09.10.1989

FußballRetter aus dem Morgenland

Der erste Trainer aus der Türkei im bezahlten Fußball der Bundesrepublik ist ein ehrgeiziger Kosmopolit.
Mit lässigem Gestus, als habe seine Mannschaft kürzlich Bayern München vom Rasen gefegt, kommandiert der Trainer seine Jungs "at the right side". Fußballer von Alemannia Aachen, die nicht sogleich das fremdländische Idiom des neuen Chefs kapieren, bekommen ein Lächeln geschenkt, schultertätschelnd dirigiert sie der Coach in die richtige Richtung. Auch jede noch so verunglückte Bemühung, beim Schußtraining das Tor zu treffen, quittiert der milde Sportlehrer mit einem aufmunternden "weitärr" oder "brawwo".
Die vertrauensbildenden Maßnahmen des graumelierten Sonny-Boß, Typ Julio Iglesias, wirken: "Der Trainer ist echt sympathisch", murmelt einer der jüngeren Spieler, "nur mit der Sprache ist Scheiße."
Der Trainer ist Türke - der erste Bosporus-Import im bezahlten deutschen Fußball: Mustafa Denizli, 39, ehemals Nationalspieler, dann Jupp Derwalls Assistent bei Galatasaray Istanbul, zuletzt dort Cheftrainer. Unter seiner Leitung erreichte der türkische Meisterklub vergangenen April das Halbfinale im Europapokal. In der Fußballbranche ist Denizlis Berufung nicht trendgemäß. Im Trainerfach gibt es eine neue deutsche Welle. Allerorten waren in jüngster Zeit jugoslawische, ungarische oder österreichische Fußballweisen von bundesdeutschen Trainer-Yuppies - beredt, beflissen und mit diplomiertem Schulbankwissen bestückt - verdrängt worden.
Daß die Verantwortlichen in Aachen den Trend mißachteten und aller Ausländerfeindlichkeit zum Trotz Denizli verpflichteten, war eine Folge der besonders prekären sportlichen Situation. Die Elf, letztes Jahr zeitweilig Erstliga-Aspirant, startete miserabel in die neue Saison. Der letzte Tabellenplatz ließ ungewöhnliche Maßnahmen geraten sein.
Am Stammtisch des türkischen Restaurants "Georgos" heckten ein ehemaliger Aachener Bürger und ein ambitionierter Aachener Bürgermeister das gewagte Engagement aus: Jupp Derwall, Alemannia-Ehrenmitglied, und Jürgen Linden, Verwaltungsratsvorsitzender des Klubs.
Der Jubel um den Retter aus dem Morgenland war verhalten. Zu viele Aachener, darunter auch die meisten Alemannia-Profis, werteten die überraschende Initiative des Sozialdemokraten Linden ("Ich bin der Spiritus rector dieser Trainerverpflichtung") wenige Wochen vor der Kommunalwahl vom vorletzten Sonntag als bloße Sympathiewerbung.
Nicht nur politische Gegner empfingen den türkischen Trainer mit Skepsis. Rasch mußte Oberbürgermeister-Kandidat Linden erkennen, daß es auch in der Grenzstadt "antitürkisches Bewußtsein" gebe, zumal gerade im Fußball "viel Faschistoides" passiere. Sogar die Genossen der eigenen Fraktion empfahlen dem 42jährigen Rechtsanwalt, sich "in der Sache etwas zurückzunehmen".
Der so besonders deutsche Deutsche Fußball-Bund (DFB) hegte Zweifel an der Kompetenz des türkischen Coachs und bestellte ihn vorigen Mittwoch zu einer Anhörung. Der Verbands-Vize Otto Andres wollte wissen, wie Denizli ohne Deutschkenntnis und, schlimmer noch, ohne Fußball-Lehrer-Lizenz des DFB seinen Zöglingen das Ballstoppen näherbringen wolle.
Mustafa Denizli ("Fußball hat eine internationale Sprache") scheint das alles nicht zu beeindrucken. Daß seine Tätigkeit den rund 10 000 im Aachener Raum ansässigen Türken eine "Möglichkeit der Identifikation" biete und ihr "Wertgefühl steigern" könnte, gefällt ihm, ist aber auch wieder nicht von grundsätzlicher Wichtigkeit.
Denizli, ein überaus selbstbewußter Mann, ist erkennbar in die Fremde gezogen, um für sich eine Herausforderung zu suchen; in seiner Heimat hat er alle Würden eines Fußball-Stars erreicht. Er spielte 33mal für die Türkei, war Torschützenkönig und Spezialist für raffinierte Freistoßtore und direkt verwandelte Eckstöße. Noch heute ist seine Popularität mit der des Franz Beckenbauer hierzulande vergleichbar.
Amüsiert beobachtete Denizli, der nach türkischem Geraune finanziell ausgesorgt hat, wie die lokale Journaille täglich besorgt nachfragte, ob die Stammtischvereinbarung nun endlich in einem ordentlichen Vertrag fixiert sei. Auch den kritischen Einwand, er kenne die Teams der Zweiten Bundesliga nicht, kontert er trocken - seine Elf solle agieren, nicht reagieren.
Weil Fußball auch ein "Kopfspiel" sei, trainierte Denizli als erstes die Psyche seiner Schützlinge in Einzelgesprächen. "Glaubst du", fragte er jeden, "zu Recht auf dem letzten Tabellenplatz zu stehen?" Das fand keiner und, grinst Denizli, "es macht meine Aufgabe leichter". Fortan forderte er die Kicker zu "positivem Denken" auf, die Tabelle erklärte er bis auf weiteres zum Tabu. Dann setzte der Sportlehrer beim Vorstand eine Verdopplung der Siegprämien durch: "Ich will zufriedene Spieler."
Zum Repertoire des Hobby-Psychologen gehört auch die gezielte Desinformation, wenn es opportun ist. Obwohl die Vereinsführung mit diversen Profis verhandelte, um den Kader zu verstärken, dementierte Denizli jede Kaufabsicht und beteuerte vor der Presse ungerührt: "Meine Jungs sind gut genug."
Da Alemannia Aachen, mit 1,5 Millionen Mark verschuldet, sich von seinem Retter auch Kontakte zu türkischen Geschäftsleuten erhofft, die als Sponsoren helfen sollen, wird er mit allen Privilegien eines ausländischen Startrainers umsorgt: So darf Denizli nach jedem Bundesligaspiel, wann immer es ihn zu Frau und Tochter zieht, für zwei Tage ins heimische Izmir fliegen.
Die Lobeshymnen nach den ersten Dienstwochen (Präsident Günter Reinartz: "Ein absoluter Fachmann") haben Denizli indes den Blick fürs Weite nicht verstellt. Einem türkischen Sprichwort entsprechend sei er "vom Pferd auf einen Esel umgestiegen". Das beschauliche Aachen gilt Denizli, der sich im Sommer bei Galatasaray beurlauben ließ, nur als Basislager auf dem Weg zu einer internationalen Karriere.
Die ersten Meter hat der ehrgeizige Türke schon geschafft. Am vorletzten Wochenende feierten er und sein Entdecker einen Doppelsieg: Samstag gewann - erstmals mit Denizli auf der Trainerbank - die Alemannia im "Schicksalsspiel" bei Hessen Kassel 5:1, Sonntag feierte Sozi Linden die Entmachtung der seit 40 Jahren im Stadtrat regierenden CDU. f

DER SPIEGEL 41/1989
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