09.10.1989

„Wo ich bin, scheint die Sonne“

Eine Ferienschnulze aus Mallorca soll Anfang nächsten Jahres die Leere nach der „Schwarzwaldklinik“ füllen. Die Saga wird zweimal wöchentlich, doppelt so oft wie die Wirrungen aus dem Glottertal, gesendet. Ihre Produzenten folgen damit der Praxis in den USA und sehen sich „auf dem Weg zur täglichen TV-Serie“.
Bild 2, Folge 12, dritter Take, könnte von einer Urlaubspostkarte stammen. Lieblich erstreckt sich in der Totalen das Panorama einer mallorquinischen Badebucht. Im Vordergrund haschen Kinder auf weißem Sand nach einem knallbunten Wasserball. Meerumspült steigen die Klippen auf, deren grüner Piniensaum gegen das Blau des Himmels steht.
Dann betätigt der Kameramann den Zoom - in der Einstellung "halbnah" rückt der Ort der Handlung heran. Vor der Theke einer Strandbar, die mit üppig beladenen Obstschalen garniert ist, eröffnet ein Kommissar dem Gastronomen-Ehepaar Max und Lisa Lindemann einen schlimmen Tatverdacht. Der Kripobeamte fahndet nach Michael, ihrem Sohn, der in den Tod eines Ferienreisenden verstrickt sein soll.
Doch die ahnungslosen Eltern lächeln nur höchst sympathisch.
"Also jut", sagt der Mann, der sich in der Empfangshalle des West-Berliner Hotels Kempinski in einer Sitzgruppe räkelt, "einverstanden." Es könne ja sein, entfährt es ihm fast genüßlich, indem er in den quakig breiten Hinterhofdialekt seiner Heimatstadt verfällt, "daß det Quatsch mit Soße is, heiße Luft, aber ick steh dazu". Der TV-Produzent Wolfgang Rademann spricht von seinem neuesten Serienprojekt. Seit anderthalb Jahren zieht es ihn unentwegt nach Mallorca, wo sein Team an einer klassischen Seifenoper - Titel: "Hotel Paradies" - arbeitet; und er kennt die Vorbehalte. "In bestimmten Kreisen", weiß er, werde nun wieder "Scheiße geschrien, soll'n se doch".
Rademanns Selbstbewußtsein fußt auf seinem in der Unterhaltungsindustrie hohen Marktwert: Er ist Schöpfer der "Schwarzwaldklinik" und gilt seither als Einschaltquoten-König. Souverän thront er wie auf einer Wolke von Kompetenz, als er erläutert, wie sich massenhaft Publikum an den Bildschirm locken läßt.
Im Kern ist das simpel, wenn denn nur ein "unverbildeter Geist" das Zeug dazu hat, "das Geniale im Naheliegenden aufzuspüren". Etwa so: Nichts interessiert den Menschen mehr, als auf einer schönen Insel seinem Alltag zu entfliehen.
"Vom Thema her", prophezeit der Produzent, sei "det schieret Gold", das er nun mit Hingabe zu heiteren, hellen Schmuckstücken formt. Die Episoden von Liebe und Glück, Fernweh und Sehnsucht nach Nähe, denen immer auch mal ein Spritzer Traurigkeit beigerührt werden darf, hat der Gesamtleiter "scharf am Reißbrett" arbeiten lassen.
Aus "mehr als hundert Möglichkeiten" suchte der hartnäckige Berliner jenes Duo heraus, das nach dem Fernsehtod des legendären Professors Brinkmann und seiner Krankenschwester, später Ehefrau Christa das neue Idealpaar abgeben soll. Für den sanften Schweizer Beau Klaus Wildbolz und die bisher eher als Quasseltante bekannt gewordene Münchner Kollegin Grit Boettcher steht die Darstellung der Hauptfiguren Max und Lisa Lindemann so von vornherein unter einem hohen Erwartungsdruck.
Doch der Produzent hält die beiden für Extraklasse. Der Wildbolz sei halt die Attraktivität in Person ("den brauch' ich für die Frauen") und "die Grit sowieso der totale Abräumer".
Die Besetzung, das ist ihm wichtig, soll zugleich Bodenständigkeit ausstrahlen ("good vibrations") und für die Verbreitung von Glamour und "großem Karo" sorgen. Selbst sein routinierter Drehbuchschreiber, sagt Rademann milde kritisch, habe sich zum Beispiel den Hotelier allzu häufig "in Hosenträgern vorgestellt".
Der Producer grinst: "Det hab ick umjebogen, 'n bißken uffjepeppt."
Hamburg, Stadtteil Wandsbek - in einem Haus, das mit grauem Eternit beschichtet ist, führt ein freundlicher älterer Herr in sein ausgesucht unscheinbares Arbeitszimmer. Präzise ordnet er jedes der wenigen Möbel ihrer Herkunft aus billigen Ramschläden zu.
Der Gastgeber, Herbert Lichtenfeld, mag das so. Understatement zu pflegen ist für den 62jährigen Fernsehautor an sich ein Wert; hinzu kommt aber auch spürbar die Lust, den an ihn und seinen Lebensstil geknüpften Erwartungen kraß entgegenzutreten. Seht her, sagt seine Gebärde, so auf lächerlichen 16 Quadratmetern Raum, die er zudem noch als Schlafstätte nutzt, hat sich Deutschlands umsatzstärkste TV-Traumfabrik etabliert.
In einer Fünfziger-Jahre-Schrankwand türmt sich neben der Unterwäsche in Form von Kassetten und Skripten sein geradezu unvergleichlicher Output. Um die Zahl der von ihm verfaßten Drehbücher - unter anderem 20 "Tatort"-Krimis, 70 Folgen "Schwarzwaldklinik", 50 "Der Landarzt" und 13 "Die Hagenbecks" - halbwegs verläßlich angeben zu können, ruft der Hausherr seine Ehefrau Winnie zur Hilfe.
"Hotel Paradies" inbegriffen, schätzen die Lichtenfelds, daß es wohl über 200 sind. Er tippe die Sachen "in so einer Art Weltrekordtrance", sagt der Autor achselzuckend und verzieht dabei das knochenlos wirkende Bulldoggengesicht zu einem Ausdruck fast von Entschuldigung.
Kokett oder nicht - der gebürtige Sachse, der nach seiner Glottertal-Saga dem Fiskus vierteljährlich 250 000 Mark an Steuern vorauszuzahlen hat, liebt die leisen Töne. Er erfinde seine Geschichten, beharrt der Mann, der vor einem knappen Jahrzehnt noch mit vielbeachteten Fernsehspielen wie "Jagdrevier" oder "Reifezeugnis" aufwartete, "um der täglichen Langeweile ein bißchen auszuweichen".
Er sieht sich als Schreibautomat. Ein paar Anregungen genügen da in der Regel, und der Autor ruft ab, was ihm an Versatzstücken und Handlungssträngen ohne großes Kopfzerbrechen zur Verfügung steht.
So geschieht es, daß Rademann die Stichworte "Insel" und "Hotel" und "Marktlücke Urlaubsthematik" in den Computer Typ Lichtenfeld gibt, als sein Partner noch Folge 63 aus dem OP des Professors Brinkmann in der Maschine hat. Doch das irritiert ihn nicht. Er ist es ja gewohnt, parallel und, wenn es denn sein muß, notfalls kreuz und quer zu dichten.
Penibel hält der gleichmütige Akkordarbeiter für die 75 Seiten Manuskript (gleich 52 Spielfilm-Minuten) das gewohnte Zeitmaß ein. "Drei bis höchstens vier Tage" erlaubt er sich, "weil länger an so einem Ding zu sitzen nur der Frische schadet". Verständlich mag es da sein, wenn ihm schon nach kurzer Zeit die Figuren abhanden kommen. Wie die Besitzer aus dem "Hotel Paradies" heißen? Er druckst herum . . . "Winnie, schaust du mal?"
Gleich nachdem ihm das ZDF, befeuert vom Triumph seiner "Schwarzwaldklinik", das Okay gab, hat es Wolfgang Rademann in die Welt gezogen. Angestrengt inspiziert der Produzent "von Mauritius bis zu den Bahamas" jene Schauplätze, die seiner Vorstellung vom Glück entsprechen. Ihres hohen "Wiedererkennungswerts" wegen und "weil sie in ihrem Inneren ja auch wirklich ein Juwel ist", entscheidet er sich für Mallorca.
Aber ein Traumhotel ist ein Traumhotel, das sich im richtigen Leben nur im Sinne des Annäherungswerts finden läßt. Rademanns "Es Moli", das in den Bergen am Rande des Ortes Deya liegt, fehlt der Strand, und auch das Interieur erweist sich als mangelhaft.
Das Paradies wird dreigeteilt. Braucht man Sand und Meer, karrt der Regisseur Michael Günther sein Team quer über die Insel in eine Bucht nahe Palma Nova; alle Innenaufnahmen sind schon zuvor in einem Atelier in Berlin-Tempelhof abgeschlossen worden. Bleibt im "Es Moli" nur noch der tatsächlich zauberhafte Garten - sofern ihn die Fernsehleute benutzen dürfen.
Denn was dem Menschen via TV als die Ausgeburt seiner schönsten Phantasien vorgeführt werden soll, stinkt ihm live gewaltig. Aus Kostengründen hat das ZDF erst gar nicht versucht, das von einem knatschigen Briten und einer Deutschen gepachtete Hotel en bloc mit Beschlag zu belegen. Folglich treffen die fiktiven auf die leibhaftigen Touristen und erzeugen dabei eine wechselseitig nagende Mißstimmung.
Die Freizeitrealität und ihr erfundener Abglanz geraten insbesondere immer dann in Konflikte, wenn laut Skript das Leben zu lodern hat und manchmal buchstäblich überschäumt. Gelegentlich hat der Krach auch sein Gutes: So verbietet die Hotelleitung die abgenudelte Nummer von den späten Gästen, die nach einer Fete in Smoking und Abendkleid in den Swimming-pool hechten.
Das zahlende Publikum - vorwiegend ältere Herrschaften aus England und der Bundesrepublik - besteht auf Einhaltung der Hausordnung. Beklagt sich ein Bewohner, er könne im Garten seine Mittagsruhe nicht richtig genießen, pflanzt der Hotelier ein Warnschild in den Rasen: "Für das ZDF-Team Betreten verboten".
Paradiesbau unter beträchtlichem Zeitdruck: Der Produzent und sein öffentlich-rechtlicher Vertragspartner sind daran interessiert, die Serie pünktlich zum Jahresbeginn zu starten. Nur im Winter, wenn das klamme Germanen-Gemüt besonders nach Wärme und Ferne lechzt, weiß Rademann, werde das Opus auch konkurrenzfähig sein.
Michael Günther, ein stiller, zäher Tüftler, bemüht sich nach Kräften, den von seinem Chef allem voran geforderten "Erlebniswert Natur" gebührend zur Geltung zu bringen. Farbe muß ins Bild - also läßt er den Requisiteur den kahlen Fels mit Plastikgrün ausstaffieren. Reichtum und Fülle gehören in den Garten Eden - ergo gibt er Anweisung, die bereits abgeernteten Apfelsinenbäume neu zu bestücken.
Doch nur im kleinen ist die Welt derart zu reparieren. Angewidert steht der Film-Gastronom Klaus Wildbolz während einer Drehpause am Strand und mahnt Touristen, die es noch nicht wissen: "Zu 90 Prozent Kloake."
Der Producer widerspricht ihm nicht. "Daß der Strand unsere Schwachstelle ist", sagt er mit traurig hervorquellenden Augäpfeln, habe ihn von Anfang an gewurmt. Schlimme Zustände sind das heutzutage, die zumal einem Menschen wehtun müssen, der es sich zum Ziel gesetzt hat, als Illusionist möglichst perfekt zu Werke zu gehen.
Aber bewiesen ist ja zum Glück, daß er sich keine Vorwürfe machen muß. Wochenlang hat Wolfgang Rademann im ersten Jahr, während ein schier endloses Tief über den Balearen lag, die Kameras kurzerhand abschalten lassen. Ihm mißfiel das Licht - und das kostete Zigtausende.
Dunkle Ecken sind dem notorischen Optimisten eben zuwider. "Wo ich bin, scheint die Sonne", heißt sein Lebens- und Arbeitsprinzip. So hielt er es immer, seit er 1958 von Ost-Berlin aus in den Westsektor wechselte. Nachdem sich der Flüchtling seine ersten D-Mark als Polizeireporter verdient hatte, lockte ihn der Job eines PR-Chefs, den der damals noch wenig bekannte Peter Alexander offerierte. Wolfgang Rademann verhalf ihm zum Durchbruch.
Heute - und vor allem natürlich seit seiner "Schwarzwaldklinik", die inzwischen in 34 Länder weiterverkauft wurde - ist er selbst ein Großer. Rademann, rühmt ihn die Bunte, gehöre zu den "heimlichen Mächtigen" im Lande. Das gefällt ihm; Renommee zu besitzen macht Laune, doch noch stärker törnt den Erfolgsmenschen an, "in der Sache" recht zu behalten.
Über Jahre hinweg habe er die zuständigen TV-Redakteure "wie 'n kranket Kind belatschert". Der Produzent, der da gerade seine "Traumschiff"-Serie hatte vom Stapel laufen lassen, pries nun mit Hingabe die Paradies-Idee an. "Aber diese Idioten wollten ja nicht."
Erst als der Knaller aus dem Glottertal alle Rekorde brach, beeilte sich das ZDF, im Geschäft zu bleiben. Und mehr noch - dem deutschen Fernsehpublikum steht ein Novum ins Haus. Mit Bedacht ins Vorabendprogramm gerückt (Rademann: "Da spielt die Musik, wird das Geld verdient"), präsentieren die Mainzer ihre von einem Werbeblock unterbrochenen mallorquinischen Geschichten zweimal pro Woche. Für den Producer, der sich als Anwalt der Massenkultur versteht, ist das "der erste wichtige Schritt auf dem Weg, die TV-Serie täglich zu installieren".
Mallorca ist eine Insel, die in ihrem dünnbesiedelten Hügelland die gestreßte Seele besänftigt. Stille liegt über den sich kilometerweit erstreckenden alten Olivenhainen, deren bizarr verknöchertes Unterholz aus vergessenen Welten zu stammen scheint. Allerorten flammt wie ein Leuchtfeuer in verschiedenen Rottönen der Hibiskus auf.
Doch Mallorca kann auch qualvoll sein. Nach anderthalb Jahren harter Filmarbeit wandeln sich die Bilder der friedvollen Abgeschiedenheit zu einer seltsam aufreizenden Öde. Hitze und Durchfälle plagen das Team. Die Normalität eines deutschen Alltags wird herbeigesehnt.
Erschwerend hinzu kommt die Monotonie, die von den Lichtenfeldschen Drehbüchern ausgeht. Sosehr sich zum Beispiel Grit Boettcher auch müht, "da etwas reinzugeben, man will ja was abstrahlen", steht am Ende Routine. "Soße", entfährt es ihr mit eingefrorenen Grübchen zwischen zwei Takes, und sie erschrickt ein wenig.
Der Klappenschläger, eine grantelnde bajuwarische Ringergestalt, erlaubt sich grinsend, "die Wahrheit des Underdogs im Stab" auf den Punkt zu bringen: "Was macht man mit Scheiße?" Die lasse sich doch "bestenfalls in Förmchen pressen".
Unübersehbar ist in der Crew die gewachsene Neigung, sich zu distanzieren oder zumindest das eigene Engagement plausibel zu erklären. Enttäuschend sei das schon, klagt Klaus Wildbolz, nachdem er es bei den Salzburger Festspielen "immerhin dreimal bis zum Gesellen" gebracht habe, nun des Geldes wegen den "seichten Hotelier" mimen zu müssen.
In den Rechtfertigungszwang mischt sich Selbstmitleid. Grit Boettcher fürchtet für sich und ihre Kollegen, was sie "den intellektuellen Handkantenschlag" nennt. Verbittert prangert Michael Günther die "zunehmende Einschaltquoten-Mentalität" an, die sich in den deutschen Fernsehanstalten breitgemacht hat: "16 * Mit Gustl Bayrhammer und Klausjürgen Wussow. Prozent, 38, 41 . . . wie beim Mittwochslotto."
Doch dann ruft sich der 54jährige Regisseur aus Berlin auch wieder zur Ordnung. Er steht im Wort, "solides Handwerk abzuliefern". Und überhaupt: Dürfe ein "überzeugter Demokrat", fragt sich Günther nach längerem Grübeln, indem er dazu eigens die Kameraarbeit unterbricht, "den so ermittelten Mehrheitsgeschmack außer acht lassen?"
Wie wäre es denn, wenn sich der wahre Spießer unter jenen vermeintlich Progressiven befände, die verklemmt die normalsten Bedürfnisse nicht mehr zur Kenntnis nehmen? Er wolle das "erst noch herausfinden", sagt an einem Morgen, dem 114. Drehtag, am Strand von Palma Nova der junge Schauspieler Patrick Winczewski.
Verkehrte Fronten im Paradies-Hotel: Während das Gros der Akteure den sich steigernden Frust nächtens am Barhocker zu dämpfen sucht, vermißt der abgebrochene Germanistik-Student, der dem Team als linksverdächtig gilt, auf der Insel nur seine taz. Soll der TV-Konsument doch Serien gucken dürfen! Verwehrt, sagt Winczewski eine Spur zu feierlich, werde ihm das "nur von den Hochmütigen, die sich in einer flüchtigen Welt des Menschen Sehnsucht nach Kontinuität nicht eingestehen".
Wolfgang Rademann, dem sein Autor auch im Alter von 54 noch "ausgeprägt kindlichen Enthusiasmus" bestätigt, hat zu solchen Gewißheiten weder qualifizierte Studien nötig, noch sind ihm die einschlägigen soziologischen Parameter je bekannt geworden. "Daß der gewöhnliche Zeitgenosse sich was erzählen lassen will - und zwar immer wieder", hält er "sowieso für 'nen Tatbestand".
Etwas zerknirscht sitzt der Produzent in der Lobby des Berliner "Kempi", die er aus Spaß an Umtriebigkeit und wogendem Publikumsverkehr als sein "zweites Büro" ansieht: "Wenn denn bloß die allgemeine Lage nicht so beschissen wäre!" Ohne Frage brauche das Fernsehen "Storys noch und noch"; und es werde ihm ja auch genug angeboten - "aber fast allet Käse".
So erklärt es sich, daß Rademann und Herbert Lichtenfeld Deutschlands mit Abstand erfolgreichstes Gespann in der Sparte des leichten TV-Entertainments sind. Denn dem unermüdlichen Gebrauchsschriftsteller aus Hamburg ist es mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen, wie man Geschichten baut.
Unerläßlich sei, lehrt Lichtenfeld, "daß die Unterhaltungsware immer in derselben Güteklasse an den Verbraucher herangetragen wird". Mit sicherer Hand bringt er "Freud und Leid, Witz und Tragik in dem immer selben angenehmen Verhältnis zueineinderstehend" aufs Papier. Vor allem aber: Auf Dauer behaupte sich nur ein Autor, der "das stille, eingespielte Einverständnis zwischen sich und den Zuschauern nicht mehr verletzt".
Die Welt ist beschreibbar - und Lichtenfeld beschreibt sie mechanisch, stoisch, häufig zynisch, indem er von der "mir gegebenen Fähigkeit" spricht, "mit wenig Einsatz ziemlich viel Geld zu verdienen". Anstrengung bereitet ihm nur, daß die überhaupt noch denkbaren Kombinationsmöglichkeiten zwischen seinen Figuren und ihren Verhaltensweisen nun rapide schrumpfen: "Fast alles gehabt."
Ein Mann, so sieht es aus, beschreibt das Leben - doch er selbst kann darüber nur müde lachen. Nichts, sagt er tonlos, habe das von ihm gefertigte "Klischee vom Klischee des Klischees" mit der Wirklichkeit zu tun. Würde ihm zum Beispiel aufgetragen, ein Drehbuch über "die Eltern-Kind-Beziehung unter Einschluß der Drogen-Problematik" herzustellen, "muß ich passen".
Das heißt: Versucht hat er's schon - damals, 1980, als sich sein einziger Sohn den "goldenen Schuß" setzte und eine Illustrierte die Stirn besaß, beim Vater um eine entsprechende Shortstory anzufragen. "Reflexartig" sagte der manische Fließbandschreiber da zu und mußte dann seine "Inkompetenz" erkennen.
Aber Herbert Lichtenfeld möchte nicht mißverstanden werden. Auch ohne den persönlichen Schicksalsschlag, darauf legt der Autor wert, würde er sich kaum geändert haben. In Sätzen von ausgesuchter Höflichkeit besteht er auf einer sorgsam betriebenen "weitestgehenden Isolation"; reale Menschen interessieren ihn "nicht besonders".
Das Duo Rademann/Lichtenfeld - eine Partnerschaft zweier Topleute ihrer Branche, deren Gegensätzlichkeiten ins Auge springen. Fiebrig kurvt der Produzent durch die Welt und sammelt in Kunststofftüten, die er meistens mit sich herumschleppt, pfundweise Zeitungsausschnitte. Es könnte ja ein Einfall, thematisches Gold, darunter sein.
Depressiv hockt der Kompagnon unterdessen in Wandsbek und krault sein halbes Dutzend Katzen, die ihn wohlgenährt umstreichen. Amüsiert hebt er hervor, "nie die Akropolis, geschweige denn das Filmhotel gesehen zu haben". Was soll er da? Was bringt das für seine Geschichten, die er mit Bewußtsein aus der Retorte schreibt.
Wolfgang Rademann grämt das ein bißchen. "Statt immer nur auf seine Viecher zu kieken, müßte der Herbert mal den Arsch hochkriegen." Aber der Producer weiß ja inzwischen, daß seinen Hausautor "die Wirklichkeit bloß erschreckt".
Projekt "Hotel Paradies", eine Serienidee und die sehr realen Zielsetzungen, die sich mit ihr verbinden: Von Anbeginn hatte Rademann nicht nur zweckfrei nach seinem Traumgebilde gesucht, sondern, wenn möglich, darüber hinaus auch nach einer ordentlichen Geschäftsbeziehung. Auf Mallorca wurde er fündig.
Offiziell heißt es, die spanische "Autonome Gemeinschaft Balearen" - zuständig ihr Tourismus-Ministerium - betrachte die Dreharbeiten "mit freundlichem Wohlwollen". In Wahrheit ist es ein handfester Deal, den der gelenkige Filmemacher und sein Gastgeberland vereinbarten.
Denn was die Serie im Titel verspricht, gilt als Mallorcas Herzenswunsch. Die Inselbewohner sind den umweltzerstörenden billigen Massentourismus gründlich leid - "ein neues Image muß her".
Also bot Rademann als Lockmittel an, Mallorca mit seiner Schokoladenseite, etwa ohne die Wolkenkratzer von El Arenal oder den abschreckenden "Teutonengrill", auf die Bildschirme zu zaubern. Im Gegenzug gelang es seinen Partnern, die Hoteliers des "Es Moli" herumzukriegen und das Paradies im Hinterland wenigstens ein Stück weit zu öffnen.
"War det 'n Jequatsche", sagt der Produzent - und der Argwohn ist noch heute spürbar. Den zurückgezogen lebenden Leuten von Deya will nicht einleuchten, daß sich als Idyll erhalten kann, was nun bald in aller Munde sein dürfte. Auch in Debatten, die auf spanisch geführt werden, geht ein Wort um, das angstvoll ein deutsches bleibt: Glottertal. f
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 41/1989
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