13.11.1989

Film ISchnee-Rammler

„Franziskus“. Spielfilm von Liliana Cavani. Italien/Bundesrepublik 1989; 134 Minuten; Farbe.
Sein ganzes Leben hat Mickey Rourke auf diese Rolle hingearbeitet. Boogie, der sich in Barry Levinsons "Diner" von einem Gangster niederschlagen läßt; der Motorcycle Boy in Francis F. Coppolas "Rumble Fish", der keine Lust zum Prügeln mehr hat; der S/M-Yuppie in "9 1/2 Wochen"; der neurotische Polizist im "Jahr des Drachen"; der versoffene Schriftsteller in "Barfly" - sie alle waren eigentlich nur Vorstudien auf das kommende Meisterwerk. Jetzt endlich kann er seine Lebensarbeit krönen und als heiliger Franz den Vögeln das Singen und den Menschen die Umkehr predigen.
Der echte heilige Franziskus leitete im 13. Jahrhundert in Assisi die Erneuerung der katholischen Kirche ein, der falsche, Mickey Rourke, leidet dafür unentwegt, angeblich, weil Gott nicht mit ihm spricht, in Wahrheit aber wohl unter dem fehlenden Drehbuch und unter der niemals spürbaren Regie von Liliana Cavani. Die weiß nichts mit dem stigmatisierten Proto-Grünen anzufangen und läßt deshalb vorzugsweise seine Blicke spielen: Der reiche Kaufmannssohn, der auf sein Erbe verzichtet, richtet seine Hush-Puppie-Augen auf den Leib der schönen Klara (Helena Bonham Carter).
Der härene Büßer bohrt seine Blicke ins Elend der Aussätzigen und Armen. Und wenn Frau Cavani überhaupt nichts mehr einfällt, dann muß Mickey Rourke mit der Bitte um Beistand die Augen ganz nach oben verdrehen. Denn dort ist der Himmel offen und sitzt, zur Rechten Stanislawskis, Rourkes großes Vorbild Robert De Niro, dem er seit jeher und vergebens nacheifert. Wie De Niro geht er auf in seiner jeweiligen Rolle, verzehrt sich im Ganzkörper-Einsatz. Umsonst.
Höhepunkt der tragischen Bettler-Oper ist der Morgen, an dem Franz erwacht, sich die Kutte vom kräftigen Leib streift, seine Hell's-Angels-Tätowierungen entblößt und sich wie ein Triebtäter nackt über den frisch gefallenen Schnee hermacht. Es habe ihn eine Versuchung angewandelt, erklärt er seinen staunenden Mitbrüdern die Schnee-Rammelei. Zu hoffen bleibt, daß das die letzte religiöse Versuchung war, die Mickey Rourke übermannt hat.

DER SPIEGEL 46/1989
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