13.11.1989

Die Golden Boys von Hollywood

Rekord in Amerikas umgestalteter Traumfabrik: Um sich vollends in der Metropole der Unterhaltungsindustrie festzusetzen, machte der japanische Elektronik-Riese Sony die Produzenten Peter Guber und Jon Peters zu hundertfachen Millionären. Die beiden Abgeworbenen gelten als Weltmeister im Film-Marketing.
Waren die siebziger Jahre geprägt von "faselnden Kollektiven" und die achtziger von "verbissenen Einzelkämpfern", steht die kommende Dekade im Zeichen der "dynamischen Duos". Deren Erfolg basiert auf dem Yin- und Yang-Prinzip fernöstlicher Weisheit - auf dem hälftigen Zusammenwirken von ideenerfüllter Weitsicht und energischem Durchsetzungsvermögen.
Diese Zukunftsthese, die das Münchner Zeitgeistblatt Wiener unter Hinweis auf erfolgreiche Zweierteams in Sport, Werbung und Jungunternehmertum wagte, erhielt jetzt ihre bisher eindrucksvollste Bestätigung.
Mitte vorletzter Woche unterzeichneten der amerikanische Film-, Fernseh- und Musikkonzern Warner Communications und der japanische Elektronik-Riese Sony in Los Angeles eine bislang beispiellose Vereinbarung. Der Kontrakt machte zwei Filmproduzenten über Nacht nicht nur zu hundertfachen Millionären, sondern hievte sie zudem in eine Machtposition, wie es sie in Hollywood seit den Jahren des allgewaltigen MGM-Studiobosses Louis B. Mayer nicht mehr gab.
Das Mega-Geschäft macht mit einem Schlag deutlich, daß die Japaner nun auch die Unterhaltungsbranche der USA aufrollen. Amerika, in Europa so oft als kulturimperiale Macht gescholten, hat unversehens einen Widersacher, der mit höchst amerikanischen Methoden attackiert: Die Japaner setzen das ganz große Geld ein.
Um sich die Dienste der Filmproduzenten Peter Guber, 47, und Jon Peters, 44, zu sichern, zahlt der Walk- und Watchman-Konzern aus Fernost etwa 400 Millionen Dollar. 260 Millionen kostet allein die Übernahme der Zwei-Mann-Firma Guber-Peters Entertainment Co. Die restlichen Millionen - in Form von Anlagevermögen und Beteiligung an Sony-Unternehmen in den USA - wenden die Japaner auf, um die beiden Topleute Guber und Peters aus ihrem Vertragsverhältnis mit dem Warner-Konzern herauszukaufen. Guber und Peters, die in der Branche als "Hollywoods derzeit heißeste Talente" gelten, werden künftig Sonys jüngstes Tochterunternehmen eigenverantwortlich managen: die Filmgesellschaft Columbia.
Mit dem Millionen-Deal endet bis auf weiteres der Großangriff des japanischen Elektronik-Giganten, der im laufenden Geschäftsjahr 16 Milliarden Dollar weltweit umsetzen dürfte, auf die amerikanische Unterhaltungsindustrie. Anfang letzten Jahres übernahm Sony für zwei Milliarden Dollar die Schallplattenfirma CBS Records, bei der Pop-Stars wie Michael Jackson und Bruce Springsteen unter Vertrag stehen. Im Frühherbst dieses Jahres schluckte der Konzern dann die Filmgesellschaft Columbia. 4,8 Milliarden Dollar, davon mehr als zwei Drittel in bar, zahlten die Japaner für die zum Coca-Cola-Imperium gehörende Firma.
Mit dem Columbia-Ankauf sicherte sich Sony vor allem das prall gefüllte Archiv des klangvollen, in jüngster Zeit aber nur mäßig erfolgreichen Studios. Dessen Vorräte an 2700 Spielfilmen und 23 000 TV-Produktionen sollen dem neuen Besitzer nun helfen, seine Mini-Videorecorder (Video 8) international durchzusetzen. Die Marktstrategen von Sony planen, die Columbia-Filme auf Klein-Videobänder umzukopieren, um so die Nachfrage für die Geräte anzukurbeln.
Doch da die Manager um die Sony-Chefs Akio Morita und Norio Ohga langfristig auch in den lukrativen Film- und Fernsehmarkt beiderseits des Pazifiks mit eigenen Produktionen einsteigen wollen, benötigten sie geeignete Spitzenkräfte, die ihren kränkelnden Neuerwerb flottmachen können.
Die Wahl der Japaner fiel auf das Zweiergespann Guber/Peters, ein Duo, das "in Hollywood zwar nicht von allen geliebt, mit Sicherheit aber von allen beneidet wird", wie das Wall Street Journal erkannte. Peter Guber und Jon Peters gehören zu jenem neuen Machertypus, der hochentwickelte Management-Kenntnisse mit bemerkenswerter Kreativität verbindet. Das Doppeltalent ist zunehmend auch in der Unterhaltungsindustrie gefragt. Denn die Produkte aus der ehemaligen Traumfabrik Amerikas sind längst eine weltweite Handelsware geworden. Was Hollywood fabriziert, landet in den Premieren-Kinos von Sydney, Boston oder Moskau ebenso, wie es an die Flimmerbuden von Manaus am Rio Negro oder in Kalkutta am Ganges verhökert wird. Aus Los Angeles speisen sich die Pay-TV-Stationen Europas und Japans oder - oft noch Jahre nach der Erstaufführung - die Fernsehsender in der Dritten Welt und nicht zuletzt die expandierenden Videomärkte.
Filme sind so zu einem weltumspannenden Markenartikel geworden wie Coca-Cola; ihr Vertrieb erfordert globale Absatz- und Marketing-Strategien. Nur wer dies Geschäft beherrscht, darf Gehälter in Millionenhöhe fordern und bekommt sie auch.
Die "talentiertesten Filmproduzenten weit und breit" (so der Regisseur Brian De Palma über die Partner Guber und Peters) können auf eine überzeugende Bilanz verweisen. Mit beträchtlichem Gespür erspähen sie nun schon seit Jahren Filmstoffe, sichern sich so geschickt wie energisch die damit verbundenen Rechte und den Rückhalt von Filmgesellschaften, die Erzeugnisse zu finanzieren und zu vertreiben.
"Klar, auch wir hatten Durchhänger", räumt Peters ein, "doch unter dem Strich waren wir eigentlich nur erfolgreich." Zu den Schlagern von Guber und Peters gehören beispielsweise die Streifen "Die Farbe Lila" (Einspielergebnis: 50 Millionen Dollar), "Gorillas im Nebel" (voraussichtlich 75 Millionen) und allen voran "Rain Man", der vier Oscars einheimste und sogar 500 Millionen in die Kassen bringen soll.
Zum ganz großen Geschäft verspricht die neueste Guber-Peters-Produktion "Batman" (mit Altstar Jack Nicholson und Sexstar Kim Basinger) zu werden. Einschließlich der dazugehörigen Filmmusik und des Lizenzverkaufs für Batman-Begleitartikel wie T-Shirts, Aufkleber und Kaffeebecher mit dem schwarzgelben Filmlogo, dürfte das Fledermaus-Spektakel - so die Hochrechnung - zwei Milliarden Dollar verdienen.
Angesichts solcher Zahlen hätten "Hollywoods goldstaubbedeckte Zwillinge" (New York Times Magazine) schon jetzt "eine Machtposition erlangt, die jedem großen Filmstudio gleichkommt", befand ein in der Branche erfahrener Wall-Street-Experte.
Auf "genau einen Tag" hatten Hollywood-Insider die Überlebensdauer der 1980 von Guber und Peters gegründeten Produktionsfirma bemessen. Daß daraus "erfolgreiche neun Jahre" geworden sind, vermag keiner der beiden hinlänglich zu erklären. Freunde und Beobachter des Gespanns tun sich dabei genauso schwer wie Kenner der Glitzergilde. Sie sprechen von einer "eigenartigen chemischen Reaktion", die aus den gegensätzlichen Charakteren ihr Feuer bezieht.
Denn der eine, der Jurist und Gastprofessor an der University of California Peter Guber, ist ein biederer Familienmensch, aufgewachsen im hochnäsigen Boston an der Ostküste, seit 24 Jahren mit derselben Frau verheiratet und Vater zweier Töchter. Der andere, Jon Peters, Sohn eines Cherokee-Indianers und einer Italienerin, gilt als Hallodri aus dem San Fernando Valley bei Los Angeles - ein Mann, der mit Ach und Krach eine Schule für schwer erziehbare Kinder durchstand und mit 14 Jahren nach New York abhaute, dort "eine ältere Frau heiratete - sie war 15" (Peters) und in einem Friseursalon "Nutten und ihren Pudeln" die Haare richtete.
Ins Filmgeschäft stiegen beide entsprechend ihrer Vorbildung und ihres Umgangs ein. Guber heuerte Ende der sechziger Jahre in der New Yorker Columbia-Zentrale an, "weil die mir 450 Dollar pro Woche zahlten".
Peters dagegen kam als Prominentenfriseur am Schicki-Micki-Boulevard Rodeo Drive in Beverly Hills zum Filmbusiness. Mit 21 war er nach eigenen Angaben Millionär; ein Jahr später wurde seine erste Ehe annulliert, fünf Jahre darauf seine zweite mit dem Filmsternchen Ann Warren geschieden - Barbra Streisand kreuzte auf. "Er krempelte mich um, gab mir ein sexy Image", erinnert sich die Sängerin. Sie ließ sich von Peters zur Wiederaufnahme des alten Judy-Garland-Streifens "A Star is Born" überzeugen: "Er hatte diesen gewissen Instinkt in sich."
Der "Star" wurde zu einem Vorläufer jener späteren Filmproduktionen, die alle daran Beteiligten als "typisch Peters" bezeichnen. Wie ein Wirbelwind fegte der ehemalige Haarschneider durch den Set, kümmerte sich selbst um kleinste Details und brachte unablässig neue Ideen an, die er aggressiv durchzusetzen verstand.
"Statt Archivmaterial aus Konzerten zu verwenden, schlug Jon vor, ein Live-Konzert anzusetzen, zu filmen und dafür auch noch Eintritt zu verlangen", erinnert sich Barbra Streisand. "70 000 Zuhörer kamen, wir steckten den Erlös in die Produktion des Films." Das Remake gedieh kommerziell zum größten Film-Erfolg der Sängerin. 140 Millionen Dollar kamen in die Kinokassen, achtmillionenmal wurde die dazugehörige LP verkauft.
Guber, der sich nach einer Blitzkarriere bei Columbia als Filmproduzent selbständig gemacht hatte, war einer jener Macher in Hollywood, die Peters' Talente auf Anhieb erkannten. "Er hatte Feuer in den Augen", erinnert sich der Jurist, und solche Typen gefielen ihm. Doch sein Versuch, den ideensprühenden Quereinsteiger nur für eine Produktion zu gewinnen, schlug fehl: "Er wollte gleich mein Partner werden."
Der Senkrechtstarter aus Boston, den Peters als "energischen Verrückten und zugleich warmherzigen, hilfreichen Menschen" einstuft, stimmte in klarer Risikoabschätzung zu: "Ich startete wenn nicht gerade zum Blindflug, so doch zu einem Nachtflug" - und er wurde dafür belohnt.
Das ungleiche Duo entwickelte sich zu einem idealen Team. Guber erwies sich als der geborene Promoter von Projekten, der schneller als andere Filmstoffe aufspürte, so daß die Konkurrenz stets das Nachsehen hatte. Darüber hinaus steht er bis zum heutigen Tag in dem Ruf, seinem familiären Naturell entsprechend einen geschickten Umgang mit Autoren, Regisseuren und Produzenten zu pflegen, zumindest nach außen hin.
Anders der Partner, der sich verstanden fühlt, wenn man in ihm den "Vollstrecker" sieht. Taucht so etwa während der Vorbereitung ein Problem auf, "verschwindet Guber aus dem Blickfeld", sagt ein Hollywood-Agent, "er macht Platz für Peters", der sich mit Hingabe ins Kleinklein verbeißt. Zu seinen Opfern zählen insbesondere Drehbuchschreiber, die ihre Texte in fertigen Filmen zum Teil nicht wiedererkennen.
Beflügelt von seinen Erfolgen, versuchte das Team Mitte letzten Jahres die Filmgesellschaft MGM zu kaufen, um endlich ein eigenes Studio führen zu können. Als der Deal nicht zustande kam, erneuerten die Golden Boys von Hollywood ihren Vertrag mit Warner, erweiterten ihr Unternehmen und stiegen ins Fernseh- und Schallplattengeschäft ein. Doch ihr Traumziel behielten sie fest im Blick.
Und die Verwirklichung kam nun schneller, als beide erwartet hatten. Sony * Mit Warner-Boß Steven Ross bei der Premiere von "A Star is Born" (1976). entfachte mit der Offerte an Guber und Peters "in Hollywood den dritten Weltkrieg", wie ein Manager des Elektronik-Riesen die Reaktion auf das geglückte Abwerbungsunternehmen beschrieb. Die Warner-Bosse konterten die japanische Aggression zwar mit dem denkbar schwersten Geschütz und klagten - Schadenssumme eine Milliarde Dollar - wegen Vertragsbruch.
Aber mit Geld ist in Amerika fast alles zu bewerkstelligen. In der egomanischen Glitzerwelt von Hollywood klappte Sony das Scheckbuch auf.

DER SPIEGEL 46/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Golden Boys von Hollywood

Video 01:16

Auto auf Abwegen Wofür man ein SUV in der Stadt braucht

  • Video "Reaktion auf Trumps Angriffe: Er will gar nicht mehr Präsident sein" Video 02:25
    Reaktion auf Trumps Angriffe: "Er will gar nicht mehr Präsident sein"
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Auto auf Abwegen: Wofür man ein SUV in der Stadt braucht" Video 01:16
    Auto auf Abwegen: Wofür man ein SUV in der Stadt braucht