13.11.1989

USAEnglischer Habitus

New York hat seinen ersten schwarzen Bürgermeister - und treibt neuen Notzeiten entgegen.
David, David, David", schrie die Meute, als der Sieger der New Yorker Bürgermeisterwahl den großen Ballraum des Sheraton-Hotels betrat. David Dinkins, 62, flankiert von seinen Freunden, hielt den Daumen nach oben. "Dieser Tag", sagte er, "wird in der Geschichte weiterleben."
Nach 105 weißen Bürgermeistern hat die Stadt New York vergangenen Dienstag zum erstenmal einen Schwarzen zum Oberhaupt gewählt. In Harlem, wo Dinkins wohnt, tanzten die Menschen auf der Straße. Dabei hatte Wahlgegner Rudolph Giuliani den Favoriten an den Rand der Niederlage gebracht. Mit nur 51 gegen 48 Prozent der abgegebenen Stimmen konnte sich Dinkins gegen Giuliani durchsetzen, den Mann, der als New Yorker Staatsanwalt die Führer der Mafia sowie Durchstecher in Stadtverwaltung und Wall Street hinter Gitter gebracht hatte.
Dinkins bekam 98 Prozent der Stimmen der Schwarzen, 72 Prozent der Latinos und 40 Prozent der Juden. Die übergroße Mehrheit der klassischen weißen Wählerschaft aber - Iren, Italiener, Briten, Deutsche und auch orthodoxe Juden - hielt es mit Giuliani.
Giuliani, ein kantiger Typ ohne Wärme, ätzend oft in seiner Aggressivität, hatte auf jene New Yorker gesetzt, die ihn allein deswegen wählen würden, weil sie Dinkins nicht wählen wollten. Da Dinkins sich als der Mann anbot, "der die Menschen in New York wieder zusammenbringen will", zogen Giulianis Strategen in einer Schlammschlacht die Vertrauenswürdigkeit des Gegenkandidaten in Zweifel.
Zudem versuchte die Giuliani-Truppe, den Volksvereiner Dinkins als Vasallen des polemischen Schwarzenführers Jesse Jackson hinzustellen, der mit rassistischen Sprüchen New Yorks Juden gegen sich aufgebracht hatte: Zwei Drittel der Giuliani-Wähler gaben später an, der "Jackson-Faktor" sei ein wesentlicher Grund für ihre Wahlentscheidung gewesen.
Doch für die Stadt, die unter dem Gegensatz zwischen Weiß und Schwarz, Arm und Reich schwer leidet, schien Dinkins von Anfang an die ideale Integrationsfigur zu sein.
Vom klassischen Bild eines liberalen angelsächsischen Patriarchen unterscheidet er sich allein durch die Hautfarbe. Aufgewachsen als Sohn eines Hausmaklers aus der Mittelstadt Trenton bei Philadelphia, übernahm er nie die aggressive Stakkato-Sprache der schwarzen Gettobewohner.
An der Washingtoner Howard-Universität erwarb er cum laude ein Diplom in Mathematik und hängte noch ein juristisches Studium an. Im Carver Club des Schwarzen-Führers Raymond Jones, wo schwarzer Manager- und Politikernachwuchs getrimmt wurde, erhielt er schließlich den Schliff des europäisch gestylten schwarzen Amerikaners.
In den Tennisklubs von Manhattan und Southampton auf Long Island wurde Dinkins Dauergast. Sein englischer Habitus wies ihn als Adepten der gepflegten Ostküstenkultur aus.
Seit 26 Jahren wohnt Dinkins gleichwohl im Schwarzen-Getto Harlem. Nach mehreren Anläufen wurde er 1985 als Kandidat des moderaten Flügels der Demokratischen Partei Präsident des Stadtteils Manhattan. Er war bedächtiger Amtswalter, der Respekt und Sympathie auch bei Weißen gewann.
Am Vorabend der Wahl sagten ihm viele einen 10-Punkte-Vorsprung voraus. Doch die Prognosen konnten den untergründigen Rassismus nicht erfassen, den viele der von den Meinungsforschern Befragten verbargen, der aber an der Wahlurne oft den Ausschlag gab.
So siegte Dinkins am Ende nur hauchdünn vor dem oft abschreckend hart wirkenden Giuliani. Ob er aber im Amt den Problemen der Stadt so beikommen kann, wie er versprochen hat, bezweifeln selbst etliche seiner Wähler. Denn er übernimmt das Kommando über New York in einer Phase, da Amerikas größte Stadt nach Jahren relativen Wohlergehens wieder auf einen Notstand zutreibt.
Vorgänger Edward Koch hatte dem gefährlichen Sozialgefälle New Yorks auf indirekte Art beikommen wollen - indem er Steuergelder als Anreiz einsetzte, Unternehmen anzulocken und Bauherren zum Investieren zu ermuntern. Steuereinnahmen und Beschäftigung stiegen zwar, doch die Stadt wurde nun so teuer, daß die Armen letztlich ärmer waren als zuvor.
Dinkins will ihnen durch direkte Zuwendungen aus dem Haushalt helfen. Außerdem soll es mehr Polizisten und bessere Schulen geben, intensivere Bekämpfung von Drogen und von Aids. Doch im Haushalt der Stadt klafft bald ein Loch von einer Milliarde Dollar.
Dinkins kann noch so nett, so fair und so integrativ sein - er wird, sagt Verlierer Giuliani heiteren Gemüts voraus, "schwere Zeiten haben". f

DER SPIEGEL 46/1989
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