09.10.1989

SpionageBomben auf Tunesien

In der Weltraumaufklärung haben die Supermächte ihr Monopol längst verloren. Immer mehr Staaten leisten sich eigene Späher im All.
In Moskau tönte die anti-israelische Propaganda: Die Nahostmacht habe eine Mittelstreckenrakete getestet. Das Geschoß, so die Regierungsagentur Tass Mitte September, sei nach einem 1300-Kilometer-Flug in internationalen Gewässern zwischen Libyen und Griechenland niedergegangen.
Die Sowjets, so scheint es, irrten. Weit Wichtigeres als eine Testrakete sei den Israelis ins Mittelmeer gefallen, korrigierten die Fachleute des angesehenen britischen Militär-Verlages Jane's eine Woche später. Jerusalems neuester Spionagesatellit Ofek 2 sei abgestürzt.
Israels Aufklärung aus dem All, ein Jahr zuvor von Ofek 1 begonnen und offiziell bislang weder bestätigt noch dementiert, ist Teil eines neuen weltweiten High-Tech-Wettlaufs. Der Blick aus dem Weltall weit hinaus über eigene Grenzen, jahrzehntelang ein Monopol der Supermächte, gewinnt auch für kleinere Länder zunehmend an Bedeutung.
Ob Wettervorhersage oder Ökologie-Bilanzen, ob Ernteprognosen oder die Suche nach Bodenschätzen, ob Katastrophenkontrolle oder Abrüstungsüberwachung - nichts geht mehr ohne die Blicke von hoch droben. Denn was einst ausschließlich von und für Militärs gewonnen wurde, liefern heute zivile Beobachtungsplattformen aus dem Weltraum für jedermann: detailgenaue Bilder nahezu jeder Weltregion.
Seit 1972 kreisen amerikanische Landsat-Aufklärer im All. Die Fotos aus Landsat-5 zeigen alle Objekte und Strukturen, die größer sind als 30 Meter.
Der französische Spot 1, 1986 gestartet, ist schon dreimal genauer. Mit zehn Metern Auflösung kann er kleinere Gebäude, Flugzeuge, sogar große Fahrzeuge identifizieren. Seit 1987 bietet die sowjetische Handelsfirma Sojuskarta, zum Preis von 500 bis 800 Dollar pro Bild (Landsat: 100 bis 500 Dollar, Spot: 150 bis 1800 Dollar), sogar Fotos aus der bislang geheimen Weltraum-Kamera Mk 4 mit fünf Metern Auflösung an.
Für Fachleute ein Horror. Sie fürchten vor allem den Nutzen, den Militärs aus aller Welt, vielleicht gar Terroristen aus neuen Fernspäh-Möglichkeiten ziehen könnten.
"Gewaltige Auswirkungen auf die Politik" sah bereits 1987 bei einer Fachtagung der Pentagon-Geheimdienstler Donald Gordon voraus. Und Weltraum-Experte Michael Krepon warnte erst jüngst vor "der Schattenseite dieser Satelliten".
Unverhohlen werben die französischen Spot-Betreiber mit den militärischen Fähigkeiten ihres Geräts: _____" Vor der Entscheidung über ein Ziel tief in einer " _____" Zone, die für Aufklärungsflugzeuge unerreichbar ist, " _____" müssen drei Punkte analysiert werden: Das Ziel, die " _____" "Gefahren", von denen es umgeben ist, und der Weg zu ihm. " _____" Das klärt man am besten, indem man Spot-Satellitenbilder " _____" untersucht, die alle wesentlichen Zielgebiete erfassen. "
Besuchern des Spot-Hauptquartiers in Toulouse wird ein Video vorgeführt. Es zeigt die Simulation eines Bombenangriffs auf Tunesien, die mit Computer-Hilfe allein aus den Weltraumaufnahmen des Beobachtungs-Satelliten erzeugt wurde.
Amerikanischen Truppen in Deutschland wurden bei Manövern Landsat-Fotos eines Panzerübungsplatzes in der DDR ausgegeben. Im Kriegsfall könnten daraus Zielinformationen gewonnen werden, erläuterte Jud Grubbs, Spezialist der Rüstungsfirma Lockheed.
Kein Wunder, daß auch der Bundesnachrichtendienst wiederholt mit Spot Einblick zu nehmen suchte. Ende 1988 verschafften sich die Aufklärer bei den Franzosen Informationen über die mit Hilfe deutscher Firmen aufgebaute libysche C-Waffen-Fabrik bei Rabita.
In ihren technischen Fähigkeiten liegen die zivilen Fernaufklärer noch immer zurück. Während Amerikas militärische Spionagesatelliten in etwa 90 Minuten auswertbare Bilder liefern, braucht Spot dazu ein bis zwei Tage. Und die Militäraufnahmen sind viel detailgenauer.
Schon 1961 hatte der amerikanische Foto-Satellit Discoverer 29 eine Auflösung von 30 Zentimetern. Er spürte nur vier Jahre nach dem Sensationsstart von Moskaus Weltraum-Sputnik die ersten Stellungen sowjetischer Interkontinentalraketen bei Plesetsk auf.
Seither wurden die Aufnahmetechniken immer feiner, ergänzen immer neue Sensoren den durch Nacht und Wolken oft behinderten Blick durch die Fotolinse: *___Amerikas Supersatellit KH-12, erst kürzlich per ____Weltraumfähre in die Umlaufbahn getragen, kann aus dem ____All Zeitungsschlagzeilen entziffern. *___Mit Radar-Aufklärern ausgerüstete Satelliten melden ____jede Bewegung in der Luft, auf dem Wasser und am Boden. *___Infrarot-Sensoren ertasten aus der Kälte des Weltraums ____die Wärmebilder sogar von Fahrzeugen im Gelände.
Den ganz großen Durchblick verschaffen sich auf diese Weise allerdings nur die Supermächte. Und die halten ihre Erkenntnisse oftmals selbst vor den engsten Verbündeten geheim: Nicht einmal während des erbitterten Ringens um die nukleare Mittelstreckenrüstung der Nato Anfang der achtziger Jahre gaben die Amerikaner Bilder der sowjetischen SS-20, Vorwand für die Nato-Nachrüstung, frei.
Andererseits versorgten die Supermächte in nahezu allen Kriegen und Konflikten der letzten drei Jahrzehnte ihre jeweiligen Verbündeten mit Aufklärungsergebnissen. Doch in Zukunft wird der Eigenbedarf der Blockführer an Weltraumaufklärung gewaltig steigen, wenn all die Abrüstungsverträge unterschrieben werden sollten, über die derzeit verhandelt wird.
"Daß die Amerikaner neben dem Zählen von Interkontinentalraketen, dem Beobachten von Sprengkopffabriken und Bomber-Stützpunkten auch noch die Kapazität haben, all die Kasernen und Waffendepots zu überfliegen, von denen unsere Sicherheit in Europa abhängt", ist für europäische Geheimdienstler keineswegs mehr sicher.
Das Gefühl hilfloser Abhängigkeit ist denn auch ein wichtiger Grund für den neuen Run auf Spionagesatelliten. "Die Bemühungen des BND, den (Aufklärungs-)Bedarf anderweitig zu decken, waren nicht erfolgreich", heißt es in einem Papier des Bundesnachrichtendienstes "zur Notwendigkeit satellitengestützter Aufklärung". Die Versuche, von den US-Partnerdiensten besser bedient zu werden, seien fehlgeschlagen.
Ein Dutzend Länder, so das BND-Papier, besitzen, bauen oder beteiligen sich * Im März 1988 auf dem sowjetischen Weltraumbahnhof Baikonur. an "Erdbeobachtungssatelliten". Tatsächlich sind es noch mehr:
Die Sowjetunion startete bislang weit mehr als 1000 militärische Kosmos-Späher, die USA immerhin einige hundert Aufklärungssatelliten. In Europa beteiligen sich Italien und Spanien an Frankreichs geplantem Militärsatelliten Helios 1, für dessen Nachfolger sich auch Deutsche und Holländer interessieren. Zusammen mit Schweden und Belgien unterhält Paris zudem den Zivilaufklärer Spot.
Kanada will zusammen mit den USA und Großbritannien einen Radarspäher entwickeln. Indien hat bislang drei Beobachtungssatelliten mit amerikanischer Hilfe gestartet, ein Foto-Aufklärer wurde von einer sowjetischen Rakete in die Umlaufbahn getragen. Japan hat mit einem Flugkörper zur Meeresüberwachung seine Weltraumfähigkeit bereits nachgewiesen. China und Brasilien wollen 1992 und 1994 Beobachtungssonden starten.
Wie schnell aus solchen Bestrebungen ein womöglich gefährlicher Wettlauf wird, beweist das Beispiel Nahost: Seit Israels Ofek-Triumph im vorigen Jahr bemüht sich auch der Irak um eigene Weltraumkapazität.
Zunächst versuchte Bagdad im Januar, sich am brasilianisch-chinesischen Satellitenprojekt zu beteiligen. Im Frühjahr schlug dann ein brasilianischer Raketenmanager den Irakern die Teilhabe am SCD 1 vor, einem 150 Kilogramm schweren Flugkörper, der mit einer französischen Infrarot-Kamera an Bord die Erde in 700 Kilometer Höhe umrunden soll. Irakische Experten reisten Ende Mai und Anfang Juni nach Brasilien und Frankreich, um das Projekt zu beschleunigen.
Angesichts des weltweiten Drangs ins All will auch Bonn nicht länger hintanstehen. Binnen zwölf Monaten, so beschloß die Regierung auf BND-Rat, sollen die Möglichkeiten für einen deutschen Satelliten-Alleingang ausgelotet werden.
"Gesamtkosten ca. 4 Milliarden Mark verteilt über zehn Jahre", schätzten die Pullacher Möchtegern-Raumspäher. Die Rüstungsfirma Dornier verlangt schon mehr: zwei Satelliten plus zwei in Reserve für insgesamt vier Milliarden Mark, zwei weitere Milliarden für die gesamte Bodenorganisation. Im Forschungsministerium liegen die Schätzungen gar bei zehn Milliarden.
Das Geld, so die Mehrheitsmeinung unter den Bonnern, solle vom Hauptnutznießer kommen, dem Verteidigungsministerium. Dort ist man aber schon jetzt personell wie finanziell an Grenzen gestoßen.
Generalinspekteur Dieter Wellershoff: "Ich nehme jeden Satelliten, der mich nichts kostet."

DER SPIEGEL 41/1989
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