13.11.1989

TheaterGoldener Topf

Blick hinter den Vorhang: Die Zeitschrift Theater heute erforschte Gagen an deutschen Bühnen.
Vorspiel auf dem Theater. "Was macht die Kunst?" So fragt der Prinz, in Lessings "Emilia Galotti", den wackeren Maler. Bittere Antwort: "Die Kunst geht nach Brot." Da reckt sich der Mäzen und reicht dem Kreativen die öffentliche Hand: "Das muß sie nicht, das soll sie nicht - in meinem kleinen Gebiete gewiß nicht."
In der Bundesrepublik gingen, in der vorletzten Saison, rund zwei Milliarden Mark an Subventionen auf die rund 90 öffentlichen Theater- und Opernbetriebe nieder, knapp 85 Prozent ihres Gesamtbudgets. An die 30 000 Menschen kamen so zu Brot und die Besucher zu verbilligten Billetts: Auf jeder Karte lag im Schnitt ein Zuschuß von 107 Mark.
Zwei Milliarden Mark: Wie lebt's sich so, in meinem kleinen Gebiete, von meinem Geld?, wird da der aufgeweckte Steuerzahler fragen. Letzte Woche hob sich der Vorhang, und gezogen hatte ihn die Zeitschrift, in deren Welt- und Bühnen-Bild niederer Materialismus eigentlich nur bei Shakespeare ("Tu Geld in deinen Beutel" - "Othello") vorkommt: das Fachblatt Theater heute.
An zwei Dutzend "signifikanten Theatern" von Berlin bis Konstanz, mit Seitenblick auf Österreich und die Schweiz, hat das Blatt Gagen und Gehälter aufgedeckt, die "Theaterleute bisher nur in Ausnahmefällen" verrieten - "obwohl sie alle mit öffentlichen Geldern spielen"; es hob auch die Deckel von den goldenen Töpfen, aus denen sich die Auserlesenen bedienen.
Auffälligste Realität in der Welt des schönen Scheins: ein gewaltiges Gefälle zwischen dem Schicksalsbändiger auf dem Intendanten-Thron und dem Fußvolk auf der Bühne. Mit rund 230 000 Mark im Jahr (plus 30 000 pro Regie) etwa läßt sich Heribert Sasse in Berlin entlohnen; der kleine Mime geht mit knapp 30 000 jährlich in die Kantine.
Aus der Intendanten-Hitparade: knapp 150 000 Mark plus 30 000 pro Regie für Peter Eschberg (Bonn); 150 000 Mark plus 45 000 pro Regie für Jürgen Flimm (Hamburgs "Thalia"); 160 000 Mark plus 40 000 pro Regie plus Pensionsvertrag für Dieter Dorn (Münchner Kammerspiele); 204 000 Mark plus 50 000 pro Regie für Claus Peymann (Wiener "Burg"), 245 000 Mark für Günther Beelitz (Münchner "Residenztheater"); 250 000 Mark für Günther Rühle ("Schauspiel Frankfurt").
Im hochdotierten Frankfurt immerhin können sich auch die Schauspieler mehr als eine Pizza leisten; von Theater heute ausgeforschte Spitzenhonorare: 12 000 Mark im Monat. Das kriegen in Berlin nur Bernhard Minetti und Erich Schellow; am Hamburger Thalia Theater sind 8500 Mark Spitze, die Durchschnittsgage an den Münchner Kammerspielen liegt bei 5000 bis 7000, Novizen starten da mit 2800 Monats-Mark.
Den Mimen, dem schon die Nachwelt keine Kränze flicht, muß es grämen, daß auch zu seinen Lebzeiten die Blumen oft anderswo blühen; ganz besonders, wenn ein ambulanter Regisseur daherkommt und für eine einzige Inszenierung eine Summe kassiert, für die sich der gehobene Komödiant ein Jahr und länger abhampelt - etwa 100 000 Mark.
Das Trio triumphal, dem Theater heute solche Höchstleistung nachsagt, besteht aus dem bekannten Peter Zadek, dem Amerikaner Robert Wilson und dem zu Namens-Scherzen reizenden Einar Schleef ("Alles schleeft, Einar wacht").
Zadek gab sich an der "Freien Volksbühne Berlin" mit dem Musical-Drama "Ghetto" für diese Summe hin; der Slow-motion-Schamane Wilson macht dafür (inklusive Text und Bild) eine Tschechow-Version an den Münchner Kammerspielen; und Schleef plagte (Bühnenbild inklusive) zum Traumpreis die Frankfurter.
Tückische Anmerkung von Theater heute: Um die "Zwangsabfuhr westlicher Valuta" zu mindern, schlössen DDR-Regisseure "regelmäßig Doppelverträge" ab; der für die DDR bestimmte liege "um etwa zwei Drittel unter dem tatsächlichen DM-Honorar".
Virtuoser versteht sich Zadek auf das Spiel mit den großen Zahlen. Den früheren Chef des Hamburger Schauspielhauses kürt Theater heute zum "bisher bestbezahlten Schauspielintendanten des Welttheaters", und mißbilligend spricht es, bisher unerhört für das Künstlerfürsorge-Blatt, von Zadeks "bourgeoiser Krämerseele".
Umfänglich reportiert Theater heute, was dem "anarchisch-phantasievollen Künstler" bei seinen Finanz-Inszenierungen gelang. Zum Chefgehalt (250 000 im Jahr) verordnete er sich, bei Heimspielen, ansehnliche Regie-Honorare (70 000 Mark); bei Auswärtsspielen - "Kaufmann von Venedig" an der Wiener Burg, Ayckbourns "Ab jetzt" am Berliner Kurfürstendamm - noch ein bißchen mehr. Gut belegtes Zubrot, eine Zadek-Spezialität: die Übersetzungs-Tantiemen.
Zum Worte "anrüchig" greift Theater heute, um den komödiantenhaften Hamburg-Abgang des Intendanten Zadek zu geißeln. Das letzte Dienstjahr nämlich nutzte er, fern der hanseatischen Spielstätte, als "bezahlten Ganzjahresurlaub". Die Stellung hielt seine Assistentin Corinna Brocher, die einen halbjährigen (bezahlten) Urlaub erhielt, um dem Regisseur Zadek in Berlin und Wien zur Hand zu gehen; dort sei auch der "Dienstwagen des Deutschen Schauspielhauses mit dem Chauffeur des Intendanten gesichtet" worden.
Als Münchner Pendant zu Zadek macht Theater heute den "Generalintendanten der Bayerischen Staatstheater" aus, den Kugelblitz August Everding: 300 000 Mark Jahreslohn, "freie Wohnung im Schloß Grünwald", Opern-Inszenierungen rund um den Globus, sogar in Warschau. Dort hatte Everding für Wagners "Ring" 60 000 gefordert - nicht Zloty oder Mark, sondern richtige Dollar.
Eine Rechnung, schreibt Theater heute, die "dann vom Auswärtigen Amt und vom Goethe-Institut, dessen Vizepräsident Everding ist, mitbeglichen wurde". Weiter: "Welche moralischen Skrupel sich dem ersten bundesdeutschen Regisseur in Polen, auch angesichts des neuen Elends im Lande, gestellt haben, ist nicht bekannt."
"Nach Moskau, nach Moskau" heißt es, tschechowgemäß, für den Regisseur Peter Stein. Dort soll die theaterapostolische Eminenz für eine "Orestie"-Inszenierung und "einen damit verbundenen sechsmonatigen Arbeitsaufenthalt" 140 000 Dollar kassieren, "wiederum beigesteuert vom Auswärtigen Amt in Kooperation mit dem Goethe-Institut".
"Der Endzweck der Künste ist Vergnügen", notierte Lessing; auch Künstler wollen vergnügt sein. Mißmut hingegen keimt bereits bei den von Theater heute Ausgeforschten. Frankfurts Rühle etwa spricht von "Diffamierungen" und will von Theater heute eine "Richtigstellung" fordern; das Blatt selbst will sich nicht wenden.
Endlich wieder Leben im Theater. Und die zwei Milliarden Subventions-Mark für die Gaukler? Sie sind ein Klacks angesichts der Gelder für eine andere Truppe, die weit weniger Unterhaltung bietet und bislang, zum Glück, nicht über Stellproben hinauskam:
Im Jahre 1989 kostet die Bundeswehr 54 Milliarden Mark. f

DER SPIEGEL 46/1989
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