09.10.1989

GroßbritannienVerrat und Betrug

Der Erzbischof von Canterbury verärgert Kirche, Konservative und die Königin.
Als liebenswürdiges Leichtgewicht, das Entscheidungen fürchte, hatte ihn vor knapp zwei Jahren das offizielle Handbuch der Kirche von England verspottet: "Gute Erscheinung" bedeute ihm mehr als "feste Prinzipien".
Nun bestätigte die Sunday Times dem 102. Erzbischof von Canterbury einen "Einsatz, der ein zweites Military Cross verdient hätte". Der hochdekorierte ehemalige Offizier der Scots Guards habe sich als "tollkühn und tapfer" erwiesen.
In einem Rundumschlag hat sich Robert Runcie, 68, "Primas von ganz England", mit den beiden mächtigsten Damen des Inselreichs angelegt, mit Königin Elizabeth II. und Premierministerin Margaret Thatcher.
Seiner Königin, dem Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, trat der Gottesmann zu nahe, als er am vorvergangenen Wochenende den römisch-katholischen Papst Johannes Paul II. öffentlich umarmte und dazu aufrief, in ihm den geistigen Führer aller Christen anzuerkennen. In einer gemeinsamen Erklärung verpflichteten sich beide, ihre getrennten Kirchen wieder zusammenzuführen, betonten jedoch zugleich, dies erscheine gegenwärtig unmöglich, da in der Anglikanischen Kirche Frauen zu Priestern geweiht würden, was Rom strikt ablehnt. Die Rückkehr zur Mutterkirche wird deshalb auf sich warten lassen. Trotzdem schockten Runcies Annäherungsversuche die Briten. Verrat und Betrug, tönte es aus den Reihen konservativer Anglikaner. Am lautesten, wie immer, führte sich der nordirische Protestanten-Ultra Ian Paisley auf: "Runcie versucht, die Queen zu entthronen und den Papst an ihre Stelle zu setzen."
Aus welch vergleichsweise nichtigem Anlaß ihr Vorgänger Heinrich VIII. die Trennung von Rom beschlossen hatte, führte die Kurie dem englischen Primas in den vatikanischen Archiven vor: Sie ließ ihn in den Liebesbriefen des Königs an Anna Boleyn stöbern.
Der Monarch hatte das Band mit dem Stuhl Petri zerschnitten, als der Papst sich weigerte, seine erste Ehe mit Katharina von Aragonien zu annullieren, damit er Anna ehelichen konnte. Heinrich VIII. gründete seine eigene Kirche, setzte sich 1534 an ihre Spitze und heiratete insgesamt sechsmal.
Seit 1689 gilt nach britischem Staatsrecht, daß kein Katholik den Thron besteigen darf. Und nun soll der katholische Papst als geistiges Oberhaupt auch für die protestantische Kirche von England gelten? Paisley: "Hochverrat."
Nicht ganz so überrascht wird Premierministerin Thatcher die Angriffe des Kirchenfürsten auf ihre Regierungspolitik quittiert haben - von ihm hat sie schon einiges zu hören bekommen.
Früher galt die Anglikanische Kirche, der im Inselreich etwa 30 Millionen Gläubige anhängen, als so stramm rechts und toryfromm, daß sie gelegentlich als "Konservative Partei beim Gebet" karikiert wurde. Das änderte sich mit Runcie, der 1980 auf Vorschlag von Frau Thatcher zum Primas avancierte.
So erzürnte er seine frühere Gönnerin, als er sich nach dem Falkland-Krieg deutlich von Frau Thatchers Hurra-Patriotismus distanzierte. Im königlichen Dankgottesdienst 1982 in der St. Paul's Kathedrale vermied er das Wort "Sieg" und schloß die über 700 gefallenen Argentinier in sein Gebet ein.
Runcie hielt Englands kostspielige Nuklearrüstung öffentlich für "verrückt" und machte die Politik der Tories für den Niedergang der alten Industriestädte in Großbritannien verantwortlich.
Nun geht der Erzbischof noch weiter und attackiert die Regierungsphilosophie von Frau Thatcher, nach der jeder seines Glückes Schmied ist. Vor der Generalversammlung der schottischen Kirche hatte sie noch 1988 erklärt, die Botschaft der Bibel an die Menschen laute, zu arbeiten und ihre Talente zu nutzen, um Wohlstand zu schaffen.
In einem Interview warnte Runcie seine Landsleute jetzt davor, zur "Pharisäer"-Gesellschaft zu werden, und bedauerte die "Obsession" vieler junger Leute, ihr Geld auf Kosten "der Zurückgelassenen, der Opfer des Erfolgs" zu verdienen. Eigeninteresse, so der Kirchenmann, sei nicht die alleinige dynamische Kraft in der Gesellschaft. Es gebe "keine Automatik zwischen der Schaffung von Wohlstand und einer glücklichen Gesellschaft". Wohnungsnot, Obdachlosigkeit und die geistig Behinderten dürfe man nicht übersehen.
Der Thatcher-Partei, deren Hochburgen überwiegend im wohlhabenden Süden Englands liegen, warf Runcie vor, Kontakt zu weiten Teilen des Landes verloren zu haben. Die Kirche sei dagegen "in jedem Pfarrbezirk" präsent und werde "den täglichen Kontakt" auch zu jenen Gegenden aufrechterhalten, "in denen die Konservative Partei nur wenig Unterstützung findet".
Peter Bottomley, konservativer Staatssekretär für Nordirland, rät aufgebrachten Parteifreunden, die Bischofsschelte nicht einfach abzutun: "Der Erzbischof spricht für die meisten Menschen in der Konservativen Partei und im Land."
Doch die Sunday Times kennt die Tories und ihre Chefin Margaret Thatcher vielleicht besser: "Der Erzbischof muß mit Vergeltung rechnen." Die ist für diese Woche zu erwarten: Dann versammeln sich die Tories zu ihrem Parteitag in Blackpool.

DER SPIEGEL 41/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Großbritannien:
Verrat und Betrug

Video 05:45

Überwachung in China Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind

  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben" Video 01:16
    Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Video "Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: Herr Rösler ist gerne Vizekanzler" Video 02:05
    Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: "Herr Rösler ist gerne Vizekanzler"
  • Video "50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt..." Video 01:15
    50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt...
  • Video "Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022" Video 01:01
    Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind