13.11.1989

GriechenlandRiesiges Irrenhaus

Nach den Parlamentswahlen hofft der ehemalige Skandalpremier Papandreou auf eine neue Zukunft.
Dem alten Mann erschien eine Voraussage zu gewagt. "Prognosen müssen sich auf die Logik stützen", erklärte der ehemalige Staatspräsident Konstantin Karamanlis, 82, nach seiner Stimmabgabe am vorletzten Sonntag. "Vieles aber, was in letzter Zeit in Griechenland passiert, ist logisch nicht zu erklären."
Der Senior der griechischen Politik konnte sich bald bestätigt fühlen: Bei den zweiten Parlamentswahlen innerhalb von fünf Monaten hatten seine Landsleute wieder ein Patt herbeigeführt.
Einerseits verweigerten die Wähler der von Konstantin Mitsotakis geführten konservativen Partei Nea Dimokratia abermals die schon im Juni knapp verfehlte Parlamentsmehrheit. Auf der anderen Seite aber verhalfen sie dem ehemaligen Ministerpräsidenten Andreas Papandreou, der sich wegen seiner Korruptionsaffären bald vor einem Sondergericht verantworten muß, zu einer unerwarteten Rehabilitierung: Der Sozialistenchef zieht mit einer um 3 auf 128 Mandate verstärkten Mannschaft ins neue Parlament ein.
Prompt wertete Papandreou das Wahlergebnis als "politischen und moralischen Sieg", der die Bildung eines neuen Kabinetts freilich erschwert. Papandreou kann überdies die Wahl eines neuen Staatspräsidenten im kommenden März blockieren. Und natürlich wertet er das Wählervotum als Freispruch durch das Volk noch vor dem Urteilsspruch der Richter.
Für den ehemaligen Skandalpremier entschieden sich über 2,7 Millionen Wähler - 170 000 mehr als im Juni. Das Belastungsmaterial gegen ihn und ein halbes Dutzend seiner Minister schien sie nicht zu stören. "Das ist", urteilte Kommentator Panos Loukakos im Staatsfernsehen, "kein Gegenstand für politische Analytiker mehr, sondern für Psychiater."
Kein Politiker hat in den letzten Jahrzehnten das Land so sehr gezeichnet wie der heute 70jährige Papandreou. "Andreas", wie ihn Anhänger und Gegner gleichermaßen nennen, ist umstritten wie kein anderer Politiker.
Den Stimmenanteil seiner Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok), die er 1974 nach dem Ende der Diktatur gegründet hatte, konnte er schon bis 1977 verdoppeln. 1981 kam der Hoffnungsträger, als der er Millionen Griechen erschien, an die Macht, 1985 errang er erneut einen Wahlsieg. Seine Anhänger hielten ihm auch dann die Treue, als sich die Korruptionsvorwürfe häuften, der Alte sich und das Land zudem mit seiner 34jährigen Olympic-Stewardess Dimitra ("Mimi") zum Gespött machte.
In einem Papandreou-Psychogramm versuchte der in den USA lebende Psychiater Albert Levi anläßlich des Psychiatrie-Weltkongresses Mitte Oktober in Athen dieses Phänomen blinder Gefolgschaftstreue zu deuten: _____" Papandreou ist für viele Griechen der Held auf der " _____" dramatischen Leinwand ihrer Gesellschaft. Er vertritt " _____" nicht nur sich selbst, sondern viele andere Griechen, die " _____" dem Gesetz entgehen, sich eigene Gesetze geben, lügen, " _____" stehlen und Ehebruch begehen. "
Diese Identifizierung hatte Papandreou offensichtlich schon im Juni vor einer noch größeren Wahlniederlage bewahrt. Zwar verlor er nach acht Regierungsjahren die Macht, fast 40 Prozent der Wähler aber blieben ihm treu.
Sie solidarisierten sich erst recht mit ihm, als die von Konservativen und Kommunisten gebildete Regierung die versprochene "Reinigung" einleitete und das Parlament wegen des Bankenskandals Koskotas und einer Telefonabhöraffäre Anklage gegen Papandreou erhob.
Papandreou nutzte seine Popularität, indem er seine persönliche Verstrickung als Kollektivschuld seiner Partei hinstellte: Mit ihm stünden alle Sozialisten unter Anklage - und natürlich zu Unrecht.
Seit seiner Herzoperation in London vor einem Jahr umgibt Papandreou zudem ein neuer Mythos. Er gilt unter seinen Anhängern als biologisches Phänomen, als der Eiserne und Gottgesegnete, der den Tod besiegte und unter Einsatz seines Lebens für das Wohl des Landes kämpft. Ehefrau Mimi hielt sich im Wahlkampf diskret zurück, um keine Wählerinnen abzuschrecken.
Doch Sympathie-Werbung allein hätte wohl kaum für den Stimmenzuwachs ausgereicht, wäre es Papandreou nicht gelungen, den Kommunisten Wähler abzujagen - sie büßten ein Sechstel ihrer Stimmen ein.
Nun steht den Griechen der dritte Wahlgang innerhalb weniger Monate bevor, vielleicht schon im Dezember, spätestens im März nächsten Jahres.
Papandreou kann mit seinen 128 Abgeordneten die anstehende Staatspräsidentenwahl blockieren und Parlamentsneuwahlen erzwingen. Der Staatspräsident wird vom Parlament gewählt, dazu sind zunächst 180 Stimmen nötig. Werden die nicht erreicht, muß das Parlament neu gewählt werden, dann reichen 150 Stimmen zur Wahl.
So wichtig ist diese Rechnung für Papandreou, daß er sogar daran denkt, Karamanlis als Präsidentschaftskandidaten zu unterstützen, was er im März 1985 entgegen festen Zusagen verweigert hatte. Dafür erwartet er nach einer möglichen Verurteilung durch das Sondergericht, von Karamanlis amnestiert zu werden. Der hält sich wieder bereit: "Das ist nicht meine Sache", kommentierte er solche Spekulationen, "sondern Sache der anderen."
Derselbe Karamanlis hatte vor einem Jahr sein Land ein "riesiges Irrenhaus" genannt.

DER SPIEGEL 46/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Griechenland:
Riesiges Irrenhaus