09.10.1989

ItalienRichten und strafen

Nach permissiven Jahren läuft in Italien die Gegenbewegung. Die Vorkämpfer von Sitte und Anstand haben sich organisiert.
Seitdem Franco und Filli sich lieben, seit über zwölf Jahren, fotografieren sie ihre erotischen Spiele fürs eigene Album. Das Unglück begann, als Franco im vergangenen Jahr die Lustszenen auch filmte.
Weil er die aufgezeichneten häuslichen Bettszenen so aufregend fand, bot er drei seiner Heimpornos in einem obskuren Sexblättchen zum Verkauf an. Und das rief die italienische Staatsmacht auf den Plan. Drei Carabinieri marschierten bei Franco und Filli auf.
Sie beschlagnahmten die Objekte des "schändlichen Handels" - so der Polizeibericht - und nahmen die beiden mit auf die Wache. Ende Juli standen sie vor Gericht und wurden zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt - wegen "Verletzung des öffentlichen Schamgefühls".
Das findet derzeit viele Verteidiger in Italien. Ein junger Staatsanwalt in Teramo in den Abruzzen etwa ließ von den Mauern seiner Stadt Plakate einer Schlagersängerin entfernen, deren Bild er für unsittlich entblößt hielt.
Auch vor der Nacktheit der gigantischen Figuren auf Michelangelos Jüngstem Gericht soll die Öffentlichkeit weiter geschützt bleiben. Die schwebenden Schleier, die 1565 auf Geheiß der Kurie über das unverhüllte Geschlecht der Verdammten wie der Erlösten gemalt wurden, sollen bei Restaurierung des Riesenfreskos in der Sixtinischen Kapelle nicht entfernt werden wie andere spätere Eingriffe am Werk Michelangelos.
Die Lendenschurze seien ein wichtiges Dokument ihrer Epoche, hieß es im Vatikan, der so zu erkennen gab, daß er eine Korrektur aus der Zeit der unterdrückerischen Gegenreformation für wichtiger hält als die ursprüngliche Bildersprache Michelangelos - auch das eine Facette der moralischen Restauration in Italien. "Die Prüderie siegt, trotz aller Veränderungen", klagte der Maler Toti Scialoia, Ex-Direktor der Akademie der schönen Künste in Rom.
Öffentlich und ungeniert umschlingen sich auf den Parkbänken italienischer Städte die Liebespaare in allerlei kamasutrischen Verrenkungen. Nachts verwandeln sich Zeitungsstände in Pornoshops, wenn für die flanierenden Männer die Hardcore-Videos ausgelegt werden. Fröhlich enthüllen an römischen Straßenecken schöne Transvestiten ihre Spitzenunterwäsche für die Autofahrer.
Doch die Libertinage täuscht. Die Savonarolas sind im Anmarsch. Nach Jahren der Permissivität im Gefolge der siebziger Jahre macht sich immer deutlicher eine Gegenströmung bemerkbar, die verbieten will, was vor kurzem noch erlaubt war. Ein "fundamentalistisches Ferment" in Italien entdeckte kürzlich Turins Stampa, ein "Crescendo von Angriffen, Polemiken und Kampagnen" gegen sittliche Übereinkünfte, die sich gewandelt hatten.
Im Land Italien, das sich immer einzurichten verstand zwischen den strengen Geboten der katholischen Sexualmoral und den Versuchungen der Sinne, sind schrille Töne aufgekommen. Ein Pornostar wie "Cicciolina" als Kandidatin fürs Parlament wäre heute kaum noch möglich.
Zwar haben die "italienischen Ajatollahs" (La Stampa) bisher niemanden dem Tode geweiht. Immerhin fühlte sich aber die Schriftstellerin Lara Cardella "verfolgt wie Rushdie": Die 19jährige Studentin hatte in ihrem Erstlingswerk "Ich wollte Hosen" unverblümt sexuelle Gewalt, Inzest und sittliche Heuchelei in einer sizilianischen Kleinstadt angeprangert. Daraufhin bedrohten die erbosten Bewohner ihrer Heimatstadt Licata auf Sizilien - die sich offenkundig erkannt und vorgeführt fanden - das junge Mädchen und ihre Familie derart, daß sich die Cardellas eine Zeitlang quasi Hausarrest auferlegen mußten.
Der Kampf gegen das liberale italienische Abtreibungsgesetz, das unter bestimmten Umständen die Schwangerschaftsunterbrechung bis zum 90. Tag erlaubt, ist hart wie noch nie. Mit Furiengeschrei überfielen im September fanatische Abtreibungsgegnerinnen die gynäkologische Abteilung einer römischen Klinik. Sie schwenkten dabei Greuelfotos von toten Feten und beschimpften die Patientinnen als Mörderinnen.
Zwar gehörte das Kommando einer internationalen Vereinigung militanter Abtreibungsgegner an, "Outreach Rescue", die aus den USA gelenkt wird. Aber die Ausführenden in Rom waren Italienerinnen.
Das Klima hatte ein Regierungsmitglied aufgeheizt. Als "Nazi-Gesetz", das abgeschafft werden müsse, war das Gesetz Nr. 194 Anfang des Jahres von Minister Carlo Donat Cattin (damals Chef des Ressorts Gesundheit, jetzt Arbeitsminister) beschimpft worden.
Einer großen Klinik in Mailand, in der viele Schwangerschaften abgebrochen werden, schickte Donat Cattin die Polizei ins Haus und ließ - widerrechtlich - die Patientinnen-Kartei fotokopieren. Er ordnete die kirchliche Bestattung für Feten an und ließ Schulkinder einen Aufsatz zum Thema "Mein Leben vor der Geburt" verfassen.
Im Frühjahr schockte der Showstar Adriano Celentano, der sich für Grünes und Frieden eingesetzt hatte, sein angestammtes Publikum. "Auf der einen Seite verlangt der Staat Sicherheitsgurte, auf der anderen verabschiedet er ein Gesetz, das Kindermord erlaubt", wetterte Celentano in seiner populären Sendung über Canale Cinque.
Auch das Fernsehen hat sich geändert. Lang, lang scheint es her zu sein, daß auf italienischen Bildschirmen des Nachts Hausfrauen aus ihren Kleidern strippten und die Privatstationen einander in der Schärfe ihrer Pornos zu überbieten trachteten.
"Bis vor zwei, drei Jahren konnten wir jeden harten Film unzensiert bringen, heute schneiden wir die härtesten Szenen lieber selber raus", sagt Giuseppe Magnapera von Teleuniversal, einem kleinen römischen Sender, der dann und wann harmlose Sexklamotten ins Programm streut.
Kräfte der Restauration siegen selbst noch in Nachhutgefechten. So gilt in Italien Vergewaltigung nach bestehendem Recht als Vergehen gegen die Moral, nicht gegen die Person. Zehn Jahre lang haben italienische Frauen um ein humanes Gesetz gegen sexuelle Gewalt gekämpft. Im Frühjahr schien es endlich erreicht zu sein.
Die Abgeordnetenkammer verabschiedete einen Entwurf, der Vergewaltigung ein Verbrechen nennt und auch sexuelle Beziehungen zwischen Minderjährigen über 13 Jahren nicht mehr bestrafen will.
Doch der Senat wies vieles zurück. Das Verbot von Sex zwischen Jugendlichen blieb nicht nur bestehen, es wurde sogar verschärft. Auch Petting soll jetzt unter Strafe gestellt werden - die Carabinieri müssen künftig feststellen, was sich in verdunkelten Autos abspielt.
"Achtung, Ragazzi, ein Kuß kann euch ins Gefängnis bringen", spottete das kommunistische Parteiblatt l'Unita.
Dabei sind die Ragazzi, die Kinder, auch ohne Gesetz schon braver geworden: Vor zehn Jahren noch lag das Alter, in dem italienische Mädchen ihre Jungfräulichkeit verlieren, bei 14, 15 Jahren. Heute sind die meisten etwa 17.
In den Leserbriefspalten großer Jugendzeitschriften wird heute über das Thema Jungfräulichkeit so bitter gestritten wie in den fünfziger Jahren: Soll ich meinem Freund nachgeben? Wird er mich dann verlassen, weil ich keine Jungfrau mehr bin?
Viele derjenigen Italiener, die früher vom Heiraten nichts hielten, drängt es jetzt plötzlich zur Trauung. Showmaster Maurizio Costanzo ehelichte seine langjährige Freundin Marta Flavi, der Juwelier Gianni Bulgari führte seine Lebensgefährtin Nicola heim.
Lidia Ravera, Leserbriefredakteurin der italienischen Ausgabe von Cosmopolitan, bestätigt den Trend: "Mehr als die Hälfte der Briefe, die ich jetzt bekomme, handeln vom Heiraten - vor ein paar Jahren wäre das undenkbar gewesen."
Dagegen schwindet die Anziehungskraft der Ehe ohne Trauschein, die unter den jungen Schickimicki-Paaren von Mailand und Rom jahrelang en vogue war. Immer größer wird die Mehrheit der Italiener, die das unverheiratete Zusammenleben verdammen, zumal das Oberste Verfassungsgericht den Ehepaaren dieses Jahr bestätigte, sie hätten eine "höhere Würde" als die ungetraut Zusammenlebenden.
Die Aussichten für die Verabschiedung eines Gesetzentwurfs aus dem vergangenen Jahr, der Partnern - auch gleichgeschlechtlichen -, die mehr als drei Jahre zusammenleben, den gleichen rechtlichen Schutz sichern wollte wie Eheleuten, sind damit trübe geworden.
Solche Umkehrungen der Moral-Muster haben sich ähnlich auch in anderen westlichen Ländern vollzogen. Vor dem Hintergrund der auffällig gelockerten Sitten im Italien der siebziger Jahre aber wirkt die italienische drastischer.
Allerlei Gruppen und Vereinigungen, die sich breit über das politische Spektrum verteilen, treiben die Restauration voran.
Im politisch rechten Umfeld agitiert etwa der "Centro Lepanto", welcher der Bewegung des Traditionalisten-Erzbischofs Lefebvre nahesteht und sich programmatisch nach der legendären Schlacht im 16. Jahrhundert benannt hat, in der eine christliche Armada die Türken besiegte.
Ein anderes Komitee, "Reagire", von einem Abgeordneten des stramm rechten MSI geführt, betreibt den Kampf gegen die Pornographie.
Die wichtigste Bewegung für die moralische und religiöse Wiederherstellung Italiens, "Comunione e Liberazione", zählt heute an die 70 000 Mitglieder und versammelt jährlich Hunderttausende von Jugendlichen zu einem erbaulichen Meeting in Rimini. In den Kämpfen gegen die Abtreibung oder als obszön erachtete Filme stellt die Gruppe die militante Vorhut.
In der Wochenschrift Sabato formulierte die Bewegung kürzlich ein gesellschaftliches Credo, dem viele Mitstreiter für die Neue Strenge in Italien zustimmen dürften.
Die Zeiten, in denen man Gestrauchelten mit Verständnis habe helfen wollen, seien vorbei, jetzt gelte es, "zu richten und zu strafen".

DER SPIEGEL 41/1989
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