich der Verband gegen jede Beschränkung des Rechts auf Waffenbesitz. "Wir verlieren vielleicht den Public-Relations-Kampf, aber den legislativen Kampf gewinnen wir", glaubt David Conover, einer der NRA-Lobbyisten. Die Aufrüstung der US-Frauen kommt ihm gerade recht. Mit "einem Feuerlöscher im Haus" vergleicht Conover die Waffe zur Selbstverteidigung.
Kaum war im Juni der chinesische Studentenaufstand in Peking blutig niedergeschlagen, da meldete sich die NRA schon in ganzseitigen Inseraten zu Wort: Um möglicher Tyrannei zu trotzen, sei eine allgemeine Volksbewaffnung vonnöten.
Solche Agitprop kommt unten an der NRA-Basis an. Herman Sparks und Randy Buccelli, beide NRA-Mitglieder, geben sich felsenfest überzeugt, die Volksbewaffnung nach amerikanischer Art verhindere "die Diktatur". Aus dem Nordost-Staat Connecticut sind Sparks und Buccelli zum jährlichen Wettkampfschießen der NRA nach Camp Perry im Bundesstaat Ohio gereist. Hier, wo die wahren Gläubigen mit liebevoll gepflegten Gewehren und Faustfeuerwaffen um die besten Plätze schießen, entlädt sich die Erbitterung über das Importverbot.
Sparks, an einem Hamburger kauend, möchte gar "ein paar Politiker erschießen". Und was ist mit Massakern wie dem in Stockton, mit Verrückten wie Patrick Purdy? "Mann", wirft Buccelli ein, "für die Freiheit mußt du einen Preis bezahlen."
Drunten in Georgia hatte Linda Farmer ein vernichtendes Urteil über Patrick Purdy gefällt: "Darling, er war ein schlechter Schütze" - über hundert Kugeln, nur fünf Volltreffer. Fünfmal war Purdy vor seinem Amoklauf festgenommen worden. Als dermaßen labil galt er, daß ein Richter vor seiner Freilassung warnte. Das ist Wasser auf die Mühlen der NRA.
Das Justizsystem, empört sich Herman Sparks, sei eben "total zusammengebrochen". Statt den Waffenbesitz einzuschränken, sollten endlich genügend Gefängnisse gebaut und Kriminelle nicht nach einigen Monaten wieder auf freien Fuß gesetzt werden.
Tief sitzen die Ressentiments, böse wird in Camp Perry Klage geführt über lasche liberale Politiker in Washington, die braven Steuerzahlern das Mündungsfeuer dämpfen wollen. Auf den Parkplätzen unweit der Schießstände mahnen Stoßstangen-Aufkleber: "Nur freie Menschen besitzen Waffen, Sklaven nicht" oder versprechen: "Ich schieße zurück." Hier gilt, was Alt-Star Charlton Heston auf der Jahresversammlung der NRA im April unter tosendem Beifall bekundete: Seinen Revolver werde er nur dann aufgeben, "wenn er mir aus den kalten, toten Fingern gewunden wird".
Daß ausgerechnet George Bush, den sie doch 1988 wählten, weil er das Recht auf Waffenbesitz so nachdrücklich verteidigte, jetzt das Importverbot für die Sturmgewehre verfügt hat, übersteigt ihr Vorstellungsvermögen: "Welch ein Betrug. Welche Lüge."
Bei Clint McKee, dessen Firma Springfield Armory halbautomatische Waffen baut und in Camp Perry ausstellt, sind vorgedruckte Formbriefe an Bush erhältlich, Orientierungshilfen für den Protest der kleinen Leute.
"Unsere Freiheit wird uns genommen", lamentiert der Waffenhersteller McKee, und es stört ihn ungemein, daß "um die Wahrheit immer drumherumgeredet" werde. "Nicht auf die Entenjagd" beziehe sich das verfassungsmäßig verbriefte Recht auf Waffenbesitz, erklärt McKee, "sondern auf das Töten von Menschen". f
Von Martin Kilian

DER SPIEGEL 41/1989
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