09.10.1989

„Reif? Wann ist man reif?“

Vor dem Weltmeisterschaft-Qualifikationsspiel am vergangenen Mittwoch gegen Finnland hatten die deutschen Nationalspieler vor allem ein Thema: Wer wechselt als nächster nach Italien? Der jugendliche Fußballheld Andreas Möller kann sich jenseits der Alpen „die Taschen vollmachen“ wie kein Bundesligaspieler zuvor.
Die VIP-Lounge des Hotels dient als provisorisches Fernsehstudio. Scheinwerfer und Kamera sind auf einen Mann gerichtet, der seit einer halben Stunde scheinbar gelassen geradeaus blickt. Nur die Großaufnahme auf dem Kontrollmonitor verrät die innere Unruhe des jungen Mannes mit dem schütteren Oberlippenbart.
Andreas ("Andy") Möller, 22, Bundesligaprofi bei Borussia Dortmund, wartet auf seinen Auftritt im "Aktuellen Sport-Studio" des ZDF. Weil er das Quartier der deutschen Nationalelf vor dem Länderspiel gegen Finnland (6:1 am vergangenen Mittwoch) nicht verlassen wollte, haben die Fernsehleute vor dem Hotel in Wuppertal eigens Sendemast und Übertragungswagen aufgestellt, um ihn mit Moderator Günther Jauch "live zusammenzuschalten".
Es gilt, Aufklärung in einer Sache zu betreiben, die Fußballfans quer durch die Republik seit Wochen beschäftigt: Wo wird Möller, der laut Franz Beckenbauer "beim Fußball alles richtig macht", im nächsten Jahr spielen? Bleibt er in Dortmund oder geht er, womöglich sofort, nach Italien?
Als Jauch danach fragt, zeigt Möller, was er neben dem gescheiten Flachpaß auch "mental draufhat". Er redet viel und sagt nichts. Wie ein routinierter Politiker kriegt er immer wieder die Kurve zu den trainierten Redewendungen, in denen jedes Wort auf die gewünschte Wirkung abgestellt ist.
"Fußball ist mein Leben", sagt Möller gerade so leicht dahin, daß es nicht nur pathetisch klingt. Sein pausbäckiges Jungengesicht verstärkt die Bitte, daß jeder ihm doch helfen möge, die Freude am Beruf nicht zu * Bei seinem Tor zum 1:0 gegen Finnland vergangenen Mittwoch in Dortmund. verlieren. Für einen Moment allerdings ist im Ü-Wagen das Bild vom naiven Helden gestört. Als sein Auftritt im Dortmunder Stadion vor dem Spiel gegen Istanbul eingespielt wird, huscht ein amüsiertes Lächeln über Möllers Gesicht.
Er sieht, wie er sich - überzeugend hilf- und atemlos wirkend - das Mikrofon schnappt und die Fans um Beistand angeht: "Ich werde hier in Dortmund meinen Vertrag erfüllen, ich lasse mich nicht unter Druck setzen - ich setze auf euch." Erst zum Jahresende wolle er sich definitiv entscheiden.
Keine Frage, Andreas Möller ist mit seiner Darstellung hoch zufrieden. Er hat in einem öffentlichen Millionenpoker den ersten Akt tadellos absolviert: Er gibt den netten, braven Jungen, dem bös mitgespielt werden soll.
Das Stück heißt: Moderne Bundesliga. In Dortmund läuft exemplarisch ab, wie Kicker mit außergewöhnlichen Ballfertigkeiten auf den europäischen Markt getragen werden.
Unendlich vermögende europäische Industriebosse wie Fiat-Chef Agnelli (Juventus Turin) oder Bernard Tapie (Olympique Marseille) buhlen um den gelernten Bürokaufmann. Möllers Vertrag in Dortmund läuft im Juni nächsten Jahres aus. Geht er dann, kassiert Borussia nach den Transferbestimmungen nur 3,6 Millionen Mark Ablösesumme. Wechselt er, was möglich wäre, noch in dieser Woche nach Italien, könnten die Dortmunder jeden Preis aushandeln - Möllers Marktwert wird auf rund zwölf Millionen Mark taxiert.
Für Möller selbst, und das ist der tiefere Grund des sentimentalen Stadionauftritts, ist ein Wechsel im nächsten Jahr vernünftig: Die Differenz zwischen Markwert und festgeschriebenem Borussen-Anspruch, mehr als acht Millionen Mark, könnte er selbst einstreichen.
Möller, sagt der italienerfahrene Nationalmannschaftskollege Rudi Völler voraus, könne sich "die Taschen vollmachen wie kein anderer Bundesligaspieler vor ihm". Das "Juwel" (DFB-Jugendtrainer Berti Vogts) sieht sich selbst längst "als Spekulationsobjekt" und hat, kein Zweifel, Gefallen am Millionenspiel gefunden: "Man gewöhnt sich leicht an solche Zahlen und denkt: 3,6 Millionen sind wirklich zuwenig."
Die Wertvorstellungen des jungen Stars ("Man fährt eben auf diesem Karussell mit") haben einen realen Hintergrund. Möller saß dabei, als im Juni in seinem Urlaubshotel "Mare e Pineta" in Milano Marittima nördlich von Rimini Turins Verhandlungsführer Giampiero Boniperti gegenüber dem Dortmunder Präsidenten Gerd Niebaum das Juventus-Angebot ständig erhöhte. Niebaum wehrte selbst bei zwölf Millionen noch ab und weigerte sich, seinerseits eine Forderung zu stellen. Schließlich lehnte sich Boniperti zurück, fixierte Niebaum und stellte nüchtern fest: "Sie haben ja Angst, mir eine Summe zu nennen - weil Sie wissen, daß ich jede akzeptiere."
In seiner Ausstrahlung, seinen zuweilen fulminanten Alleingängen quer über das Spielfeld erinnert Möller an die Reizfigur des deutschen Fußballs, den in Spanien tätigen Bernd Schuster. Und wie der ehemalige Kölner, den seine resolute Ehefrau Gaby zur Karriereplanung an die Hand nahm, hat Möller einen eng verbundenen Helfer.
Als der sechsjährige Andreas erstmals einen Fußballplatz betrat, hatte er beim Vorortklub Schwarz-Weiß Frankfurt einen 17jährigen Trainer namens Klaus Gerster, der ihm "auch mal die Schnürsenkel zuband". Je besser Möller spielte, desto stärker verkoppelte Gerster sein berufliches Schicksal mit der Karriere seines Schützlings. Dem gelernten Immobilienkaufmann ging offenkundig schon früh die Bedeutung von Fußballspielern als gewissermaßen umlaufendes Vermögen auf. Gerster wechselte mit Möller zu Eintracht Frankfurt, wurde dort sein Jugendtrainer.
Als Möllers Beförderung zum Profi anstand, half ein weiterer Freund aus früheren Tagen bei Schwarz-Weiß Frankfurt: Thomas Kruppa, inzwischen promovierter Rechtsanwalt. Gemeinsam heckten die drei einen Vertrag aus, der es Gerster, der sich nach eigenen Angaben "vom Beschützer längst zum Freund" gewandelt hat, erlaubte, Möllers Interessen auch gegenüber dem Klub zu vertreten.
Um das große Talent nicht zu verlieren, schluckten die Frankfurter die Bedingung, die im deutschen Fußball vorher lediglich dem Doyen aller Manager, Robert Schwan, zugestanden worden war. Schwan betreute jahrelang den FC Bayern München und das Ausnahmetalent Franz Beckenbauer gleichzeitig. Der damalige Eintracht-Präsident Klaus Gramlich nannte Gerster, der in Dortmund den Spitznamen "Schwarzer Abt" trägt, fortan ironisch seine "Conditio sine qua non".
Das Trio, das lieber über die warmherzigen Bindungen referiert als über gemeinsame geschäftliche Interessen spricht, plante stets weitsichtig. Als Möller in Frankfurt nicht sofort einen Profivertrag erhielt, machten Angebote anderer Klubs, die sich angeblich um den Jüngling rissen, den Verein gefügig.
Als Möller in Frankfurt Probleme mit dem Trainer Karlheinz Feldkamp ("Der wollte, daß ich mich da hocharbeite") bekam, hatte Gerster rechtzeitig den Kontrakt mit Dortmund parat.
2,4 Millionen Mark zahlten die Dortmunder für Möller, Gerster bekam für 150 000 Mark Jahresgehalt einen Job als sportlicher Leiter - Frankfurt hatte ihn nach dem Abgang seines Schützlings gefeuert.
Die Zielstrebigkeit des Duos Möller/ Gerster nicht erkannt zu haben ist Niebaums Fehler: Daß er Bonipertis Angebot nicht annahm, kostet die Dortmunder Millionen. Der eloquente Rechtsanwalt hatte in seinem für einen Bundesligapräsidenten fatalen Hang zum Glauben an das Gute im Fußballer den Bekundungen der beiden geglaubt, der Jungstar sei "noch nicht reif" für einen Wechsel nach Italien.
Doch Immobilienmann Gerster hat längst erkannt, daß der Handel mit den besten Fußballern Europas immer früher beginnt. Wechselten Stars wie Beckenbauer, Paul Breitner, Günter Netzer, Karl-Heinz Rummenigge oder Klaus Allofs erst zum Karriereende ins Ausland, so waren Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann gerade Mitte 20. Thomas Berthold aber heuerte schon mit 22 in Verona an - so alt sind jetzt die am heftigsten umworbenen Bundesligastars Möller und der Kölner Thomas Häßler.
Vollzieht sich der Transfer des talentierten Dortmunders wie geplant, wird sein umtriebiger Berater entgegen aller rührenden Bekundungen ("Ich werde nichts an ihm verdienen") kräftig mitkassieren. Wenn sein Schützling ihm im nächsten Sommer wegen des guten Geschäftsgangs "eine Weltreise schenken" wolle, sagt Klaus Gerster, werde er fahren. Und sollte Möller gar eine Million auf den Tisch des Freundes legen, "werde ich die auch annehmen".
Es gebe "immer weniger Ausnahmefußballer", erklärt Rummenigge, und um sicher zu sein, auch einen abzukriegen, würden die ausländischen Klubherren eben "immer früher zugreifen".
Die Lockrufe aus der Fremde, vor allem Italien, führten bei den jugendlichen Fußballern zuweilen zu verschiedenartigen Blockaden. Lothar Matthäus lief in seinen letzten Münchner Jahren als die Sprechblasen produzierende Karikatur eines Würdenträgers herum. Erst in Mailand, wo Matthäus auf dem Spielfeld "sprechen" kann, deckten sich Anspruch und Wirklichkeit.
Das Matthäus-Syndrom hat nun dessen Nachfolger in München, Olaf Thon, befallen. Der frühere Schalker, der München als Durchgangsstation nach Italien ansah, kann sich aus der Klammer der Selbstüberschätzung nur selten befreien.
Im Spiel gegen die Finnen am vergangenen Mittwoch wechselte Beckenbauer den enttäuschenden Häßler und auch Möller, trotz seiner zwei Tore, aus. Die immer wieder gehandelten Summen, befand der deutsche Trainer de luxe, seien wohl "nicht so schnell aus den Köpfen von 22jährigen zu vertreiben".
Von den Berufsanfängern, sagt Niebaum, würden jetzt schon Entscheidungen erwartet, die "im wirklichen Leben ja meist Unternehmer ab 40 zu treffen haben".
Da ist auch ein Schnellkurs im Erwachsenwerden, wie ihn Möller in den letzten Monaten unter Anleitung Gersters absolvierte, zu wenig.
Außerhalb des Fußballplatzes ist Möller der typische deutsche Fußballprofi. Für die häusliche Geborgenheit hat er sich Freundin Michaela Winter mitgebracht, die "überall mit hingehen" würde. In der 140 Quadratmeter großen Wohnung sind Grünpflanzen und der Videorecorder die nächstwichtigen Einrichtungsgegenstände. Vor allem Filmfighter Rocky und Agent James Bond haben es Möller, der nach eigener Einschätzung "dazu neigt, das Füßchen wegzuziehen", angetan.
Zwischen seinen Wohnzimmerpalmen sinnt der Junge mit dem sanften Gesicht über die Ellenbogengesellschaft des Fußballs, die man "ja doch als Einzelkämpfer" überstehen müsse.
"Selbstbewußter und reifer" sieht die Freundin neuerdings den Partner, auch Mentor Gerster wähnt seinen Kicker auf dem "richtigen Weg". Und professionelle Beobachter des Dortmunder Spiels registrierten zuletzt auch schon mal "nicklige Fouls" des braven Andy.
Ganz unvermittelt, ohne Vorzeichen, ist freilich die eingeübte Kühle zuweilen schlagartig dahin. Immer dann, wenn Möller das Gefühl hat, das Spiel laufe womöglich an ihm vorbei, zieht er den Kopf zwischen die Schultern, wirkt hilflos. Auf der Tribüne beginnt dann die Sandkastenliebe Michaela die Hände zu kneten, bis der Ball wieder mitspielt.
Das "Musterpaar der Jeans- und Cola-Generation", wie die Quick schrieb, hat erfahren, wie wichtig der öffentliche Auftritt ist. "Diese 90 Minuten", sagt Möller, "bestimmen doch, wie die ganze Woche verläuft."
Zuletzt, als die Borussen den dilettantischen Versuch unternahmen, Möller durch gezielte Attacken (Trainer Köppel: "Ich plane ohne ihn") und die Entlassung Gersters zum vorzeitigen und für den Verein lukrativen Abgang zu bewegen, konterte der Jungprofi mit seinen überraschenden Verbalauftritten im Stadion und im "Sport-Studio".
Für richtig gefährliche Situationen hat er ein ausgeprägtes Empfinden. In einer Sozialwohnung im Frankfurter Vorort Sossenheim großgeworden, kaufte Möller sich mit 21 Jahren ein Elf-Familienhaus als Kapitalanlage. Und mit 22 hat er "als einziges Ziel, den Lebensstandard von heute für immer zu halten". Einen langfristigen Vertrag will er deshalb als nächstes abschließen, und die Netto-Million, die sie ihm zusätzlich zum Handgeld pro Jahr in Italien garantieren, ist fest eingeplant, denn "dann spielt man ja beruhigter".
Auch Beckenbauer hat öffentlich Zweifel geäußert, ob der umworbene junge Mann vielleicht "noch nicht reif" sei für den Umzug nach Italien. "Reif?" fragt Möller zurück, "wann ist man reif?"

DER SPIEGEL 41/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Reif? Wann ist man reif?“