13.11.1989

Einleuchtend

Kein Trend wird proklamiert, kein Thema durchgenommen. Anspruchsvoll-bescheiden läßt der Ausstellungsmacher Harald Szeemann nur zeitgenössische "Kunst in einem unvergleichlichen Rahmen sich entfalten". Dieses Ambiente bieten seit dem Wochenende die Hamburger Deichtormarkthallen, zwei Stahlgerüstbauten vom Anfang des Jahrhunderts, die dank einer 25-Millionen-Mark-Spende des Mäzens Kurt A. Körber saniert und zu Schau-Zwecken aufgeputzt worden sind - ideale Spielräume für den Kunstregisseur Szeemann und seine Eröffnungsinszenierung "Einleuchten" (bis 18. Februar). Der Teamchef als Zeremonienmeister. Er schickt eine in früheren Szeemann-Ausstellungen ("SkulpturSein", "Zeitlos") bewährte internationale Künstlermannschaft auf die 6000 Hallenquadratmeter, wechselt ein paar Neuentdeckungen ein, läßt den Werken viel Platz und weiße Wand, nutzt Ausblicke auf den nahen Hauptbahnhof ebenso souverän wie eingebaute Kabinette. Unter dem Dach der größeren Halle entfaltet Daniel Buren einen "Fächer" aus gestaffelten Halbkreissegmenten mit seinem Markisenmuster-Markenzeichen. Mario Merz hat ein theatralisches Iglu-"Labyrinth" errichtet. Christian Boltanski hält in düsteren Korridoren eine Altkleider-Sammlung ("Reserven") parat - Relikt eines Massenmords? Bruce Nauman erprobt mit Kunstkopf und Video-Monitor eine obszön"Perfekte Balance". In Wolfgang Laibs Allerheiligstem duftet dem Besucher eine hohe Wand aus Bienenwachs entgegen. Kunst wird gefeiert, nicht gedeutet. Solche Möglichkeiten haben in Hamburg bislang bitter gefehlt. Szeemann setzt, einleuchtend, strenge Maßstäbe für ihre Nutzung.

DER SPIEGEL 46/1989
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