13.11.1989

LeichtathletikAufforderung zum Doping

Deutsche Funktionäre verabschiedeten einen Leistungskatalog, der zur Einnahme von Anabolika verleitet.
Die geladenen Gäste aus der bundesrepublikanischen Wirtschaft lauschten andächtig den Thesen des populärsten Athleten der Welt. Der Hürdenstar Edwin Moses referierte vor dem Kuratorium der Stiftung Deutsche Sporthilfe in Frankfurt über die "großen Fortschritte" im Kampf gegen Doping.
Zuversichtlich berichtete der Weltrekordler von den jüngsten Bemühungen der Amerikaner und Sowjets bei den Abrüstungsverhandlungen an der Anabolikafront: "Die gegenseitigen Kontrollen werden greifen." Die in letzter Zeit nach immer neuen Dopingfällen irritierten Sponsoren glaubten den Prophezeiungen des Referenten nur zu gern und spendeten erleichtert Beifall.
Prompt war auch Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der Bundesrepublik und Interimsvorsitzender der Sporthilfe, zur Stelle.
Der derzeit mächtigste Mann des deutschen Sports geißelte die medizinische Manipulation mit beträchtlichem Pathos als "die schwerste aller Sünden im Hochleistungssport".
Doch nur wenige Tage nach dem feierlichen Festakt war von Tugendhaftigkeit keine Rede mehr: Am Dienstag vergangener Woche provozierte Daumes Deutsche Sporthilfe die Leichtathleten zum neuerlichen Sündenfall. In Frankfurt gliederte ein 13köpfiger Gutachterausschuß 191 Läufer, Werfer und Springer in sieben Qualitätsstufen ein - so, als würde die Tagesproduktion einer Eierfarm in unterschiedlich teure Handelsklassen aufgeteilt.
Athleten, die dabei in "Stufe 1" einsortiert wurden, dürfen im nächsten Jahr mit monatlich 1000 Mark an Unterstützung rechnen. Die zweite Kategorie bringt es auf 750 Mark, die dritte auf 500 und die vierte immerhin noch auf 400 Mark. Für die Stufen fünf bis sieben werden zwischen 300 und 150 Mark gezahlt.
Grundlage dafür war eine Liste mit Leistungsnormen für alle Disziplinen, die Trainer und Funktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) erarbeitet hatten. Nur Sportler, deren Qualität im Hinblick auf Olympia 1992 in Barcelona goldmedaillenverdächtig erscheint, kommen danach in den Genuß der höchstmöglichen Beihilfe. So muß etwa ein bundesdeutscher Läufer die 100 Meter in 10,0 Sekunden sprinten oder eine Kugelstoßerin ihr vier Kilogramm schweres Gerät auf 21,20 Meter wuchten.
Nachdenkliche Athleten sehen in diesen extrem hohen Anforderungen die erneute Bestätigung für "den totalen Krieg im Hochleistungssport" (Medizinprofessor Ludwig Prokop) - in vielen Disziplinen seien die Normen nur mit chemischer Unterstützung zu erreichen. Der Leverkusener 400-Meter-Läufer Ralf Lübke befand, das Papier müsse jemand ausgebrütet haben, "der null Ahnung hat". Für die Bronzegewinnerin von 1984 im Siebenkampf, Sabine Everts, ist die Liste sogar "die Aufforderung zum Doping".
Solche Angriffe fechten den DLV-Leistungssportreferenten Horst Blattgerste nicht an. Lakonisch hält er Kritikern entgegen, bei den Beratungen habe man schließlich "den Kopf gebraucht". Flexibel gehandhabt, sorgten die Richtlinien lediglich für "mehr Glasnost in der Sportförderung".
Dem Diskuswerfer Alwin Wagner gilt das als schiere Heuchelei. Er sieht das Gebaren der Funktionäre in "absolutem Widerspruch" zu den vollmundigen Erklärungen nach den Doping-Spielen in Seoul, in denen stets der saubere Athlet verlangt wurde. Wagner: "Die Herren wissen genau, daß ein Normalsterblicher solche Resultate ohne Zusatzmittel nicht erreichen kann."
Was in der Leichtathletikszene längst kein Geheimnis mehr ist, bestreiten nur die DLV-Vertreter weiterhin halsstarrig. So hat der ehemalige Hochsprungweltrekordler Carlo Thränhardt bei privaten Gesprächen im Nationalmannschaftskreis festgestellt: "Weit über 50 Prozent von uns sind gedopt."
Weltweit sind sich die Experten einig, daß der Leistungsabfall vor allem in anabolikaberüchtigten Disziplinen eine Folge der Angst vor der nach Seoul eingesetzten "Doping-Polizei" gewesen ist. Weitsprung-Bundestrainer Hans-Jörg Holzammer attackiert denn auch den Verband, er verlange für seine Höchstförderung Leistungen, "die im Jahr 1 nach Ben Johnson für internationale Maßstäbe nicht mehr relevant sind".
DLV-Sportwart Professor Manfred Steinbach - im Hauptberuf Leiter der Abteilung Gesundheit im Bonner Familienministerium - spricht von einem allenfalls "nebulösen Verdacht". Bei diesem "vagen Sachstand" gebe es noch lange "keinen Grund, die von uns festgesetzten Normen zu verdammen".
Das paßt genau in jene Vertuschungspraxis, mit der in der bundesdeutschen Leichtathletik dem Dopingproblem von Anfang an begegnet wurde. Nach offizieller Lesart sind die Disziplinen, in denen Trainingskontrollen vorgenommen werden sollen, "ausgelost" worden - mit verblüffendem Ergebnis. Jedenfalls wird nur in Sparten getestet, wo die Deutschen der Weltelite am augenfälligsten hinterherhinken. Zweifler wie den Hochspringer Dietmar Mögenburg ("Alles gesteuert") beschied der seinerzeit zuständige Funktionär Otto Klappert bündig: "Ich habe das allein gemacht, damit ist der Fall erledigt."
Verschämt gibt Steinbach zu, "daß bei der direkten Verknüpfung von Geldzuwendung und geforderter Normerfüllung die Verlockung, was zu nehmen, im Raum steht". Doch wegen der "paar Mark Sporthilfe", glaubt er, sei die Versuchung weitaus geringer als bei gutdotierten Werbeverträgen, die dem tüchtigen Athleten zusätzlich winken.
In Wahrheit weiß der beredte Staatsdiener, der als Sportwart die Firma Beiersdorf mit ihrem Präservativ "Duo" als Sponsor köderte, um die Abhängigkeit der meisten Amateure vom Sporthilfesalär. Unter Funktionären gilt der Geldentzug als bewährtes Zuchtmittel.
So brachte der frühere Zehnkämpfer Werner von Moltke, heute gleichzeitig adidas-Repräsentant und DLV-Vizepräsident, den aufmüpfigen Diskuswerfer Wagner um seine letzte Finanzquelle. Per Einschreiben mit Rückschein kündigte der Adelsherr kurzerhand den Ausrüstervertrag mit der Sportartikelfirma. Der fallengelassene Athlet: "Seit ich die Wahrheit sage, muß ich mir meine Schuhe selbst kaufen."
Das ist Verbandspolitik ganz nach dem Geschmack des neuen DLV-Präsidenten Helmut Meyer. Unbeirrbar wie der vorzeitig pensionierte Leitende Direktor des Bundesausschusses Leistungssport über Jahre die Athleten schurigelte ("Lassen wir doch die ganze Ethik mal außen vor"), gibt er sich auch jetzt im Ehrenamt: Man lebe schließlich in einer Leistungsgesellschaft, da werde sich der Sport "nicht ausschließen".
Der Steuerzahler, der die Leichtathletik über das Bundesinnenministerium mit knapp drei Millionen Mark subventioniert, hat nach Meyers Auffassung ebenso einen Anspruch auf Medaillen wie die Wirtschaft, die durch die Sporthilfe nochmals für eine Million Mark Athletenförderung betreibt. "Die Öffentlichkeit verlangt das", sagt der Präsident, "und das ist auch korrekt so."
Folgerichtig verlieren die DLV-Bürokraten im Gutachterausschuß kein Wort über Doping. Selbst die anwesenden Athleten, die Speerwerferin Ingrid Thyssen und Hammerwerfer Heinz Weis, schwiegen. Statt dessen analysierte die Runde nüchtern, ob die Leistungsnachweise auch unter regulären Wettkampfbedingungen oder "auf irgendeiner Düne bei Cuxhaven" erzielt wurden.
Wo nicht einmal die weltbeste 400-Meter-Läuferin, die Kubanerin Ana-Fidelia Quirot - so Blattgerste stolz - "bei uns in Stufe 1 gekommen wäre", nimmt es nicht wunder, daß sich das Gros der bundesdeutschen Wettkämpfer jetzt in den unteren Klassen wiederfindet. Nur der aus der DDR übergesiedelte Diskuswerfer Wolfgang Schmidt taugte für die erste Stufe ("Olympiasieg möglich"), 9 Sportlern wurde eine "Medaillenchance" (Stufe 2) eingeräumt, 17 bekamen eine "Endkampfreife bei Olympia" (Stufe 3) zugebilligt, für 44 Athleten sahen die Experten lediglich eine "Endkampfchance" (Stufe 4).
Angesichts des ungebrochenen Leistungsfetischismus rafft sich der oberste Olympier Willi Daume noch einmal zu leisem Widerstand auf. Hatte er noch in Seoul auf eine übernatürliche Lösung des Problems vertraut ("Der liebe Gott wird sie schon strafen"), kündigt er jetzt irdische Maßnahmen an. Um die Kluft zwischen Sonntagsreden und Alltagspraxis nicht noch größer werden zu lassen, gab der einst als Visionär gelobte Sportführer "Anweisung, das Verfahren zu überprüfen". f

DER SPIEGEL 46/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Leichtathletik:
Aufforderung zum Doping

  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Kanada: Sturm sorgt für atemberaubenden Himmel
  • Mexikanischer Drogenboss: Lebenslange Haft für "El Chapo"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich