13.11.1989

GroßbritannienAbenteuer per Anruf

Harmlose Popmusik oder gefährliche Droge? England mobilisiert die Polizei gegen „Acid House Parties“.
Anstelle von stampfender Musik ertönen plötzlich Polizeisirenen. In die Lichtorgie der Laserstrahlen mischt sich zuckendes Blaulicht. "Bullen, Bullen", brüllt der Diskjockey über die hallende Anlage.
Doch die Masse tanzt unbeirrt weiter - roboterhaft. Im Rausch von Rock und Drogen entgeht den verzückten Jugendlichen der Unterschied zwischen ihrem musikalischen Hexensabbat und dem Getöse der alarmierten Ordnungsmacht. Die Razzia erscheint ihnen als Teil des Happenings.
Wenn in Britannien die Polizei derart gegen Tanzende mobil macht, muß höchste Gefahr drohen. Für die Boulevardpresse ist sie schon da. In reißerischen Schlagzeilen warnen die Blätter vor dem "Acid-House-Fieber", das einen "Acid War" auslösen könnte.
150 Polizisten stürmten einen Klub im Londoner East End und beschlagnahmten neben Rauschgift auch Messer und eine Pistole. Auf einer Farm in der Grafschaft Essex wehrten sich Teilnehmer einer Acid-Party mit Tränengas und Rottweilerhunden, als die Polizei kam.
Acid (wörtlich: Säure), für britische Eltern und Behörden ein Schreckensbegriff, bezeichnet einen angeblich jugendverderbenden Kult, der Wochenende für Wochenende in und um London rund 100 000 Menschen aufputscht: Sie strömen zu den - in England illegalen - Tanzpartys in Speichern und Scheunen, in Flugzeughallen, Vorstadtvierteln und auf Themse-Vergnügungsschiffen.
Die BBC verbannte schon Songs mit dem Wort Acid im Text aus ihrem Programm. Ein Sonderausschuß des Unterhauses und die Regierung beschäftigen sich mit dem Jugendkult.
Die Bewegung sei nur eine Revolte gegen die nicht ausreichenden "offiziellen Discos", die meist schon um Mitternacht schließen müssen, behaupten die Organisatoren der Partys. Acid House sei nichts anderes als der Name einer Popmusik-Richtung.
Andere behaupten, Acid stehe für die Droge "Ecstasy", eine Mischung aus Amphetamin und dem halluzinogenen LSD. Argwöhnische Briten sehen hinter den Partys eine "unheilige Allianz von Mittelklasse-Geschäftsleuten mit schweren Jungs, vornehmlich aus der kriminellen schwarzen Unterschicht" (New Statesman & Society).
Gangs aus diesem Milieu stellen bei Acid House Parties mitunter die Ordner und machen ihren Schnitt als Drogenverkäufer. Die Veranstaltungen werden von Yuppies organisiert, zum Beispiel von Tony Colston-Hayter, 23, dem Sohn eines Universitätsdozenten. Der Jungunternehmer reiste vorigen Monat zum Jahreskongreß der Konservativen nach Blackpool und forderte auf einer Pressekonferenz "Freiheit für die Partys".
Colston-Hayter zufolge erfüllen die Acid House Parties ein Bedürfnis im puritanischen Großbritannien, dessen restriktive Öffnungs- und Schankgesetze Volksvergnügen schärfer begrenzen als anderswo in Europa: Der Staat solle den Acid-Unternehmern lieber Lizenzen ausstellen, statt sie zu verfolgen.
Viele junge Engländer aber reizt gerade der Hauch von Illegalität. Das Acid-Abenteuer beginnt mit dem Einstieg in die Szene: Piratensender kündigen eine Party an - ohne genaue Zeit- und Ortsangabe. Interessenten müssen eine bestimmte Telefonnummer wählen. Ein automatischer Anrufbeantworter verweist auf einen Szenetreff, etwa den Schallplattenladen Black Market in Soho.
Dort tritt der Interessent für 20 Pfund einem privaten Klub bei; die Klubkarte gilt als Eintrittsbillett für die Acid House Party. Zu der werden die Jugendlichen nach weiteren Anrufen unter immer neuen Nummern nach Art einer Schnitzeljagd geleitet: "Kommt zu den Telefonzellen am King's-Cross-Bahnhof. Fahrt zur Tankstelle an der Ausfahrt 4 der Autobahn."
Auf den Partys gibt es - der Gesetze wegen - offiziell keine alkoholischen Getränke, dafür aber Lose, die immer gewinnen: Dosen mit Starkbier. Rauschgift wollen viele Veranstalter fernhalten. Aber das gelingt genausowenig wie bei den anderen Massentreffen von Jugendlichen, etwa in herkömmlichen Diskotheken oder Fußballstadien.
"Die Teddy-Boys haben sich betrunken, die Hippies in den sechziger Jahren kifften Marihuana, die Acid-House-Generation nimmt Ecstasy", sagt ein im Jugendkult ergrauter Londoner.
Verstöße gegen das Drogengesetz bieten der Polizei Anlaß, die Acid-Szene auszutrocknen. Weitere Handhabe findet sie im Gesetz über die Störung der öffentlichen Ordnung. Denn die Partybesucher belästigen mit ihrem Lärm Anwohner, blockieren mit ihren Autokonvois die Straßen.
Die Polizei der an London grenzenden Grafschaft Kent stellte zur Bekämpfung der Partys ein Sonderkommando von 250 Beamten auf. 20 Detektive haben die Szene infiltriert.
So treffen denn neuerdings immer mehr erwartungsfrohe Jugendliche samstags nachts auf Polizeisperren statt auf Acid-Lotsen mit weiteren Instruktionen.
Anrufbeantworter bedauern: "Die Party muß leider ausfallen." Richter erlassen einstweilige Verfügungen. Viele Bürger folgen der Aufforderung der Behörden: "Rufen Sie die Polizei, wenn vor leeren Gebäuden Lkw mit großen Geräten vorfahren."
Die Acid-House-Veranstalter aber wollen nicht aufgeben. In der zweiten Novemberhälfte laden sie zu sechs Partys auf der anderen Seite des Kanals in Frankreich ein. Premiere war am 11.11. in einem "Chateau bei Dieppe". f

DER SPIEGEL 46/1989
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