09.10.1989

Koestler-SerieIm tiefen Brunnen

Die ARD verfilmte Arthur Koestlers Roman „Diebe in der Nacht“, die Geschichte der Gründung eines Kibbuz in Palästina kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Joseph, das ist ein Name für die Unsteten. Joseph heißen die, die eine Heimat suchen, aber nie eine finden, weil ihnen die Arbeit an ihrem Gott alles Heimischwerden verbietet. Joseph will mit seinen Brüdern leben und landet im Brunnen.
Arthur Koestlers "Diebe in der Nacht", 1945 in Jerusalem geschrieben, "in der zermürbenden, vergifteten Atmosphäre von Terrorismus, Brutalität und Trauer", ist ein Josephsroman. Das konnte kein formvollendet heiteres Riesengleichnis über das Geheimnis künstlerischen Erwähltseins werden, wie es der von der Archaik des Josephstoffs bezauberte Zauberer Thomas Mann ein paar Jahre zuvor in der Emigration verfaßt hatte.
Koestlers realistische Geschichte von einem jungen Halbjuden aus England, der am Vorabend des Zweiten Weltkrieges in Palästina als Kibbuznik eine neue Heimat sucht, hat nichts Abgeklärtes: Dieser Joseph steckt tief im Brunnen der Geschichte.
Wer immer sich, wie jetzt der NDR, an die Verfilmung eines solchen Stoffes machte, durfte die dunklen Schatten, die über Koestlers Romanfiguren liegen, nicht wegleuchten: die Nazi-Verfolgung in Europa, den Terror der Araber, den Gegenterror militanter jüdischer Gruppen und die zunehmenden Restriktionen, mit denen die britische Mandatsmacht jüdische Neuansiedlungen erschwerte.
Die da mit einer Nacht-und-Nebelaktion auf dem "Hügel der Hunde" in Sichtweite eines arabischen Dorfes den neuen Kibbuz "Esras Turm" aus dem Boden stampfen, treibt grimmige Entschlossenheit, für manche ist es die letzte Chance. In Europa, woher die Hauptfiguren kommen, sind sie als Juden erniedrigt, körperlich stigmatisiert worden.
Die schöne Dina, die Joseph liebt, wurde sexuell mißbraucht. Darüber spricht sie nicht, sie überfällt nur ein entsetzliches Zittern, wenn sich ihr ein Mann nähert. Joseph wurde von seiner englischen Geliebten aus dem Bett geworfen, als sie sein Beschnittensein, das "Zeichen Israels", entdeckt hatte, für ihn der entscheidende Anlaß, seine Oxfordkarriere zu unterbrechen, sich zu seinem Judentum zu bekennen und nach Palästina auszuwandern. Baumann, Führer der jüdischen Kampfgruppe Haganah, der sich später in einen entschlossenen Terroristen verwandelt, greift sich gelegentlich nervös an die Backe. Auf die spuckte ihn allmorgendlich der Wärter eines österreichischen Gefängnisses, in dem er als Sozialist während der Dollfuß-Diktatur einsaß.
Joseph, Dina, die Gezeichneten, und all die anderen, stets zu leidenschaftlichen Diskussionen über Gott und die Welt aufgelegten jüdischen Neusiedler, utopische Sozialisten darunter, Anhänger der Adlerschen Psychologie, "ein Narrenparadies" (Koestler), stürzen sich wie die Berserker in die Arbeiten an "Esras Turm". Das Kibbuz-Leben - Koestler kannte es: Aus der Enge eines Ingenieurstudiums in Wien war der in Budapest geborene Sohn eines jüdischen Industriellen 1926 nach Palästina aufgebrochen. Die anfängliche Begeisterung währte nur kurz, schon nach einem Jahr heuerte Koestler als Korrespondent bei Ullstein an und ging bald darauf nach Paris.
So sind denn auch die Schilderungen des Zusammenlebens von einer Mischung aus Rührung und Distanz geprägt. Joseph redet sich Entschlossenheit ein, "wir werden Galiläa wieder aufbauen", und bedauert gleichzeitig, "daß ich in keinem Schauspiel mitmachen kann, ohne dessen bewußt zu sein, in einem Schauspiel mitzumachen".
Koestlers Protokoll aus der Entstehungsphase des heutigen Israels ist eine Chronik der gemischten Gefühle - und das macht diesen Roman noch heute interessant. All der Siedlerstolz über die neugepflanzten Bäume und Tomaten, das Ringen der Bewohner von "Esras Turm" mit der kargen Natur Palästinas wird immer wieder von Zweifeln durchbrochen. Was kostet es, wenn sich die Juden in ein Siedlervolk verwandeln, welchen inneren Preis bezahlen sie für ihre Seßhaftigkeit?
Die ganze Schärfe und Verbitterung wird in Koestlers Schilderung der "Sabres" spürbar, der in Palästina geborenen jungen Leute, die einmal "Esras Turm" besuchen: "Ich beobachte sie, seit sie angekommmen sind - diese kleinen stämmigen Mädchen mit den etwas groben Zügen, großem Hinterteil und schweren Brüsten, physisch überentwickelt, geistig zurück, überreif und unfertig zu gleicher Zeit . . ."
Und weiter: "Ihre Eltern gehörten der weltbürgerlichsten Rasse der Welt an, sie sind provinzlerisch und chauvinistisch. Ihre Eltern waren empfindsame Nervenbündel mit unbeholfenen Körpern, ihre Nerven sind wie Peitschenstränge, und ihre Körper die einer Horde hebräischer Tarzans, die durch die Hügel von Galiläa streifen. Ihre Eltern waren angespannt, beflissen, überreizt, mit zu viel Würze - sie sind geschmacklos, ungewürzt, ungesäuert und zäh."
Aber auch mit seinen Kameraden, die aus Europa kommen, geschieht manches, was Joseph mißfällt. Sie zwingen ihn, weil der Konformitätsdruck in der Siedlergruppe größer wird, Ellen zu heiraten, mit der er schläft, die er aber nicht liebt, und damit Dina zu entsagen, die seine Liebe körperlich nicht erwidern kann.
"Also zurück zu der heiligen Familie, von der wir losgebrochen zu sein glaubten", so ergibt sich Joseph in sein Schicksal. Die Illusion von neuen Formen des Zusammenlebens in einer Gemeinschaft sind zerbrochen. Seine Brüder haben Joseph in den Brunnen gestoßen.
Nach diesem Bruch gibt es für Joseph, der stumm die Heiratsordre des Kibbuz befolgt, eine neue Rolle, die des Ernährers. Er besorgt die auswärtigen Geschäfte der Gemeinschaft, kommt viel herum, sieht die immer bedrückender werdende politische Lage in Palästina, denn die Engländer geben ihre anfangs wohlwollende Haltung gegenüber jüdischen Einwanderungen auf. Joseph erfährt die ganze Tragik der Zurückweisung jüdischer Neuankömmlinge aus Nazi-Deutschland.
Im Buch ist es ein langer Kampf mit offenem Ausgang: Handelt Joseph richtig, wenn er sich den inzwischen als Terroristen gegen die Engländer arbeitenden Leuten Baumanns anschließt? Wenn Macht korrumpiert, so gilt für Koestler auch das Umgekehrte: Verfolgung korrumpiert das Opfer, wenn vielleicht auch in subtilerer und tragischer Weise.
Von den Brüchen lebt dieses Buch über Heimatlosigkeit der Heimatsuchenden, der unauflöslich in die geschichtlichen Widersprüche Verstrickten.
Solche Tugenden eines Romans sind Filmern eine Last. Gebrochenheit, die entscheidende Stärke des Koestlerschen Berichts, ist mit filmischen Mitteln nicht leicht umzusetzen.
Kein Wunder, daß sich der NDR lange vergeblich mit verschiedenen Autoren um ein vernünftiges Drehbuch bemühte. Pläne, den Schriftsteller als Erzähler in den Film einzubauen, zerschlugen sich: Koestler nahm sich 1983 zusammen mit seiner Frau 77jährig das Leben.
Immerhin hatten sich die Filmplaner vom NDR in London von Koestler die Erlaubnis geholt, Arabern und Engländern, im Roman polemisch überzeichnete Feindfiguren, etwas freundlichere Züge zu verleihen. Die Araber nämlich sind bei Koestler überwiegend korrupt, hinterlistig, rückständig. So gefallen sie in malerischer Zurückgebliebenheit den Engländern, dünkelhaften Herrenmenschen, die Juden wegen ihrer überscharfen Intelligenz nicht mögen.
Wolfgang Storch schrieb nach Koestlers Tod schließlich ein Drehbuch, das dem NDR gefiel. Er übernahm auch gleich die Regie und brachte das Kunststück fertig, so gut wie nichts vom Geist des Koestlerschen Buches in dem Dreiteiler zu bewahren, der in dieser Woche anläuft (11., 15., 18. Oktober, jeweils 20.15 Uhr).
Die Storchschen Kibbuzim sehen immer frisch frisiert aus, ihre Anstrengungen nehmen sich so locker, flockig und exotisch aus wie das Zigarettenholen des Camel-Mannes. Die Hot pants sind wohl einem Fehlgriff in die Requisitenkammer zu verdanken - die frühen Siebziger grüßen zurück. Und wenn die Araber auftauchen, stellt sich ein Hauch von Bad Segeberg ein, Hadschi Halef Omar, die deutsche Wiedergutmachung für Koestlers Überzeichnung. Dazu orgelt die Musik von Dov Seltzer so erdverbunden und schwer, als wär ein "Exodus"-Ohrwurm nicht genug.
Über die Schauspieler hat sich Storch so seine Gedanken gemacht. Sie sollten keine Deutschen sein, keine Namen haben und nicht die "manierierte Künstlichkeit eines Gustaf Gründgens" oder die "dämonische Kraftmeierei eines Heinrich George" ausstrahlen.
Was Storch dann aber vorführt, die unbekannten Gesichter israelischer und französischer Schauspieler, sie schauen glatt und ungerührt aus den Kostümen. Koestlers Figuren sind Gezeichnete - Storch behauptet das nur in seinen Dialogen. Zeigen kann er sie nicht. Seine Kamera haftet wie eine Klette auf der Szene, gönnt sich selten einen epischen Blick.
Wenn sich so die Fernsehmacher über Literatur hermachen, dann stehlen sie einem großen Roman nur die Handlung.
Wie Diebe, und es ist noch nicht mal Nacht.
Nikolaus von Festenberg
Von N. v. Festenberg

DER SPIEGEL 41/1989
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