11.12.1989

GroßbritannienSchmutzige Arbeit

Uniformierte Schläger und korrupte Kriminalbeamte verdrängen das Bild vom freundlichen Bobby.
Auf der nächtlichen Autobahn stoppen Polizisten einen Pkw. Sie zerren den Fahrer von seinem Sitz. Er leistet keinerlei Widerstand - und wird dennoch brutal niedergeschlagen. Ein Beamter tritt wie wild auf den wehrlos am Boden Liegenden ein.
Millionen Briten sahen die beklemmende Szene im Fernsehen. Ein Kameramann, der sein neues Videogerät testen wollte, hatte zufällig gefilmt, wie Polizisten den Wagen anhielten, der vermeintlich nicht ordnungsgemäß angemeldet war. "So viel unkontrollierte Aggressivität", entsetzt sich der Fernsehsprecher, "ich erkenne unsere Polizei nicht wieder."
Wie ihm geht es vielen in Großbritannien. Anstelle hilfsbereiter Bobbies prägen zunehmend herrische Bereitschaftskommandos und hinterhältige Ermittlungsbeamte das Bild der Polizei. Die volkstümlichsten Ordnungshüter der Welt geraten in Verruf.
Hatten 1959 noch 83 Prozent der Briten großen Respekt vor ihrer Polizei, sind es heute nur noch 43 Prozent. 63 Prozent - so ergab die Umfrage im November - glauben, daß die Beamten Vorschriften mißachten und Beweise manipulieren.
"Die Autorität der Polizei schwindet", klagt Alan Eastwood, Vorsitzender der Polizeigewerkschaft. Dabei wird seine Berufsgruppe im Thatcher-Staat besser bezahlt als andere im öffentlichen Dienst. Seit ihrem Amtsantritt erhöhte die Premierministerin die Mittel für die Polizei um mehr als die Hälfte, die Mannschaftsstärke stieg um jährlich ein Prozent auf jetzt 146 000 Beamte.
Das aber ist nach Meinung der Zunft noch viel zuwenig, um mit neuen Übeln wie Fußball-Hooliganismus, Drogenhandel und Terrorismus fertig zu werden. Zudem sei der Konsens zwischen Polizei und Öffentlichkeit erschüttert.
Linke Kritiker hingegen verurteilen die "Militarisierung" der Polizei. Und immer mehr Bürger mißtrauen den Beamten, seit eine Serie von Skandalen das Land erschüttert: *___Vier zu lebenslanger Haft verurteilte angebliche ____Terroristen, die sogenannten Guildford Four, mußten ____freigelassen werden, weil die Polizei Geständnisse mit ____Prügeln und Drohungen erpreßt sowie ____Vernehmungsprotokolle gefälscht hatte. Nun fordern ____Politiker und Juristen ein Revisionsverfahren gegen die ____sogenannten Birmingham Six, verurteilte Terroristen, ____die ähnlich brutal behandelt worden waren. *___Die Ermittlungen gegen die sechs von Birmingham führte ____eine inzwischen aufgelöste Behörde, die im großen ____Umfang Geständnisse von Verdächtigen gefälscht, Beweise ____fabriziert und Unterlagen beiseite geschafft hatte: das ____Dezernat für Schwerverbrechen im mittelenglischen ____Industriebezirk West Midlands. Die 53 ranghöchsten ____Kriminalbeamten der Behörde wurden versetzt. 1200 ____Verfahren müssen neu aufgerollt werden. *___Urteile gegen 124 Fußball-Hooligans mußten aufgehoben ____werden, weil Anklagen in Revisionsverfahren ____zusammenbrachen. In Rowdytrupps eingeschleuste Beamte ____hatten die Fans zu Straftaten aufgewiegelt und Dossiers ____mit Unwahrheiten angeschärft.
"Es gibt einen fürchterlichen Erfolgsdruck, um Ansehen und Beförderung zu gewinnen", erklärt Ian McKenzie vom Institut für Polizei- und Strafrechtsstudien an der Universität Exeter. Beamte in der Grafschaft Kent schönten die Statistik der aufgeklärten Fälle, indem sie verurteilten Straftätern Geständnisse über Vergehen abhandelten, mit denen die nichts zu tun hatten.
Anderswo wurden Polizisten zu Rechtsbrechern, indem sie Informationen aus dem Polizeicomputer an Privatdetektive verkauften. Am Stadion von Hillsborough ließen Polizisten Fans ohne Ticket auch gegen Bares auf die überfüllte Stehtribüne. Als dort eine Panik ausbrach und 95 Menschen erdrückt wurden, war die Ordnungsmacht unfähig zu helfen. Erschütterte Beamte nannten das Unglück das "größte Drama in der neueren Geschichte der britischen Polizei".
Diese hatte 1829 begonnen, als der damalige Innenminister Robert ("Bobby") Peel 3000 mit Zylindern behütete Beamte auf Londons Straßen schickte. 1864 erhielten die "Bobbies" oder "Peelers" genannten Männer ihre bis heute üblichen hohen Helme.
Daß sie nie Schußwaffen trugen und unmartialisch auftraten, erklärt nach Meinung von Historikern, weshalb es im viktorianischen England mit seinen extremen Klassengegensätzen und seiner pulsierenden Unterwelt nicht zu großen Revolten kam.
In der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts reichte ein Dutzend Polizisten als Ordnungsmacht bei Massenereignissen mit über 100 000 Teilnehmern. Bobbies betätigten sich nicht selten als Sozialarbeiter und nicht als Hüter des Gesetzes. Sie halfen Kindern bei Schulaufgaben, brachten Omas die Milch.
Englands Idylle mit seiner Polizei endete mit den Rassenunruhen und Streiks in den achtziger Jahren. Da standen Bürger in erbitterten Schlachten anderen Bobbies gegenüber - nicht den Beamten aus dem Viertel, sondern von weit her angereisten Fremden, die in der neuen Bereitschaftsausrüstung wie gefährliche Marsmenschen wirkten. Denn die Regierung hatte die alte Regel aufgegeben, bei Konfrontationen die Straßenbobbies vorzuschicken.
Statt dessen wurden von 1981 an Erfahrungen aus der Kolonialgeschichte genutzt. Aus Erkenntnissen im Umgang mit rebellischen Massen in Malaya, Kenia und Zypern entwickelten Offiziere paramilitärische Polizeitechniken. Zum Werkzeug gehörten nun Tränengas, Wasserwerfer und Plastikgeschosse. "Teile Großbritanniens", so das Magazin New Statesman and Society, würden nun "wie Kolonien behandelt".
Und der Einsatz dort ist gefährlich. "Die Beamten von heute bewegen sich in vielen Gegenden wie auf rohen Eiern, weil der nichtigste Anlaß Unruhen auslösen kann", schreibt der Polizeigewerkschaftler Eastwood und beklagt, daß seine Kollegen die "schmutzige Arbeit" der Gesellschaft verrichten müssen.
Eine gewalttätige Gesellschaft hat eine gewalttätige Polizei hervorgebracht, deren Moral nicht mehr intakt ist. Vor allem deshalb gibt es nach Meinung von Experten ein solches Maß an Korruption und solche Prügelwut wie bei der Festnahme des Verkehrssünders auf der Autobahn. f

DER SPIEGEL 50/1989
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