13.11.1989

„Es könnte viele Mozarts geben“

SPIEGEL: Judit, mit 13 Jahren hat in diesem Jahrhundert noch niemand so gut Schach gespielt wie du, auch der frühere Weltmeister Bobby Fischer und der heutige Weltmeister Garri Kasparow nicht. Wie viele Stunden täglich sitzt du am Brett und übst oder spielst Schach?
JUDIT POLGAR: Sieben bis acht Stunden im Schnitt.
SPIEGEL: Tag für Tag, auch sonnabends und sonntags?
JUDIT POLGAR: Ja.
VATER: Ich möchte, daß dies ganz genau dargestellt wird. Sieben bis acht Stunden sind das Maximum, nicht die Norm. So lange ist Judit mit Schach an etwa 50 Prozent der Tage beschäftigt, die sie zu Hause verbringt. Sonst sind es fünf bis sechs Stunden. Es gibt auch freie Tage.
SPIEGEL: Wer bestimmt, wann und wieviel Schach trainiert und gespielt wird?
JUDIT POLGAR: Wir gemeinsam.
SPIEGEL: Wer ist "wir"?
JUDIT POLGAR: Wir drei Schwestern und unser Vater. Wenn wir Schwestern nicht Schach spielen wollen, dann spielen wir nicht Schach. Aber wir wissen ganz genau, daß wir Erfolg haben, wenn wir Schach spielen.
Wir stehen sehr früh auf, um sechs Uhr, und spielen Tischtennis oder gehen schwimmen. Dann trainieren wir Schach, zum Schluß spielen wir Blitzpartien gegeneinander.
SPIEGEL: Das ist der übliche Tagesablauf. Kommt es vor, daß du sagst, heute spiele ich nur drei Stunden, oder daß du überhaupt keine Lust hast?
JUDIT POLGAR: Wir sind einfach daran gewöhnt, Schach zu spielen. Aber wenn wir unterwegs sind, gibt es auch Tage ohne Schach. Wir waren kürzlich eine Woche in Israel. An zwei Tagen hatten wir einige Partien zu spielen. Aber die restliche Zeit verbrachten wir mit der Besichtigung des Landes.
SPIEGEL: Du hast nie eine Schule besucht. Hast du dem Schach weit mehr Zeit gewidmet als andere der Schule?
JUDIT POLGAR: Zweifellos.
SPIEGEL: Zusätzlich lernst du zu Hause das, was andere in der Schule lernen, nur geprüft wirst du wie die anderen. In allen Fächern außer Fremdsprachen ist dein Vater dein Lehrer. Brauchst du für den Schulstoff soviel Zeit wie die anderen?
JUDIT POLGAR: Ich glaube nicht. Die anderen müssen ja jeden Tag in die Schule gehen oder fahren, sie müssen dort auf andere Rücksicht nehmen, und sie werden abgelenkt. * Das SPIEGEL-Gespräch führte Redakteur Werner Harenberg. Dolmetscher war Ferenc Boros.
SPIEGEL: Lernst du schneller als andere Kinder, zum Beispiel Sprachen und Mathematik?
JUDIT POLGAR: In Mathematik war ich immer gut.
SPIEGEL: Und sonst?
VATER: Judit ist eine mittelmäßige Schülerin. Ich erwarte von ihr, daß sie sich auf die Prüfungen vorbereitet und sie besteht. Das genügt.
SPIEGEL: Wie weit bist du mit den Prüfungen?
JUDIT POLGAR: Den Prüfungen nach habe ich sieben Volksschulklassen absolviert, so viele wie die meisten Mädchen und Jungen in meinem Alter auch.
SPIEGEL: Du wirst jetzt oft mit Bobby Fischer und Kasparow verglichen. In welcher Hinsicht hast du schon mehr erreicht als die beiden in deinem Alter?
JUDIT POLGAR: Die Chronologie kenne ich nicht so genau, darüber könnte vielleicht mein Vater etwas sagen. Ich bin nach Elo-Punkten sicher besser, als die beiden es mit 13 Jahren waren.
SPIEGEL: Der Amerikaner Elo - übrigens ein gebürtiger Ungar - hat eine Weltrangliste für Schachspieler entwickelt. Die "Elo-Punkte" werden aufgrund der Turniererfolge vergeben. Schon mit zwölf Jahren bist du auf 2500 Punkte gekommen, Fischer erst mit 14, Kasparow mit 15 und Karpow - nach Fischer und vor Kasparow Weltmeister - sogar erst mit 19 Jahren.
Kennst du Partien von Fischer oder Kasparow, die sie mit 12 oder 13 Jahren, also in deinem Alter, gespielt haben?
JUDIT POLGAR: Nicht besonders gut.
VATER: Ich kenne sie gut und kann sagen, daß meine drei Töchter in diesem Alter schönere und bessere Partien gespielt haben als Fischer und Kasparow.
SPIEGEL: Du stehst in der Weltrangliste der Frauen auf Platz eins, vor der Weltmeisterin Tschiburdanidse. Gäbe es eine gemeinsame Weltrangliste für Männer und Frauen, so hättest du dort Platz 60. Wie weit nach oben willst du unbedingt kommen?
JUDIT POLGAR: Ich möchte unter den ersten zehn sein.
SPIEGEL: Wann könntest du das erreichen, in wieviel Jahren?
JUDIT POLGAR: In drei bis vier Jahren könnte es soweit sein.
SPIEGEL: Wie wird der Weltmeister in zehn Jahren heißen, so um das Jahr 2000 herum? Sag bitte ein paar Namen, die da Chancen haben.
JUDIT POLGAR: Das kann ich nicht.
SPIEGEL: Wollen wir es mal gemeinsam versuchen? Wir sagen einen Namen, dann sagst du einen, dann wieder wir.
JUDIT POLGAR: In den nächsten zehn Jahren können viele mit Schach aufhören, viele können neu hinzukommen. Ich selbst war 1979 drei Jahre alt, heute - zehn Jahre später - stehe ich auf der Weltrangliste.
SPIEGEL: Unser Spielchen, abwechselnd einen Namen zu nennen, machen wir also nicht?
JUDIT POLGAR: Nein, bitte nicht.
SPIEGEL: In manchen Zeitungen steht, daß auch du eine Chance hättest, Herausforderin und Nachfolgerin des Weltmeisters zu werden, mag er in zehn Jahren noch Kasparow oder schon anders heißen. Denkst du selbst das auch?
JUDIT POLGAR: Wenn ich mich so weiter entwickle wie bisher, dann habe ich eine Chance.
SPIEGEL: Herr Polgar, wie weit kann es, wie weit soll es Judit noch bringen?
VATER: Bei ihren Fähigkeiten ist alles drin. Es hängt davon ab, welches Team ich um Judit herum bilden kann. Hinter Kasparow und hinter Karpow stehen Riesenteams, beinahe Forschungsinstitute. Wenn ich das Team bilden kann, ist die Grenze der Sternenhimmel. Wenn ich das Team nicht zustande bringe, dann kann Judit immerhin sicher 2640 Elo-Punkte erreichen.
SPIEGEL: Das würde heute zum Platz 7 reichen, weit vor dem besten Deutschen Robert Hübner, der auf Platz 16 steht. Wie wahrscheinlich ist ein solches Team?
VATER: Ich sehe eine Chance von 50 Prozent.
SPIEGEL: Ist das ein finanzielles Problem?
VATER: Sicher, das auch. Aber ein holländischer Software-Unternehmer, Herr van Oosterom, will 100 000 Dollar für den Unterricht der Kinder spenden. Und vielleicht erschließen sich noch andere Quellen. Wir selbst verdienen ja auch Geld.
SPIEGEL: Wie groß soll Ihr Wunschteam sein?
VATER: 10 bis 15 Personen.
SPIEGEL: Sollen es nur Schachspieler oder auch Psychologen sein?
VATER: Nach meinen heutigen Vorstellungen würden es Schachspieler sein. Psychologische Aufgaben löse ich selbst. Allerdings schließe ich nicht aus, daß ich trotzdem Psychologen heranziehe, denn ein Vater sieht die Dinge anders als ein Fremder.
SPIEGEL: Sie haben Ihr Ziel, die Erziehung Ihrer Töchter zu Schachgenies, erreicht. Sie selbst haben diese Erziehung ein "Experiment" genannt. Haben Sie Fehler gemacht?
VATER: Grundsätzliche nicht, aber andere schon. Doch bevor wir über meine Fehler reden, müßten wir über den Grundsatz meiner Pädagogik sprechen.
SPIEGEL: Bitte skizzieren Sie ihn in Stichworten.
VATER: Kinder sollen sehr früh auf Spezialgebieten eine besondere Erziehung bekommen. Das Interesse der Kinder soll geweckt werden. Das Kind soll gelobt werden. Das Kind soll viele Erfolge haben, es soll ihm ermöglicht werden, Freude am Fortschritt im Wissen zu erleben. Ausführlich äußere ich mich darüber in meinem Buch, das demnächst auf englisch erscheint.
SPIEGEL: Sie hatten sich zu einem "Experiment" schon entschlossen, bevor Ihre drei Töchter geboren wurden. Ihr Wunsch war es, sechs Kinder zu haben und sechs weitere Kinder zu adoptieren. Wie viele Genies wären unter diesen zwölf Kindern gewesen?
VATER: Alle zwölf wären Genies geworden, so wie bei meinen drei Töchtern das Ergebnis 100 Prozent ist.
SPIEGEL: Ihre zwölf Kinder wären aber nicht allesamt Schachgenies geworden?
VATER: Doch, die wären allesamt Schachgenies geworden. Ich bestreite, daß es eine Vererbung spezieller Begabungen gibt.
SPIEGEL: Sie hätten sich statt für Schach für einen anderen Lebensinhalt Ihrer drei Töchter oder Ihrer zwölf Wunschkinder entscheiden können?
VATER: Zsuzsa hat mit Fremdsprachen, Schach und Mathematik begonnen. Sie hat sich bereits in ihrem fünften Lebensjahr mit mathematischen Aufgaben der Universität beschäftigt.
SPIEGEL: Also hätten, wenn Sie es nur gewollt hätten, Ihre drei Töchter oder Ihre zwölf Wunschkinder auch Mathematikgenies werden können?
VATER: Natürlich. Mathematik ist ein Versuchsfeld, auf dem Leistungen etwa so exakt meßbar sind wie im Schach.
SPIEGEL: Musikgenies hätten Zsuzsa, Zsofia und Judit auch werden können?
VATER: Genauso.
SPIEGEL: Hätten sie nicht musikalischer sein müssen?
VATER: Nein.
SPIEGEL: Jede Erziehung hat Risiken und Gefahren. Wo liegen sie in Ihrer Art von Erziehung?
VATER: Die Gefahr war die Gesellschaft, nicht meine Erziehung. Die Gefahr war, genauer gesagt, die antidemokratische, diktatorische Gesellschaft hier in Ungarn.
SPIEGEL: Man hat Sie - die Polgars - schikaniert und behindert. Bis zum Jahre 1985 durften Sie nicht ins Ausland reisen, von wenigen Ausnahmen abgesehen.
Aber wir möchten auf unsere Frage von vorhin zurückkommen: Welche Fehler haben Sie selbst gemacht?
VATER: Ich habe, wie gesagt, keine grundsätzlichen Fehler gemacht. Aber ich habe gelernt. Judit, die Jüngste, erzielt wesentlich bessere Ergebnisse als ihre beiden Schwestern. Das liegt daran, daß sie bereits unter besseren Bedingungen, mit besseren Erkenntnissen erzogen wurde.
SPIEGEL: Welche Fehler haben Sie gemacht?
VATER: Wir hatten uns nach eingehendem Studium der Biographien bekannter Schachspieler entschlossen, für unsere drei Töchter die Laufbahn von Karpow als Vorbild zu nehmen. Unser Ziel war es, die Entwicklungszeit von Karpow zu erreichen, also die gleiche schachliche Leistung im gleichen Alter. Damals gab es den Schachspieler Kasparow noch nicht, an seiner Entwicklung konnten wir uns nicht orientieren. Heute wissen wir, daß sich Karpow wesentlich langsamer entwickelt hat als Kasparow. Wir hätten uns nicht an Karpow orientieren sollen. Das falsche Ziel hat die Wahl falscher Mittel verursacht.
SPIEGEL: Die Orientierung an Karpow war Ihr einziger Fehler?
VATER: Nein, es gab noch einen anderen. Ich habe mit berühmten Schachspielern als Trainern meiner Töchter zusammengearbeitet, insbesondere mit Großmeister Laszlo Szabo. Er war einer der größten Schachspieler, aber er ist ein schlechter Pädagoge. Er konnte seine Erfahrungen nicht vermitteln und war auch zu sehr von sich selbst fasziniert.
SPIEGEL: Wie kommt es, daß es Ihre drei Töchter trotzdem so weit gebracht haben?
VATER: Das ist das Ergebnis meiner Erziehung und meiner Praxis.
SPIEGEL: Könnten andere Eltern Ihre Methoden übernehmen und aus ihren Kindern auch Genies machen?
VATER: Wenn die Eltern meine Ansichten teilen, die entsprechenden Bedingungen schaffen und ihre Kinder gesund sind, ist es jederzeit und überall möglich. Jedes Kind ist, wenn es geboren wird, ein völlig "leeres Blatt".
Kinder lernen nach ein bis eineinhalb Jahren sprechen. Die Kinder leisten in dieser Phase eine enorme Arbeit. Die erste Sprache, die ein Mensch lernt, ist für ihn sicher die schwerste. Niemand behauptet, daß Kinder dadurch Schaden erleiden. Das Kind empfindet Glück, daß es sich mit anderen Menschen verständigen kann, von ihnen gelobt, von ihnen anerkannt wird. Aber dann kommt eine Phase, in der Kinder nicht belastet, nicht stimuliert werden.
SPIEGEL: In welchem Alter?
VATER: Von eineinhalb bis sechs Jahren werden die Reserven nicht genutzt.
SPIEGEL: Welches Erziehungsprogramm haben Sie in dieser frühen Phase für Judit gehabt?
VATER: Sie ist von zweieinhalb bis fünf Jahren in den Kindergarten gegangen und hat dort Russisch gelernt, weil es da nur russische und zwei ungarische Kinder gab. Mit vier, fünf Jahren konnte sie schreiben. Im Alter von vier bis sechs Jahren hat sie etwa 20 Märchenbücher gelesen. Es gab viel Sport, viele Ausflüge. Ich habe mich sehr viel mit ihr unterhalten. Kurzum, ich habe sie auf das geistige Niveau gebracht, auf dem ich mit der Schacherziehung beginnen konnte.
SPIEGEL: Die "Reserven", die andere nicht nutzen . . . * Auf der Schacholympiade im November 1988 in Saloniki: Zsuzsa, Judit, Zsofia.
VATER: Es ist nicht überall so. In den Ländern, in denen man drei, vier oder fünf Sprachen spricht, lernen alle gesunden Kinder drei, vier oder fünf Sprachen. Viele dieser Kinder werden Erwachsene mit besonderen Fähigkeiten. Meiner Pädagogik liegt - wie man sieht - ein völlig natürliches und nicht etwa ein künstliches Konzept zugrunde. Schauen Sie sich doch berühmte Wunderkinder wie Mozart, wie Gauß an. Das waren Kinder, die früh stimuliert wurden.
SPIEGEL: Hätte es viele Laszlo Polgars gegeben, dann hätte es viele Mozarts, viele Gauß gegeben?
VATER: So ist es. In jüdischen Familien gibt es mehr Genies als in anderen. Warum? In jüdischen Familien ist es das Gesetz der Religion, zumindest der Brauch, die Kinder nach Beginn der Sprachentwicklung sogleich zu erziehen und ihnen Wissen zu vermitteln. Das Ergebnis sehen Sie, zum Beispiel, an den Listen der Nobelpreisträger und der Schachweltmeister. Die Quote derer, die aus jüdischen Familien kommen, ist bei den einen etwa 20 Prozent, bei den anderen 50 Prozent.
SPIEGEL: Judit, du bist nicht das erste "Wunderkind" in der Schachgeschichte. Am stärksten bestaunt wurde wohl der Amerikaner Paul Morphy, der im vorigen Jahrhundert gelebt hat. Hast du dir seine Partien angesehen?
JUDIT POLGAR: Ich habe sehr viele seiner Partien nachgespielt. Man kann eigentlich seine Spielstärke nicht beurteilen, denn seine Gegner waren sehr schwach.
SPIEGEL: Interessiert dich auch das Leben Morphys und anderer Schachwunderkinder, die es vor dir gab?
JUDIT POLGAR: Eigentlich nicht so sehr.
SPIEGEL: Weißt du, wie es mit Paul Morphy zu Ende gegangen ist?
JUDIT POLGAR: Ich glaube, er ist sehr früh gestorben.
SPIEGEL: Und woran?
JUDIT POLGAR: Das weiß ich nicht.
SPIEGEL: Auch nicht, daß er geisteskrank geworden ist?
JUDIT POLGAR: Nein, das wußte ich nicht, aber jetzt weiß ich es.
SPIEGEL: Viele meinen, Morphy sei ein Beispiel dafür, daß Schachgenie und Wahnsinn irgendwie miteinander zu tun haben können. Hat dich dieses Thema schon mal beschäftigt?
VATER: Lassen wir das. Das ist kein Thema für das Kind. Außerdem stimmt es nicht. In Irrenhäusern gibt es wenig Genies.
SPIEGEL: Andere Mädchen in deinem Alter bekommen Taschengeld von ihren Eltern. Du könntest von deinen Einnahmen besser leben als viele Erwachsene. Weißt du, wieviel du mit Schach und Werbung verdienst?
JUDIT POLGAR: Ich weiß es, aber darüber müßten Sie bitte mit meinem Vater sprechen.
SPIEGEL: Verdienst du mehr als deine Schwestern?
JUDIT POLGAR: Etwas mehr.
SPIEGEL: Dein Geld verwaltet dein Vater?
JUDIT POLGAR: Wir verwalten es gemeinsam.
SPIEGEL: Bekommst du doch eine Art Taschengeld wie andere Mädchen?
JUDIT POLGAR: Nein. Was ich mir kaufen möchte, kann ich mir kaufen.
SPIEGEL: Welche größeren Sachen hast du in diesem Jahr gekauft?
JUDIT POLGAR: Ich habe für Zsuzsa einen Hi-Fi-Turm gekauft und für Zsuzsa und für meinen Vater je ein Fernsehgerät.
SPIEGEL: Und für dich selbst?
JUDIT POLGAR: Keine größeren Sachen.
SPIEGEL: Warum nicht?
JUDIT POLGAR: Wir kaufen größere Sachen für mich nicht immer von meinem Geld. Es ist schon einige Zeit her.
SPIEGEL: Habt ihr verschiedene Konten, ein gemeinsames und für jede von euch drei Schwestern ein weiteres?
JUDIT POLGAR: Jede von uns drei Schwestern führt Buch über ihre Einnahmen, aber es gibt nur ein Konto für die ganze Familie, da stehen unsere fünf Namen drüber.
SPIEGEL: Was hast du mit gleichaltrigen Mädchen gemeinsam, was unterscheidet euch?
JUDIT POLGAR: Mein Leben und deren Leben sind völlig verschieden.
SPIEGEL: Wäre es für dich ärgerlich, irgendwo untätig herumzusitzen oder etwas Nebensächliches zu tun?
JUDIT POLGAR: Ja, damit würde ich Zeit verschwenden, das würde mich echt stören, das gibt es nicht.
SPIEGEL: Siehst du viel fern?
JUDIT POLGAR: Nein, selten.
SPIEGEL: Und wenn, was dann?
JUDIT POLGAR: Nur gute Filme, aber im ungarischen Fernsehen gibt es selten gute Filme.
SPIEGEL: Welchen hast du zuletzt gesehen?
JUDIT POLGAR: Wir hatten sehr viel zu tun seit Juni, wir haben keine Zeit dafür gehabt.
VATER: Im Ausland sehen wir mehr fern, um die Kinder unmittelbar nach Turnierpartien zu entspannen, vor allem aber der fremden Sprachen wegen.
SPIEGEL: Liest du Zeitung?
JUDIT POLGAR: Ja, ungarische Tages- und Sportzeitungen. Schachzeitungen natürlich sowieso.
SPIEGEL: Über die wichtigsten Ereignisse in der Welt bist du im Bilde?
JUDIT POLGAR: Wenn ich zu Hause bin. Unterwegs kriege ich nur am Rande mit, was los ist.
SPIEGEL: Kannst du uns den Titel des letzten Buches sagen, das du gelesen hast?
JUDIT POLGAR: Zum Lesen haben wir nicht so richtig Zeit.
VATER: Judit muß die Pflichtlektüre für die Schule lesen. Zum Beispiel hat sie Werke von Petöfi gelesen.
SPIEGEL: Er gilt als größter ungarischer Dichter. Was hast du von ihm gelesen?
JUDIT POLGAR: Einige Bücher.
SPIEGEL: Weißt du noch den einen oder anderen Titel?
JUDIT POLGAR: Titel kann ich nicht nennen. Doch, einer fällt mir ein. "Held Janos", ein Gedicht, das auch verfilmt wurde. Den Film habe ich auch gesehen.
SPIEGEL: Mehr als die Pflichtlektüre für die Schule liest du nicht?
JUDIT POLGAR: Doch, ein paar Bücher schon. Aber ich habe selten Zeit, mich hinzusetzen und einen Roman zu lesen. Es kommt vor, aber manchmal fange ich ein Buch an und muß dann abbrechen, weil ich wieder wegfahre zu Turnieren.
SPIEGEL: Wir würden dir gern ein paar Namen von Ungarn nennen, die im Westen bekannt sind. Bitte sag uns mit ein paar Worten oder Sätzen, was du von ihnen weißt. Bela Bartok?
JUDIT POLGAR: Ich habe von ihm gehört, aber ausführlich könnte ich über ihn nicht sprechen.
SPIEGEL: Was hat er gemacht, wann ungefähr hat er gelebt?
JUDIT POLGAR: (schweigt)
SPIEGEL: Imre Nagy?
JUDIT POLGAR: Kürzlich war sein Begräbnis.
SPIEGEL: Imre Pozsgay?
JUDIT POLGAR: Den haben wir neulich getroffen.
SPIEGEL: Wo?
JUDIT POLGAR: Als Präsident Bush in Budapest war und uns zu seiner Party eingeladen hatte.
SPIEGEL: Judit, bist du früher mit gleichaltrigen Mädchen zusammengewesen?
JUDIT POLGAR: Sicher, im Kindergarten, mit Nachbarskindern.
SPIEGEL: Und wann hat das aufgehört?
JUDIT POLGAR: Als ich sieben, acht Jahre alt war.
SPIEGEL: Triffst du deine früheren Freundinnen noch?
JUDIT POLGAR: Der Kontakt hat sich gelöst.
SPIEGEL: Hast du heute noch Freundinnen, wie andere Mädchen in deinem Alter?
JUDIT POLGAR: Nein, habe ich nicht.
SPIEGEL: Wenn du dich mit gleichaltrigen Mädchen vergleichst, meinst du, daß du selbständiger bist als andere?
JUDIT POLGAR: Nein, ich bin nicht selbständiger.
SPIEGEL: Dein Leben hat sich vor allem seit 1985 verändert, seit ihr ins Ausland fahren dürft. Du gibst Interviews, Autogramme, viele Leute schauen zu, wenn du simultan gegen 20, 25 oder 30 Erwachsene oder wenn du in Turnieren spielst. Ist es für dich angenehm, so in den Mittelpunkt zu rücken?
JUDIT POLGAR: Manchmal schon. Manchmal ist es angenehm. Aber Autogramme und Interviews mag ich eigentlich nicht sehr gern.
SPIEGEL: Warum Interviews nicht?
JUDIT POLGAR: Die Fragen sind immer die gleichen.
SPIEGEL: Kasparow hat in seiner Autobiographie geschrieben, er sei zwar froh, daß er Erfolg gehabt hat und Weltmeister geworden ist, aber er habe seine Kindheit und seine Jugend opfern müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Geht es dir ähnlich?
JUDIT POLGAR: Man kann sicher von einem Opfer sprechen, aber ich möchte trotzdem nicht mit anderen Kindern tauschen.
SPIEGEL: Worin bestand das Opfer, was hast du als Kind versäumt?
JUDIT POLGAR: In den ersten Jahren war es sehr, sehr schwer. Aber das Opfer hat sich gelohnt.
SPIEGEL: War es besonders schwer, als du sechs, sieben Jahre alt warst und die intensive Beschäftigung mit Schach begann?
JUDIT POLGAR: Ja. Auch noch als ich acht oder neun war, war es ziemlich schwer. Es war die Zeit, als ich zwar Schach gespielt habe, aber noch keine Erfolge hatte. Erst als ich zehn Jahre alt war, bin ich bei "Open"-Turnieren** auf zweite und dritte Plätze gekommen.
VATER: Ich füge hinzu: Es war außerdem die Zeit, als wir Ungarn nicht verlassen durften, weder in Richtung Osten noch in Richtung Westen. ** An "Open"-Turnieren kann jedermann teilneh- men, wegen hoher Preisgelder starten auch viele Profis. Es spielt nicht jeder gegen jeden, sondern nach einem komplizierten "Schweizer System" spielen im Prinzip nur Sieger gegen Sieger, Verlierer gegen Verlierer. Deshalb sind meist nach wenigen Runden die Profis unter sich. * Im Jahre 1975, als Karpow in Baku eine Simultanvorstellung gab und der zwölfjährige Kasparow einer seiner Gegner war.
SPIEGEL: Ist dir in der schwierigen Zeit der Gedanke gekommen, warum Schach, warum nicht Schule?
JUDIT POLGAR: Die Frage ist sicher aufgetaucht.
SPIEGEL: Oft?
JUDIT POLGAR: Nein, bestimmt nicht oft.
SPIEGEL: Herr Polgar, sind Sie vielleicht gerade in dieser schwierigen Zeit des öfteren an die Grenze der Belastbarkeit Ihrer Kinder gegangen, sei es absichtlich, sei es, ohne es zu wollen?
VATER: Nein, das ist nicht vorgekommen, weder in dieser Zeit noch sonst irgendwann.
SPIEGEL: Haben Sie sich nicht an der Grenze bewegt, als sie 1983 - in der Zeit, als Sie Ungarn sehr selten verlassen durften - mit Ihren drei Töchtern 16 Stunden lang mit der Bahn nach Dresden gefahren sind und sie dort an einem "Schachmarathon" teilnehmen ließen? Damals war Judit siebeneinhalb Jahre alt, und sie mußte wie alle anderen Teilnehmer 24 Stunden lang, bei nur drei kurzen Imbißpausen, 100 Partien Schach spielen.
VATER: Wenn Judit erschöpft gewesen wäre, hätte ich sie sofort zurückgezogen. Das Ergebnis dieses Marathons war sehr interessant. Ich habe die Belastbarkeit meiner Töchter auf zwei Arten geprüft. Ich habe nach jeweils zehn Partien erstens das Ergebnis aufgeschrieben und zweitens Fotos von meinen Töchtern gemacht. Judit erzielte bei den letzten 40 Partien mehr Punkte als bei den ersten 40. Sie hat mit großer Freude gespielt, ohne dabei müde zu werden. Es hat sich bestätigt, daß Kinder nicht so schnell erschöpft sind wie Erwachsene.
SPIEGEL: Judit, gibt es manchmal Streit darüber, wie hier in Budapest ein Tag ablaufen soll?
JUDIT POLGAR: Sicher gibt es mal Meinungsverschiedenheiten, die werden dann gemeinsam besprochen.
SPIEGEL: Kannst du uns ein oder zwei Beispiele geben?
JUDIT POLGAR: Es gibt sie ab und zu, aber ich merke sie mir nicht.
VATER: Es wäre sicher falsch und schlimm, wenn wir keine Meinungsverschiedenheiten hätten, aber es kommt nie zu einer scharfen Diskussion, und in grundsätzlichen Fragen waren wir noch nie verschiedener Meinung.
SPIEGEL: Herr Polgar, geben Sie uns bitte ein Beispiel für Ihre Meinungsverschiedenheiten.
VATER: Ein konkretes Beispiel. Judit möchte das Haus in einer Bluse verlassen, obwohl es draußen kalt ist. Ich sage ihr dann, bitte, zieh einen Mantel an.
SPIEGEL: Zum Schluß noch einige Fragen zum Schach, Judit. Du machst einen sanften, freundlichen Eindruck auf alle, die dich sozusagen privat kennen. Am Schachbrett verhältst du dich ganz anders. Da spielst du aggressiver und kämpferischer als viele Männer. Wie paßt das zusammen?
JUDIT POLGAR: Ich glaube, alle verhalten sich beim Schachspielen anders als sonst im Leben.
SPIEGEL: Kasparow zum Beispiel nicht. Er ist immer ein Kämpfer, im Schach wie im Leben. Hat er keine Feinde, schafft er sich welche. * Im September 1858 im Pariser Schach-"Cafe de la Regence". Morphy spielte gegen acht Gegner "blind" - ohne Bretter und Figuren zu sehen.
JUDIT POLGAR: Und Karpow?
SPIEGEL: Schwer zu sagen, aber der Kontrast ist bei weitem nicht so groß wie bei dir.
JUDIT POLGAR: Ich habe da keine Probleme. Ich benehme mich im Leben so, wie es mir gefällt, und ich spiele meine Partien so, wie ich es mir wünsche.
VATER: Sie sehen da einen Kontrast, wo es gar keinen gibt. Judit ist nicht aggressiv im Spiel, sondern sehr dynamisch, und sie ist im Alltagsleben auch sehr dynamisch.
SPIEGEL: Spielen Frauen im allgemeinen - also von dir und wenigen anderen Ausnahmen abgesehen - anders Schach als Männer, haben sie einen anderen Stil? Spielen sie weniger riskant, verlieren sie schneller, wenn sie schlecht stehen, und wirft sie eine Niederlage stärker zurück?
JUDIT POLGAR: Das ist alles Unsinn.
SPIEGEL: Sind Männer gegen dich ehrgeiziger, als wenn sie gegen Männer spielen?
JUDIT POLGAR: Für die meisten ist es enorm wichtig, gegen mich zu gewinnen.
SPIEGEL: Woran merkst du das?
JUDIT POLGAR: Wenn ich Remis anbiete, nehmen sie es meistens nicht an, obwohl ich es viel seltener als andere anbiete. Ich tue es nur, wenn wirklich keiner mehr eine Chance hat zu gewinnen, es sei denn, einer von uns macht noch einen Fehler. Und sie äußern sich untereinander in dem Sinne, daß sie gegen mich gewinnen müssen, das kriege ich schon mit. Sie halten es immer noch für eine Schande, gegen eine Frau oder gar gegen ein Mädchen zu verlieren.
SPIEGEL: Nehmen die Männer dich denn nach der Partie ernst, analysieren sie die Partie mit dir, wie es unter Schachprofis üblich ist?
JUDIT POLGAR: Meistens analysieren wir nach der Partie, aber es kommt auch vor, daß sie einfach abhauen.
SPIEGEL: Ist es dir egal, ob dir ein berühmter Großmeister gegenübersitzt oder irgendein Spieler, der in der Weltrangliste weit hinter dir steht?
JUDIT POLGAR: Wenn man gegen schwächere Gegner spielt, so besteht die Gefahr, daß man sich nicht genug konzentriert, weil man glaubt, die Partie leicht gewinnen zu können.
SPIEGEL: Und wenn dir irgendwann mal der Weltmeister Kasparow gegenübersitzt?
JUDIT POLGAR: Ich hätte keine Angst, im Gegenteil. Ich würde doch wissen, daß Kasparow sehr wahrscheinlich gewinnen wird, und würde meine Partie noch ruhiger spielen als sonst.
SPIEGEL: Wenn du siehst, daß dein Gegner die Partie verlieren wird, empfindest du dann Mitleid mit ihm?
JUDIT POLGAR: Während einer Partie gibt es kein Mitleid. Danach schon, ich weiß ja selbst, wie bitter es ist zu verlieren.
SPIEGEL: Hast du nach Niederlagen schon mal geweint?
JUDIT POLGAR: Nein, nie. Ich bin dann nur sehr traurig.
SPIEGEL: Läufst du während einer Turnierpartie herum, wenn du nicht am Zuge bist?
JUDIT POLGAR: Das machen 99 Prozent der Spieler und ich auch. Man kann nicht mehrere Stunden auf einem Platz sitzen. Natürlich laufe ich nicht rum, solange die Partie in der Eröffnungsphase ist, wenn die Stellung schwierig ist oder wenn ich in Zeitnot bin.
SPIEGEL: Entfernst du dich vielleicht auch deshalb vom Brett und vom Gegner, weil du befürchtest, er könnte deine Gedanken erraten? Ex-Weltmeister Karpow glaubt, daß sich Gedanken oder auch Züge, über die man nachdenkt, übertragen können, wenn man dem Gegner gegenübersitzt.
JUDIT POLGAR: Hat er das gesagt?
SPIEGEL: Ja.
JUDIT POLGAR: Und Kasparow?
SPIEGEL: Von dem weiß man es nicht.
JUDIT POLGAR: Ich glaube nicht, daß es solche Gedankenübertragung gibt.
SPIEGEL: Nimmst du einen Talisman mit, wenn du zu Turnieren fährst?
JUDIT POLGAR: Ich hatte einen kleinen Löwen, aber der hat sich das Bein gebrochen.
SPIEGEL: Und nun nimmst du ihn nicht mehr mit?
JUDIT POLGAR: Mit einem gebrochenen Bein?
SPIEGEL: Judit, wir danken dir, Herr Polgar, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von W. Harenberg

DER SPIEGEL 46/1989
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